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Zulöaer /lnzeiger

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Nr. 46 - 1930

Fuldu, Alontag, 24 Februar

7. Jahrgang

Feierlichkeiten um Schober.

Noch im Laufe des Samstag-Bormittags stattete Dr. Schober dem Reichskanzler und dem Reichsaußenminister kurze Besuche ab und empfing ihre Gegenbesuche.

Halbamtlich wurde der österreichische Bundeskanzler durch eine Veröffentlichung begrüßt, in der gesagt wird, sein Wirken habe in einer kaum fünfmonatigen Amts­zeit dem deutschen Brudervolk in Österreich die Einigung im Innern durch die Verfassungsreform und die Freiheit nach außen durch die Ergebnisse der Haager Konferenz gesichert. Im Gedankenaustausch mit den deutschen Staatsmännern werde er die brüderlichen Beziehungen der beiden deutschen Völker zu vertiefen wissen.

Untergattung mit dem Reichspräsidenten.

Reichspräsident v. Hindenburg empfing mittags den österreichischen Bundeskanzler zu längerer persönlicher Unterhaltung. An den Empfang schloß sich ein Früh­stück, an dem die den Bundeskanzler begleitenden Herren, Sektionschef Schüller, Generalsekretär Dr. Peter und Gesandter Junkar, nebst dem Berliner österreichischen Gesandten Dr. Frank, dem Reichskanzler Müller, dem Reichstagspräsidenten Löbe, den Reichsministern Dr. Curtius, v. Guèrard und Gröner, dem deutschen Gesandten in Wien, Grasen Lerchenfeld, m. a. beiwohnten.

Für Sonntag war eine große Festvorstellung in der Staatsoper Unter den Linden angesagt: Zur Aufführung gelangte das FestspielRheingold" von Wagner. Vom preußischen Staatsministerium waren zu dieser Vor­stellung ungefähr 200 Ehrengäste eingeladen.

Politische Aussprache.

$ti der Reichskanzlei zu Berlin fand zwischen dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Schober, Reichs­kanzler Müller und dem Reichsminister des Auswär­tigen Dr. Curtius unter Hinzuziehung der beiderseiti­gen ersten Mitarbeiter und der beiderseitigen Gesandten eine eingehende politische Aussprache statt. Diese Aus­sprache, die entsprechend den bestehenden engen politischen Beziehungen im Geiste vollsten gegenseitigen Vertrauens geführt wurde, wird am Montag fortgesetzt werden. Bor allen Dingen stehen die HandelsvertragSver- Handlungen zur Diskussion, aber auch alle anderen beide Staaten interessierenden politischen Fragen kommen zur Erörterung.

Ansprachen des Reichskanzlers

und des Bundeskanzlers.

Reichskanzler Müller gab zu Ehren des österreichi­schen Bundeskanzlers Dr. Schober und seiner Begleitung ein Essen, an dem neben den Reichsministern und den Mitgliedern der Österreichischen Gesandtschaft Vertreter des Reichstages und des Reichsrats, namhafte Persön­lichkeiten der Reichs- und Slatsbehörden sowie der Kirchen, Angehörige der österreichischen Vereine und führende Vertreter aus Kunst und Wissenschaft, der In­dustrie, der Banken, des Handels und der Presse teil- uahmeu.

Reichskanzler Müller

nahm während des Essens das Wort und führte nach der Begrüßung Schobers u. a. auS:

»Ihr Besuch, Herr Bundeskanzler, fällt in Tage ernster Entscheidungen deS Reiches In solchen Tagen wird der Besuch eines lieben Freundes besonders dankbar empfunden Sie haben persönlich an den letzten internationalen Verhandlungen im Haag teilgenommen und wissen, von welcher außerordent­lichen Tragweite die dort getroffenen Vereinbarungen für das Reich sind Wir sehen daß unser Volk noch einen schweren Weg vor sich hat. Wir sind aber überzeugt, daß dieser Weg uns schließlich doch nach oben führen wird, und wir vertraue» daraus, in unseren österreichischen Brüdern stets treue Weg­genossen zu finden Dir Schicksalsverbundenheit unserer Länder auf dem Wege in die Zukunft läßt uns Österreichs und Gedeihen als einen ^eil unseres eigenen Schicksals empfinden"

, Zum Schluß trank der Reichskanzler auf eine glück­liche Zukunft Österreichs.

