Zulöaer Anzeiger
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Nr. 303 — 1928
Fulda, Donnèrstag, 27. Dezember
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5. Jahrgang
A»eMilitr int öchmsWizemsW
Die Reparationskonferenz.
Hrlfe der Vereinigten Staaten.
erfährt man, daß der britische Bot- fchaster angewiesen ist, unverweilt die offizielle Ein- kan8?R^""er1cn und die Deutschlands an die ameri- zur Teilnahme an der Sachverstân- J“ übergeben. Die amerikanische Re- glcrung beabsichtige nicht, die amerikanischen Vertreter zu bc stimmen, da dies eine offizielle Teilnahme bedeuten
Wenn aber die europäischen Unterhändler nicht 8" Iluer Einigung über die Persönlichkeiten der amerikanischen Delegation gelangen sollten und die Vereinigten âo-ten um Unterstützung ersuchen würden, werde die amerikanische Regierung gern helfen.
. „ "^n nehme an, daß dann Washington seine Hak- offiziell bekanntgeben werde. Die interessierten Machte sollen die amerikanischen Sachverständigen unter -.er Vorartssetzung benennen, daß die amerikanische Regierung die Wahl billige.
Amerika nimmt die Einladung an.
Der «»gekündigte Schritt des britischen Botschafters bei der amerikanischen Regierung ist jetzt erfolgt. Der Doyen des Diplomatischen Korps, der britische Botschafter Sir Esme Howard, hat den Staatssekretär Kellogg ausgesucht, um ihm im Namen Deutschlands und der alliierten Regierungen den Wunsch einer amerikanischen Beteiligung an der bevorstehenden Sachverständigenkönferenz zur Lösung des Reparationsproblem zu übermitteln.
Gleichzeitig fragte der Botschafter an, ob die Regierung der Vereinigten Staaten bereit sei, amerikanische Sachver ständige zu benennen, die mit den Sachverständigen der sechs Regierungen zusammen- ' arbeiten sollen. Sollte die Regierung der Vereinigten Staaten es, vorziehen, die dluswahl der amerikanischen ^Sachverständigen den sechs Regierungen zu überlassen, so würden diese von der Reparation skom Mission und der deutschen Regierung gemeinsam ernannt werden.
Nach kurzer Unterredung mit Coolidge antwortete Kellogg, daß die Vereinigten Staaten die Einladung an- nehmen würden, sofern die Auswahl und die Ernennung der Sachverständigen durch die sechs Regierungen erfolge.
Als für die Ernennung zu Sachverständigen in Frage kommend werden genannt: Owen D. Boung, Nelson Perkins, Jeremiah Smith und Henry Robinson. Wie verlautet, würde die Negierung der Vereinigten Staaten gegen keine dieser vier Persönlichkeiten irgendwelche Bedenken haben.
Ein langer Weg.
vTt is 3 long, long way to tipperary . . / heißt es in dem bekannten englischen Soldatenlied. . Wirklich: es ist „ein langer, langer Weg" von der Genfer Konferenz im September vergangenen Jahres, als die Einsetzung einer Sachverständigenkommission zur Prüfung des Dawes- Planes beschlossen Ivar, bis heute, da man sich nun zwischen den sechs beteiligten Mächten darüber geeinigt hat, wie zunächst einmal diese Kommission z n s a m m e u- gesetzt sein soll. Die knrz vor Weihnachten hcraus- gekommeNe Erklärung der sechs Regierungen hat aber doch schon wieder eine Art Marschroute in die Arbeit der Kommission hineingelegt durch die Feststellung, dar, die an und für sich unabhängigen Finanzsachverständigen mit ihren künftigen Vorschlägen an jcueVcrbmdlickneiten zu halten haben, „die sich aus den zwischen Dcutjchland und den Gläubigermächten bestehenden Vertragen und Abkommen ergeben". Das wird noch einmal unterstrichen in der besonderen Veröffentlichung der beteiligten Mächte, heißt selbstverständlich nichts anderes, als daß an dem Versailler Vertrag, dem Londoner Abkommen und zahlreichen anderen „Vereinbarungen solcher Art nicht gerührt und gerüttelt werden soll. Das wieder ist das Äbsprungsbrett für die französische Forderung, die leider von der englischen Regierung unterstützt wird um in Brüssel begeisterten Beifall gefunden hat, daß nämlich bei der künftigen endgültigen Regelung der deutschen Zahlungsverpflichtungen nicht etwa bloß eure Summe festgelegt werden soll, die den inkmi((iierten SÄuv.ii an Amerika entspricht, sondern auch eine Entschädigung für die sogenannte Wiederherstellung der zerstörten. W J außerdem alle sonstigen französisch-belgischen Kriegskosten umfaßt; steht doch der Versailler Vertrag grundsätzlich auf beut Standpunkt, daß Deutschland als der am Kriege schuldige Teil alle Kosten des Weltkrieges zu tragen habe und infolgedessen kam man ja in Sonbon l9-l « die phantastische Forderung einer Kriegventichadigung von 132 Milliarden.
