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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
Zul-a- und Haunetal >Zulöaer Kreisblatt
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Fulda, Donnerstag, 2. Januar
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7. Jahrgang
Die Losung im neuen Jahre:
„Ar Vaterland öder den Parteien"
HindenSllra an das deutsche Volk.
Der französische Botschafter de Margerie, der als rangältester Botschafter dem Reichspräsidenten die Glückwünsche des Diplomatischen Korps zum Ausdruck brachte, erklärte: Als Zeuge des geradezu heroischen Eifers, mit welchem der hervorragende Vertreter Deutschlands im Nate der Völker sich trotz drückender Krankheit so lebhaft dauerndem Suchen nach friedlichen Vereinbarungen und Lösungen gewidmet habe, wünsche das Diplomatische Korps, die Gefühle der Trauer heute erneut zum Ausdruck zu bringen. Heute, wo an der Schwelle des neuen Jahres die Lösung so vieler Fragen gesucht werde, die für den Wiederaufbau der Welt und ihre glückliche Weiterentwicklung auf den Bahnen der Eintracht, Gerechtigkeit und allgemeinen Wohlfahrt von hoher Bedeutung seien, vereinige das Diplomatische Korps sich vor der ehrwürdigen Person des Reichspräsidenten in berechtigten, durch keine Schwierigkeiten zu erschütternden Hoffnungen.
Der Reichspräsident dankte dem Botschafter u. a. für die Glückwünsche und für das Gedenken an Dr. Stresemann.
Das deutsche Volk hege die Zuversicht, daß die Arbeit des letzten Jahres mit Erfolg im neuen fortgesetzt werden werde. Deutschland kann, so führte der Reichspräsident aus, seine Aufgaben im Kreise der Nationen nur dann erfüllen, wenn es politische Freiheit und wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeit hat. Die Ruhe und Sicherheit der Welt, die wir alle wünschen, haben politische Gleichberechtigung und wirtschaftliche Gesundheit aller Staaten zur Voraussetzung.
In der Hoffnung, daß dieses Ziel erreicht wird, spreche ich Ihnen im Warnen des deutschen Volkes und im eigenen Namen meine aufrichtigsten und herzlichsten Neujahrswünsche aus.
Im Anschluß daran empfing der Reichspräsident den Reichskanzler, die Reichsminister und die Staatssekretäre der Reichsregierung. Der Reichs- kanzler entbot dem Reichspräsidenten die Glückwünsche der Reichsregierung. Mit dem deutschen Volke, so führte er aus, hofft die Reichsregierung, daß auch im neuen Jahre Ihnen Gesundheit und Wohlergehen beschieden sem mögen. Im Mittelpunkt unserer politischen Arbeit staub im vergangenen Jahre das Ringen um die endgültige Gestaltung der für Deutschland durch den verlorenen Krieg zu tragenden Lasten.
In diesen Erörterungen ist btt Räumung der zweiten Zone des besetzten Gebietes vor dem vertragsmäßig festgesetzten Termin erreicht worden. Die dritte Zone soll spätestens am 30. Juni d. J. von den Besatzungstruppen geräumt und
damit Deutschland wieder frei werden.
Im Zusammenhang mit der vorgesehenen Aâichte- rung unserer Lasten bat die Reichsregierung eine R e t ch finanzreform in Angriff genommen unb dazu de Grundzüge eines umfassenden Programms vorgelegt. ~ie Erledigung dieser Aufgaben wird nach Abschluß Haager Verhandlungen die vordringlichste Sorge de Reichsregierung sein. .
Der Reichspräsident dankte dem Reichskanzler für die Glückwünsche und erwiderte sie mH den besten Wünschen für den Erfolg der Arbeit.
Wenn alle die schweren Fragen so gelost werden sollen, so führte der Reichspräsident aus, wie es das Wohl unseres Vaterlandes und die Verantwortung ^ur dessen Zukunft fordern, dann müssen Parteigeist und 'Peress. Politik hinter die großen vaterländischen Gesichtspunkte zurückgestellt werden und die Lebensfragen un ce^ Volkes uns zu einer breiten einheitlichen Front zusammen- schließen. Ich spreche daher in dieser Stunde erneut die Mahnung aus, daß
noch über den Parteien das Vaterland stehen muß. Wer entschlossen Hand mit anlegt und mitarbeitet an den Aufgaben der Gegenwart und am Ausbau
Errichtung -«« landwirtschastlichen Einheitsverbandes.
