Zul-aer /lnzeiger
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Str. 28 - 1930
Fulda, Montag, 3. Februar
7. Zavrgaug
Wege zum Aufstieg.
Roggen statt Weizen.
Wünsche für die „Grüne Woche".
Bei der offiziellen Eröffnungsfeier der „Grünen Woche" in Berlin waren etwa 1000 Vertreter des öffentlichen Lebens anwesend. Hans Jürgen von Hake vom Ausstellungs-, Messe- und Fremdenverkehrsamt der Stadt Berlin begrüßte die Erschienenen und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die „Grüne Woche" auch bei der Bevölkerung der Neichshauptstadt Verständnis wecken möge für die schwere Lage der Landwirtschaft. Hierauf nahm als Vertreter der Reichsregierung der
Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft, Dietrich,
das Wort zu seiner Eröffnungsansprache.
Er wies darauf hin, daß sich die deutsche Landwirtschaft in einer schweren Krise befinde, deren Ursache vornehmlich in der Zollgesetzgebung des Jahres 1925 und darüber hinaus in der Auswirkung der Reparationslasten zu suchen sei. Wenn auch die Verschuldung zu einem gewissen Stillstand gekommen zu sein scheine, so sei doch die Zinslast unerschwinglich. Man müsse Wege suchen, um den
Jnlandsverbrauch des Roggens
zu vermehren. Der jetzige Zustand, bei guter Ernte eine halbe Million Tonnen oder noch mehr Roggen ins Ausland zu verschleudern und gleichzeitig für 500 öder 600 Millionen Mark Weizen zu importieren, sei, so führte der Minister weiter aus, unhaltbar. Dort, wo die Möglichkeit bestehe, müsse in Zukunft an Stelle des Roggens Weizen angebaut werden, selbst wenn eines Tages bei ungünstiger Roggenernte der Roggenpreis dem Weizenpreis nahe kommen sollte. Im vorigen Jahre stand die „Grüne Woche" im Zeichen der Selbsthilfe, dieses Jahr steht sie
im Dienste der Meliorationen.
Ungeheuer viel sei noch auf diesem Gebiete zu tun. über allem, so schloß der Minister, was uns wirtschaftlich, parteipolitisch und weltanschaulich trennt, haben wir alle — und voran die Landwirtschaft —
ein gemeinsames großes Ideal:
die Wiederherstellung der Macht und Größe und Freiheit unserer Heimat. Möge auch die diesjährige „Grüne Woche" ein Markstein sein auf dem harten Wege, der unsere Landwirtschaft einer besseren Zukunft entgegenführt.
Für den Freistaat Preußen sprach sodann Staatsminister gr Landwirtschaft, Domänen und Forsten. Dr e. h. S t e i g e r, r vor allem auf die Bedeutung von Wasserwirtschaft und Landeskultur hinwies. Alle Meliorationen hätten das Endziel, uns von der
Einfuhr ausländischer Lebensmittel,
die das den che Volksvermögen alljährlich um annähernd vier Milliarden Mark verringere, unabhängig zu machen.
Fremdenverkehrsamt sprach Bürgermeister Scholtz, der Reich
Für die Stadt Berlin und ihr Ausstellungs-, Messe- und und Staat Dank aussprach für die zuteil gewordene Unterstützung der „Grünen Woche". Bürgermeister Scholtz schloß mit der Hoffnung, daß die
Gemeinschaftsarbeit zwischen Stadt und Land,
auf deren Grundlage die Grüne Woche Berlins erwachsen sei, symbolisch sein werde für die Überwindung der gegenwärtigen Notzeit in Stadt und Land durch ein einträchtiges Zusammenwirken aller Teile unseres Volkes.
Die Deutschlandhvmne bildete den Abschluß der Feier. Ein Rundgang durch die acht Hallen der nunmehr größten aller bisherigen Berliner Ausstellungen schloß sich an.
*
Nicht nur der Landwirt selbst, der als Interessent und Sachverständiger die Ausstellung am Kaiserdamm durchwandert und sehnsüchtigen Auges auf so manche Maschine und Apparate blickt, Ratschläge selbstverständlicher, aber auch nicht gerade — billiger Art liest, Erfolge intensivster Arbeit auf dem Acker und beim Vieh sieht, — auch der Laie merkt es bald: diese Ausstellung ist sozusagen „nüchterner" als ihre Vorgängerinnen geworden, da hier wirklich auf die tatsächliche Lage der Landwirtschaft, auf
Die Beratung des Soung-Abkommens.
