Skandale.
Seelenfang in Paris. — Schlimme Saat. — Neben- regierung der Obersten.
Wir haben uns wirklich gegenseitig nichts vorzuwerfen, die Völket hüben und drüben der alten und der neuen Grenzen. Wie lange ist es her, daß in der deutschen Reichshauptstadt ein Schwindel- und Betrugs- Prozeß verhandelt wurde, dessen jeder redliche Deutsche sich schämen mußte, weil in ihm ein bis dahin angesehener und in wichtigen Strafsachen unbedenklich verwendeter • Staatsanwalt a l s Angeklagter sich zu rechtfertigen hatte und dabei eines geradezu schamlosen Mißbrauches seiner einflußreichen Dienststellung überführt wurde? Und heute sicht der französische Ministerpräsident sich gezwungen, ein Mitglied bet Kammer öffentlich um Namensnennung derjenigen politischen Persönlichkeiten zu ersuchen, die von der Parlamentstribüne herab der Beteiligung an dem neuesten Panamaskandal der Republik beschuldigt worden finb.
Wieder sollen durch Ausbeutung der Leichtgläubigkeit breiter Volksschichten Hunderte von Millionen in falsche Taschen geleitet worden sein, aus denen sie niemals wieder den Weg zu ihren rechtmäßigen Eigentümern zurUekfinden dürften, und wieder sieht es so aus, als hätten bestimmte Gesellschaftskreise bewußt oder unbewußt, gewollt oder ungewollt bei diesen überaus ertragreichm Betrugsmanövern hilfreiche Mitwirkung geleistet. Man gründet in einer Zeit, in der die Währung noch auf tönernen Füßen ruht, ein kleines Wochenblatt, das sich vorn mächtig für internationale Verständigung und . ähnliche schöne Menschheitsziele einsetzt, um in den mehr rückwärts gelegenen Spalten um so verdächtiger regelrechten Seelen- oder vielmehr Börsenfang zu betreiben. Die Sache bekommt den unehrlichen Maklern so lange ausgezeichnet, bis die ganze .Herrlichkeit über einem unvorhergesehenen kleinen Zwischenfall zusammenbricht. Nun herrscht Heulen und Zäbneklappern unter den vielen, vielen Leidtragenden, und Herr Voincarè, streng und unerbittlich, wie er ja ist, wird gewiß keine Schonung walten lassen, wo immer er unter Beamten oder Politikern Schuldige zu fassen bekommt. Werden wir etwa in den bekdüNten Chauvinistenblättern demnächst zu hören bekommen, daß im Grunde genommen auch an diesem neuesten Finanzskandal kein anderer als — Deutschland die Schuld trägt? Vielleicht wegen des deutschen Namens der Frau, die als Hauptangeklagte in dem bevorstehenden Prozeß zu figurieren haben wird?
*
Herr Poincarè mag aber auch aus anderen Gründen sich augenblicklich in nicht gerade behaglicher Stimmung fühlen. Da wagt es ein Pariser Schwurgericht, was bisher noch keine Regierung, kein fremdes Staatsoberhaupt riskiert bat: es schleudert dem großen und gewaltigen Mussolini den Fehdehandschuh ins Gesicht, indem es einen Mann, der aus antifaschistischen Beweggründen einen in Paris amtierenden italienischen Staatsbeamten über den Haufen schoß, so gut wie treisprach. Kein Wunder, daß darob ganz Italien aufflammt wie eine Pulvermine, daß italienische Offiziere ihren französischen Waffengefährten aus den Jahren des Weltkrieges die einst mit Begeisterung entgegenge- nommenen Ordensauszeichnungen zurückschicken und daß namentl'ch die akademische Jugend am liebsten mit starker Hand über die Grenzen aufgebrochen wäre, um den Franzosen sozusagen Auge in Auge ihre Verachtung ins Gesicht zu schreien. Es kommt ja auch hier natürlich eins zum andern, ithb den Italienern ist es schon lange ein TVorn im Auge, daß Paris nachgerade ein Sammel- und ein Tummelplatz für die nach Mussolinis 'Auffassung ungeratenen Söhne ihres Landes geworden ist. Das ist ein" schlimme Saat, die leicht einmal über Nacht ganz plötzlich aufgchen kann.
