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Tageblatt für Rhön unö Vogelsberg-

Zul-a- unö Haunetal »Zulöaer Kreisblatt

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Nr. 18 1930 ÄS"-

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7. Jahrgang

Fulda, Mittwoch, 22. Januar

König Georgs Hoffnungen.

Die Londoner Alottenlonferenz.

Macdonald Vorsitzender.

Die Eröffnung der Londoner Seeabrüstungskonferenz geschah unter eindrucksvollen Feierlichkeiten in der könig­lichen Galerie des Oberhauses. Der weite Saal war dicht- gesüllt von etwa 1000 Personen, unter denen vielleicht die Hälfte aus den aus aller Welt herbeigeeilten Journalisten sich zusammensetzte. Vor dem goldenen Thronsessel des Königs, in der Mitte vor dem hufeisenförmig ausgestellten Tisch, an dem die Delegierten saßen, stand des Königs Mikrophon, das dieser bei bedeutenden Ansprachen zu be­nutzen pflegt. Gegen ^l Uhr erschien der König, der, von den Versammelten einhellig begrüßt, mit einer Rede die Flottenkonferenz offiziell eröffnete. Zum Schluß sagte König Georg, er habe die dringende Zuversicht und die besten Hoffnungen, die Konferenz werde für die Menschheit einen weithin sichtbaren Fortschritt auf dem Gebiete der Abrüstung erzielen. Nach der Rede des Königs wurde der englische Premierminister Macdonald zum Präsiden­ten der Konferenz gewählt.

Die Ansprache des Königs wurde über alle Sender der Welt verbreitet. In London herrschte das übliche eng­lische Nebelwetter, so daß sich nur ein geringes neu­gieriges Publikum in den benachbarten Straßen, die aber von den wartenden Automobilen der Delegierten stark in Anspruch genommen waren, eingefunden hatte.

Oie Tragödie des Weltkrieges.

In seiner Rede sagte der König unter anderem, die gesamte Menschheit erwarte, keine Mittel der Staatskunst dürften ungenutzt bleiben, um eine Wiederholung der un­geheuerlichen Tragödie des Weltkrieges zu verhindern. Trotzdem habe bis heute der Wettbewerb im Flottenbau nicht aufgehalten werden können und allge­meine Unsicherheit in der ganzen Welt hervorgerufen. Allerdings sei die Verminderung der Flottenrüstungen mit großen Schwierigkeiten verbunden, obwohl die Washingtoner Konferenz gewisse Erfolge in Hinsicht aus die Schlachtschiffe schon gehabt habe.

Deshalb sei man in der Idee übereingekommen, eine Gesamtflottenabrüstung für alle Mächte herbeizuführen. Alle Hindernisse für die Verwirklichung dieser Idee müßten beseitigt werden. Das sei keine Sache, die nur die auf der Konferenz vertretenen Länder angehe, sondern eine Menschheitssache. Nicht in engherzigem Nationalis­mus dürfe man an sie Herangehen, sondern in der gegen­seitigen Opferbereitschast.

Die schweren Rüstungslasten der Völker, das hoffe er zuverlässig, müßten beseitigt und die allgemeine Ab­rüstung herbeigeführt werden.

Macdonalds Ansprache.

Die wirtschaftliche Bedrückung der Völker durch das Wettrüsten schliderte dann, nachdem der König den Saal verlassen hatte, der englische Ministerpräsident Mac­donald. Wer die Unterschrift unter den Kellogg-Pakt ernst gemeint hatte, müsse bei der Abrüstung auch mit­wirken. Die öffentliche Meinung verlange überall eine Friedenspolitik. Aus dem Sumpf der Meinungsverschie­denheit technischer Sachverständigen müsse das Problem auf die höhere Grundlage der Arbeit des schöpferischen Staatsmannes gehoben werden. Nur internationale Verträge, nicht Verhandlungen von Staat zu Staat ver- fprächen Erfolg.

Stimson und Tardieu.

Der Staatssekretär der Vereinigten Staaten. Stimson, sprach das größte Vertrauen Amerikas zum Erfolge der Konferenz aus. Amerika hofft, nach Stimson, auf der Konferenz nicht nur das erreichbare Maß bei der Ab- tüstung zu erzielen, sondern and) den Charakter der ge­genseitigen Beziehungen so zu gestalten, daß zu jeder Zeit weitere Rüstungsbeschränkungen eintreten können.

