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Aus Hessen-Nassau und Nachbargebieien

Merkblatt für den 8. Januar.

Sonnenaufgang 8,04 Uhr, Sonnenuntergang 16.10 Uhr. Mondausgang 11-39 Uhr, Monduntergang 0.14 Uhr.

8 Januar: 1642: Der Physiker und Astronom Galileo Gali» lei in Arcetri bei Florenz gest. (geb. 1564). 1822: Der Natur- foridier Alfred Russel Wallace in Uhs geb. (gest. 1913). 1830: Musiker Hans von Bülow in Dresden geb. (gest. 1894). 1919 Der Schriftsteller Peter Altenberg in Wien gest. (geb. 1859). _____________

Freundlichen Menschen schenkt die Natur schon bei der Ge­burt den Schlüssel zu anderer Herzen.

Eduard P o u n g.

Wetterbericht.

Der Luftdruckanstieg über dem Festland setzt sich weiter fort und führt zunächst zur Ausbildung eines kräftigen Hochdruck­gebiets. In seinem Bereich kann auch bei uns zunächst mit trok- kener und auch mehr und mehr aufheiternder Witterung gerech­net werden. Gleichzeitig hat sich jedoch auch die Wirbeltätigkeit vom Ozean her kräftig belebt, so daß später hinaus wieder ein Abbau des Hochdruckgebiets wahrscheinlich wird. Zunächst wer­den die Wirbel jedoch so weit nördlich vorüberziehen, daß der Einfluß ihrer südlichen Ausläufer nicht bis zu uns reicht. Vorhersage bs Dienstag abend: Vielfach neblig, sonst bewölkt bis zeitweise aufheiternd, Nachtfrostgefahr, schwache veränder­liche Winde. Witterungsaussichten für Mittwoch: Nach an­fänglicher weiterer Aufheiterung später neue Verschlechterung, Nachtfröste.

Frühling im Winter.

Es ist eine ungewöhnliche Zeit, und man weiß nicht, was noch werden mag. Der Kalender steht aus Winter, aber in der Natur draußen herrscht, herrschte wenigstens in den Tagen seit Neujahr eine srühlingsmäßige, beinahe Überfrühlings- mäßige Wärme. Natürlich kann sich das alles von heute auf morgen ändern und es wird sich ja wohl auch ändern, denn schließlich wird der Winter nicht mit sich spaßen lallen, und die Zeit ist reis für Eis und Schnee. Aber am Dreikönigstag noch herrschte im größten Teile Deutschlands richtiger Lenz, und im Harz begannen gar die Bäume und Sträucher Knospen zu tragen und die Waldblumen einen durchaus nicht schüch­ternen Versuch mit neuer Blüte zu machen man denke, im Harz, wo nebenan Der als besonders unwirtlich verschrien« Brocken steht! In den Nächten zwar ist es hier und dort empfindlich kalt, wie sich das für den Januar schickt, aber bei Tage werven Wärmetemperaturen gemessen, die zu nennen man sich schämt, weil man fürchtet, daß man für einen Auf­schneider gehalten werden könnte. Dabei ist man doch nur ein gewissenhafter Chronist, wenn man vermeldet, daß Plus- temperaiuren bis zu 15 Grad durchaus nichts überraschendes sind. In den Höhenlagen der Alpen aber kletterte in der Sonne die Quecksilbersäule des Thermometers bis zu 30 Grad hinaus. Höher geht's nimmer im Winter mindestens. Alles, was für den Wintersport und durch den Wintersport lebt, ist natürlich verzweifelt, denn man muß sich die Skier, die Schlitt^ schuhe und den Rodelschlitten einstweilen aus dem Kopfe schlagen, und ein steifer Grog, der nicht getrunken werden kann, hat seinen Beruf verfehlt. Wer aber kein Geld für Kohlen beisammen hat, für den ist das unbedingt der richtige und einzig mögliche Winter. So hat alles in dieser Welt zwei Seiten, und was dem einen sin Uhl ist, ist dem andern ft» Nachtigall!

Fulda, den 7. Januar 1930.