Bundeskanzler Schober

dankte sofort für die warmfühlenden Worte, die der Reichskanzler im Namen der Regierung gesprochen hatte, und fuhr u. a. fort:

Die Aufgabe Volk und Staat nach dem furchtbaren Zu­sammenbruch wiederauszurichten, lastet schwer auf Deutschland und Österreich Wenn auch in diesem Existenzkampf jeder der beiden deutschen Staaten aus sich allein gestelli war, so hat doch dieses gemeinsame harte Schicksal das in unserer Stammes- gleichheit wurzelnde Zusammengehöriqkeitsg,fühl nur noch inniger und fester gestaltet. Das Deutsche Reich kann daher auch bei den schwerwiegenden Entschlüssen die es in diesen Tagen zu fassen haben wird, der brüderlichen Anteil­nahme Österreichs sicher sein. Ich gedenke in Wehmut des hervorragenden deutschen Staatsmannes, der leider nicht mehr in unserer Mitte weilt und vor dessen Manen tch mich huldigend neige. Mit lebhaftem Danke habe ich von dem wahrhaft mit­fühlenden Interesse Kenntnis genommen, das Sie. Herr Reichskanzler, für die Aufwürtsbewegung Österreichs zum Ausdruck gebracht haben, und mit gleicher Zuversicht spreche ich die Überzeugung aus, daß es beiden Regierungen gelingen werde, das deutsche Volk einer besseren und glücklicheren Zukunft entgegenzuführen. Die hervorragende Gestalt des auch in Österreich hochverehrten Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg soll uns hierbei als Vorbild voranleuchtc». Ich erhebe mein Glas auf das Wohl des Herrn Reichspräsidenten, uus das Wohl Euer Exzellenz und auf das Blühen und Ge- "Eihen des Deutschen Reiches."

Der österreichische Bundeskanzler wohnte Sonntag früh vem Gottesdienst in der Hedwigbasilika bei, unternahm dann Wit seiner Begleitung und unter Führung von Herren des Auswärtigen Amtes einen Ausflug nach Potsdam, wo die --eüeuLwurdiakeiten bâtztüll tUUlbcn.

bei Hindenburg.

Unterredung mit Dr. Schober.

Jnterv iew in Berlin.

Bundeskanzler Dr. S ch 0 b e r empfing nach feiner Ankunft in Berlin den diplomatischen H. R. F.-Korrespondenten und machte ihm fol­gende Ausführungen zu der jetzigen politischen Situation in Österreich sowie über Bedeutung und Zwecke des Berliner Besuches.

DaS lebhafte Interesse für Österreich, dem ich allerorten begegne, ist mir ein erfreulicher Beweis dafür, daß unsere Be­mühungen um unsere politische und wirtschaftliche Konsolidie­rung volles Verständnis und Würdigung finden. Daß das Ziel, das wir uns in dieser Beziehung gesteckt haben, nicht kampflos erreicht werden kann, ist selbstverständlich Vor einigen Monaten glaubte man im Auslande noch daß wir am Rande einer Abgrundes, unmittelbar vor dem Ausbruche eines Bürgerkrieges stehen. Ich fand mich immer frei von diesem Pessimismus. Ohne große Leidenschaften gibt es keinen Fort­schritt, keine Geschichte. Allein auch in den kritischen Tagen der letzten Monate war ich nicht nur sicher, daß unsere staat­lichen Machtmittel zur Aufrechterhaltung der Ruhe vollkommen ausreichen, sondern auch, daß die in den breitesten Schichten der Bevölkerung tief empfundene Notwendigkeit einer entsprechenden Revision der Bundesverfassung stark genug sein würde, um ihre einverständliche Durchführung z« sichern.

Der Verlauf bei Dinge hat diese Auffassung bestätigt. Die Verfassungsreform konnte glatt durchgeführt werden und die dadurch bewirkte innenpolitische Entspannung und Stärkung der Regierungsgewalt ermöglicht es unS wiederum, an die Wiederaufrichtung unserer Wirtschaft zu gehen. Da die Sanierungsaktion sich in dem bereits hinter uns liegenden Abschnitte vor allem auf die Herstellung deS Gleich­gewichtes im Bundeshaushalte konzentrierte, war unsere Wirtschaft in einer Zeit allgemeiner wirtschaftlicher Depression durchaus auf ihre eigene Kraft angewiesen. Sowohl unsere Landwirtschaft tote unsere Industrie haben in den letzten Jahren das Menschenmögliche geleistet unb eS wurde« trotz der soeben erwähnten Hemmungen sehr beachtenswerte Fortschritte erzielt.

