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Iulöaer /lnzeiger

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Nr. 64 1930

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Fulda, Montag, 17. März

7. Jahrgang

Der Flotte Frühjahrsfahrt.

Die Reichsmarine im Mittelmeer.

Ausbildungsreise der Streitkräfte.

Am 2. April treffen sich beim Weserfeuerschiff in der Nordsee die Streitkräfte verbeut schenFlotte, um die Ausbildungsreise nach dem Mittelmeer anzu­treten. Es sind dies das Flottenflaggschiff Schleswig-Holstein" mit dem Flottenchef Vizeadmiral O l d e k 0 p an Bord, der die Flotte auch auf dieser Reise führt, das LinienschiffSchlesien" mit dem Befehls­haber der Linienschiffe, Konteradmiral Förster, ferner Hannover". »Hessen", der Kreuzer .Königsberg" mit dem

Sombenanschlag im Oldesloer Stadthaus.

Wegentechnischer Mängel" mißglückt.

Aus das Stadthaus in O l d e s l 0 e in Holstein ist ein Sprengstosfanschlag versucht worden. Nur infolge technischer Mängel in der Zeitzündung ist er mißlungen.

Als gegen 6 Uhr morgens die Reinemachefrau ihre Arbeiten im Stadthaus aufnahm, sah sie im Kohlenkeller einen Koffer, aus dem deutliches Ticken vernehmbar war. Sie benachrichtigte sofort einen Polizeibeamten, der den Koffer in den Garten brachte und unter Wasser setzte. Wie die nähere Untersuchung ergab, handelte es sich um eine

Sprengstoffladung, die mit einer Weckuhr ver­bunden

war und um 4 Uhr früh zur Explosion gelangen sollte. Der Zeiger der Uhr war jedoch über den Kontakt hinweg­geglitten, ohne ihn berührt zu haben. Der Koffer war durch das Kohlenfenster hinabgelassen worden. Er bestand aus Papiermachè und löste sich, als er von dem Polizei­beamten unter Wasser genommen wurde, in seine Bestand­teile auf. Die Weckuhr war mit einer Blechschachtel in der Größe einer halben Zigarrenkiste verbunden. In dieser Schachtel befand sich die Sprengladung, deren Zusammen­setzung noch nicht feststeht. Von den Tätern fehlt bisher noch lebe Spur.

über dem Kellerraum in Oldesloe, in dem die erste Höllenmaschine gefunden wurde, liegt das Schlafzimmer des Bürgermeisters Dr. Hahn. Wäre die Bombe, die über zehn Pfund Sprengladung enthielt, zur Explosion gekommen, so hätte sie unermeßlichen Schaden angerichtet. Man glaubt, daß die Ladung genügt hätte, das ganze Gebäude in die Luft zu sprengen. Bürgermeister Dr. Hahn gehört der Deutschen Volkspartei an, ist politisch jedoch in keiner Weise hervorgetreten. Wie nunmehr fest­steht, hat die Zündung der Höllenmaschine bis zu einem gewissen Grade doch funktioniert. Auf der Pulverladung, die sich in dem Blechkasten befand, war eine kleine Schwarzpulverladung angebracht, die durch den elek­trischen Kontakt zur Entzündung gebracht worden ist. Anscheinend hat der ausgelöste Funke nicht genügt, die ganze Ladung zur Explosion zu bringen.

Ein anderer Anschlag in Neumünster.

Sonnabend nachmittag zwischen 15 und 16 Uhr ' wurde in einem Kellerloch an der Südseite des Finanz- muts an der Göbenstraße in Neumünster von einem Schüler eine Höllenmaschine gesunden. Die Polizei wurde sofort benachrichtigt, beschlagnahmte die Maschine und machte sie unschädlich. Es handelt sich um eine in einem Holzkoffer von einem halben Meter Länge und 34 Zenti- . Breite eingebaute Höllenmaschine, die durch eine Weckeruhr in Tätigkeit gesetzt werden sollte. Das Werk war beim Anfsiuden im Betrieb. Der Stundenzeiger r "uf 14^ Uhr gestellt, so daß anzunehmen ist, daß entweder die Zündung versagt hat oder daß die Ladung n bet Nacht zu Sonntag um 2% Uhr explodieren sollte. X ^anne. die mit elektrischen Drähten mit der Wecker- M verbunden war, war mit einer großen Menge Sprengstoff gefüllt.

Befehlshaber der Aufklärungsschifse, Konter­admiral Gladisch, sowie die erste und dritte Torpedoboot­halbflottille. Die zweite und vierte Halbflottille werden erst später folgen und am 19. Mai bzw. 2. Juni die Heimathäfen verlassen.

