Iulöaer Anzeiger
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yir. 290 — 1928
Fulda, Montag, 10. Dezember
5. Jahrgang
Kölner Parteitag des Zentrums.
Sie zukünftige Zentrumföhrnng.
Starke Gegensätze.
Der ehemalige Parleivorfihende des Zentrums, Reichskanzler a. D. Marx, hat sein Amt niedergelegt und deshalb sah die politische Welt mit besonderem Interesse nach Köln, wo der Parteitag des Zentrums zusammengetreten ist, um einen neuen Parteiführer tu wählen. Die Kandidaten für diesen wichtigen Posten sind wiederholt genannt worden, aber bei den verschiedenen Strömungen für und wider hat man sich bis zur Eröffnung der Tagung auf keine einhellig gewünschte Persönlichkeit einigen können. Die meisten Aussichten hatten | auf der einen Seite der Abgeordnete I 0 0 8, aus der anderen der frühere preußische Ministerpräsident S t e - gerwald, hinter dem die starke Stütze der Gewerkschaften steht.
Bei den Vorbesprechungen am Freitag gelang es nicht die vom Vorstand dem Parteiausschnh vorgeschia- qene Wahl Stegerwalds durchzudrücken. Dieser bekleidet mich das Amt des Vorsitzenden der Reichstaasfraktion. Nun beantragten die Beamtenorganisationen, die Stegerwald nicht gerade freundlich gegen'-berstehen, die beiden Ämter voneinander zu trennen. Daraus er- klärte der zweite Parteivorsitzende, Iustizrat Mönnig, Stegerwald habe seine Wahl von der Bedingung abhängig gemacht, daß er Parteivorsitzender und Frakk^ns- vorsitzender werde. Nach dieser Erktöriing machte sich e'ne starke Opposition gegen Siegerwald bemerkbar, ^er Parkchlag des Vorstandes wurde mit 120 gegen 40 Stimmen abgclehnt.
Ein Direktorium?
Der Vorstand schlug nunmehr den Abaeordnei-n I 0 " s vor Innerhalb weniger Minuten wurde d'- ^ bl ;V einstimmig angenommen. Joos erklärte indes Satz WW« Wahi nicht cume weiteres anneymen könne. Er ve- den Sturz Stegerwalds als einen Schlag gegm bi Arbeiterschaft. Diè Sitzung wurde aus eine Stunde un brachen, damit Joos sich mit den Gewerkschaften aus- sprehen könnte. Dann unterbreitete Joos dem Partei- ausschuß den Vorschlag, nicht einen Vorsitzend-n zu wählen, sondern das Amt deS Vorsitzenden einem Direktorium von drei Mitgliedern zu übertragen. Nach Befürwortung durch Marx, Bell. KaaS und Dr. Wirth beschloß man den Direktoriumsvorschlag dem Parteitag zu unterbreiten. AlS Mitglied des Direktoriums kam besonders auch in Betracht der ehemalige ReichSarbeitSminister Ar BraunS.
Die Verhandlungen des Parteitages vegannen Sonnabend unter Beteiligung von etwa 500 Telegierten aus allen Teilen des Reiches. Neben zahl- reichn Mitgliedern der Zentrumsfraktionen des Reichstages und der Landtage wohnten auch die preußischen Minister Dr. S t e i g e r und H i r t s i e f c r sowie Rerchs- Dr hrsminister v. Guörard der Tagung b-u MS Gäste befanden sich am Vorstandst,,ch zahlreiche Rerchs- togeabgeordnete sowie Vertreter des Zentrums und der ssbristlich-Sozialen Partei aus Österreich, der Tschechoslowakei, Danzig und dem Saargebiet. Der Vorsitzende der Rheinischen Zentrumspartei, Justizrat Mönnig, er- öffnete den Parteitag mit einer Anfprache, in der er darauf hinwies, in welcher außerordentlich schwierigen Zeit der Parteitag zusammentrete. Er hob die Beratungen über die erwartete Rcparattonskonserenz und die Rbciulandräumung hervor, für die Deutschland unter keinen Umständen neue Belastungen auf sich nehmen dürfe.