Die bisherigen Hindernisse für die Begebung der neuen Bundesanleihe sind nunmehr beseitigt und durch die Aufhebung des Generalpfandrechtes haben wir auch unsere finanzielle Bewegungsfreiheit wiedergevonnen. Sobald wir in der Lage sein werden, durch die Emission der neuen BundeS- anleihe die Mittel für die Vornahme ausreichender Investitio­nen zur Verfügung zu stellen, ohne jedoch daS laufende Budget zu belasten, werden wir dadurch einerseits der Produktton

Ankunft Schobers in Berlin.

In der Mitte Bundeskanzler Schober (barhaupt), rechts anschließend der österreichische Gesandte in Berlin, Dr. Frank, und Reichsaußenminister Dr. Curtius. Links anschließend der Berliner Polizeivizepräsident Weiß und Polizeipräsident Zörgiebel.

wieder neue Geldmittel zuführen können, andererseits aber auch in der Lage sein, durch einen zweckentsprechenden Abbau der Abgaben die Rentabilität zu heben und die Neu- bildungvonKapitalim Jnlande zu ermöglichen.

Da die Steigerung unserer Produktion allein nicht genügt, um unsere wirtschaftliche Lage zu verbessern, sondern auch die Möglichkeit des Absatzes im Auslande erweitert werden muß, ist die Gestaltung unserer handelspolitischen Be­ziehungen für den Wiederaufbau unserer Wirtschaft natürlich von größter Bedeutung. Wirerhoffen da von der Auswirkung der Haager Vereinbarungen über die Ostreparationen das beste. Die bis zur Konferenz un­gelöst gebliebenen finanziellen Streitfragen im Bereiche der mitteleuropäischen Staaten hatten ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt, das einem Kriegszustand nur allzusehr ähnelte und dadurch auch den wirtschaftlichen Verkehr schwer beeinträchtigte. Die Beseitigung dieses Zustandes bringt uns jedenfalls der Normalisierung auch der handelspolitischen Verhältnisse wieder näher. Die Klärung unseres Verhältnisses zu Italien im Sinne des in Roni unterzeichneten Schiedsgerichts- und FreundschaftSvertraaes erleichtert zunächst unsere Lage nach

dieser Sette hin. Die Bedeutung der im Zuge befindlichen wirtscha f 1Sp 0li tisch en Verhandlungen mit dem Deutschen Reiche ergibt sich aber schon auS der engen Verflochtenheit unserer Wirtschaft mit der des Deutschen Reiches, das ja sowohl auf der Einfuhrseite als auch auf der Ausfuhrseite unserer Handelsbilanz an erster Stelle steht. Ich hoffe, daß eS gelingen wird, die zumeist technischen Hindernisse, die bisher einem beiderseits befriedigenden Abschlusse der Ver­handlungen im Wege standen, zu überwinden und dadurch zu einem handelspolitischen Verhältnisse zwischen beiden Staaten zu gelangen, daS der engen Verbundenheit der beiderseitigen Bevölkerung durch Abstam­mung und Kultur entspricht.

*

Gute Kunde aus Südtirol.

Wenn man in Deutschland und Deutsch-Österreich feuer Volksgenossen gedachte, die jenseits der Grenzen wohnen, wohnen müssen, weil sie vom Leibe der Mutter Heimat abgetrennt worden waren durch sogenannte Friedens­schlüsse, die ein Hohn waren auf das so oft und so laut gepredigte Selbstbestimmungsrecht der Völker, dann richteten sich sofort auch der Reichs- deutschen Blicke auf S ü d t i r 0 l. Denn nicht wie im deutschen Osten saßen dort unsere Volksgenossen auf Kolonialboden, waren vermischt mit fremdem Volkstum, sondern bis hinunter zur Klause von Saluru gab es nicht einen einzigen Italiener, war hier uralter deutscher Kulturboden, war alles rein deutsch. Die Italiener selbst hatten auch noch während des Krieges nicht damit gerechnet, über jenen Punkt hinaus, also mehr als das Trentino" gewinnen zu können; erst der furchtbare Zu­sammenbruch Österreichs machte ihnen Appetit, bis zur Brennergrenze vorzustoßen, woran sie niemand mehr hindern konnte. Und was durch denFrieden" von St.-Germain auch noch sanktioniert wurde.