Wichtig für Kleinrentner!

M -^DWk Donnerstag, den 9. Januar 1930, wird von 911 Uhr ote Unterstützung für Januar 1930 an die hilfsbedürftigen Kleinrentner der Stadt Fulda ausgezahlt. Grüne Ausweis­nummerkarten sind vorzulegen. Unterstützungen, die an diesem s Tage nicht abgeholt sind, werden ben Empfangsberechtigten auf ; ihre Kosten durch die Post übersandt.

Weihnachtsfeier bei den Kavalleristen.

Am gestrigen Dreikönigstag veranstaltete die Vereinigung t ehem. Kavalleristen von Fulda und Umgebung im Saale des ' Gesellenhauses ihre Weihnachtsfeier, die sehr gut besucht war. Nach einem inhaltsreichen, von Frl. Mihm vorgetragenen Vorspruch, hieß der 1. Vorsitzende der Vereinigung, Kamerad Möller, die Erschienenen, besonders aber die anwesenden Mitglieder der Vereinigung ehem. Pioniere des Gardevereins und des Wanderklubs Allegro herzlichst willkommen. Dann ge» dachte er eines kürzlich verstorbenen Kameraden, zu dessen Ge­denken sich die Anwesenden bei den Klängen des Liedes vom guten Kameraden von ihren Sitzen erhoben. Am Schlüsse seiner Ansprache bat der 1. Vorsitzende, auch in Zukunft eifrig für die Vereinigung ehemaliger Kavalleristen zu werben. Nach dem Gesang des WeihnachtsliedesStille Nacht" gelangte ein Thea­terstückchenWeihnachten in der Waldhütte" zur Aufführung, das großen Anklang bei den Zuschauern fand. Die Feier, die von Konzertvorträgen der Kapelle der Sanitätskolonne um­rahmt wurde, fand in einem Festball ihren Ausklang.

Weihnachtsfeier des Schwimmvereins.

Die sehr gut besuchte Weihnachtsfeier des Schwimmvereins Fulda fand am vergangenen Samstag abend imHohenzollern" b statt. Nachdem die jüngste Schwimmerin, das Töchterchen des Herrn Otto Diel, einen Prolog vorgetragen hatte, begrüßte V der Vorsitzende des Vereins, Herr Studienrat Dr. B r a f ch i n g, I mit herzlichen Worten die Anwesenden. Nach dem Gesang des M Weihnachtsliedes erfreuten zwei Damen des Schwimmvereins \ mit einer recht humoristischen Szene, die allseitigen Beifall V fand. Dann begann das übliche Tänzchen, dessen Pausen durch humoristische Einlagen eines Mitgliedes angenehm verkürzt wurden. In der Gewißheit, ein paar recht angenehme Stunden verlebt zu haben, trennte man sich nach Mitternacht. Gut Naß!

Unterverbandstag des Preußischen Landkreistages.

Ein Unterverbandstag des Preußischen Landkreistages findet in Kassel am Dienstag, den 28. Januar, 9.30 Uhr, statt. Mit Rücksicht auf die Zeitumstände soll eine einfache Arbeitstagung stattfinden, und zwar in dem Saal des Ständehauses. Die k Tagesordnung umfaßt u. a. Neuwahl des Arbeitsausschusses, I Rechnungsablegung für das Rechnungsjahr 1928, Unterstützung des Landwegebaues durch den Bezirksverband an Hand einer 8 vom Arbeitsausschuß vorzulegenden Denkschrift (Berichterftat- I ter Lanörat Kaiser-Hanau), Gründung von Kreiswohnungs- I baugesellschaften (Berichterstatter Direktor Zimmerle der Hessi- P schen Heimstätte in Kassel). Schluß der Tagung etwa um I 5.30 Uhr.