Nach den Begrüßungsansprachen wurde bekauul. gegeben, daß zur Vorbereitung der Wahl des Partewor- standes eine Kommission von 28 Mitgliedern getinh.
«Wwaë in Wien stattfindende,l Parteitag der Chrrstlich-^ozrale»
Partei zu richten.
Zentrumspartei und deutsche potitif
war das Thema, über das nun der Abgeordnete und Ministerpräsident a. D. Stegerwald sprach. Aus to"cyÄti
jwnung serngehaltcii hatte, nämlich Zentrum, ©oxialbemtM FeÄÄ&^
wenn das Deutsche Reich überhaupt erhaltcn ^ werden sollte. Im Zentrumslagcr sei man ,ich klar da^ ‘JnÄÄ«
WeiMtan ohne aktive Beteiligung der ZeânmSparter nicht wüglich ist; ein Minderheitskabinett der Mitte, womit mu “nd in den letzten Jahren meistens ^/^"A“^^ «»Wen Parteiwesen etwa« fundamental MjäheUskabmeU ^-underheuskabinett von rechts oder ein ' «ÖH litlfè
Deutschland kann keine völlig N"abhängig' ^hewcn volitik betreiben. Wenn ^ mich personluh zu enuw bie l’atte, ob Garantierung der heutigen 0» Richtgarantie, Unente und gar kein deutsches H^^.^^Mann dann würde ÄÄU fc?Ä »-
S-M d-- ^ÄXSS n^rf^bren Stunden. Wenn m^n um- zumuten und ^^Mr&ruk« b-n.»
totste, dann kann es für uns nür ein klares Nein geben Auch in der Frage einer etwaigen früheren Räumung der zweiten und dritten Zone kann Deutschland weitere Zugeständnisse nicht machen
Innenpolitisch müssen wir in allen ZentrnmSkreiscn ans der Kulturkampsatmosphâre heranSzukommcn suchen. Der de- : zentralisierte Einheitsstaat ist, solange keine nähere Inhalts angabe erfolgt, ein Schlagwort Andere reden vom liberalen Einheitsstaat. Wir wollen aber kein Staatswesen, das nur ; den Auffaugapparat der Hochfinanz darstellt und zugunsten der Hauptstadt das übrige Land geistig und kulturell verödet
Statt der von der Sozialdemokratie geforderten all Keinen Volksfürsorge wünschen wir gesetzliche Sozialver , rung mit weitgehender Selbstverwaltung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer Der Schutzzoll für die Landwirtschaft ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern eine Volks politische und nationalpolittsche Sache Soziale Staatspolitik müssen wir auch aus dem Gebiete bei Vildungswesen« be- , treiben Die Zentrumspolitik ist nur möglich, wenn sich alle I ihre Anhänger auf dem Boden dieser Auffassung zusammen ; finden Die Stunde ist gekommen, daß Zentrum und Bade . rische V 0 lkspartei ihre politischen Meinungsverscktiedeii Heiken ausgleichen und wieder in einer Front gemeinschaftlich marschieren.
Prof Rädcrfcheidt - Bonn hielt ein Referat über „Tic geistigen Grundlagen be> Zentrumspartei". Er hob dabei hervor, die Auffassung des Zentrums, Staat und Volk als Ordnung einer von Gott gesetzten sittlichen Welt anzuerkennen, schließe die Verpflichtung in sich, dem Staat alle Kräfte zur Ausgestaltung in der Gegenwart zu leihen.
Kaas yarleivorfitzender des Zenimms
die
Mit großer Mehrheit geivählt.