*
Da finh die Polen doch etwas rücksichtsvoller.
setzen den Revolver nicht gegen fremde Staatso ine- bi r-ge an die das zweifelhafte Glück l-abcn. in ihrer M'tie zu leben, sondern sie lallen im Dunkel der Nacht das schöne Schloß ihres Staatsgründers unb Staat^retters des Marschalls Pilsudski. von bewaffnetm Mordgesellen umschleichen, denen aus Versetzen zunächst einmal ein barm- loser Schutzpolizist zum Ovfer gefallen ist. Das nächste Mal wird ihre Kugel vielleicht schon ein höhergestelltes Ziel zu erreichen wissen. Jedenfalls wird jetzt schon ganz offen in ihrem Sejm von der Nebenregierung der O b e r st e n gesprochen, denen eine ganz ansehnliche Zahl von unaufgeklärten Entführungen, von Überfällen mißliebiger Politiker und Schriftsteller mit teils voll, teils nur halb gelungenen Totschlägen zur Last gelegt wird. Sogar leibhaftige Generäle sind ja von dieser unheimlichen Perschwörergesellschaft unschädlich gemacht worden, ohne daß dafür auch nur die geringste Sühne zu erreichen gewesen wäre. Wie Marschall Pilsudski sich versönlich zu diesen lichtscheuen Dingen stellt, weiß man natürlich nicht. Nun ihm aber allem Anschein nach direkt nach dem Leben getrachtet wird, werden ihm doch wobl mit der Zeit sehr bestimmte Entschlüsse aufgenötigt werden. Vorläufig läßt er es noch bei der vollendeten Mißachtung bewenden. mit der seine Regierung alle parlamentarischen Entscheidungen behandelt, die mit ihren eigenen Wünschen und Anträgen nicht übereinstimmen. Der unausbleibliche Konflikt, der am außenpolitischen Himmel von Warschau heraufzieht, wird ibn aber ohne Zweifel vollauf gerüstet finden. Dr. Sv.
Hilfe für die Landwirtschaft.
Im Preußischen Landtag ist folgender Urantrag Schwecht unb' der übrigen Mitglieder der Fraktion der Deutschnationalen Volkspartei eingegangen: Die Lage der Landwirtschaft in den Gebirgsgegenden der Hunsrück. der Eifel, des Westerwaldes und des Bergischen Landes ipiijt sich immer mehr zu. Trotz der besseren Ernte nimmt der Verfall der meist kleinbäuerlichen Wirtschaften infolge ihrer starken Verschuldung und der niedrigen Peise für die Erzeugnisse in einem Grade zu, daß der Zusammenbruch der Betriebe unvermeidlich ist, wenn nicht schnelle Reichs- urtd Staatshilfe einsetzt Der Landtag wolle daher beschließen: Das Staatsministerium wird ersucht, für die genannten Gebiete die gestundete Grundvermögenssteuer aus dem Etatsjahr 1927 niederzuschlagen, die Grundvermögenssteuer für die Etatsjahre 1928 und 1929 außer Kraft zu setzen, die Schullasten, soweit sie Vorkriegshöhe überschreiten, auf den Staat zu übernehmen, die Kreis- und Gemeinde-Etats einer Prüfung zu unterziehen und mit allen zu Gebote stehenden Mitteln darauf ZU wirken, daß unter größter Einschränkung der Verwaltungsausgaben die Anpasiung der Kreis- und Gemeindesteuern an die Steüerkraft der Steuerpflichtigen erfolgt, gemeinsam mit der Reichsregierung verbilligte Kredite zur Beschaffung des notwendigen Kunstdüngers zur Verfügung zu stellen, auf die Reichs- regieruug einzuröirken, daß die Reichsbahn die Frachtkosten für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, insbesondere für Kartoffeln, Getreide, Heu und Stroh, ermäßigt.
