Einzelbild herunterladen
 

o+WS ^=®**»----

Wöchentliche Begleiterin des Nheingauer Volksboten.

^N 27. Sonntag, den 7. Juli 1850»

Der Selbstmord des Pfarrers.

(Dem Französischen nach erzählt von B, M.)

Die Glocken ertönten in einem kleinen Dorfe bei Aurerre. Sie verkündeten eine Todtenfeier, und eine gewisse Aufregung ließ sich ringsherum erkennen. Plötzlich wird, der junge Pfarrer des Dorfes gese­hen, wie er aus dem Pfarrhause tritt mit flammen" dem Auge und finsterer Stirne. Er durchschreitet die Menge, die vor der Kirche versammelt war, geht in denTempel und den Kirchendiener zur Rede stel­lend, fragt er ihn mit einem heiligen Zorne:Wer hat Euch den Auftrag gegeben, die Glocken zu läu­ten ? Für wen ordnet Ihr die Todtenfeier an? Für i wen dieses Begräbniß? Antwort!"

Herr Pfarrer, erwiederte der Diener zitternd . . . . es ist Johann Ludwig, Sie wissen . . . dieser arme Winzer ... Er ist gestorben . . . seine Frau ist heftig weinend gekommen . . . Ach, Herr Pfar­rer, wenn Sie dieselbe gesehen hätten . . es war herzzerreißend . . . Sie will, daß man ihren armen Mann beerdige!

Er ist todt ! entgegnete der Pfarrer . . . Sie will-, daß man ihn beerdige? Aber wissen Sie nicht, Meister Peter, wie er gestorben ist? . . Er hat sich getödtet, der Verruchte! ... Er hat der

göttlichen Gerechtigkeit getrotzt. . . . Fluch Dem, rvelcher ohne die Gnadenmittel der Religion stirbt! Fluch Dem, welcher von seiner eigenen Hand stirbt ! . . Sagt dem Glöckner, daß er heruntersteigt! . . . Kein Geläute, keine Todtenfeier! . . . Verscharrt in einen Acker die Reste des Ruchlosen, des Gottes­lästerers ! . . . Verschließt die Kirche und zerstreu diese Menge Atheisten, die sich nur zum Skandal und zum Aergerniß vor dem Hause GotteS versam­melt !"

Mit diesen Worten überschreitet der Pfarrer wie­der den Platz, indem er Bemerkungen deS Unwillens und des Zornes fallen läßt. Er schleudert grimmige Blicke um sich und kehrt zum Pfarrhause zurück. . . Die Glocken verstummen augenblicklich. Der Auf­regung im Dorfe folgt ein finsteres Schweigen. Ei- nigcGruppen bilden sich vor dem Hause Margarethens, der Wittwe des Winzers. Man spricht leise; meh­rere junge Leute erhitzen sich; die Alten rathen zur Klugheit; Margarethe steht an der Thüre und weint bitterlich mit ihren zwei kleinen Kindern.

Der Pfarrer hatte sich in sein Zimmer zurückge­zogen. Nahe am Kamine sitzend betrachtete er schwei­gend das Feuer und schien in tiefe Gedanken ver­sunken zu sein. Seufzer entschlüpften seiner Brust; auf einem schwarzen Tischchen, nahe bei ihm, lagen einige Bücher: sein Brevier, ein Hirtenbrief deS