Nachdem auf dem Zentrumsparteitag die Kandidatur Steaerwalds in den t>intergrund getreten und der Abgeordnete Joos vom Parteiausschuß, zum Parteivorsitz.n- den vorgeschlagen war, stand auf dessen Vorictstag die Wahl eines Dreimännerkollegiums zur Debatt^ «"er Parteitag lehnte aber die Bildung dieses Kollegiums ab und nahm die direkte Wahl eines Parteiführers vor.
Als Sieger aus dem Wahlgang ging der Abgeordnete PrälatDr. Kaas hervor. Er nahm unter dem stürmt» schen Beifall der Versammlung das Amt an.
Dr. Kaas ist Mitglied des Preußischen Staat 3 - 3 und war Mitglied der Verfassunggebenden Deut»
rats und war Mitglied der Vcrfasiunggebenden Deutschen Nationalversammlung 1919 bis 1?20 Dem R e i ch s- tan gehört er seit 1920 an, gewählt tm Wahlkreis Kob« lenz-Trier. Prälat Kaas hat mehrfach als Mitglied der deutschen Völkerbundabordnung an den Beratungen m Genf teilgenommen.
Die wirtschaftlichen Aufgaben des Zentrums.
Aus der Sonnlagtagung des fünften Reichsparteitages sprach Reichstagsabgeordneter Dr. Perlitius über .Wi^schaftspolitsche Aufgaben". Die Wohnung s- Wirtschaft müsse sich dem Fortschritt in der Bedarfs-
Prälat Dr. Kaas, her neue Vorsitzende her Zentrumspartei.
herfnna anvassen mit dem Endziel der Freigabe des Woh- nunasmarktes. Alle Anstrengungen müssen gemacht werden 9um die Wohnnngsnor durch Forderung der Bantattg- keit'zu beheben. Der Redner beschäftigte pch dann mit der o n d wirtschaft Wir wollen, ,0 erklärte der Redner, die Erstattung einer leistungsfähigen Laub- aber auch nicht nur als unentbehrlichen W irt- scliaftszwëig, sondern wir legen ganz besonderen Wert auf
Godeikien des Bauernstandes aus bevolkerungspoltti'
Wirtschaftspolitik mehr in den Vordergrund des Politlschen Sn lnë aerüdt sei im Gegensatz zu der Zett kurz nach den: Kriege, als es sich um die außenpolttrsche und innen« ^NSWLM Ä« *« des P°.'«°°- nnr Ohne Aussprache wurde entsprechend dem Vorschläge des Vorbereitenden Ausschusses der^ '!<ornand, der sich aus 66 Personen zusammensetzt gewählt. Den Vorsitz führt der neuerwählte Parteivorsitzende Dr. Kao-.
Meine 3eifunci für eiliae Leser
* Die Rbetnlandkommission bat einen scharfen Vorstoß aeaen die Stadl LudwiaSbafen unkernommen weil in ^„dwlaS- bafen Plaka'e mit Protesten gegen die Verlängerung her Rheinlandbesetzuna angeschlaaen wurden
* Auf dem Zenkrumsvarkeilag bObetr die Hauptfrage die Wahl des neuen Tarteh'orfitn'nben an Steste des ehemaligen Reichskanzlers Dr Marx der das Amt als Varteinoisstzend nieberaelegt batte
* Die Gewerkschaft Deutscher Eisenbahner iChristliche Gewerkschafteni beschloß i" Köln alsbald in eine Loh» bewegung zwecks Erböbung bet Löhne ein^tttreten
* König Aman UHab von Afghanistan soll di- argen ihn kämpfenden Aufständischen vernichtend geschlagen haben
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Locarno in Lugano.
