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Zul-aer /Anzeiger

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Nr. 6 1930

Fulda, Mittwoch, 8, Januar

7. Jahrgang

IeW-smzWer ZOmeM im HW.

Die Grenze des deutschen Entgegenkommens ist erreicht! erklärt Reichsautzenminister Curtius.

Die erste Lesung beendet.

Mit den gestrigen Verhandlungen im Haag wurde gewisser- maßen die erste Lesung der offenen Fragen beendet. Der heu­tige Tag ist sitzungsfrei. Die zweite Lesung soll am Donners­tag beginnen. Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer hat unterstrichen, daß über den Young-Plan hinausgehende For­derungen für Deutschland unerträglich seien. Außenminister Curtius führte der Gegenseite vor Augen, daß die Grenze des Entgegenkommens erreicht sei. Das von den Franzosen ange­kündigte Memorandum zur Sanktionsfrage wird für heute erwartet.

Schacht, Kastl und Schäffer im Haag.

Die Verhandlungen im Haag scheinen ihrem Höhe­punkt zuzueilen. Denn neben dem Reichsbankpräsidentcn Dr. Schacht und dem Geheimrat Dr. K a st l soll sich auch Staatssekretär Dr. S ch ä s s e r nach dort begeben, um mit Reichsfinanzminister Dr. Moldenhauer über die Förderung des kommenden Reichshaushaltsetats zu kon- seriere». Dr. K a st l wird sofort abreisen, die Ankunft des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht ist erst für den 12. Januar vorgesehen. Er soll an den Beratungen für die Internationale Bank teilnehmen. Dienstag verhandelten schon am Morgen die Minister der sechs Hauptmächte über die Frage des Moratoriumsanspruches, den Deutschland nach dem Uoung-Plan haben soll. ES lagen noch verschiedene Unklarheiten vor, die im Augen- vtrck nicht beseitigt werden konnten, so daß nach einer Un­terbrechung für nachmittags die Fortsetzung der Sitzungen aevlant war.

Oesterreichs Schicksal.

Dienstag veranstaltete der österreichische Bundes­kanzler Dr. Schober einen Empfang für die im Haag ? anwesenden Journalisten. In einer Ansprache wies der Bundeskanzler darauf hin, daß die österreichischen Ziele im Haag Befreiung von den Neparationsschulden und Beseitigung des Pfandrechts aus dem Friedensvertrage seien. Beide Punkte bildeten ein schweres Hindernis für den Wiederaufstieg Österreichs, das zukünftig als freier ; Staat behandelt zu werden wünsche, der unabhängig seine finanziellen Fragen erledigen könne. Zu den bisherigen ' Zahlungen könne Österreich unmöglich noch neue Lasten ' übernehmen. Für Österreichs Willen zum Vorwärts- kommen spreche die vollzogene Perfassungsreform, die zur Schaffung einer neuen Staatsgrundlage geführt habe.

Rom in Feststimmung.

Die italienische Kronprinzenhochzeit.

Ein Fürstenkongreß in der Ewigen Stadt.

