Zul-aer Anzeiger
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Nr. 297 — 1928
Tageblatt für Rhön und Vogelsberg §ul-a- un- Haunetal -Zulöaer Kreisblatt
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Fulda, Dienstag, 18. Dezember
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5. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Die deutsche Deleaation, außer den, Reichsaußenminister. ist aus Lugano nach Berlin abgeretst. Dr. Stresemann kehrt NUrte der Woche zurück
* In Heidelberg übergab der amerikanische Botschafter in Berlin. Schurman. unter größeren Feierlichkeiten die von ihm in Amerikg aesammelte Spende von 500 000 Dollar zu Neubauten der Heidelberger Universität
* Cbne Kriegserklärung haben in Südamerika die Staaten Bolivien und Paraguay die Waffen gegeneinander erhoben und schon ist es zu blutigen Gefechten gekommen.
Die Enttäuschung von Lugano.
Man hat keinen Hehl daraus gemacht, daß der deutsche Außenminister Dr. Stresemann in ziemlicher Verärgerung zu der Konferenz von Lugano gegangen ist. Die Reden Briands und Chamberlains waren vor- ausgegangen. die sehr deutlich gezeigt hatten, daß den deutschen Wünschen nach einer Milderung oder Aushebung der Rheinlandbesetzung nicht Rechnung getragen werden sollte. Infolgedessen hatte man eigentlich nicht so recht gewußt, was Deutschlands Außenminister in Lugano bei der Besprechung mit den beiden anderen Außenministern klären oder erledigen sollte. Die Revision des Dawes-Planes selbst war von vornherein aus der Diskussion ausgeschieden, weil ganz unabhängig von jener Konferenz die Antworten aus Paris und London auf die letzte deutsche Note, die das $^ema der künftigen Konferenz behandelte, erfolgt sind. Man hat gedacht, daß, als eigentlicher Inhalt dieser Konferenz von Lugano, eine Auseinandersetzung darüber stattfinden sollte, was unter der „Politik von Locarno" zu verstehen sei, jene von Briand unb Chamberlain berührte politische Seite des Problems, die R h e i n l a n d r ä u m u n g also, die von beiden in einen unnüttelbaren Zusammenhang mit Ler Revision des Dawes-Planes gebracht worden war.
EtMMMi der BMrMyügsri. W&k W Übrig, daß tNn sich nicht hat einigen können, daß Locarno von Deutschland ganz anders aufgefaßt wird als von der anderen Seite, wo man sich auf den Standpunkt stellte, haß die angebliche „Unsichtbarkeit" der Rheinlandbesetzung bereits Erfüllung des „Locarno-Gedankens", mehr gar kW versprochen oder in Aussicht gestellt worden sei. Daraus würde es sich ergeben, daß dieser Gedanke höchstens ein Anfang zu einer wirklichen Befriedung Europas sein kann, daß er der Verwirklichung noch harrt, — und in diesem Sinne ist die gemeinsame Erklärung der drei Außenminister zu verstehen.
Daß diese Feststellung eine außerordentliche Enttäuschung für Deutschland bedeutet, braucht nicht erst er- wähW zu werden. Und diese Enttäuschung wird noch verschärft durch den französischen — und von England unterstützten — Versuch, Deutschland zu Z ugeständ - Nissen zu verpflichten, die noch über die Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages hinausgehen. Man muß hinter das äußere Bild der Dinge sehen: es handelt sich letzten Endes nicht um die „ewige" Fortdauer der Rheintandkontrolle, nicht um Sonderbestimmungen, die Deutschlands Ohnmacht gewährleisten sollen, sondern einfach darum, ob das deutsche Volk als solches gleichberechtigt im Kreise der Völker dastehen soll oder nicht, ob man ihm gegenüber zu besonderen Garantien der Friedenssicherung schreiten muß oder nicht. Die Errichtung einer solchen Nberwachungskommission wäre aber eine solche Andersbehandlung. Daran ändert auch nichts, wenn — was man in Paris übrigens heftig bestreitet — der paritätische Charakter einer solchen Kommission festgestellt werden sollte. Hier öffnet sich der Ausblick auf die Abrüstungsfrage, in der man auf der Konferenz von Lugano selbstverständlich auch keinen Schritt vorwärtsgekommen ist. Hinter all diesen Dingen steht immer wieder das große Fragezeichen: Soll Deutschland endlich wieder gleichberechtigt sein oder nicht?
