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Zulöaer Anzeiger

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Nr. 305 1928

Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg Zulöa- und Haunetal »Julöaer Kreisblatt

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Fulda, Samstag, 29. Dezember

5. Jahrgang

Krisengerüchte um Poincarè.

Die Gegensätze im Kabinett lassen sich nicht mehr verhüllen.

Paris, 28. Dez. (Europaprrtz.) Die in letzter Zeit zutage getretenen Meinungsverschiedenheiten zwi­schen dem Ministerpräsidenten Psinrarè und den übri­gen Regierungsmitgliedern über die Erhöhung der parlamentarischen Diäten führten gestern im Senat zu Krisengerüchten, die groge Aufregung hervorriefen.

P 0 incar è selbst erklärte mehreren Freunden, er sei für die Abtrennung des aus die Diätenerhöhung bezüglichen Artikels und er werde, falls dieser Artikel doch angenommen werde, dem Präsidenten der Re­publik seine Demission überbringen. Im Laufe des Abends fand dann im Senatsgebäude eine Art offi­ziöser Kabinettsrat und anschließend daran eine län­gere Besprechung zwischen Poincarë und dem Finanz- minister Chiron statt, der bekanntlich vom Kabinetts- rat beauftragt worden ist, die Diätenerhöbung vor dem Parlament zu vertreten. Chiron teilte" später mit, die Schwierigkeiten seien in der Weise beigelegt worden, daß er vor dem Parlament nicht die Ver­trauensfrage stellen werde, so daß es jedem Minister überlassen bleibe, nach seiner Ueberzeugung zu stim­men, wie das in früheren Fällen, so z. B. bei den Abstimmungen über die Wahlrechtsreform, die Fran­kenstabilisierung und das freie Wahlrecht schon vor gekommen sei.

Die Eimgllngsformel.

Paris, 28. Dez. (WTV.) Nach den Wendblät- ""tern ist im Verlaufe eines Henre vormittag abgehal­tenen Kabinettsrates eine Formel gefunden worden, durch die eine Einigung innerhalb des Ministeriums , gesichert wurde. Der Finanzminister wird seinen An­trag über die Erhöhung der Abgeordnetenentschädi- I

HaL England seine Hand im Spiele?

K 0 WN 0, 28. Dez. (Tel.) Rach einer Msskauer Meldung aus Kabul wird in afghanischen Regiermtgs- kreisen zurzeit besonders die Tatsache erörtert, daß in der Zeit, in der die englische Mission sich in der Kampf­zone der Aufständischen befand, eine lebhafte Ver­bindung zwischen den Engländern und den Auf­ständischen bestanden habe.

Parker Gilberts Bericht wird voraussichtlich am Montag veröffentlicht.

cht. Berlin, 28. Dez. Es ist verständlich, daß man dies­mal mit großer Erwartung der Veröffentlichung des Be­richtes des Reparationsaasnten Parker Gilbert entgegen­sieht. Zuerst hieß es, daß die Veröffentlichung heute oder morgen erfolgen würde, wobei man jedoch auf den englt- chen Text angewiesen gewesen wäre. Jetzt aber verlautet, daß die Veröffentlichung auf Montag verschoben worden sei Die Bedeutung dieses Berichts wird dadurch noch ver­stärkt, daß Gilbert anscheinend auch diesmal wieder das zusammenfasiende Schlußkapitel selbst geschrieben hat und daß in diesem Kapitel die Besprechungen mit verwertet find, die der Neparationsagent in der letzten Zeit gehabt hat.

London, 28. Dez. (Europapretz.) Der Reporationsagent Parker Gilbert ist am Donnerstag an Bord des Dampfers Berenaaria" von Southampton nach den Vereinigten Staaten abgefahren. Er war am Mittwoch, von Paris kommend, in London eingetroffen.

2000 deutsche Kleinbauern in Südtirol enteignet.