Die Vereinheitlichung des Genossenschaftswesens
Die Einigunaskommission der Organisationen des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens hatte bekanntlich in Frankfurt a. M. am 19 Juli 1929 die Verhandlungen über die Bildung des EMheitsverbandes zu Ende geführt. Jn- zwischen sind von sämtlichen beteiligten Organisationen die Zustimmungserklärungen zu den Frankfurter Beschlüssen erteilt und die zur Auflösung der Verbünde nötigen Vorbereitungen abgeschlossen worden. Die Auslösung des Reichs- Verbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossen- schäften wird am 12. Februar im Rahmen eines nach Berlin cinberufenen außerordentlichen Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaftstages beschlossen werden Am gleichen Tage wird auch der Generalvcrband der Deutschen Raisseisen- G e » 0 s s e -I s ch a s t e n auf einem außerordentlichen General- Verbandstag seiner Auflösung die endgültige Zustimmung er- teilen. Der Genossenscha tsverband des Reichstandbundes bat bereits am 1. Oktober 1929 seine Auslosung durchgeführ' Am I3. Februar 1930 wird dann in Berlin in Form einer gescbäst-> liehen Tagung die Errichtung des E i n h e i t s v e r. van deö, der den Namen -Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften-Raisfeise» führen wird, stattfinden.
der Zukunft, der handelt wahrhaft national. Tag oas neue Jahr solche Erkenntnis festigen möge, ist heute mein
treuer Wunsch! „
Hierauf brachte das R e i ch s t a g s p r a 1 l d i u m dem Reichspräsidenten die Glückwünsche des Reichstages dar Anschließend erschien eine Abordnung des Rei ch s - rats, die die Glückwünsche des Reichsrats ausiprach.
Wortlaut der Grüße an Heer und Marine.
Die schon bekanntgewordenen zu Neujahr ergehenden Grüße des Reichspräsidenten, des Reichswehrministers und der Träger der Befehlsgewalten wurden im Heeresverordnungsblatt bekanntgegeben und gliedern sich wie folgt:
Hindenburg an die Wehrmacht:
„Der deutschen Wehrmach'., Reichswehr und Reichsmarine, entbiete ich zum Jahreswechsel meine herzlichsten Glückwünsche. Tut weiterhin in Gehorsam und treuer Pflichterfüllung eure Schuldigkeit. Der Reichspräsident, gez. b. Hindenburg."
Reichswehrminister Gröner an die Reichswehr:
„Allen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften, Beamten, Angestellten und Arbeitern wünsche ich ein gutes neues Jahr. Schwere Entscheidungen im Innern und nach außen hin stehen dem deutschen Volke bevor. Über dem Streit des Tages, über Klassen und Ständen, über politischen Parteien und Bünden dienen wir allein dem Staat, der Deutschen Republik. Das Reich zu schützen und zu erhalten war und bleibt erste Ausgabe der Reichswehr. Diese Aufgabe fordert Zusammenstehen im Glauben und im Wollen. Je wirrer die Zeiten, um so fester die Wehr! gez. Gröner, Reichswehr- minister.*
General Heye an das Reichsheer:
„Allen Aligehörigen des Reichsheeres meinen Tank für die Arbeit im vergangenem Jahre und ein bei Hiebes Glü kauf für 1930. In Gehorsam und Vertrauen ruht die Kraft der Arnie«. Auf diesem Fundament wollen wir im neuen Jahre weiterbauen. gez. Heye, General der Infanterie und Chef der Heeresleitung."
Admiral Räder an die Reichsmarine:
„Beim Jahreswechsel spreche ich allen Allgehörigen der Reichsmarine meinen Dank für treue Mitarbeit und meine besten Wünsche für dgs neue Jahr aus. Selbstlose Pflichterfüllung und treue Kameradschaft sollen auch im neuen Jahre unsere Leitsterne sein im Dienste für unsere geliebte Waffe, für unser Volk und Vaterland, gez. Räder, Admiral Dr. e. h., Chef der Marineleitung."
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Dr. Curtius, Robert Schinidt und Dr. Hilferding beim Reichspräsidenten.
Der Reichspräsident empfing am Silvestertage den Reichsminister der Finanzen a. D. Dr H i l f e r d i n g in Abschiedsaudienz. Er nahm anschließend den Antrittsbesuch des neuernannten Reichswirtschaftsministers R 0 b e r t S ch m i d t entgegen. Später empfind der Reichspräsident den Reichsminister des Auswärtigen, Dr Curtius, zum Vortrag.