Zum Ergebnis von Lugano gehört auch in diesem Zusammenhang der erregte Protest, den der deMsche Außenminister gegen das Vorgehen des polnischen Vertreters in der Minderheitenfrage erheben mußte. Auf dem Selbstbestimnlungsrecht der Volkes auch der Minderheiten, beruht das ganze System des Völker, bundes". Wird gegen diese moralische und ideelle Grundlage verstoßen — und leider hat auf der letzten Völkerbundtagung in Genf im September auch Briand Äußerungen getan, die gar nicht 10 sehr verichnden sind von den Ausführungen Zaleskis in Lugano / $?”“ wird gerade Deutschlands Interesse starkstens berührt. Erfreulicherweise hat ja Dr. Stresemann angeklm- digt. daß er hierüber baldige Klarheit hervorbringen wUl. Wieder: Erhält Deutschland im Völkerbund fein Recht "^Man^ hat in Deutschland so viel von einer -Krise von Locarno" gesprochen. Die Konferenz von Lugano hat diese Krise nicht beseitigt, sie eher noch verschärft. Von der Entwicklung der nächsten Zeit wird es abhang , man nicht demnächst von einer »Krise im Völkerbund sprechen muß. *
Heimreise der Deutschen aus Lugano.
Die deutsche Delegation mit Staatssekretär von Schubert, Ministerialdirektor Gaus und L^^onsrt Weizsäcker hat Montag Lugano mit .dem Schnellzug Nom-Berlin verlassen. Auf dem Bahnhof batten^lch der deutsche Konsul von Lugano, Dr. Franken und der ^urgn meister von Lugano zum Abschied emgefunde«u Mit dem Zeichen Zuge verließen auch die Beamten de °" , sekrelariats, darunter Untergeneralsekretar ^ronce Lugano, um nach Genz ruri^zuk h • Außenminister Dr. Stresemann wird erp Mure ^ Woche in Berlin Eintreffen.
Der Krieg ist da!
Mutige Gefechte in Südamerika.
Außergewöhnliches Zusammentreten des Völkerbundratcs?
Allen Bemühungen um friedliche Beilegung zum Trott haben die beiden südamerikanischen Republiken Bolivien und Paraguay den Kriegspfad betreten und wüten schon in heftigen Kämpfen gegeneinander. Ohne Kriegserklärung haben sie die Waffen erhoben und Blut ist den umstrittenen Grenzgebieten eine billige Ware geworden. Der bolivianische Kriegsminister gab den ersten
General Knnvt, im Kriege Führer eines deutschen Armeekorps, der Justrukteur der bolivianischen Armee.
Schlachtbericht in der üblichen Weise wie folgt bekannt: „Da paraguayische Abteilungen unsere Forts im Chaco bedrohten, kam es zu einem Zusammenstoß. Unsere Streitkräfte haben dem Gegner eine Schlappe beigebrachl u"d daS Fort Boqueron in Best» genommen. Die Armee hat ihre Pflicht getan." 100 Paraguayer und 20 Bolivier sollen gefallen sein. Eine Kriegserklärung ist nicht er* folgt aber Bolivien marschiert weiter vor hnb macht Gefangene Am Sonntag wurde das Fort Rojas Silver genommen, später ein Angriff auf das Fort General Aquino gemacht. Die paraguayischen Truppen, die weit unterlegen sind, räumten die Forts Valois und Revarala und zogen sich auf die Hauptvcrteidiguugslinie Bahia Nesrs zurück.