In Vigo trifft die Flotte geschlossen ein. Die Torpedoboote besuchen dann Santander, dieSchles­wig-Holstein" undHannover" bis 22. April Valencia, Hessen" undSchlesien" Alicante,Königsberg" und die Torpedoboote Almeria. Dann geht es nach Italien. Vom 28. April bis 5. Mai werden angelaufen: Palermo von Schleswig-Holstein" undHessen", danach Syrakus, während Messina vonHannover" undSchlesien" besucht wird, Catania vonKönigsberg" und den Tor­pedobooten. Vom 8. bis 14. Mai sindSchleswig- Holstein" undHannover" in Athen,Hessen" und Schlesien" in Smyrna,Königsberg" und die Tor­pedoboote im griechischen Argostolion, danach bis 21. Mai in Spalat 0, während die drei Linienschiffe, außer Hannover", die Argostolion besucht, bis 21. Mai Korfu anlaufen. Im spanischen Palma vereinigen sich auf der Rückreise am 27. Mai wieder alle Linienschiffe, während Port Mahon der Hafen für Kreuzer und Torpedoboote wird, die Anfang Juni Lissabon aufsuchen. Die Linien­schiffe werden danach Cadix anlaufen, wo sie bis zum 1. Juni bleiben, von wo aus sie den Rückmarsch nach Deutschland antreten. Die Torpedoboote bleiben mit ihrem FührerschiffKönigsberg" noch in Santander, San Sebastian oder Pontevedra zum Mergänzen oder sonst bei Bedarf. Dann machen auch sie sich auf den Heimweg. Am 18. Juni werden alle Schiffe wieder in der Heimat erwartet. Nur die erste Torpedoboothalb- flottille wird schon am 28. April vorausgefahren sein. Diese Auslandsreise ist die längste (elf Wochen), die das Gros der deutschen Flotte vereinigt ins Ausland macht. Sic dient vorwiegend Ausbildungszwscken.

Mein.

Die weitere Untersuchung des Bombenanschlages hat noch ergeben, daß die Höllenmaschine bereits am Sonn­abend nachmittag explodieren sollte, da nämlich um diese Zeit der Strom bereits einmal eingeschaltet war und die Drähte auch geglüht haben. Entweder hat das Werk in­folge eines Konstruktionsfehlers nicht funktioniert oder was wahrscheinlicher ist es hat die durch die zu schwache Batterie erzeugte Hitze nicht ausgereicht, um die Spreng­kapsel und damit die Höllenmaschine zur Explosion zu brin­gen. Festgestellt wurde u. a daß durch eine Explosion der Höllenmaschine eine starke Beschädigung des Finanzamts­gebäudes wohl kaum eingetreten wäre. Da der Koffer nur in die Kelleröffnung gestellt und mit der Hauswand nicht in Berührung war, wäre zweifellos der weitaus größte Teil der Sprengladung, ohne auf Widerstand zu stoßen, in die Luft geschleudert worden. Den Tätern dürfte be­kannt gewesen sein, daß die Arbeitszeit des Finanzamts um 2 Uhr nachmittags beendet war, so daß mit ziemlicher Sicherheit angenommen werden darf, daß der Koffer zwi­schen 2 und 2% Uhr in die Kelleröffnung hineingestellt worden ist. Nach dem Bekanntwerden des Anschlages herrschte in der Bevölkerung große Erregung.

Auf der Spur der Holsteiner Bombenleger.

Berlin, 17. März. Nach den Ermittlungen der Altonaer Kriminalpolizei ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die beiden Bombenanschläge in Bad Oldesloe und Neumünster von gleichen Tätern in der Nacht zum Samstag verübt wor­den sind. Als Täter kommen nach Ansicht der Polizei zwei steckbrieflich gesuchte Personen, der Student der Landwirt­schaft Muthmann und der Elektrotechniker Kaphengst, in Frage, die seit langem in dem Verdacht stehen, seinerzeit auch das Attentat auf das Reichstagsgebäude verübt zu haben.

Spuren deuten darauf hin, daß die beiden nach ihrer Flucht aus Deutschland von einem in Dänemark etwa eine halbe Stunde von der deutschen Grenze entfernt wohnenden früheren deutschen Seeoffizier ausgenommen worden sind. Wichtig ist, daß wie im Sommer vorigen Jahres auch jetzt wieder ein Auto eine Rolle spielt, das gestern zwischen Oldesloe und Neumünster gesehen wurde und mit auf­fallender Geschwindigkeit zur dänischen Grenze gefahren sein soll. Die Untersuchungsbehörden in Altona sind der Ansicht, daß die Attentatsversuche nicht aus Kreisen der we­gen der Anschläge im vorigen Jahr verhafteten, später von der Untersuchungshaft verschonten Personen unternommen wurden.

Sparmahnahmen in Thüringen.

Der Wortlaut des Entwürfe? eines ErmftOkkymrqs» gesetzes für die thüringische Regierung liegt jetzt vor. Der Regierung wird die Ermächtigung erteilt, bis zum Ab­lauf des 30. September d. J. durch Verordnung Behörden aufzuheben, die Zuständigkeit der Landesbehörden sowie die der Kreise und Gemeinden und ihrer Behörden neu zu ordnen sowie landesrechtliche Zuständigkeiten Reichs­behörden zu übertragen, ferner das Verfahren in Ver­waltungssachen zu vereinfachen und schließlich staatliche Polizeibehörden an Stelle kommunaler einzurichten. Der Übertritt in den Ruhestand soll erleichtert werden.