Oeutsch-öfterreichische Neujahrswünsche.
Anläßlich des Jahreswechsels hat zwischen dem Reichspräsidenten und bem österreichischen Bundespräsidenten ein Telegrammwechsel statl- gefunden. Das Telegramm des Reichspräsidenten hatte folgenden Wortlaut:
„Zum Jahreswechsel spreche ich Ihnen, Herr Bundespräsident, meine wärmsten und herzlichsten Glückwünsche für Ihr persönliches Wohlergehen aus. Hiermit verbinde ich die aufrichtigsten Wünsche für die Zukunft Österreichs. Reichspräsident von Hindenburg."
Bundespräsident Miklas drahtete:
„An der Schwelle des neuen Jahres bitte ich Euer Exzellenz für Ihre Person und Ihre Familie, aber auch für das Wohlergehen des ganzen deutschen Volkes meine innigsten Glückwünsche entgegenzunehmen. Mit diesen Wünschen verbinde ich die Hoffnung, daß es dem deutschen Brudervolke vergönnt sein möge, auch im kommenden Jahr auf dem Wege wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung in gleicher Weise wie bisher machtvoll fortzuschreiten. Bundespräsident Miklas."
Sie rätselhafte Papageienkrankheit.
Weitere Erkrankungen in Altona und in Wien.
Die Papageienkrankheit ist nunmehr auch in Altona in s e ch s F ä l l e n festgestellt worden. Im Altonaer Krankenhause sind in den letzten vier Wochen Kranke zur Beobachtung gekommen, die Erscheinungen von Lungenentzündung zeigten, aber in ihrem allgemeinen Verhalten so eigentümlich waren, daß das Bild mit keinem der Bilder übereinstimmte, die die verschiedenen Formen von Lungenentzündung aufweisen. Die Annahme der Ärzte, daß hier eine neue Krankheit vorliege, hat sich dahin bestätigt, daß es sich in der Tat um die „Papageienkrankheit" handele.
Auch in W i e n hat sich ein Fall von Papageienkrankheit ereignet. Der 53jährige Marktfahrer Pawelka ist vor einigen Tagen gestorben. Es wurde festgestellt, daß dieser Mann, der auf den Märkten durch Papageien Schicksalszettel ziehen ließ, sich dadurch ansteckte, daß er mit demselben Löffel, mit dem er das Tier fütterte, Spei- sen einnahm. Der Vogel ist ebenfalls eingegangen. An alle Papageienbesitzer wird eine Aufforderung zur Vorsicht gerichtet.
Zum Anfang.
Das neue Jahr hat nicht bloß auf den — Silvester- feiern sozusagen „mit Pauken und Trompeten" eingesetzt, sondern dieses Konzert erhält schon am dritten Tage in der Eröffnung derHaagerKonferenz eine Fortsetzung, die sich vielleicht schon sehr bald zum Fortissimo steigern kann. In Paris, in Brüssel und in London hat man die Instrumente, die man im Haag spielen will, bereits mehr aus ausgiebig geprobt und aufeinander abgestimmt. Angeblich hat man es recht eilig, weil ja — als zweites Konzert — die Tagung des Völkerbundrates in Genf am 10. Januar anheben soll. Und dann kommt im Januar auch noch die „Konferenz zur Vorbereiung der S e e a b r ü st u n g", auf der möglicherweise der deutsche Panzerkreuzer „A* wie ein Geisterschiff auftauchen wird.
Leider haben die innenpolitischen Auseinandersetzungen am Endes des Jahres 1929 die Augen doch zu sehr von dem überaus großen Ernst der deutschen Lage auf der nun anhebenden Haager Konferenz abwenden lassen. Jene rein innenpolitisch gemeinten und auch so aufgefaßten Differenzen trugen allzuviel dazu bei, das Bewußtsein dafür, daß Deutschland unmittelbar vor Entscheidungen allerwichtigster Art steht, saft zu tilgen. Von dem Primat ver Außenpolitik, wie er doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, war — und ist — wenig zu spüren und die „quereiles d’Allemand*, wie sie der Franzose spöttisch nennt, der Streit um Spitzfindigkeiten, füllte das politische Treiben und Debattieren fast restlos aus. Nicht, durchaus nicht zum Nutzen Deutschlands.