Die Arbeit der Sa chv c rsta nd lge nk onfc ren - wird sich demgemäß zunächst erstrecken auf dw Feststellung der w irtschaftlichen Le i st u n g s f a h i g c i und damit der Zahlungsfähigkeit ©eutjJ~ 1924 hat ja die Dawes-Kommission bicfe Feststellung vcr sucht. und wir haben cs zu spät verspürt daß W & J verständigen zu ganz abwegigen Resultaten gekommen sind. Man braucht nur an die AufwertliNgsgesetzgebung zu denken; auch sonst ist die Reichsschuld soww die ^ei' smuldung der Länder inzwischen beträchtlich «»vachst.». Außerdem hat sich ja vor allem das eine nicht erfüllt, wa- 1924 die Sachverständigen als derart zweifellos mit stellten, daß sic cs zstr Gruudlagc des gesamten ^av
lungsplanes machten: die Zuversicht nämlich, Deutschlands Wirtschaft werde sich rasch erholen und aus deren Überschüssen sollten dann die Zahlungen erfolgen. Wenif davon ist eingetreten, der deutsche Export liegt mit durchschnittlich drei Milliarden unter der Höhe der deutschen Einfuhr. Es wird also wohl einen harten Kampf in der Konferenz geben, wenn sie etwa Mitte Januar zusammentritt.
Im übrigen hat jetzt auch Amerika erklärt, daß allein die Durchsetzung des deutschen Standpunktes, zur Konferenz dürften nur völlig unabhängige Sachverständige entsandt werden, es den Vereinigten Staaten ermöglicht habe, auch ihrerseits ihre Mithilfe auf dieser Konferenz nicht zu versagen. Ursprünglich bewegten sich nämlich die englisch-französischen Absichten in entgegengesetzter Richtung: man hatte vor, die ganze Sache auf einer rein europäischen Konferenz zu erledigen.
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»Es ist ein langer, langer Weg . . .", auch ehe D e u t s ch l a u d und Polen zu einem Handelsvertrag kommen. Kurz vor Weihnachten ist wieder einmal ein Stückchen dieses Weges zurückgelegt worden, aber sofort haben sich wieder gewisse Bedenken erhoben, ob man auch wirklich vorwärtsgekommen ist. Das, was unsere Vertreter als polnische Vorschläge und Konzessionen nach Berlin mitbrachten, stimmt nämlich nicht ganz mit dem überein, was man ihnen in Warschau bereits zugesagt hatte. Auch das läßt sich erst im kommenden Jahre klären; jedenfalls kann sich Polen aber nicht darüber beklagen, Deutschland sei ihm nicht weit genug entgcgen- gckommen. Denn schon erbeben sich namentlich aus landwirtschaftlichen Kreisen und aus der oberschlesischen Kohlenindustrie Stimmen des Protestes gegen die deutschen Zugeständnisse. So wird das Ringen also fortgesetzt werden, und eS wird ein harter Kampf sein, namentlich deswegen, weil Pclen -für seine Industrie fürchtet, weil es aus dem Standpunkt steht, es sei wich- riger, niese âustttch emporzupsiege», als einen vernünftigen Warenartstausch mit dem westlichen Nachbarn in die Wege ?it leiten..
Nicht so lang ist der Weg gewesen, mit Rußland zu einem neuen wirtschaftlichen Übereinkommen zu gelangen. Hier haben ja die Vorkommnisse beim Schachty- Prozeß bekanntlich die ersten Verhandlungen zerschlagen und zu einer langen Pause geführt: um neue derartige Vorkommnisse zu vermeiben, ist jetzt eine leidlich klare Erklärung darüber erfolgt, was die russische Regierung unter Werkspionage versteht Man konnte es schließlich keinem deutschen Ingenieur verdenken, wenn er es ablehnte, nach Rußland zu gehen; was damals den Deutschen passiert ist, hätte leicht zahlreiche Wiederholungsfälle finden können, übermäßig große Hoffnungen freilich wird man nach den bisherigen Erfahrungen auf ein rasches Emporblühen der deutsch-russischen Handelsbeziehungen nicht bauen können; aber die Krise in der deutschen Wirtschaft macht es notwendig, ein möglichst weites Absatzfeld zu suchen, und zwar auch dort, wo dieses Feld besonders schwer zu beackern ist.