Rom beherbergt zurzeit etwa 85 Gäste königlichen Geblüts, die zur Hochzeit des Kronprinzen von Italien und der Tochter des belgischen Königspaares nach der Siebenhügelstadt gekommen sind. Außer dem italienischen lind dem belgischen Königspaare sind anwesend: König Boris ^on Bulgarien mit seinem Bruder Kyrill und seiner Schwester Eudoxia, die Königin von Schweden, das ehe­malige Königspaar von Portugal, die Königinmutter von Portugal, die ehemalige Königin Sophie von Griechen­land, Exkönig Aman Ullah und seine Gemahlin, die Großherzogin von Luxemburgs der Fürst von Monako, Her­zogin Karl Theodor in Bayern, Prinzessin Rupprecht von Bayern, Prinz und Prinzessin Konrad von Bayern, Mon­signore Prinz Georg von Bayern, Prinz Johann Georg von Sachsen, Prinz und Prinzessin Philipp von Hessen, der Jnfant Ferdinand von Spanien, Prinz Danilo, Prin- zessiu Militza und Prinzessin Xenia von Montenegro, Prinz Wilhelm von Schweden, der Herzog von York, Prinz und Prinzessin Paul von Griechenland, Prinz Christophor von Griechenland, Prinz und Prinzessin Paul von Südslawien, Prinz Felix von Luxemburg, Prinz Napoleon mit seiner Gemahlin, der Graf von Paris, Prin­zessin Anna von Battenberg, die Prinzessinnen Isabella und Henriette von Bourbon-Parma und Prinzessin ? Roman von Rußland und viele andere noch alles Ver­wandte des belgischen oder des italienischen Königspaares. »Der König von Italien hat anläßlich der Hochzeit seines Sohnes dem Gouverneur von Rom eine halbe Million Lire für wohltätige Zwecke zur Verfügung gestellt. Unter den Hochzeitsgeschcnkcii, die das Kronprinzenpaar erhalten hat, sind besonders bemerkenswert ein aus über 400 Stücken bestehendes Porzellantafelservice, das der Präsident der Französischen Republik ge­schenkt hat, und das aus zehn Scalpelzen bestehende Ge- schenk, das Präsident Hoover der ihm persönlich.be- kannten Braut überreichen ließ.

Benesch bei Curtius.

Der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch stattete dem Reichsaußenminister Dr. Curtius einen Besuch ab. Es wurde dabei über die tschechoslowakischen Liquidationen in erster Reihe verhandelt Der Ausschuß für die Ostreparationen tagte während der gleichen Zeit und behandelte die bulgarischen Kragen. Der belgische Ministerpräsident I a s p a r gab den deutschen Reichs­ministern Dr. Curtius und Dr. Wirth mit ihrer Begleitung ein Ehrenfrühstück.

*

Eine englische Darstellung der Haager Verhandlungen.

Loudon, 8. Jan. Reuter meldet aus dem Haag: Zwischen der deutschen und der französischen Delegation kam es gestern zu einem scharfen Zusammenstoß, aber der Sturm legte sich bald. Einige Bemerkungen des Reichsfinanzministers Moldenhauer, der in dem Rufe steht, immer deutlich seine Meinung zu sagen, veranlaßten Tardieu, der in Frankreich den gleichen Ruf ge­nießt, zu einer scharfen Antwort. Schließlich griff Reichsaußen- minisker Curtius ein mit der Erklärung, es sollte nicht, wie im letzten August, geglaubt werden, daß die Opfer immer von Deutschland gebracht werden müßten. Deutschland habe die Grenze erreicht und sei nicht bereit, über den Young-Plan hinausgehende Opfer zu bringen. Die Schwierigkeiten beziehen sich hauptsächlich auf den besonderen beratenden Ausschuß, den die internationale Bank im Falle, daß Deutschland den Antrag auf ein Moratorium stellt, einsetzt. Die Gläubigermächte sind der Ansicht, daß erst ihre Zustimmung gegeben werden müßte, bevor die Anempfehlungen des Ausschusses angenommen wer­den könnten und daß der Ausschuß nicht die Befugnisse haben dürste, sich über die Entscheidungen der Gläubigerregierungen in der Frage des Moratoriums hinwegzusetzen. Die Frage der deutschen Eisenbahnen wurde ebenfalls erörtert und die ElLu- bigermächte brachten die deutsche Delegation in einige Ver­legenheit durch den Wunsch nach Maßnahmen, die nach deutscher Ansicht zu einer Herabsetzung der Löhne und zur Entlasiung von Eisenbahnpersonal führen müßte. In der Sanktionsfrage ist keine neue Entwicklung zu verzeichnen. Die französische Formel soll der deutschen Delegation in sehr kurzer Zeit unter­breitet werden. In französischen Kreisen wird erklärt, vor dieser Unterbreitung solle versucht werden, die Zustimmung der britischen Delegation dazu zu erlangen. Die Erörterung über diese Punkte wird fortgesetzt werden und, obwohl sie schwierig sind, wird nicht geglaubt, daß die Konferenz sich in Gefahr be­finde. Man rechnet vielmehr allgemein damit, daß die Kon­ferenz Mitte nächster Woche ihr Ende finden wird. Der Gene­ralagent für die Reparationszahlungen, Parker Gilbert, wohnte der Konferenz dergroßen Sechs" eine zeitlang bei.