Hauszinssteuerhypotheken zum Wohnungsbau.

t Die zuständigen Minister haben jetzt die neuen Grundsätze I bekannt gegeben für die Vergebung von Hauszinssteuerhypothe- I fen für Wohnungsbauten, die im Jahre 1930 errichtet werden sollen. Die Grundsätze schließen sich in der Hauptsache den oor» jährigen Richtlinien an. Neu ist vor allem die Bestimmung, am 1. April 1930 die Tilgung derjenigen Hauszinssteuer- bypdtheken zu beginnen hat, die im Rechnungsjahre 1924 be« E billigt und bis einschließlich 1. April 1925 völlig zur Auszah- t lung gelangt sind. Für die nach dem 1. April 1925 ausgezahl- I ton Hau szi nssteuerHypotheken ist von einer Tilgung für die I ersten fünf Jahre von dem auf die Auszahlung der Schlußrate 1 folgenden 1. April und 1. Oktober eines Jahres ab abzusehen. W Weiterhin bestimmen die neuen Richtlinien, daß eine Herab- I Mung des Zinssatzes für die Hauszinssteuerhypothek von 3 s Prozent auf 1 Prozent hinfort nur noch zulässig sein soll, wenn I M aus der Gesamtbelastung des Neubaues eine Miete ergibt, I die 150 Prozent der Friedensmiete für entsprechende Altwoh­nungen überschreitet,

Oberaula, 6. Jan. (Eroßfeuer auf einem Gut.) Im benach­barten Hausen brannten am Samstag die Gebäude des Euts- pächters Kollmann, Schnapsbrennerei, Scheunen und Stallungen, fast vollständig nieder. Die aus der ganzen Gegend herbeige­eilten Feuerwehren standen dem Feuer machtlos gegenüber. Das Vieh konnte gerettet werden. Als Brandursache wird Kurzschluß angenommen. Der Schaden beträgt etwa 100 000 Mark und ist teilweise durch Versicherungen gedeckt. Besitzer des Gutes ist Freiherr von Dörnberg.

Eschwege, 6. Jan. Aus unbekannter Ursache entstand im Nachbardorfe Wipperode ein Feuer, das sich außerordentlich schnell ausdehnte und die Wirtschaftsgebäude, Stallungen und Scheunen zweier Landwirte mit großen Heu- und Strohvorräten und landwirtschaftlichen Maschinen vernichtete. Das Feuer griff auch auf zwei Wohnhäuser über, die jedoch durch die tatkräftige Bekämpfung der Orts- und Nachbarwehren gerettet werden konnten, aber durch die Flammen und die Wassermassen starke Beschädigungen erlitten.

Eschwege. Für die Standesbeamten der Kreise Eschwege und Witzenhausen wurde im Bergschlößchen zu Niederhone ein Fmt- bildungskursus abgehalten. Die Einrichtung dieser Kurse ist auf Anregung des Regierungspräsidenten erfolgt. Dr. Knost von der Regierung in Kassel sprach in lehrreichen Ausführungen über die Aufgaben der Standesbeamten und verbreitete sich über eine Reihe von Fällen, wie sie in der täglichen Praxis der Standesbeamten vorkommen und die von den Beamten eine be­sondere Schulung verlangen. Weitere Vorträge hielten Regie- rungsinspektor Stiller und Stadtamtmann Wienhold. An die Vorträge schlossen sich lebhafte Aussprachen an. Das Fest der goldenen Hochzeit feierten die Eheleute Martin Franke und Frau Katharina geb. Nöding von hier. Der Jubilar war früher 36 Jahre lang bei der Militärbehörde in Kassel beschäftigt.

Sontra. Einen schweren Unfall erlitt die Ehefrau des Schneidermeisters Hossommer von hier. Beim Reinigen des Treppenhauses wurde sie plötzlich von einem Schwindelanfall be­fallen. Dabei stürzte sie die Treppe hinab und blieb aus ver­schiedenen Wunden blutend besinnungslos liegen. Es wurde sofort ein Arzt herbeigerufen, der einen schweren Schädelbruch sowie andere äußere und innere Verletzungen feststellte.