Reichsrat am Dienstag.
Die vereinigten Ausschüsse des Reichsrats setzten ihre Verhandlungen über die Haager Abkommen fort. Die Arbeiten sind inzwischen so weit fortgeschritten, daß in der nächsten Woche neben einigen kleinen Resten in der Hauptsache nur noch das P 0 l e n a b k 0 m m e n zu erledigen sein wird. Für die abschließende Plenarsitzung des Reichsrats ist daher jetzt der Dienstagnachmittag in Aussicht genommen. Unter diesen Umständen würden einer Einberufung des Reichstages zum Freitag keine geschäftsordnungsmäßigen Schwierigkeiten im Wege stehen.
Abstriche im englischen Luftrüstungs-Vudget.
London, 3 .Febr. „Daily Telegraph" will wissen, daß die Urbeiterregierung neben der angetündigten Verminderung des ^lottenbauprogramms auch bezüglich der Luftwaffe eine „Friedenskundgebung" beabsichtige. Dem Blatt zufolge wird das Budget für das kommende Finanzjahr nur ein Flugzeugge- Sâder ansordern, während im Programm von 1923 sechs Geschwader vorgesehen waren. Die Gesamtzahl der Kampfge- Ichwader wird infolgedessen 13 statt 18 betragen. Das Blatt & fo^iis das Programm von 1923 habe nur das Min- des für Verteidigunaszwecke unbedingt notwendigen o”'- Gegenwärtig habe England nur 772 Flugzeuge verglichen mit 900 amerikanischen, 1 350 französi- und 1000 italienischen.
das Portemonnaie des Landwirts überall Rücksicht genommen wird. Das gilt int großen ebenso wie im kleinen: auch dort, wo der Staat oder die Genossenschaft beispielsweise bei der Landkultivierung tätig ist, spart man die großen Versprechungen, verweist man nur auf das, was geleistet worden ist und was noch zu leisten übrigbleibt. Und das — beides — ist doch schon beziehungsweise noch sehr viel. Die „Stars' in den (Stäuben für landwirtschaftliche Maschinen sind selten geworden, auch wenn im Hintergrund der Halle die beiden riesigen Silos sich hoch emporrecken. Es soll und wird ae-
Ehrengâste bei der Eröffnungsfeier.
Reichsernährungsminister Dr. Dietrich (stehend), dann in der ersten Reihe von rechts Bürgermeister Scholtz als Vertreter der Stadt Berlin, Landwirtschaftsminister. Dr. e. h. Steiger als Vertreter des Freistaates Preußen — Frau Dietrich, die Gattin des ReichslandwirtschastsministerS.
zeigt werden, wie der Landwirt mit kleinen Mitteln — wörtlich und figürlich gemeint — doch vorwärtskommen kann. Das gilt namentlich für den Betrieb in den Nebenzweigen der Landwirtschaft, die bisher vielfach vernachlässigt wurden, jetzt aber starker Helfer in der Not werden können. Vor allem also hier Praxis, Praxis und nochmals Praxis in der Milchwirtschaft, deren Träger ja besonders der mittlere und kleine Bauer mi* verhältnismäßig geringem Portemonnaieinhalt ist. Ebenso bei der Eierwirtschaft: zahllofe Enten-, Hühner-, Puten- und Gänserassen geben sich in Der lärmerfüllten Riesenhalle ein Stelldichein. Da kriegt auch der Laie allmählich eine Ahnung, wie bedeutungsvollen Inhalts das Wort „Züchtung" ist. Namentlich dann, wenn er weiß, wieviel Deutschland für die Einfuhr ausländischer Eier immer noch zu bezahlen hat.
Praxis, nichts als Praxis auch in dem der Landwirtschaft benachbarten — fast hätten wir gesagt: Industriezweig, der Holzwirtschaft nämlich; auch hier keine „Wunsch"betriebe kostspieliger Art, sondern auch hier alles, Maschinen und Werkzeug. Im Preis angepaßt den äugen- blicklichen finanziellen Möglichkeiten und doch von größter Mannigfaltigkeit. „Nationalisierung" ist leitende Methode bei der Verwertung dieses auch volkswirtschaftlich fo wichtigen Guts.