Kritik des „Echo de Paris" an den Vermittlungsversuchen des Völkerbundes.
wtb. Paris, 18. Dez. Zu den Vermittlungsversuchen im südamerikanischen Konflikt schreibt „Echo de Paris", Argentinien habe die beiden Rivalen Bolivien und Paraguay in der Hand. ; Die Vereinigten Staaten von Nordamerika andererseits bean- ! spruchten auf Grund der Monroe-Doktrin eine Art moralischer Richterrolle für 'den gesamten ainerikanischen Kontinent. So seien diese beiden Republiken mehr als irgend ein anderer Staat oder eine andere Staatengruppe dafür qualifiziert, die I Feindseligkeiten in Südamerika zum Stillstand zu bringen. Ge- I wiß sei theoretisch auch für eine Intervention des Völkerbundes die Möglichkeit vorhanden. Daraus dürfe man aber nicht schließen, eine derartige Intervention werde in Washington und in Buenos Aires nicht außerordentliches Mißfallen erregen, sobald man sich dabei auch nur etwas vorwage. Ist es denn wirklich vernünftig, fragt das Blatt, nur um der ideologischen Prätentionen des Völkerbundes willen uns verhaßt zu machen? Wozu? Briand hat zu seinen griechisch-bulgarischen Lorbeeren neue verdienen wollen und hat es deshalb am 11. Dezember zu eilig gehabt, den Völkerbundsrat in diese Angelegenheit hineinzuhetzen. Am besten wäre es, die Sache aufzugeben.
Flucht des afghanischen Königspaares.
London. Die Aufstandsbervegung gegen llünig Anian rilinhs Reforinbestrebungen scheint ernsteren Umfang an- gmiommen zu haben, als es die offiziösen Nachrichten aus Der Hauptstadt Afghanistans zugeben. Bei Kabul und Dschella- labad sind seit einigen Tagen neue heftige Kämpfe im Gange. Den Aufständischen, denen sich auch Teile der Arinee an- gcschlosscn haben sollen, soll es gelungen sein, zwei kleine Fort» bei Kabul zu erobern. König Aman Ullah und die Königin, die sich durch ihre Propaganda für Abschaffung des Schleiers in Afghanistan unbeliebt gemacht haben, sollen in ein Fort geflüchtet sein, das noch in den Händen der regierungstreuen Truppen ist. Jeder Briefverkehr zwischen Kabul und Jr,dicn hat seit vier Wochen aufgehört, jedoch besteht noch die Möglichkeit, durch Funkentelegraphie mit der Außenwelt die Fühlung aufrcchtzuerhalte«.
Englische Besorgnis über die Vorgänge in Afghanistan.
wtb. London, 18. Dez. „Daily Telegraph" zufolge herrscht in amtlichen Kreisen Londons einige Besorgnis wegen der Nachrichten aus Kabul. Die Mitglieder der ausländischen Ko
Der Krieg ist also da und mag man ihn auch nach Art der oft geschilderten südamerikanischen Truppenkörper mehr als einen Busch- und Hinterwüldlcrfeldzua betrachten, so kann doch seine ernste Bedeutung für das gesamte Süd- und Mittesamerika nicht geleugnet werden. Noch viel schlimmer ist das Fiasko, das die Völker- bundidee erleidet. Zeigt es sich doch, nüe, ungeachtet aller beschworenen Papiere, die beiden Zwergrepubliken ungehindert ihren Instinkten nadigeben und dreist mit dem Feuer spielen Der Brand kann so mit einenunal über die Grenzen schlagen und die benachbarten Staaten Brasilien und Argentinien ergreifen, ganz abgesehen davon, daß man auch in den Vereinigten Staaten nicht gesonnen sein dürfte, dem verwegenen Treiben lange tatenlos zuzusehen. Die Paraguayer teilen zu dem bombastischen Bericht des bolivianischen Kriegsministers übrigens mit, das eroberte Fort Boqueron sei von ganzen 13 Mann besetzt gewesen.
Was tut der Völkerbund?
Die mehrfachen Mahnungsdepeschen des Ratsvor- sitzenden Briand aus Lugano soll Bolivien damit be* antwortet haben, daß es den VermUtlungsvorschlag deè Völkerbundes bestimmt ablehne und sich ebenso gegenüber dem panamerikanischen Vorschlag verhalten werde.