Das Brautpaar mit feinen Schwiegereltern grüßte unmittelbar nach der Ankunft vom Balkon des Königlichen Schlosses aus die Bevölkerung Roms, die be­geisterte Ovationen darbrachte. Von links: Königin Helena von Italien, König Albert von Belgien, Prinzessin Marie Jost, Kronprinz Umberto. Königin Elisabeth von Belgien, st öiiig Viktor Emanuel von Italien.

Der Feffzug der Fünftausend.

Zu Ehren des jungen Paares wird am 10. Januar ein Festzu g v 0 n u n g e w 0 hn t e n A usmaße n durch die Hauptstraßen von Rom ziehen: fast 5000 Per" sonen sollen daran teilnehmen, und der Vorbeimarsch dürfte drei Stunden dauern. Das Volk von Rom dürfte

allerdings nur wenig von all der Pracht zu sehen be­kommen, denn die Straßen werden durch ein vierfaches Spalier von Soldaten abgesperrt sein, und nur die weni­gen Glücklichen, die für einen Fensterplatz Tausende aus­geben können selbstverständlich sind das in der Mehrzahl Engländer und Amerikaner werden denAufmarsch Italiens" bewundern dürfen. Denn es wird im wahren Sinne des Wortes ein Aufmarsch Italiens sein, da alle Provinzen des Landes, alle Volksstämme, selbst die fernen Kolonien in charakteristischer Weise vertreten sein werden.

Den Festzug eröffnet eine Volksgruppe aus S a r - d i n i e n . das als die Wiege des Hauses Savoyen gilt. Zuerst kommen Männer und Frauen zu Pferde und eine Schar von Landleuten in ihren malerischen Trachten und mit ihren mit Blumen geschmückten Wagen; Sänger, die sardinische Volkslieder singen. Hirten, Tänzerinnen, Spiel­leute folgen; das ganze Volksleben, wie es auf der etwas abgelegenen Insel noch gelebt wird, soll in einer langen Reihe bunter Bilder an den Zuschauern vorbeiziehen. Es folgt dann das Land Piemont mit seinen Berg­bewohnern und Ackerleuten. Ligurien bringt Palmen und Ölzweige. Venetien soll dargestellt werden durch religiöse Prozessionen, wie sie in dieser Provinz bei Kirchenfesten stattzufinden pflegen. In besonders groß­artiger Weise wird Sizilien vertreten sein: von vier kommen schön gebaute Wagen, auf denen die ganze Ge- schichte der alten Ritter und Helden der Insel, aber auch Biblisches dargestellt wird; und dann kommen Sänger und Hirten und Bergleute. Aus der M a r e m m e, dem sumpfi­gen Küstenstrich, kommen Hirten und Bauern mit riesigen Büffeln, und die S i e n e s e n erscheinen in mittelalter­lichen Trachten, wie sie das von einem in Siena alljährlich stattfindenden mittelalterlichen Feste her gewohnt sind. An Abwechselung und Mannigfaltigkeit dürfte es also in dem langen Festzuge nicht fehlen.

Die Frauen aus Ligurien werden der Kron­prinzessin eine reich gestickte Frauentracht, wie sie dortzu­lande getragen wird, als Geschenk überreichen. Es ist, wie es heißt, das einzige Geschenk aus Volkskreisen, das sie an­nehmen will; alle anderen Geschenke sollen, ihrem Wunsche entsprechend, in Gaben für wohltätige Zwecke bestehen. Ein wahrer Wettstreit ist ausgebrochen zwischen italienischen Stadtverwaltungen. Banken, Instituten verschiedener Art usw., die alle möglichst viel geben wollen, um einander zu übertrumpfen, und Krankenhäuser, Waisenhäuser und Asyle werden den Nutzen davon haben.