Krisen in Polen.

In Polen herrscht wieder eine Kabinettskrise. Es ist weiter nichts Ungewöhnliches, daß der polnische Sejm, also die Volksvertretung, irgendeinem Minister oder gleich dem ganzen Kabinett ein Mißtrauensvotum ins Gesicht wirft. Bekanntlich haben in Warschau sich die Umgangs­formen zwischen Regierung und der augenblicklichen Sejm-Mehrheit von jeglicher gegenseitiger Hochachtung -sehr weit entfernt. Namentlich Pilsudfli, der vermöge der ihm unterstellten Armee und der sogenanntenObersten- Partei" über die tatsächliche Macht verfügt, hat es an Massivitäten über die politischen Gegner im Parlament niemals fehlen lassen, und vor einigen Tagen erst hat der jetzige Ministerpräsident Bartel die Abgeordneten eine Horde von Analphabeten genannt. Auf der Ge­genseite hält man sich natürlich auch nicht zurück und ant-

Ministerpräsident Bartel.

wertet mit einer Bezeichnung wiehalbasiatisches Mexiko", womit man die politischen Zustände in Polen meint. In einem solchen Milieu ist eine der nicht seltenen Minister- oder Kabinettskrisen nicht von großer Bedeutung für den Streit zwischen Sejm-Mehrheit und Regierung; denn zu einem wirklichen Kampf um die Macht ist es seit jener Zeit nicht mehr gekommen, als Pilfudski mit militärischer Hilfe das Parlament in Warschau zur ziem­lichen Bedeutungslosigkeit niederzwang. Aber man läßt, wenigstens äußerlich, die verfassungsmäßigen Formen bestehen, bisweilen freilich auch dies nicht einmal.

Für Deutschland ist ja innenpolitisch das Ver­hältnis zu Polen seit Monaten zu einem besonders umkämpften Streitobjekt geworden, namentlich seit im Oktober vergangenen Jahres das deutsch-polnische Liqui­dationsabkommen in Umrissen bekannt wurde. Dazu kommt nun in den nächsten Tagen die Unterzeichnung eines deutsch-polnischen Handelsvertrages, der dem fast fünfjährigenZollkrieg" zwischen den beiden Ländern ein Ende machen soll. Bekanntlich ist gegen manche der dort vorgesehenen Vereinbarungen ein außerordentlich starker W i d e r s p r u ch laut geworden, aber nicht etwa bloß wegen desPolenschweines", sondern auch gegen die Zu- lafsung der polnischen Kohle auf dem deutschen Markt. Eine Unterbietung des deutschen Kohlenpreises und der sonstigen Verkaufsusancen soll allerdings nicht erfolgen, aber die polnischen Bergwerke, namentlich die in Ost­oberschlesien, produzieren viel billiger als die deutschen, da jenseits der Grenze die Löhne der Bergarbeiter etma ' halb, so hoch wie in Deutschland sind, außerdem die polnischen Eisenbahnen tarifpolitisch den Kohlenexport derart begünstigen, daß die ostoberschlesische Kohle dem polnischen Seehafen Gdingen etwa zu einem Drittel des Transportpreises zugeführt werden kann, den die deutsche nach Stettin verfrachtete Kohle tragen muß. Daraus ist ja auch der S i e g e s z u g zu erklären, den die pol­nische Kohle namentlich in Dänemark, Schweden und Norwegen seit 1925 zurücklegen konnte und der durchweg auf englische Kosten ging; übrigens auch Deutschland hat seinen Kohlenexport zum Leidwesen Englands ge­gen 1924 ans das Dreifache steigern können. So sehr hat Polen den englischen Kohlenexport nach den nordischen Ländern überflügeln können, daß zum erstenmal in der Geschichte der Kohlenindustrie Englands ein Abkommen mit dem gefährlichen Konkurrenten abgeschlossen wurde, das eine gewisse Preisregelung und Abgrenzung der Ab­satzgebiete zum Inhalt hatte. Davon profitieren aber wieder die Polen, weil eine große Verdienstspanne zwischen diesem Festpreis und den infolge geringer Löhne und günstiger Tarife sehr billigen Selbstkosten vorhanden

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Im Reichsrat wurden die neuen Zoll- und Steuervorlagen mit geringen Aenderungen angenommen.

* Die Ziffern der Handelsbilanz im Februar zeigen eine Besserung des deutschen Außenhandels, der mit 100 Millionen Mark aktiv war.

* In Oldesloe und in Neumünster (Holstein) wurden Spreng­stoffanschläge versucht; infolge technischer Mängel sind jedoch tn beiden Fällen die Höllenmaschinen nicht explodiert.

* General Primo de Rivera ist am Sonntag in Paris plötz­lich gestorben.