Das Recht auf Räumung.
Neichsautzenminifter Dr. Stresemann legt in einer Unterredung mit dem Korrespondenten der „Baltimore Sun" das deutsche Recht auf Räumung dar und wendet sich dabei insbesondere gegen die Erklärungen, die der englische Außenminister im Unterhaus und der Lordkanzler im Oberhaus abgegeben haben. Rach diesen Erklärungen wäre der Artikel 431 des Versailler Vertrages nur dann anwendbar, wenn Deutschland seine gesamte Reparationsschuld restlos abgetragen hätte. Die Ansicht steht schon, so erklärte Dr. Stresemann, mit dem Wortlaut in Widerspruch, da in diesem nicht von dem Fall die Rede ist, daß Deutschland alle seine Verpflichtungen erfüllt hat, sondern vielmehr von dem Fall, daß es sie erfüllt. Niemand konnte bei Aufstellung der Versailler Friedcnsbedingungcn irgendwie die Möglichkeit ernsthaft in Betracht ziehen, daß Deutschland im Stande sein werde, den Gesamtbetrag der ihm auferlegten Reparationen vor dem Jahre 1935 zu bezahlen. Tatsächlich hat auch niemand an diese Möglichkeit gedacht, da der Versailler Vertrag selbst ausdrücklich von einer Frist von 30 Jahren für die Bezahlung der deutschen Reparationsschulden ausgeht. Um die Richtigkeit der deutschen Auffassung, daß auch hinsichtlich der Reparationen die Voraussetzung des Artikels 431 bereits erfüllt ist, außer Zweifel zu fetzen, weist Dr. Stresemann auf folgende Punkte hin: Der Dawesplan hat für die regelmäßige Zahlung der in ihm festgesetzten Annuitäten effektive Pfänder geschaffen, die den Gläubigern volle Sicherheit gewähren. Diese Pfänder sind freiwillige Leistungen über den Vertrag hinaus. Die in ihrer Wirksamkeit weit über das Jahr 1935 hinausreichenden Vereinbarungen über den Dawcsplan würden völlig genügen, um bei einer loyalen Anwendung des Artikels 431 dessen Voraussetzungen als erfüllt anzusehen. Die deutsche Auffassung findet eine bedeutsame Bestätigung in der in letzter Zeit schon oft erwähnten Erklärung, die am 16. Juni 1919 hinsichtlich der Besetzung deutscher Gebiete von Wilson, Clemenceau und Lloyd George unterzeichnet wurde. Wir halten uns für berechtigt, die Frage zu stellen, ob man etwa bestreiten will, daß Deutschland Beweise seines guten Willens und ausreichende Garantien im Sinne dieser Erklärung gegeben hat. Zum Schluß spricht Dr. Stresemann die Erwartung aus, daß die deutschen juristischen Argumente auf die Dauer nicht ohne Wirkung bleiben und daß sie zusammen mit den nicht weniger starken politischen und moralischen Argumenten dazu führen werden, die Besetzung deutschen Gebietes, dieses letzte militärische Uebcrbleibscl aus dem Weltkrieg, zu beseitigen.
WeihnachtsaabenderSindenburg-Spende
Zu Weihnachten hat die Hindenburg-Spende den Rest der dem Reichspräsidenten aus Anlaß seines 80. Geburtstages für Kleinrentner usw. zur Verfügung gestellten Mittel ausgeschüttet. Mehr als 1000 verarmten Mittelstandsangehörigen wurden zu Heiligabend durch- weg je 100 Mark überwiesen.
Wiederaufbau und Frieden.
Der Reichskanzler zur Reparationsregelung.