Die französische Auffassung, nach der die Abrüstung nur als Ganzes behandelt werden dürfe, erscheint Stimson als nicht ganz haltbar. Jeder einzelne Fortschritt er­leichtere nicht nur die Lasten der Völker, sondern erleichtere auch Fortschritte auf allen Gebieten.

Demgegenüber bemerkte der französische M i n i st e r- Präsident Tardieu, gewiß seien alle Völker ent­schlossen, die Wiederholung einer Katastrophe wie die des Weltkrieges zu verhindern.

Aber jedes Abkommen, das jetzt in London geschaffen werde, könne nur provisorische Eigenschaften tragen, da die Konferenz doch aus Wunsch des Genfer Völkerbund- rates einberusen worden sei. Die besonderen Bedürfnisse jedes Landes müßten in Beziehung zu den zu schaffenden Rechtsgarantien gesetzt werden.

Oie anderen Länder.

Für Japan erklärte der Hauptdelegierte W a k a - tsuki zielbewußte Mitarbeit an der Konferenz. Japan sei bereit, mit den anderen Mächten bis zur äußersten Grenze der Marineabrüstung zu gehen und nicht nur eine Beschränkung, sondern sogar einen Abbau der Flotten­stärken zu befürworten.

Italiens A u ß e u m i u i st e r Grandi sagte, Italien habe das Bestreben, hinter keinem anderen Lande zurückzustehen, um dc.r Konferenz zum Erfolg zu ver­helfen. Eine längere Zeit ungestörten Friedens sei für das jetzige Italien Notwendigkeit. Es müßten ent­schlossene ' und mutige Schritte in der Abrüstung getan werden und man hoffe, die mächtigste Asohr der Welt werde mit auiem Beispiel boranaeben.

Für Begrenzung und Herabsetzung der Seerüstungen äußerten sich ferner die Vertreter Kanadas, der Ober­kommissar von Indien, die Delegierten des Freistaates Irland, Australiens und Südafrikas. Dann wurde die Eröffnungssitzung geschlossen.

Frankreichs politische Forderungen auf der Flottenkonferenz.

Abwartende Haltung Japans.

London, 22. Jan. Wie der diplomatische Korrespondent des Daily Telegraph" berichtet, sind die privaten Besprechungen zwischen den verschiedenen Hauptdelegierten, die dazu bestimmt sind, die größeren Meinungsverschiedenheiten soweit als mög­lich vor dem Zusammentritt des Hauptausschusses der Konferenz zu glätten, gestern bis in die späten Abendstunden hinein fort­gesetzt worden. Die wichtigste dieser Unterredungen fand nach einem Abendessen zwischen Macdonald, Henderson, Stimson, Morrow, Tardieu und Briand statt. Tardieu hatte vorher einen Meinungsaustausch mit Grandi gehabt. Der Hauptzweck dieser Besprechungen war, die ernsten Meinungsverschiedenhei­ten zwischen Großbritannien und Frankreich sowie Großbritan­nien und Italien zu untersuchen, wobei die amerikanischen Dele­gierten bis zu einem gewissen Grade als Vermittler auftraten. Die französischen Delegierten, so berichtet der Korrespondent, schienen sehr befriedigt zu sein über die Art und Weise, in der die Frage dernationalen Erfordernisse", d. h. politischer Ga­rantien der nationalen Sicherheit, in den Vordergrund der Er­örterungen gerückt worden ist. Am liebsten würden sie einen Zusatz zum Kelloggpakt sehen, wonach die Unterzeichner ein­schließlich der Vereinigten Staaten sich feierlichst verpflichten würden, nicht nur im Bedarfsfalls miteinander Rat zu pflegen, sondern auch eine Verletzung des Paktes mit einer Sperrung der Zufuhren zu beantworten. Sollten die Vereinigten Staaten sich ablehnend verhalten, dann würden die Franzosen immer noch eine solche Verpflichtung Großbritanniens und Spaniens mit dem vorgeschlagenen Mittelmeerpakt begrüßen. Dieser wäre in seiner Struktur ungefähr ein Mittelding zwischen dem Locarnopakt und dem Pakt über den Stillen Ozean. Der Kor­respondent weist auf die Schwierigkeiten hin, die in der Frage des Verhältnisses der Schlachtschiffe zwischen Japan und den angelsächsischen Mächten bestehen. Er berichtet, in gewißen Kreisen sei gestern auch zugegeben worden, daß eine wirkliche radikale Verminderung der Schlachtschiffe vorherige Erörterung mit einer Anzahl anderer Mächte'wie Deutschland, Spanien, Argentinien, Brasilien und Chile erfordern würde. Die ja­panische Delegation halte sich naturgemäß von den politischen Erörterungen, der Großbritannien, Frankreich und Italien an­gehen, zurück. Es wird erwartet, daß Japan ebenso wie Frankreich möglicherweise die Frage der Luftwaffe aufwerfe. Schließlich meldet der Korrespondent noch, daß in französischen Kreisen die Möglichkeit eines Aermelkanal-Paktes nur in vager Form besprochen werde. Nach Ansicht verschiedener Delegierter würde ein solcher Pakt die Hinzuziehung von Deutschland nicht erfordern. {IQ

