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Wöchentliche Pegleiterin -es Rheingauer Volksboten.

M 48.

Sonntag, den I. Dezember

1850.

Das Kirschenmädchen von Bingen.

(Fortsetzung.)

Ei, sagte er einmal, als ich dabei war, der Simpel meint, er,^ ,das schöne Lieschen. DaS soll er sich vergehen lassen! das Mädchen ist für mich; denn ich allein bin so reich wie sie, und so einen rußigen, lumpigen Schmied nimmt sie vol­lends nicht."

Jörg, das wurmte mir! Ich war in meiner Ju­gend ein gar hitzköpfiger Kerl, der sich nichts gefal­len ließ. Das wollte ich ihm vorhalten. Er hatte es gesagt, daran war kein Zweifel; denn Graßmann's Gretchen hatte mir's gesagt, das seitdem ich mit dem Lieschen ging, mich oft mit so trübem und trauri­gem Auge ansah, daß ich cs recht bedauerte. Ich durfte aber nicht verrathen. Wollte ich ihn stellen, so wich er mir aus. Aha, dacht' ich, lauf' du mir hin, wir begegnen unS an der Kirchweih' schon.

Der Winter ging mir herum, wie ein fröh­licher Sonntag. Ich sah Lieschen alle Tag zwei­dreimal am Brunnen und konnte mit ihr kosen; ich sah sie jeden Abend in unserm Hause, wie ihre Fin­ger den feinen Faden drehten und sie die frischen

Lippen berührte, das Garn zu benetzen. Wer war glücklicher, als ich?

So kam der Mai, und Du weißt, am ersten Sonntag im Mai ist unsere Kirchweih. Schon früh rotteten sich die Kirchweihburschen zusammen. Als auch ich imch dazu gesellte^machte der Mijes aller­lei Händel, mich wegzubeißen; aber die andern Bur­schen hatten mich viel zu lieb, als daß ihm das ge. langen wäre. Der Baum wurde aufgestellt und Lieschen half den Mädchen den Kranz machen, der oben daran hängt, voll Bändern und vergoldeten Eierschallen, die so schön aussehen. Als Sonn­tags Mittags drei Uhr war, zogen wir auf. Ihr heutzutage thut das selten mehr. Wir hielten's so: Wenn die Musikanten beim Bäcker angekommen wa­ren, so spielten sie einen schönen Marsch auf. Nun folgten die Kirchweihburschen mit Flaschen und mit Gläsern. Jedem, der uns begegnete, wurde einmal eingeschenkl. Zwei führten den Hammel, der aus- gtlooft wurVe, und trugen die^iste und die Nummer nebst einem Dintenfaß zum Einschreiben. Zuletzt kam der Bäcker. Der trug den vierleligen Weinkrug, auS dem unsere Flaschen immer neu gefüllt wurden. So zogen wir durch'S Dorf und auf dem Rückwege vor die Häuser der erwählten Mädchen. War einer