Briand, der Montag Lugano verlasse» hat, hat vor seiner Abreise erklärt, daß er den Bölkcrbundra» zu einer außerordentlichen Sitzung nach Paris Mifamiiicnbcrufcn werde, fall# Bolivien und Paraguay die Feindseligkeiten nicht ein- stellen würden Die in Gens eingehenden Telegramme werden Briand auf drahtlosem Wege übermittelt. Es gilt als wahrscheinlich, daß dir Mitglieder des Bölkrrbundratco, die soeben erst in Lugano voneinander Abschied genommen haben, noch im Laufe dieser Woche nach Paris wieder zusanimcnbernk n werden. Briand soll die Hoffnung nicht ansgcgebrn haben, die unvotmäbigen Ltrejlenpen, die beide als Mitglieder des Böl er- bnndcS den Bölkerbundpnk» unterschrieben haben, in dir Lahnen der Ordnung znrückbringen zu können
Die kämpseiide» Streitkräfte.
Die Kräfteverhältnisse zwischen Bolivien und Paraguay sind rechi ungleich Bolivien besitz» eine Beoölte ungszahl von rund drei Millioneii und hat ein stehendes Heer auS sechs Insanierieregimeniern zu je ;>oei Bataillonen, drei Kavallerie- reatmentern, einem Feldartilleriereginieni und einem Gebirgs- artiderieregiment Paraguan mit seinen rund 850 000 Einwohnern Hai bemaegenüuer zwei Insanieriebaiaillone, fünf Maschineiigewehravieilungen, drei Kavallerieschwadronen und zwei Gebirgsartilleriebaiterien ausziiwciser . ES besiyi außerdem noch einige armierte Flußdampfer. ÜB beiden Länvera besteht die allgemeine Dienstpflicht.
Kampfpause in dem südamerikanischen Konflikt.
Der Kommandant der bolivianischen Grenztruppen ist angewiesen worden, seinen weiteren Vormarsch und die Angriffe auf die Truppen Paraguays einzustellen. Diese Information war in der Antwort Boliviens an den Völkerbund enthalten, die gestern von La Paz abgesandt wurde.
lonien hätten anscheinend Zuflucht in ihren Gesandtschaften gesucht. Es gebe kein befestigtes ausländischer Gesandtschastsoier- tel wie in Peking und keine ausländische Militärwache, so daß die Sicherheit der Ausländer und ihres Eigentums naturgemäß von der guten Haltung der Regierungstruppen oder der Vernunft und Mäßigung der Führer der Aufständischen abhängen werde. Wenn sich auch die Erbitterung der Aufständischen wegen der Reformen des Königs eher gegen Moskau und Angora richte, sei doch mit der Möglichkeit einer christenfeindlichen Bewegung zu rechnen.
Zwei Züge zusammengestohen.
Vier Eisenbahner tot, sechs schwer verletzt.
Auf der neugebauten eingleisigen Bahn, die unter Umgebung Deutsch-Oberschlesiens Kattowitz und Posen auf der Strecke Kalety Podzamcze verbindet, stießen zwischen den Stationen Wielun Poninow zwei Güterzüge zusammen. Die beiden Lokomotivführer und zwei Mann des Begleitpersonals wurden getötet. Sechs weitere Beamte wurden schwer verletzt. 44 Güterwagen wurden zertrümmert.
4 Personen auf dem Eise eingebrochen.
3 Tote.
wtb. Hannover, 18. Dez. Gestern abend gegen 10 Uhr huldigten der Diplomingenieur Kurt Faltin, seine Ehefrau, der Ingenieur Ricke, aus Hannover und ein dritter Mann, dessen Name bis jetzt nicht festgestellt werden konnte, auf der dünnen Eisfläche der Maschwiese dem Skisport. Plötzlich brache»» alle 4 Personen ein. Während es der Frau gelang, festen Grund unter die Füße zu bekommen, verschwanden ihre drei männlichen Begleiter vor ihren Augen unter der Eisdecke. Die sofort alarmierte Feuerwehr, die mit einem Hilfszug und zwei Krankenwagen nach kurzer Zeit an der Unfallstelle eintraf, rettete zunächst die Ehefrau, die nach dem Krankenhaus gebracht wurde. Die Bemühungen der Feuerwehr, die drei Männer unter der Eisdecke hervorzuziehen, waren zwar von Erfolg, die sofort angestellten Wiederbelebungsversuche blieben jedoch ergebnislos.