Kassel, 6. Jan. (Rund 800 000 Mark Fehlbetrag bei Gebr. Zahn.) In der am Samstag abgehaltenen Gläubigerversamm- lung des Bankhauses Gebrüder Zahn wurden die Verpflichtun­gen des Bankhauses mit 1 197142 Mark, das Vermögen mit 399 708 Mark angegeben, so daß ein Fehlbetrag von 797 434 Mark verbleibt. In den den Inhabern gehörigen Grundstücken sind trotz starker Hypothekenlast noch Rücklagen vorhanden, so daß mit Sicherheit auf eine Quote von 60 bis 70 Prozent zu rechnen ist. Die Eläubigerversammlung stimmte einem gericht­lichen Vergleich zur Abwendung des Konkurses zu.

jre Zeiten

nicht von selbst. Sie müssen erarbeitet oder durch wirksame Zeit mittel herbel- getührt werden. Die zweck­entsprechendste Reklame für jedes Spezialgebiet erfolgt

durch ein Inserat

In demAnzeiger.

Kirchhain, 5. Jan. (Vom Rotviehzuchtverband.) Der Rot­viehzuchtverband beschloß in seiner Generalversammlung an der großen Landwirtschaftlichen Ausstellung in Köln im Mai d. J. sich zu beteiligen und sieben Tiere hinzuschicken, wovon die mei­sten aus dem Kreise Kirchhain genommen werden sollen. Die 1800 Mark betragenden Kosten übernimmt der Verband, dem die Kreise Marburg, Kirchhain, Frankenberg und Wolfhagen angehören mit einem Mitgliederbestände von' 641 Züchtern. In das Herdbuch sind 81 Bullen und 982 Kühe eingetragen. Der Ankauf von Zuchttieren seitens der Gemeinden und Privaten erfolgt mit Vorliebe auf den vom Verbände angesetzten öffent­lichen Viehversteigerungen.

Marburg, 6. Jan. (Kommunales aus Marburg.) Wie Oberbürgermeister Müller in der ersten Sitzung des neugewähl­ten Magistrats mitteilte, steht in Aussicht, daß der Voranschlag 1929 nicht überschritten worden dürfte. Abgesehen von einer Anleihe von 500 000 Mark lägen die anderen Anleihen auf meh­rere Jahre fest. Der für den Stadtteil Weidenhausen beschlos­sene Straßen- und Bebauungsplan hat Rechtskraft erlangt. Für das mit dem Sitz in Marburg neugegründete Forschungsinsti­tut für Kunstgeschichte würden ab 1. April Mittel in den Haus- Haltsplan eingestellt.

Bad Nauheim, 5. Jan. (Fusion Landgräfl. Hesiische conc. Landesbank Dresdner Bank.) Die Landgräfl. Hessische conc. Landesbank, die schon seit Jahren dem Konzern der Dresdner Bank angehört, hat auf den 28. d. M. eine außerordentliche Generalversammlung einberufen, die über die Fusion der Bank mit der Dresdner Bank beschließen soll. Die Geschäfte der Landgräfl. Hesiischen conc. Landesbank in Bad-Rauheim und Bad Homburg werden als Niederlassungen der Dresdner Bank unverändert weitergeführt.

Hanau, 4. Jan. (Tödliche Brandverletzungen.) In Groß- Auheim war das zehnjährige Töchterchen des Arbeiters Götz in der elterlichen Wohnung allein gelassen worden. Dort hatte es mit den Lichtern des Christbaums gespielt und dabei Feuer gefangen, sodaß es bald in hellen Flämmen stand. Das Kind wurde ins Hanauer Landkrankenhaus gebracht, wo es starb.

Frankfurt a. M^ 5. Jan. <Wegen Defertation festgenommen.) Ein ehemaliger französischer Besatzungsangehöriger, der sich in Deutschland naturalisieren ließ und auch eine Deutsche zur Frau nahm, fuhr am Freitag von Frankfurt nach Königstein, um von den Mietern seines in Königstein gelegenen Hauses die fällige Miete zu erheben. Dabei kam es anscheinend zu Meinungsverschiedenheiten, welche das Eingreifen der Polizei zur Folge hatten. Elechzeitig erschien von Höchst aus die fran- zäsische Gendarmerie, die an dem Helden der'Geschichte ein leb­haftes Interesse nahm. Sie nahm ihn wegen Defertation fest, setzte ihn aber nach Kenntnisnahme seiner deutschen Staats­angehörigkeit wieder in Freiheit, um ihn später nach einem gemeinsamen Glas Bier am Bahnhof erneut zu verhaften. Die Gründe hierfür sind unbekannt.

