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Volks-Botin.

Wöchentliche Begleiterin des Uheingauer Volksboten.

M 1«.

Sonntag, den 10. Mârz.

1850,

Cine Bauernhochzeit in Galizien.

(Fortsetzung.)

Endlich gegen 5 Uhr brach der Zug auf nach -der Küche im Nachbardorf. Zunächst begab man sich unter ein auf einem gewaltigen Schutthügel ste­hendes Kruzifix. Alles kniete nieder und der Ccre- monienmeister hielt eine religiöse Rede, deren leiden­schaftliche Beredsamkeit mich in Erstaunen setzte. Bei den polnischen Bauern ist eine imponirende Eloquenz gar nicht selten, sie äußert sich gewöhnlich bei Hochzeit - und Leichenzügen. Oft entwickelt der edelste, zottigste Kerl vor Kreuzen und Heiligenbil­dern, bei denen jeder Zug halt macht, ein rhetori­sches Talent, welches unsern ordinirten Kanzelrednern alle ihre Selbstgefälligkeit nehmen müßte, wenn das überhaupt möglich wäre.

Während der Trauungszug abwesend war, be­reitete man auf dem Schlosse den lieben Bauern eine Ueberraschung. Man holte ein frisches, eilf Monate altes Mutterkalb und zwei Schafe herbei und führte sie, nachdem sie der Gutsherr noch einmal besichtigt und tüchtig befunden hatte, in das Hochzeitshaus,

in welchem sich zur Stunde Niemand befand, als eine alte Frau, die das HochzcitSmahl rüstete. In dieselbe Stube, wo gerade die Tafel servirt wurde, führte man auch die drei Thiere und band sie an drei Pfähle fest, welche der Oekonom sehr ungenirt in den Fußboden des Zimmers einschlug.

Darauf erwartete der Oekonom den Trauzug, Endlich kam er zurück und Braut und Bräutigam starrten verwundert auf Kalb und Schafe. Da er­klärte der Oekonom mit Würde, daß das Kalb das Hochzeitsgeschenk des gnädigen Herrn, die Schafe das Hochzeitsgeschenk der gnädigen Frau seien, und erklärte es für höchst anständig, wenn sich das Brautpaar unverzüglich bedanken gehe. Neuer Zug der ganzen Hochzeitsgesellschaft nach dem Edelhofe, neues Beschenken des Brautpaares durch die Edel, leute, unter andern mit zwei preußischen Doppel­thalern. Darauf wieder inö Hochzeitshauö zurück; nach einer Weile folgte der Grundherr, seine Fa­milie und wir Gäste.

Ja, so weit äst es gekommen, der Edelmann ist ein Schmeichler der Bauern geworden; zwar versucht er diese Erniedrigung vor dem Auge des