Aber außer den vielleicht recht mißtönenden politischen Liedern, die man in Deutschland sang und singt, außer denen, die wir auf der Haager Konferenz möglicherweise zu hören bekommen, singt uns auch das Schicksal gerade jetzt ein immer härter klingendes Lied: das Heer der Arbeitslosen wächst mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit, hat die 2-Millionen-Grenze erreicht und — diese Ziffer wird kaum eine Grenze bilden. Wir gehen ja erst hinein in den „Winter unseres Mißvergnügens" und noch steht es in trostloser Erinnerung, wie hart uns der vergangene Winter mitgefpiett hat. Und damals war die Wirtschaftskonjunktur noch längst nicht auf einen derart bösen Stand gesunken, wie er heute leider nur allzu deutlich sichtbar wird.
Ernst, sehr ernst also ist für Deutschland die politische, die wirtschaftliche, die finanzielle Lage. Die neuen Männer im Reichsfinanz- und im Reichswirtschaftsministerium werden unmittelbar vor die Aufgabe gestellt, auf der Haager Konferenz dafür zu sorgen, daß die auf Deutschlands Nacken gelegte Last nicht untragbar schwer wird. Und wenn die Auseinandersetzungen mit den Gläubigerstaaten beendet sind und hoffentlich zu einigermaßen erträglichen Abmachungen geführt haben, dann wird namentlich Dr. Moldenhauer, der neue Reichsfinanzminister, zeigen können, ob der „Optimismus der Tat", von dem er bei der Begrüßung der Beamten seines Ministeriums gesprochen hat, meb( ist als ein — Wort. Oder mehr als ein — Wunsch. Ob dieses optimistische Wollen dann auch wirklich zur Tat wird, wenn es sich darum handelt, die beiden Hauptaufgaben in seinem Ministerium — Sanierung der Reichskassenlage und Steuer-und Finanzreform — anzupacken. Nötig hat Moldenhauer diesen Optimismus ebensosehr wie seine Kollegen; denn Sorgen haben sie an sich schon genug.
Für die Entscheidungsstunden Deutschlands sind teilweise neue leitende Männer bcreitgestellt worden. Ob sie sich bewähren werden, kann erst die Zukunft lehren. Sofort werden sie der schweren Feuerprobe einer internationalen Konferenz von größter Bedeutung unterworfen — und es wird sich zeigen, ob der „Optimismus der Tat" auch zu wirklichen Erfolgen führt.
Generaloberst Heye.
General Heye, der Chef der Heeresleitung, ist mit Wirkung vom 1. Januar 1930 zum Generalobersten befördert worden.— Beim Ausscheiden des Generalobersten -^ 0 n Seeckt im Oktober 1926 wurde der damalige Generalleutnant Heye zum Chef der Heeresleitung ernannt und zum General der Infanterie befördert.
Trauerfall im Vatikan.
Rom. Hier verstarb plötzlich Graf Ferno Ratti, der Bruder des Papstes. Der Graf war vor zwei Tagen erkrankt; seine Frau und sein Sohn weilten an seinem Krankenlager. Auf die Nachricht von seinem Hinscheiden eilten sofort Abgesandte des Vatikans an das Totenbett des Grafen Ratti.
Rom, 2. Jan. Anläßlich des Todes des Bruders des Papstes wurden die Audienzen im Vatikan unterbrochen. Der deutsche Botschafter beim Vatikan und der französische Botschafter erschienen, um einen Kondolenzbesuch abzustatten. Die Beisetzungsfeierlichkeiten finden heute vormittag in der Kirche Santa Maria degli Angeli statt.
Kleine Zeitung für eilige Leser.
* Anläßlich des Jahreswechsels wurden am Neujahrstage in Berlin bedeutsame politische Ansprachen gehalten.
* Bei einer Brandkatastrophe in einem Kino in Paislen (bei Glasgows sind 72 Kinder getötet und über 150 schwer verletzt worden.
* Zwischen Deutschland und Frankreich ist ein Uebereinkom- mcn abgeschlossen worden, nach dem die weitere Liquidation deutschen Eigentums namentlich in den Kolonien eingestellt wird.
* Reichspräsident von Hindenburg hat wegen beleidigender Artikel, für die der nationalsozialisttsche Abgeordnete Göbbels verantwortlich ist, Strafantrag gestellt.
* In Moskau wurde wegen anderweitiger Beschuldigungen der Anhänger Trotzkis Bljumkin, der seinerzeit den deutschen Gesandten Grafen Mirbach ermordet hat, erschossen.