Frankfurt a. M., 6. Jan. (Ueberführter Briefmarder im D- Zug.) Wenn abends der D 44 vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Basel rauscht, dann haben die Postbeamten in den beglei­tenden Postwagen alle Hände voll zu tun. Es strömt hier die Briefpost aus dem ganzen Norden des Reichs zusammen, die nach dem Süden Deutschlands und Frankreich und Italien gehen soll. In Frankfurt gehen dem D 44 rund 39 Kartenschlüsse zu, die unterwegs nach komplizierten Leitvorschristen zu ordnen sind. Unterwegs kommen dann weitere vierzig Kartenschlüsse hinzu, so daß im Eiltempo das Sortiergeschäft zu erledigen ist. Die Zahl der zu verarbeitenden Einschreibebriefe erreicht allein ist dieser Bahnpost die Höhe von durchschnittlich 2500 Stück. Der

Zug verläßt Frankfurt eine halb« Stunde vor Mitternacht und trifft morgens in Basel' ein. Der Postler sucht dünn sein Lo­gis in Basel auf, ruht sich aus und tritt nach zwölf Stunden vom Schweizer Bahnhof die Rückfahrt in einem Postwagen an. Die Ankunft erfolgt auf dem Baseler Bahnhof. Hat der Post­beamte Gepäck, so stellt er die Tasche mit einem Plakat versehen in den Postbeiwagen, dann wird sie ihm vom Baseler zum Schweizer Bahnhof befördert. Bis zum Vorjahr war es Vor­schrift, daß die Einschreibebriefe in der Bahnpost gezählt werden mußten, jetzt besteht diese Vorschrift nicht mehr, und das bedeu­tet eine Arbeitserleichterung für die Beamten. Die Briefver­luste find seitdem aber in die Höhe gegangen. Die PostbehLrde weiß, daß Briefe gestohlen werden und sucht die Diebstahle mit allen Mitteln zu bekämpfen. Wie kompliziert das Vorgehen ist, einen Täter zu entlarven, ergab sich aus einer Darstellung des Postinspektors Keim in einer Verhandlung vor dem Großen Schöffengericht gegen den Oberpostsekretär Alwin Anschütz. Die Postpolizei registriert genau jeden in Verlust geratenen und ge­meldeten Brief, und es bestehen Listen, die ausweisen, welches Personal mit solchen abhanden gekommenen Briefen in Berüh­rung gelangte. Von Anschütz ließ sich feststellen, daß er in vier­zehn Monaten beim Verschwinden von 52 Einschreibebriefen im Bahnwagen Dienst getan hatte, und daß ander« Beamte höchstens acht- bis neunmal dabei waren. Anschütz kam unter Beobach­tung und es wurde einem mitfahrenden Beamten Weisung ge­geben, auf ibn aufzupassen. Dieser Beamte gewahrte, daß An­schütz einmal zwei Briefe gesondert ins Fach stellte, und daß diese Briefe nachher verschwunden waren, als der Beobachter einmal kurz den Wagen verlassen hatte. Zweimal wurde Anschütz bei seiner Ankunft aus der Schweiz überwacht. In dem einen Fall ließ sich feststellen, daß er erst ein Bierlokal aufsuchte unb sich dann in den Abort im Hauptbahnhof begab, um dann ein Kaffee in der Kaiserstraße aufzusuchen. In dem zweiten Fall ließ sich feststellen, daß er in einem Lokal auf der Kaiserftraße mit einer Frauensperson bekannt wurde, mit der er noch andere Lokale aufsuchte. Um den Verdächtigen zu überführen, wurden Fangbriefe verschiedener Kurse in den Verkehr gebracht. Es waren das versiegelte Bankbriefe, die Geld und Aktien ent­hielten und das Aussehen hatten, als seien sie von einer Bank eingeschrieben abgesandt worden. Einige dieser Briefe laute­ten auf Empfangsorte vor Freiburg. Die Briefe führte der in der Nacht zum 21. September abgebende D-Zug mit sich, in dem Anschütz tätig war. Vorher schon war Inspektor Keim nach Freiburg gefahren und orientierte sich von dort telefonisch bei den Empfangsstationen, ob die gekennzeichneten Briefe ein­gegangen waren ober nicht. Einige waren eingetroffen, andere nicht. Als der D 44 nach Freiburg kam, stieg Keim unerkannt ein und begab sich, als Anschütz in, Basel eben zum Aussteigen gerüstet dastand, zu dem Verdächtigen. Er fragte Anschütz, ob er heute Briefe durchgeschleppt habe, b. h. ob Briefe über die Be­förderungsstation hinausgefahren worden seien, was bei dem Trubel immer einmal vorkommt. Anschütz bejahte das Hinsicht«