Der Sozialdemokratische Pressedienst veröffentlicht einen Artikel des Reichskanzlers Hermann Müller mit der Überschrift: Das Jahr 1929. In ihm heißt es u. a.: Das Jahr 1929 wird mit der Einleitung wichtiger internationaler Verhandlungen beginnen. Auf Grund der am 16. September in Genf getroffenen Vereinbarung sollen unabhängige Sachverständige die Endlösung für die deutsche Reparationslast finden, was nur nach eingehender Prüfung der finanziellen Leistungsfähigkeit Deutschlands möglich ist, wenn diese Lasten wirklich getragen werden sollen. Die Behandlung der Deutschen als G l eich- berechtigte gehört zu den Sicherungen, die für einen Dauerfrieden notwendig sind. Für einen Dauerfrieden ist es aber auch notwendig, daß, wie Briand sagt, endlich alle Reste aus der Kriegszeit liquidiert werden. Dazu gehört auch, daß endlich festgesetzt wird, was Deutschland zu zahlen hat. Jeder nüchtern denkende Wirtschaftler hat inzwischen eingesehen, daß kein Land alle Kriegslasten allein übernehmen kann. Wenn die Sachverständigen die gegenwärtige Lage der deutschen Wirtschaft feststellen wollen, müssen sie eine ernsthafte Prüfung vornehmen, um zu erkennen, was aus eigener Kraft geleistet werden kann. An dieser Untersuchung haben alle Teile des deutschen Volkes das größte Interesse.
Die Lösung muß so erfolgen, datz die deutsche Währung gesichert und eine neue Inflation unter allen Umständen ausgeschlossen bleibt. Durch letztere würden die deutschen Lohn- und Gehaltsempfänger wiederum am schwerste» getroffen werden. Wenn es im Jahre 1929 gelingen sollte, in den noch strittigen Fragen für die Völker Europas die Lösung zu finden, so würde sich das deutsche Volk nach Wiedergewinnung seiner politischen Frechert mit ganzer Kraft für den Wiederaufbau im Innern und für den Frieden nach außen einseken können. Möge i« diesem Sinne das Jahr 1929 glückbringend sein!
Aman Mah bleibt Gieger.
Die Europäer in Sicherheit.
Der neuernannte afghanische Botschafter in Moskau erklärte, daß die letzten bei der Botschaft eingegangenen Nachrichten erlauben, mit Sicherheit zu behaupten, daß die reaktionäre Bewegung in Afghanistan in den nächsten Tagen niedergeschlagen sein werde. Die Regierung werde die Reformen mit doppelter Energie durchführen.
Britische Militärflugzeuge landeten in Paschawar wohlbehalten die zweite Gruppe von Europäern aus Kabul, unter denen sich die Mitglieder von zwanzig Familien, darunter die Nichten des französischen Gesandten Feit und Verwandte deutscher und französischer Professoren und Ingenieure befanden.
politische Rundschau.
Deutsches Reich.
Englisch - deutsche Parlamcntsgruppe zur Wirtschaftsannäherung.
Gegenwärtig sind in Kreisen des Englischen Unterhauses Bestrebungen im Gange, nach Wiederzukammen- tritt des Parlaments eine englisch-deutsche Gruppe zur Annäherung der Wirtschaftsbeziehungen der beiden Länder nach dem Vorbild der englisch-französischen Gruppe zu bilden. Die Bildung dieser Gruppe ist wohl darauf zurückzuführen, daß das Ausmaß, mit dem Deutschland Anleihen in den Vereinigten Staaten auf» nimmt, und die Art und Weise, in der die amerikanische Industrie diesen Bestrebungen cutgegcnkommt, auf beträchtliche Teile des Unterhauses starken Eindruck gemacht hat.
Die angeblich „faulen" Stadtverordneten.
In der letzten Sitzung wurden Magistrat und Stadtverordnete der Stadt Rummelsburg insofern überrascht, als ihnen vom Kösliner Regierungspräsidenten ein Auflösungsantrag des Rummelsburger Stadlvcrordneten- vorstehers zur Rückäußerung vorgelegt wurde. Der an den preußischen Minister des Innern gerichtete Antrag forderte Auflösung der städtischen Körerschaften, da sie nach Angabe des Antragstellers zu „faul" seien, für die Stadtgemeinde zu wirken. Gegen den Vorsteher wurde scharf Stellung genommen und die Bereitwilligkeit betont, in gewohnter Weise für das Wohl der Stadt zu arbeiten.
Aus In- und Ausland
Dresden. Aus Anlaß des Weihnachtsfestes sind vom sächsischen Justizministerium 20 2 Begnadigungen ausgesprochen worden, wodurch größtenteils Gesangeue in Freiheit gesetzt, teilweise auch Strafen gemildert oder erlaßen oder Bewährungsfristen bewilligt wurden.
Hamburg Im hohen Alter von 94 Jahren verschied in Oslo' der deutsche Konsul a. D. Adam von Krogh. Er nahm als Seckadeti an dem Krieg 1848 teil und machte W Schlacht bei Eckernförde mit. 1870 erhielt er ein persönliches Dankschreiben dcs Fürsten Bismarck für feine vaterländischen Verdienste.