Kabinettsfiymig zum Haager Plan.

Dr. Curtius bei Hindenburg.

Die deutsche Delegation bei der Haager Konferenz mit den Reichsmlnistern Dr. Curtius, Schmidt, Dr. Molden­hauer und Dr. Wirth ist wieder in Berlin ciugetroffen. Dr. Curtius erstattete bereits Dienstag nachmittag dem Reichspräsidenten von Hindenburg Bericht über die Haager Vereinbarungen.

Anschließend fand eine Besprechung des Reichs­kanzlers Müller mit dem Außenminister über dasselbe Thema statt. Mittwoch wird dann das Reichskabinett den neuen Plan erörtern. Demnächst werden die Finanz­minister der Länder zu einer Konferenz nach Berlin ge­laden werden. Das Reichskabinett will die Gesetzes­vorlage, die mit demNeuen Plan" zusammenhängt, noch in dieser Woche verabschieden und an den Reichsrat leiten.

Der Schlußpunlt im Haag.

Die Unterzeichnung des endgültigen Boung Planes durch Reichsoußemninister Dr. Curtius.

Dank -es Reichsprasi-enien.

Hindenburgs. Anerkennung für die Haager . Delegation.

Nachdem Reichsminister Dr. Curtius dem Reichs­präsidenten Bericht über die Verhandlungen der Kon­ferenz im Haag erstattet hatte, sprach der Reichspräsident dem Reich-^außenminister Dr. Curtius und der deutschen Delegation seinen Dank und seine Anerkennung für ihre Arbeit und ihre Haltung aus.

Kandidaturen für die Leitung der 3. Z. V.

Amsterdam, 22. Jan. Einer Information desAlgemeen Handelsblad" zufolge, die das Blatt von gut eingeweihter Seite erhalten haben will, soll der Präsident der Federal Reservebank of Newyork, Mac Earrah, der bisher auch Mit­glied des Verwaltungsrats der Deutschen Reichsbank ist, als ernsthafter Kandidat für den Posten des Präsidenten der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich in Frage kommen.

Abreise des neuen amerikanischen Botschafters nach Deutschland.

Botschafter Tackelt über die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

Der neue amerikanische Botschafter und seine Gattin, Sackett, werden heute mit dem DampferPräsident Harding" über Plymouth, London, Hoek van Holland nach Deutschland abreisen. Botschafter Sackett gedenkt, etwa am 5. Februar in Berlin einzutreffen.

Der Botschafter empfing gestern abend den Newyorker Ver­treter des W.T.B., dem er auf seine Bitte um eine Aeußerung für das deutsche Volk folgendes sagte:Sie ersuchen mich um ein Wort an Ihr Volk vor meiner Abreise aus Amerika. Ich verlaße mein Heimatland mit dem Wunsche, dem deutschen Volke die Gefühle der Zuneigung und der Freundwilligkeit zu übermitteln, welche unsere Ration für das deutsche Volk hegt. Ich hoffe aufrichtig, daß ich dazu beitragen darf, die Bande, die unsere beiden Länder verbinden, noch enger zu knüpfen. Ich empfinde tief, welches Vertrauen mir Präsident Hoover erwies, als er mich damit betraute, als Dolmetscher des tiefen Gefühls der fteundschaftlichen Zuneigung zu wirken, das amerikanische Männer und Frauen dem deutschen Volk entgegenbringen und von ihrer Bewunderung für die Errungenschaften des deutschen Volkes Zeugnis abzulegen. Mit Spannung sehe ich unserem Leben in Berlin und der freundlichen Aufnahme entgegen, der wir gewiß sein dürfen. Und ich kann Ihnen versichern, daß meine Frau und ich bestrebt sein werden, in Deutschland enge und dauernde persönliche Beziehungen anzuknüpfen. Ich bin gewiß, daß wir während unseres Aufenthaltes in Deutschland ein ununterbrochenes Wachsen des gegenseitigen Vertrauens erleben werden, welches unter der gemeinsamen Fürsorge mei­ner verehrten Vorgänger und der hervorragenden Männer, die als Botschafter Deutschlands in den Vereinigten Staaten die Freundschaft unserer beiden Rationen auf breitester Grund­lage aufbauten, bereits so schön erstarkt ist.