Lteberschwemmuna im Bergwerk.
64 Todesopfer.
In ein Bergwerk bei Morococha (Perus drang Wasser aus einem benachbarten großen Wasserwerk ein. Nach Schätzungen des Arbeitsministeriums sind bei der Über- flutung der Grube 27 Personen ums Leben gekommen, I nach nichtamtlichen Schätzungen 64.
Landrat v. Gilsa in den Ruhestand getreten.
Kassel, 7. Dez. Das Verfahren gegen den Landrat von Kirchhain, p. Eilsa, hat seinen Abschluß gefunden. Durch Beschluß des Staätsministeriums ist Landrat v. Eilsa einstweilig in den Ruhestand versetzt worden. Die Frage seiner weiteren Verwendung ist noch nicht entschieden. Bis zur Ernennung seines Nachfolgers ist Regierungsassessor Dr. Knost von der Regierung in Kassel mit der interimistischen Leitung des Landkreises Kirchhain beauftragt worden.
Der Nachfolger des Landrats v. Gilsa.
Kassel, 7. Dez. Wie die „Kasseler Post" von gutunterrichteter Seite erfährt, ist Regierungsrat Beauchamps aus Aachen zum kommissarischen Landrat in Kirchhain bestimmt worden.
Zu der Kirchhainer Angelegenheit.
Kassel, 7. Dez. Von der Gauleitung Hessen-Nassau-Nord der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei geht uns folgende Mitteilung zu: „Der Herr Regierungspräsident hat öffentlich erklärt, daß die Behauptung der Gauleitung der NationaNo- zialistischen Arbeiterpartei, dem Reichstagsabgeordneten Strasser sei von dem Herrn Regierungspräsidenten bestätigt worden, daß hie N. S. D. A. P. mit den von der Linkspresse und dem ..Amtlichen Preußischen Pressedienst" verbreiteten Meldungen in keinem Zusammenhang gebracht werden könnte^ völlig frei erfunden sei. Hierzu wird folgendes bemerkt: Bei der Besprechung mit Strasser und seinem Begleiter im Regierungsgebäude waren zugegen Vizepräsident Gehrke und Regierungsrat Noelle. Hier bat der Vizepräsident sinngemäß vor Zeuoen folaendes aelaat: „Die bei der Haussuchung beschlagnabmten Parteiakten sind wieder zurückgegeben worden, weil gleich festgestellt worden ist, daß die N S. D A. P. nicht mit den Vorgängen im Kreise Kirchhain in Verbindung gebracht werden kann. Hieraus geht klar hervor, daß die von der Sauleitung aufgestellte Behauptung nicht „frei erfunden" ist. Und hierzu schreibt Strasser in seinem Bericht (Völkischer Beobachter vom 5 Dezember 1928) unter anderem: „. . . . Nach dieser meiner Aufklärung und vor allem aufgrund der bei den betreffenden Referenten des Regierungspräsidiums vorliegenden einwandfreien Beweise, daß die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei nichts mit der Sache zu tun hätte, was mir vieler selbst (der Regierungspräsident) vor Zeugen ausdrücklich bestätigte, um nun endlich amtlicher« jeits der Wahrheit die Ehre zu geben. ..." Der Herr Regierungspräsident hält vieler Entgegnung gegenüber seine am 8. Dezember durch das WTV. verbreitete amtliche Erklärung durchaus aufrecht.
Zum Ueberfall auf den Grafen Hardenberg.
D a r m st a d t, den 6. Dezember 1928.