Innsbruck, 28. Dez. (WTB.) Wie denInnsbrucker Nachrichten" aus Bozen gemeldet wird, werden durch eine Entscheidung des italienischen Ministerrates unter dem Titel von Meliorationen 1200 Hektar der sogenannten Etschaue den gegenwärtigen Beschern, etwa -MOfast^durch­weg deutschen Kleinbauern, abgenommen und Mitgliedern der Opera di Combattantt zu Siedlungs-Wecken -urteilt. Die Abfindungssummen für die bisherigen Besitz^ solle nickt einmal 50 Prozent des Grundverkehrsvreches lntra. aen Sollte her für Meliorationen enteignete Grund zur wirtschaftlichen Existenz der neuen Siedler nicht ausreichen, « SZ Xh dem bezügicken Dekret guter Kulturgrund be- nackbarter Güter im Enteignungswege herangezogen werden. _

Die neue B-rlch-rsuM »es siidamerU-nisch-n

Konflikts. âWLMZWZ lautende Noten übersandt, m b«. J " daß das Fort Vanguardia von boftmamsilnii 1 besetzt worden sei.

gung und Wohnungszulage vor dem Parlament ver­treten. Und wenn die Vorlage im Senat, dem Poin- caré als adftimmendes Mitglied angehört, zur Be­ratung kommt, wird PoincarL der Debatte nicht bei­wohnen und sich an der Abstimmung nicht beteiligen, woraus sich ergibt, daß die Regierung die Vertrauens­frage nicht stellen wird.

Ueber das neue Gesetz, das den Parlamentariern die Annahme von Aufsichtsratsposten verbietet, werde es zur Annahme einer vermittelnden Formel kommen, auf die sich Kammer und Senat eini­gen könnten. Die Hauptstreitfrage, die der Erhöhung der Diäten, scheint also keinen Anlaß mehr zu einem Konflikt innerhalb des Kabinetts geben zu sollen. Trägt man sich doch im Senat, um die Verabschiedung des Budgets für das Jahr 1929 vor dem 31. Dezember durch die Angelegenheit nicht in. Frage stellen zu lassen, mit der Absicht, die Zurückstellung der Frage bis nach Neujahr zu beantragen.

Verabschiedung des französischen Budgets im Senat.

wtb. Paris, 29. Dez. Der Senat hat in seiner Nachtsitzung die Beratung des Einnahine-Budgets beendet und das Gesamt- budget mit 278 gegen 17 Stimmen verabschiedet. Das Budget- Gleichgewicht auf Grund der Beratung des Senats stellt sich wie folgt: Einnahmen 45 452 806 778, Ausgaben 45 318 662 913, Einruchmcübcrschutz 134143 86d Fr. Das Budget geht nunmehr wieder an die Kammer zurück, da der Senat wesentliche Abände­rungen an der von der Kammer angenommenen Fassung vor- aenommeii hat. Di« Frage der öffentlichen Betätigung von JfoV^n&^^ Uebernahme von Aufsichts­ratpoften war vom Senat zurückgestellt worden. Die Regierung will die Beratuiig der entsprechenden Vorlage heute nachmittckg im Senat verlangen und nach Annahme durch den Senat bean­tragen, die entsprechenden Bestimmungen wieder in das Ein­

nahme-Budget aufzunehmen.

Englische Blätter über das Befinden des Königs.

wtb. Lands», 29. Dez.Daily Telegraph" berichtete, daß die in der letzten Woche fest gestellte Wendung zum Besseren im Befinden des Königs nicht im erhofften Maße angehalten habe. Der Zustand des Königs habe feinen Fortschritt gemacht, im besten Fall habe er sich gerade behauptet. Es habe beträcht­liche Perioden von Bewußtlosigkeit gegeben. LautDaily News" werden verschiedene Maßnahmen angewandt werben, möglicherweise eine Bluttransfusion, um den König über die augenblickliche kritische Periode hinwegzubringen.

Neuer Millionenbetrug in Nordfrankreich.

wtb. Lill«. 29. Dez. Beim Untersuchungsrichter sind von einer Reihe ton Landwirten Klagen wegen Betruges in Höhe von tnsgesan! t 2 Millionen Fr. gegen einen früheren Notar des De patten ents Lot-et-Ga rönne, der gleichzeitig Bürgermei­ster seiner Gemeinde mar, sowie gegen eine andere Persön­lichkeit unbekannter Herkunft eingegangen. Beide hatten in Lille vor einem Jahr eine Zweigstelle einer Gesellschaft ge­gründet, die sich namentlich mit Exportgeschäften nach Süd­amerika befaßte und ihren Sitz in Paris gehabt haben sollte. Die Betreffenden werden von der Polizei gesucht.

Feierlicher Empfang Udets in Paris.

Paris, 28. Dez. (Europapreß.) Der französische Aero­klub veranstaltete heute für den gegenwärtig; in Paris wei­lenden ehemaligen deutschen Kampfflieger Ernst Udet einen feierlichen Empfang. Die Teilnehmer gaben ihrer sport­lichen Bewunderung für den ehemaligen deutschen Kampf­flieger Ausdruck. Der Empfang gilt als eine Erwiderung für die freundliche Aufnahme des fanzösifchen Kampfflie­gers Fonck in Deuschland durch den Berliner Aeroklub im Ottober dieses Jahres.