Alle drei, Stresemann, Briand, Chamberlain, besten vor kurzem große Reden gehalten, in denen sie darlegten, was sie unter der Loearuopolitik verstehen. Gleichzeitig aber — der französische und der englische Außenminister auf der einen, der deutsche aus der anderen Seite — versichert, daß der andere drüben diese Loearnopolitik total mißverstehe. In dem Schatten dieser Reden, die übrigens sämtlich recht scharfen Tones waren, sind die »großen brei* nach Lugano gegangen. S ch l c ch t e^A u S s i ch t e n I
Sie sind aber auch hingegangen im Schatten ihrer Kabinettsbeschlüsse. Mit aebundener Marschrotike also, deren Richtung für den englischen und den französsscl,en Delegierten eine Selbstverständlichkeit ist. Nicht aber für den deutschen, dessen Aufgabe mehr eine Art Feststellung ist. Nämlich darüber, was man nun eigentlich nnt-r der Politik von Laearno zu versieben hat aber nickt theoretisch. sondern praktisch. Denn .der Worte sind genug gewechselt" und viel Zweck hat es wirklich nicht, sich barüber zu unterhalten was man damals eiaenttick „gemeint* hat.
Reparationen, Rbeinlandronmung und Rheinische Überwachungskom Mission ■— dos sind die broi großen Fragen. UW b'e man in Lugano sich auseinanderseh-u wird, hoff-mOid) anest zu einer Énffdteibnna kommt. Daß cs auch bei und nack einer Einigung über die neue Revarationsvolittk zu ein-r ..vorzeitigen" Rbeinlandräumuno sammt, wird in Deutschland niemand mehr erwarten gelckweioc denn tu einer Anerkennung des deutschen StandnunkfeS daß d-r Arttfcl 131 des Versailler Verkraaes erfüllt sei Deutkcktand einen Rechtsanspruch auf sofortige Räumung habe, weil die ihm auferlcoten Entwaffnung-- militärischen und finanziellen Bestimmnnoen fene<« V-rtrages teils erfüllt teil- bureb andere Festsetzungen obgelöst seien.
Vielmehr broht die Gekohr, bah die Räumung noch weiter hinousgelckoben werden, daß bie Besetzuna auch noch über die festgeleaten Termine hinaus als Bfand dienen soll, zum mindesten als Toulckolsseki für eine „Bb''rwachunos"volitik, für die iene in Genf ersonnene „Feststellunciskommission" das Muster abgibt lind alle diese drei ,.R"-Fragw finh — dem denksck-n Standpunkt entgegengesetzt — tatsächlich in einen engen Zusammenhang hineinmanövriert wordm, weil ihre Lötung auks unmittelbarste von dem „Geiste von Locarno« b--inksnßt sei. Also haben auch die Reparationen, hat der Dawes- Plan, entgegen seinem ursprünglichen Charakter, Wieder einen alles überschattenden politischen .Hintergrund erhalten. Hub darin siegt ia letzten Endes auch der Grund dafür daß man noch nicht einmal zur Bestellung von Sachverständigeu für die künftige Dawes-Konferenz gefommen ist. Die französische Presse hat wie auf Kommandoworl die Schuld für all diese Ver- zöaernuaen ausacrechnet auf — Deutschlands Konto ae»
Hier wohnt die deutsche Delegation in Lugano.
setzt, das sich wieder einmal ssh-raus „halsstarrig zeige". Das Echo in England ist nicht viel anders, zeigt vor allem, wie unbedingt man den französischen Standpunkt billigt.
Fällt in 2 u gan 0 der Schleier von Locarno? Oder hängt dieser Schleier überhaupt nur noch vor deutschen Auaèn? Deutschland hat damals einen Preis für die Verträge gezahlt der sehr hoch war, nämlich die freiwillige Anerkennung des 1919 uns aufgezwungenen Versailler Vertrages. Nun wird in Lugano von dem deutschen Vertreter die Frage gestellt werden, was Deutschland hierfür als Gegenwert erhalten hat oder — endlich — erhalten soll Zu hoch wäre der Breis gewesen, wenn dieser Gegenwert lediglich die Zulassung Deutschlands zum Völkerbund und das angebliche „Unsichtbarwerden" der Rheinlandbesetzung sein sollte, wie Briand es darstellt. Dann ist das, was Deutschland sich unter .Locarno" voraestellt bat, zu einer — Einbildung ge-