lich eines Briefes, erklärte aber im übriaen. daß alles in Ord­nung sei. Keim unterzog nun die n 5 Km Kurs WeselChur sortierten Briefe einer Durchsicht, denn dort mußte sich einer der Fangbriefe befinden. Als er damit beschäftigt war, ging Anschütz merkwürdigerweise nach dem Beiwagen, um dort sein Gepäck hinzustellen. In dem Briefbeutel WeselChur fehlten zwei Briefe. Bei seinen Sachen hatte Anschütz eine Mappe mit Formularen, und dort fanden sich nicht weniger als fünf Ein­schreibebriefe drin, darunter die Fangbriefe. Alle Briefe ent» hielten Geld. Anschütz tat so, als wisse er nicht, wie die Briefe da hineingerutscht seien, und diesen Standpunkt hielt er auch in der jetzigen Verhandlung aufrecht. Er will die Formulare in ein Gefach gelegt haben, dort seien die Brief« wahrscheinlich hineingerutscht, ohne daß er es gewahrte. Die Briefe stammten aber dem Sortieren nach aus verschiedenen Gefächern und ein

tgbriefe. Alle Briefe ent» sie er nicht, wie die Briefe

solcher Zufall, wie er hier spielen sollte, war noch nie festge- stellt worden. Es wurde nun nach der Lebensweise des Ange­klagten geforscht, und man erfuhr, daß er sich in Basel einmal in einer Animierkneipe aufhielt und wacker zechte. Es ergab sich ferner, daß der Angeklagte ein Haus gebaut hatte, daß er Schulden hatte und mitunter plötzlich Zahlungen leisten konnte, deren Herninft er nicht nachzuweisen in der Lage war. Auch die jetzige Verhandlung brachte keine Aufklärung über die finan­ziellen Verhältniße. Nach stundenlanger Verhandlung gelangte das Gericht auf Grund der Feststellungen und der Indizien zu einer Verurteilung des Angeklagten wegen Amtsverbrechens, und zwar wurde auf 15 Monate Zuchthaus, 200 Mark Geldstrafe und drei Jahre Ehrverlust, sowie auf sofortige Verhaftung er­kannt. Erwähnt sei noch, daß in den 52 in Verlust geratenen Schreiben rund 10 000 Mark enthalten waren.

Frankfurt a. M^ 6. Jan. (Zum Zusammenbruch der Haus­rat G. m. b. H. Frankfurt tritt dem Beschluß des Landesaus­schusses bei.) Der Magistrat beschloßen der Frage der Regelung d«r Verhältnisse bei der Hausrat E.mb.H. grundsätzlich dem Beschluß des Landesausschusses Wiesbaden vom 28. Dezember beizutreten unter der Bedingung, daß das Vergleichsverfahren zustande komme.