Eine neue Bluttat in Marburg.

Marburg, 28. Dez. Donnerstag abend ereignete sich in Marburg eine neue schwere Bluttat. Der in den 20er Jahren stehende Student der Chemie Erich Schwerdtfeger. Sohn eines Universitätsprofessors, befand sich kurz vor 11 Uhr auf dem Heimwege, als er in der Moltkeftratzc einen jüngeren Mann erblickte, der sich in verdächtiger Weise zu schaffen machte. Schwerdtfeger trat hinzu, fragte den Unbekannten nach seinem Tun und forderte ihn, als er eine unbefriedigende Antwort erhielt, auf, ihm zur Polizeiwache zu folgen. Dieser Aufforde­rung kam der Fremde zunächst nach, wandte sich nach einigen Schritten jedoch gegen Schwerdtfeger, der sich zur Wehr setzte. Darauf zog der Unbekannte einen Revolver und gab einen Schutz auf Schwerdtfeger ab. der diesen in den Bauch traf und ihn zu Boden streckte. Der Verletzte mutzte in die Klinik ge­bracht werden. Sein Befinden war zunächst bedenklich, besserte sich jedoch im Laufe des Freitags. Als Täter kommt ein etwa 26 Jahre alter Mann in Frage, der vermutlich einen Einbruchs- verfuch unternahm. Die zunächst verbreiteten Gerüchte über eine politische Bluttat bewahrheiteten sich bei dieser Sachlage nicht. Mit den Ermittlungen ist ein Kriminalbeamter des Kasseler Polzeiprüsidiums betraut.

Zu den Problemen des Finanzausgleichs.

In der .Zeitschrft für Selbstverwaltung",- dem Organ des Deutschen uno Preußischen Landtreistages, verbreitet sich der be­kannte Landtagsabgordnete v. Eynern-Berltn grundsätzlich über die Frage des Finanzausgleichs. Er geht-ven dem Gedanken aus, dah zwischen den reichen und armen Gebietskörperschaften ein regelmäßiger Ausgleich Platz greifen mutz, damit jede ein­zelne in der Lage ist, die ihr zum Wohle der Bevölkerung ob­liegenden Aufgaben ohne steuerliche Uèbérlaftung zu erfüllen.

Aufgabenausgleich und Finanzausgleich stehen in gegensei­tiger Wechselwirkung. Der Aufgabenausgleich bedeutet stets eine Aendcrug der Zuständigkeit. Dah ein Geldausgleich zwi­schen den einzelnen Ländern notroenbig ist, ergibt sich aus fol­gender Ueberfickt über das durchschnittliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung. Im Jahre 1925 betrug:

der Reichsdurchschnitt in Preußen in Bayern in Sachsen in Hamburg in Bremen

in Mecklenburg-Strelitz in Waldeck

234 Mark, 224 Mark, 213 Mark, 307 Mark, 434 Mark, 453 Mark, 163 Mark, 122 Mark.

Der Verfasser geht dann in interessanten Ausführungen ans die Leistungsfähigkeit der Großstädte im Seraleim zu Klein­städten, Landgemeinden und Landkreisen ein, bespricht eingehend den Kostenausgleich innerhalb des Reiches und innerhalb ber Länder, den Schullâstenausgleick, die Polizeikostenregelung und den organisatorischen Ausgleich durch Zusammenfassung zu höhe­ren Kommunalverbänden. Ausgiebig wird gesprochen üoer den Derteilungsmatzftab nach dem kommunalpolitischen Existenz­minimum.

Abg. v. Epnern kommt zu der Schlußfolgerung, daß die bis­herige Verteilung der Steuererträge sowohl hinsichtlich der Höhe als auch des Systems änderungsbedürftig ist

Hessens Glückwunsch an Minister v. Guerard.