Abbruch von Festungswerken in Kehl.

Kehl, 22. Jan. Mit dem heutigen Tage beginnen die Ent­festigungsarbeiten am Brückenkopf Kehl. Nach den Bestim­mungen des Versailler Vertrages hat Deutschland mit Rück­sicht auf die bevorstehende Räumung durch die französische Be­satzung im Laufe dieses Jahres die von den Franzosen inzwi­schen geräumten Befestigungswerke zu zerstören. Mit der Nie­derlegung des zwischen Sontheim und Neumühl gelegenen Stützpunktes an der Kinzig ist heute begonnen worden. Die weiteren Befestigungswerke gelangen gleichfalls in den nächsten Wochen zur Niederlegung, abgesehen von den Werken, die bis zur endgültigen Räumung von den Franzosen noch besetzt ge­halten werden.

Schwierigkeiten im

Tscherwonzentalfcherprozeß.

Zeuge Schneider will u i ch i aus sagen.

Im Prozeß gegen die Tscherwonzenfälscher beantragte der Verteidiger des Angeklagten Schneider, deßen Verfahre« abgetrennt worden ist, das Verfahren gegen Schneider und gegen Kipping wieder mit diesem Prozeß zu verbinden, damit die jetzt gehörten Zeugen nicht noch einmal in einem neuen Prozeß vernommen werden müßten. Das Gericht lehnte jedoch den Antrag, der im weiteren Verlauf der Verhandlung noch einmal gestellt wurde, ab, worauf

Schneider als Zeuge

vernommen werden sollte. Die Versuche des Vorsitzenden, ihn zu einer Aussage über sachliche Fragen zu bewegen, scheiterten jedoch an dem Widerstand Schneiders und an dem Wider­spruch sämtlicher Verteidiger. Schneider berief sich aus sein Zeugnisverweigerungsrcchl und beantwortete feint Frage, so daß aus feine weitere Vernehmung verzichtet wurde

Der Angeklagte Bell wurde auf den Antrag seines Ver- leidlgers hin auf seine Verhandlungsfähtgkeii untersucht und von dem Gerichtsarzt wegen offensichtlich starker Nervosität jur vorläufig verhandlungsunsähig erklärt Zu dem Antrag eines der Verteidiger auf

Ladung des Kapitänleutnants Ehrhardt erklärte der Oberstaatsanwalt, daß er gegen die Vernehmung Ehrhardts an sich nichts einzuwenden habe, daß er sie aber nicht für nötig halte, wenn damit die Frage der Amnestie berührt werden sollte.

Nachdcin sich dann auch der Antragsteller zu dieser Frage geäußert hatte, beschloß das Gericht, Ehrhardt zum Montag als Zeugen zu laben.

Kleine Zeitung für eilig« Leser.

* Der neue Botschafter der Vereinigten Staaten für Deutsch­land und Frau Sackett werden heute nach Deutschland abreijen und etwa am 5. Februar in Berlin cintreffen.

* Die offizielle Eröffnung der Londoner Secabrüftungs- konferenz geschah durch eine Ansprache König Georgs V.. in der er der bestimmten Hoffnung auf Erfolg der Konferenz Ausdruck gab.

* Mittwoch soll eine Sitzung des Rcichskabinctts stattfindeu, ul der die deutschen Delegierte« über die Haager Abmachungen Bericht erstatten werden.

* Der bisherige Botschafter der Vereinigten Staaten, Schurmann. hat Berlin verlaßen und über Hamburg die Heim­reise in fern Land angetreten.