Der Haushalisplan bei Ablehnung des Houng-Planes.

Keine Kürzung der Beamtengehälter beabsichtigt.

Es ist davon gesprochen worden, daß die Ablehnung des Young-Planes zu einer Kürzung de» Beamtengeyälter um 20 bis 25 Prozent führen könne. Derartige Äußerungen er­folgten im Zusammenhang mit Mitteilungen, die der Reichs­finanzminister Professor Dr. Moldenhauer seinem fran­zösischen Kollegen C h é r 0 n gemacht haben soll, so daß der irrige Eindruck entstehen konnte, Moldenhauer habe eine der­artige Maßnahme in seinem Gespräch mit Chèron erwähnt. Das ist in keiner Weise der Fall. Der Reichsminister hat ledig­lich mitgeteilt, daß er sich auch für den Fall der Ableh­nung des Young-Planes durch Aufstellung eines zweiten Haushaltsplanes eingerichtet habe, ohne jedoch irgendwelcho- Einzelheiten zu erwähnen, die sich hieraus ergeben müßten. Eine Herabsetzung der Beamlengehalter ist bei den in Vorbereitung befindlichen beiden Etatsplänen des Reichsfinanzministers Moldenhauer in keiner Weise in Be­tracht gezogen

Steiger für christlichnationale Politik.

Die Zollgesetzgebung.

In einer Vertrauensmänncrversammlung der Zentrums­partei in Hildesbeim wandte sich ibr preußischer Land- wirtschaftsminister Steiger lebhaft gegen die Teutsch- nationale Volkspartei, die bei den neuen Zöllen nicht mit* aemachi habe, genau wie einst die Sozialdemokraten bei den Sozialgesetzen nicht mitgemacht hätten. Die Arbeiter inner­halb der Hentrumsfraktion und die übrigen Landwirte inner­halb der Regierungskoalition hätten für die Landwirtschaft mehr geleistet als die deutschnationalen und die christlich- nationalen Bauern, die gegen die Zollgesetze stimmten oder sich enthielten. Dann gab Minister Steiger der Meinung Aus­druck, Hugenberg beherrsche zwar jetzt noch Presse- und Parte: apparat der Rumpfpartei, aber wenn die Zeichen nicht trügten, würde er sich bald mit den Nationalsozialisten, nicht nur vor­übergehend, sondern auch organisatorisch und geistig, verbinden müssen. Damit aber wäre die Deutschnationale Volkspartei als Fortsetzung der alten Konservativen Partei erledigt, denn die Nationalsozialisten huldigten in bezug auf die christliche Erziehung und die Gestaltung des kirchlichen Lebens nach der Erklärung des Abgeordneten Kube bei der Konkordats­debatte einer extremen liberalen Staatsausfassung. Demgegen­über stellte Steiger eine christlichnationale Volkspolitik als Ziel des Zentrums hin.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Außer dem Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht nehmen an den Arbeiten im Haag auch Geheimrat Dr. Kastl und Staats­sekretär Schäffer teil. Dr. Schacht wird erst am 12. Januar auf der Konferenz eintreffen, während Dr. Kastl und Dr. Schäf­fer sofort abreisten.

Der Welfenschatz ist nun tatsächlich von seinem bisherigen Besitzer, dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg, an ein Kon­sortium von drei Antiquitätenhändlern in Frankfurt a. M ver­kauft worden.

* 3» Thüringen hat sich eine neue Regierung aus den rechts von der Sozialdemokratie stehenden Parteien gebildet, die auch das Landtagspräsidium an erster Stelle besetzen.

. * Bei Euelma in Algerien stürzte ein Teil eines Zuges in einen Abgrund. Bis jetzt sind 17 Tote geborgen.