Darmstadt, 28. Dez. Staatspräsident Adelung hat an den Reichsminister 0. Guerard. dem Minister für die besetzten Ge­biete, folgendes Glückwunschtelegramm gerichtet:

Zu Ihrem 65. Geburtstag übermittle ich Ihnen, hochge­schätzter Herr Reichsminister, herzlichste Glückwünsche der hessi­schen Siaatstegierung und des hessischen Landes Ich füge meine persönlichen warmen Wünsche an. Möge Ihnen weiter­hin aus Ihrer verantwortungsvollen Tätigkeit als Reichs«*- kehrsminister und als Reichsminister für die besetzten Gebiete Erfolg und Befriedigung erwachsen, und möge Ihrem nackhal­tigen Bemühen, den unter ber Besetzung leidenden Gebieten Erleichterungen und Linderung der Not zu schaffen, ein voller- Erfolg beschicken sein." ,

Staatspräsident Adelung gratuliert. >

Darmstadt, 28. Dez. Staatspräsident Adelung hat dem Oberes Präsidenten der Provinz Hessen-Nassau Dr. h. c. Schwanker zu! seinem 60. Geburtstage in einem herzlich gehaltenen Schreiben! seine Glückwünsche übermittelt. Ebenso übermittelte er seine! Glückwünsche dem Professor Klunker-Frankfutt a. M., bem ver-' dienten Führer der Wohlfahttsbewegung, der gleichfalls bieferj Tage das 60. Lebensjahre vollendete.

Die Grundursachen der schwierigen Lage der deutschen Kartoffelwirtschaft.

Von Fritz Hinrich Kern, Berlin-Schöneberg.

Eine der Hauptschwierigkeiten, die der Lösung der land­wirtschaftlichen Krise entgegeiistehen, liegt in der Viel­gestaltigkeit der deutschen Landwirtschaft selbst. In krassem Gegensatz zu dieser Tatsache steht die durch gedankenlose Schlagwottübernahme und Verbreitung gestützte Anschauung, insbesondere städtischer Streife, als gäbe es ein Allheilmittel, das vielleicht gar schon durch das bloße Aussprechen bzw. Hinschreiben eines modernen wirtschaftlichen Schlag. Wortes sämtliche Notstände im deutschen Bauerntum be- seftigt. Bei der großen Berwirrung, die dieso sehr fach- kundige" städtisch-händlerische Presse durch vorbehaltlose Propagierung dieserwestlichen" Allheilmittel, wie: Demo­kratisierung der Wirtschaft und Standardisierung der land­wirtschaftlichen Produktion, anstiftet, ist jede Veröffent­lichung, die sich ernsthaft mit dem Problem der deutsä)en bäuerlichen Krise auseinanderzusetzen sucht, begrüßenswert.

Mit dem Problem eines Spezialgebietes der deutscheir landwirtschaftlichen Erzeugung, nämlich dem deutschen Kartoffelbau, beschäftigt sich die letzte Pervffent- ÄdesAusschusses zur Untersuchung ber Erzeugungs­satzbedingungen der deutschen Wirtschaft" (Enquete- Ausschuß). DieVerwertung der deutschen Kartoffelernten" überschriebene Schrift faßt mit erfreulicher Klarheit die Re­sultate der eingeholten mündlichen und schriftlichen Gut- achten und das vorliegende statistische Material zusammen und arbeitet die Grundursachen der Schwierigkeiten heraus, unter denen die Kartoffelwirtschaft leidet. Werden in der Schrift selber auch keine wirtschaftlich-politischen Schlüsse gezogen bzw. Vorschläge gemacht, so werden doch durch die Klarstellung der Hauptschwierigkeiten die Punkte^aufgezeigt, wo die wirklichen Hrlfsmaßnahmeii einsetzen müssen.

3m Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Gebieten, in denen es neben anderem darum gehr, bie_ deutsche Er­zeugung quantitativ und qualitativ in dem Maße zu steigern, daß sie den Ansprüchen des bcutfd)en Marktes genügt, han­delt es sich beim deutschen Kartoffelbau darum, für die mengenmäßig und sachlich ausreichenden Kartoffelernten die für die Landwirtschaft günstigste Verwertungs- Möglichkeit zu finden. Die langsame aber stetige Ver - arößcrung der Kartoffelanbaufläche in Deutschland, dm gleichbedeutend ist mit einer Steigerung der Intensität der gesamten Bodennutzung, sowie die Fortschritte der Wissen­schaft und Technik unb das unaufhaltsame Eindringen ihrer Ergebnisse in die vielfach noch rückständigen, kar.ofsel- bauenden Kleinbetriebe lassen es als feststehend erscheinen, daß wir mit der schon vor dem Kriege vorhandenen Steige- rung unserer Kartoffelernten als mit einer Dauer- I erscheinung zu rechnen haben. Da eine Produktions-