Dem Laienbesucher der Ausstellung wird die Bedeutung dessen klar gemacht, was die deutsche Landwirtschaft produziert, die Schwierigkeiten aber auch, unter denen sie für die Ernährung unseres Volkes arbeitet. Dem Landwirt als Besucher strömen von allen Seiten Anregungen zu. die in ihm Wünsche laut werden, Entschlüsse reifen lassen, sein Bestes in der Arbeit auf der Scholle zu leisten. Weil ja der deutsche Bauer bei dieser Arbeit gottlob immer noch von dem Gedanken erfüllt ist: Besitz verpflichtet! Pr.
Erneutes parteileben in Spanien.
Madrider Universität freigegeben.
Die Parteiführer werden im Laufe der Woche davor/ verständigt werden, daß sie volle Freiheit haben, um ihre Propaganda für die kommenden Wahlen zu organisieren. Die Vorstände der Sozialistischen Partei und der All- gemeinen Arbeitervereinigung haben bereits eine Kund- gebung veröffentlicht, in der sie ihr Mißtrauen in die Möglichkeit einer vollkommenen Wiederherstellung des normalen Regimes zum Ausdruck bringen. Die beiden Organisationen erklären, daß sie, falls ein normales Regime nicht wiederhergestellt werde, im ganzen Lande eine große politische Propaganda entfalten würden.
Die Universität von Madrid ist freigegeben worden. Die Truppen, die die Universitätsgebäude besetzt hielten, haben Befehl erhalten, in ihre Kasernen zurückzukehren. Die Vorlesungen sollen in wenigen Tagen wieder beginnen.
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Amnestie der neuen Regierung.
Der spanische Innenminister hat erklärt, daß die Regierung die Vereinigung der Studenten mit leichter Abänderung ihrer Statuten wieder gestatten werde. Der nach der Insel Mallorca verbannte Student Spert werde nach Madrid zurückkehren können; außerdem will man den verbannten Artilleristen von Segovia ebenfalls die Rückkehr gestatten. Für den 6. Februar, den Todestag der Königin-Mutter von Spanien, ist eine allgemeine Amnestie vorgesehen.
Aufklärungsarbeit.
Einzelhandelstagung. — „Grüne Woche."
Prophezeien ist meist eine mißliche Angelegenheit. Meist trifft nämlich doch nicht ein, was als „zwingend notwendige" zukünftige Entwicklung vorausgesagt wurde. Das gilt ebenso für jene Propheten, die die Politik sich als Betätigungsfeld erkoren haben, wie für jene, die von ihrem Dreifuß herab sich über die Z u k u n f t u n s e r e r Wirtschaft gefragt oder ungefragt auslassen. So hat man schon heftig an den Stricken der Glocken gezogen, mit denen man dem Einzelhandel zu Grabe läuten wollte. Aber der lebt nicht bloß, sondern wehrt sich kräftig feiner Haut, bewußt dessen, daß er in der Struktur unseres Wirtschaftslebens eine Notwendigkeit ist. Daß er in seinem Willen zum Leben, zum Widerstand recht bald in der Organisation, im Zusammenschluß eine starke Waffe erkannte und zu ihr griff, hat die „Hauptgemeinschaft für den Einzelhandel" sehr bald in den Kreis der Spitzenorganisationen der Industrie, der Landwirtschaft usw. g^Jn der soeben abgehaltenen Mitgliederversammlung der Hauptgemeinschaft trat nun wieder einmal deutlich zutage, wie sehr — leider — die eigentliche Arbeit des Einzelhandels eingestellt sein muß auf Widerstand, auf Abwehr, auf die einfache Forderung, nicht schlechter behandelt zu werden als andere Wirtschaftszweige, wie das sogar auf dem Wege der Gesetzgebung allzuoft geschieht. Man ist nicht so „unbescheiden", daran zu erinnern, daß die Reichsverfassung die Förderung des Mittel- stand es in Handel und Gewerbe verspricht. Natürlich richtet sich der Widerstand des Einzelhandels vor allem gegen die Sonderbesteuerung — und man braucht nur das eine Wort „Gewerbesteuer" auszusprechen, um eine besonders drückende Art einer solchen, aber nicht bloß schweren, sondern immer unerträglicher werdenden Sondersteuer zu nennen. Haben doch gerade in letzter Zeit wieder eine ganze Reihe von Kommunen sich durch eine Erhöhung der Gewerbesteuer aus der Finanzmisere herauszuwinden gesucht und das in einem Augenblick, da von Reichs wegen eine, wenn auch sehr allmähliche Senkung dieser allseitig als geradezu roh bezeichneten Steuer angekündigt wird! Vorläufig wird ja diese Ankündigung kaum zur Wirklichkeit werden.