Aber erst, als im Jahre 1922 der Faschismus in Italien gesiegt hatte, begann die Jtalienisierung S ü d t i r 0 l s, und zwar gleich mit allen Mitteln. Für die Deutschen gab es nicht mehr die geringste Freiheit und die Verwaltung machte mitunter durch geradezu komisch wirkende Maßregeln jede äußere Betätigung des Volks­tums unmöglich:Volk unterm Beil" nannte mit Recht einer der Führer des dortigen Deutschtums sein Buch, das eine bis in die letzte Herzensfaser erschütternde Darstellung dieser nun schon siebenjährigen LeidenSzeit brachte. Richt einmal klagen durften die Südtiroler, ver­mochten auch vor dem Völkerbund nicht ihre primitivsten Rechtsansprüche geltend zu machen, weil Mussolini erklärte, daß es in Südtirolkeine Minderheitenfrage gebe". Immer wieder saustedas Beil" hernieder, dort unten im Lande Andreas Hofers, dessen Geburtsstätte im Passeier­tal auch ausitalienischem" Boden steht. Und immer schärfer werden die Daumenschrauben der Jtalienisierung angezogen, keine einzige Inschrift mehr durfte nach außen hin gezeigt werden und selbst die Namen der Deutschen mußten sich von der Taufe bis zum Grab­stein diese Jtalienisierung gefallen lassen. Auf das kleinste Vergehen" gegen die zahllosen, diesem Verfolgungsgeist entsprungenen Verordnungen standen Kerkerstrafen, stand inschlimmeren" Fällen Verbannung. Und drohend erhob Mussolini die gepanzerte Faust gegen jeden Protest, der aus Deutschland oder aus Deutsch-Österreich kam.

Nun endlich kommt aus Südtirol eine um so erfreu­lichere Kunde, gerade jetzt, da nach der R e i s e des österreichischen Bundeskanzlers nach Rom und im Augenblick seines Eintreffens in Berlin der Ver­treter jenes Staates eine eifrige politische Tätigkeit ent­faltet, der ja am stärksten durch die Abtrennung von Süd­tirol und die dortige Jtalienisierungspolitik getroffen worden ist. Und darum auch am stärksten berührt wird durch die Amnestie, die Mussolini jetzt ausgesprochen hat für alle in derProvinz Bozen", also dem nördlichen Teil Südtirols, ansässigen Personen, die wegenpolitischer" Vergehen und Verbrechen verhaftet sind oder einen Verweis erhalten haben. Aus dem Gefängnis und auch aus der Verbannung werden jetzt alle aus diesen Grün­den verhafteten oder bereits verurteilten Südtiroler ent­lassen.

Und wenn dieser Amnestieerlaß auch nur eine Geste ist, die an dem Ziel der Jtalienisierungspolitik in Süd­tirol nichts ändert, so hofft man in Deutschland doch nun, daß vielleicht die Methoden anders werden, nicht mehr den Charakter brutalster Unterdrückung tragen sollen. Vor allem wird man aber, so weit die deutsche Zunge klingt, sich herzlich freuen über diese Amnestie in Südtirol, die ärgstes Unrecht tilgt. Besonders auch deswegen, weil man sie wohl als eine Frucht der klugen Politik Dr. Schobers, seiner römischen Reise erblicken darf. Und das erhöht noch die Freude, vermehrt noch den Respekt, mit dem die deutsche Reichshauptstadt den Führer des Bruderstaates begrüßt hat. Denn es ist ja so selten ge­worden, daß das deutsche Volk in allen seinen Teilen zu einer solchen Freude Veranlassung erhält.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der österreichische Bundeskanzler Dr. Schober stattete als­bald nach seinem Eintreffen in Berlin dem Reichspräsidenten von Hindenburg einen Besuch ab, bei dem es zu einer längeren persönlichen Unterredung kam.

* Mit einer Rede des preußischen Kultusministers wurde in Berlin eine große Rembrandt-Ausstellung eröffnet

* Das neugebildete französische Kabinett Chautemps beab­sichtigt. am Dienstag mit einem Regierungsprogramm vor die Kammer zu treten.

* Der RiesendampferEuropa" hatte bei seiner ersten Aus­fahrt aus dem Hamburger Hafen mit Schwierigkeiten zu kämpfen; sie tonnte» jedoch nach kurzer Zeit überwunden werden.