Frankfurt a. M., 3. Jan. (Errichtung des Einheitsverban­des der landwirtschaftlichen Genossenschaften.) Die Einigungs­kommission der Organisationen des landwirtschaftlichen Ge­nossenschaftswesens hatte bekanntlich in Frankfurt a. M. am 19. Juli 1929 die Verhandlungen über die Bildung des Ein- Heitsverbandes zu Ende geführt. Inzwischen sind von sämt­lichen beteiligten Organisationen die Zustimmungserklärungen zu den Frankfurter Beschlüssen erteilt und die zur Auflösung der Verbünde nötigen Vorbereitungen abgeschloßen worden. Die Auflösung des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaft­lichen Genosienschaften wird am 12. Februar im Rahmen eines nach Berlin einberufenen außerordentlichen deutschen landwirt­schaftlichen Eenossenschaftstages beschloßen werden. Am glei­chen Tage wird auch der Generalverband der deutschen Raiff- eisengenosienschaften auf einem außerordentlichen Generalver- bandstag seiner Auflösung zugeführt. Am 13. Fehruar 1930 wird dann in Berlin in Form einer geschäftlichen Tagung die Errichtung des Einheitsverbandes, der den Namen:Reichs- verband der deutschen landwirtschaftlichen Genosienschaften Raiffeisen" führen wird, stattfinden.

Frankfurt a. M 5. Jan. (Auflösung des Frankfurter Zi­geunerlagers?) In letzter Zeit sind verschiedentlich Gerüchte aufgetaucht, wonach das Frankfurter Zigeunerlager am Heili- genftock aufgehoben werden soll. Wie jetzt verlautet, soll die Re­gierung in Wiesbaden tatsächlich die Auflösung des Lagers ver­langt haben, und zwar wegen schwerer Mißstände, die sich bei einer Besichtigung durch Vertreter der Regierung Herausgestellk haben. Die Stadt Frankfurt bat jedoch nicht bie Absicht, ohne weiteres dem Verlangen der Regierung nachzukommen, und es schweben bereits Verhandlungen zwischen der Stadtverwaltung Frankfurt und dem Regierungspräsidenten über diese Frage. Sollte aber die Wiesbadener Regierung auf ihrem Standpunkt beharren, so ist die weitere Existenz des Lagers gefährdet. In diesem Falle wäre damit zu rechnen, daß sich in der Nähe der Stadt neue Zigeunernioderlassungen bilden würden.

Wiesbaden, 4. Jan. (Fürstenhochzeit in Wiesbaden.) Graf Merenberg, der Sohn des Prinzen Nikolaus von Nasiau, der auch der letzte Neffe des alten Herzogs von Nasiau ist, hat sich in Wiesbaden in zweiter Ehe mit Fräulein Brambeer ver­heiratet.

Bad Homburg, 6. Jan. (Tagung des Landesverbandes Hes- sen-Nassau-Waldcck des V. D. A.) Am Sonntag und Montag hielt der Verein für das Deutschtum im Ausland, Landesver­band Hesien-Nasiau und Waldeck, in Bad Homburg seine Jah­reshauptversammlung ab. Das erste Beratungsthema war die Durchführung der VDA-Arbeit in den Schulen. Nicht Selbst­zwecke, sondern Mitel zum Zweck soll die Schulgruppenbewe­gung des VDA. sein. In den höheren Schulen hat sich der VDA-Gedanke gut durchgesetzt, weniger in den Volksschulen. Will aber der VDA. eine wirkliche Volksbewegung sein, so muß er auch die Volksschulen durchdringen. Das soll künftig erreicht werden, indem man derartige Schulgruppen zu größeren Arbeitsgemeinschaften zusammenfaßt. Hierbei sollen keine finan» ziellen Ziele verfolgt werden, sondern im Vordergrund soll der Volkstumgedanke stehen. Es sollen persönliche Beziehungen zwischen den inlands- und auslandsdeutschen Schülern ange- knüpft werden durch Briefwechsel, Wanderfahrten usw., ferner auch durch Vüchersammlungen. In diesem Jahre konnte der Landesverband an seine Betreuungsgebiete Banat (Ungarn) und Siebenbürgen je etwa 50 Büchereien abführen, Jm abge-

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