Aufgabe des Einzel Handels als Wirtschaftsfaktor ist die Befriedigung von Einzel bedürfnissen — und aus diesem seinem Wesen schon ergibt sich die gewaltige Verschiedenheit innerhalb dieses Wirtschaftszweiges hinsichtlich der geschäftlichen Betätigung. Ganz anders liegen die Dinge — kreditpolitisch, organisatorisch, in der Absatzfrage, der Kundenwerbung usw. usw. — allein schon in den Mittel- und Kleinstädten als in den Großstädten mit ihren Zusammenballungen der Abnehmer. Auf einzelnes kann und braucht hier nicht eingegangen zu werden, weil es selbst der Blinde mit dem Krückstock fühlt — nur sollte man von „oben" her auch demgemäß handeln und nicht etwa sozialpolitisch alles über einen Kamm scheren wollen, wie das z. B. in der geplanten Neuregelung der Arbeitszeit durchgesetzt werden soll. Auf der Tagung des Einzelhandels ist beklagt worden, daß so manche an sich berechtigte sozialpolitische Wünsche scheitern müssen an wirtschaftlichen Verhältnissen, die sich nicht ändern oder biegen, sondern nur brechen lassen, deren Nichtbeachtung also die Existenz selbst bedrohen würde. Darum sei jede „Uniformierung" dieser Verhältnisse gerade im Einzelhandel eine besonders große wirtschaftliche Gefahr, über die der Gesetzgeber selbst ebenso wie die Öffentlichkeit weit mehr als bisher unterrichtet werden müssen.
Kampf gegen die Unkenntnis, Aufklärung in nimmermüder Unverdrossenheit ist ja auch der Zweck jener Veranstaltung, die unter dem Namen „Grüne Woche" jetzt in Berlin stattfindet. Diese Aufklärungsarbeit über die Landwirtschaft von heute und morgen, über deren Bedeutung und deren Leistungen aber auch über die Nöte und die gefahrenumdrohte Lage dieses deutschen Wirtschaftszweiges. Rein sachlich soll das wirken, was die „Grüne Woche" bringt und ausstellt; diesmal kommt die „Politik" nicht zu Wort, behalten diese Tage und Tagungen den rein fachlich-sachlichen Charakter. Es ist viel in der Öffentlichkeit bemerkt und kommentiert worden, daß diesmal die sonst übliche Tagung der größten wirtschaftspolitischen Interessenvertretung der Landwirtschaft nicht stattfindet. Gründe für dieses Ausbleiben sind nicht angegeben worden. Man mag wohl in der Annahme nicht fehlgehen, daß sich auch bei den Vorkämpfern wirtschaftspolitischer Interessen die Erkenntnis immer mehr durchsetzt: mit großen Demonstrationen erreicht man heutzutage weniger als durch stille, zähe, auf - klärendeArbeit der dazu Berufenen und dafür Verantwortlichen. Denn schließlich sprechen die wirtschaftlichen Verhältnisse doch eine so laute Sprache, daß diese kaum noch einer „Demonstrations"-Unterstützung bedarf, aber auch nicht durch eine solche — übertönt werden kann.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Die bisher den alliierten Botschaften und Gesandtschaften in Berlin zugeteilten Militärsachverständigen, die nach dem Bertrag von Versailles zum Zwecke der Ueberwachung in Deutschland anwesend waren, sind zurückgezogen worden.
* An Len Reichsfinanzminister gelangte eine überparteiliche Petition um Erlaß einer Amnestie für politische Vergehen während der Dauer der fremden Besetzung im Rheinland.
* Die fünfte „Grüne Woche" in Berlin wurde unter Teilnahme von Staats- und Gemeindebehörden sowie bei großem Zuschauerandrang eröffnet.
* 3“ Spanien bereitet die neue Regierung eine allgemeine Amnestie zugunsten der unter dem früheren Regime wegen . politischer An,chuldrgungen Verurteilten vor.