Die Staatsanwaltschaft Darmstadt teilt uns mit: Zu der in der „Welt am Abend" abgedruckten Veröffentlichung bemerken wir, daß bei dem Ueberfall 80 Mark Papiergeld aus der dem Grafen v. Hardenberg abgenommenen Brieftasche entwendet worden sind. Die Untersuchung mußte sich selbstverständlich nach allen nur denkbaren Richtungen, namentlich hinsichtlich der Motive. bewegen, da der Tatbestand die Feststellung nach nur einer Richtung nicht zuließ; dabei mußten alle an die Behörde gelangenden Nachrichten nachgeprüft werden Die Untersuchung hat weder zu Beweisen für ein Hineinspielen der Anastasia- Angelegenheit, noch einer Kriegsanleiheschiebung, noch eines auf homosexuellen Zusammenhängen beruhenden Racheaktes geführt; ebensowenig haben sich Beweise für homosexuelle Neigungen des Grafen v. Hardenberg ergeben Ueber die Tat hat der Verletzte ganz eingehende Aussagen wiederholt gemacht. Vernehmungen und Haussuchungen in „hohen und höchsten K-eüen" haben nicht stattgefunden. Anhaltspunkte, die Spur der Täter in vielen Kreuen zu suchen und zu verfolgen, liegen nicht vor. Wie uns mitgeteilt wird, hat auch der vormalige Großherzog keinen Privatdetektiv mit der Aufklärung befaßt, io daß die an die gegenteilige Behauptung geknüpften Schlußfolgerungen hinfällig sind. Von politischen Einwirkungen auf die Staatsanwaltschaft ist nicht das Geringste bekannt; die Sache hat mit Politik nichts zu tun. Die Unterstellung, daß ein Kollege des Sachbearbeiters geneigt sei, sich an Treibereien zu beteiligen, entbehrt jeder Begründung.
... ....... .............. ! I SBE^^g^ËEaiSSras^^ --
Aus Heffen-Raffau und Aachbargebleien.
Merkblatt für den 9. und 10. Dezember.
Sonnenaufgang 7” 7“ II Mondaufgang 4M 6" Sonnenuntergang 15M 15” U Monduntergang 14’7 14“
9. Dezember. 1520: Luther verbrennt in Wittenberg die päpstliche Bannbulle.
10. Dezember. 1889: Der Dichter Ludwig Anzengruber gest.
Recht tut, wer sich des Lebens Güter sammelt, — Wer dadurch Er wird, Er, ein rechter Mensch. — Schmach übt, wer an die Güter sich zerstreut. — WLH ihm! Er wird sich nie mehr wiedrrfinden. — Und jene Güter nicht, noch sich besitzen. — Denn nur, wer recht erworben, der besitzt. L. Schefer.
Wetterbericht.
Während der von Nordwesten vordringende Kaltluftvorstoß stetig weiter fortschreitel und bereit bis zum Kanal Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt gebracht hat, entwickeln sich tm südwestlichen Frankreich im Erenzgebiei der dort lagernden warmen Luflkräste Druckstörungen, die wahrscheinlich auch bet uns zu Niederschlägen, vielfach in Schneeform, führen werden. Später sammt es im Bereich der Kalilust au Aufheiterung und Schneeschauer. Stärkere Abkühlung ist dabei zu erwarten. — Vorhersage bis Samstag abend: Zunächst noch überwiegend bedeckt, Neigung zu Regen- und Schneefällen, später Uebergang der Niederschläge in Schauer, teilweise Aufheiterung, kühler, nach Norden drehende Winde. — Witterungsaussichten für Sonntag: Wechselnd bewölkt, geringe Schauerneigung, ziemlich kalt.
Hessen-Waldeckscher Einheitsstenographentag 1929 in Hersfeld.
Der Kurzschriftverband Hessen-Waldeck, dessen Gebiet sich über den Regierungsbezirk Kassel. Waldeck einen Teil von Oberhessen und die angrenzenden Teile von Westfalen erstreckt, wird am 9. Juni des kommenden Jahres in Hersfeld seine Verbandstagung, verbunden mit großem Wettschreiben, abhalten. Außerdem werden zu der Tagung noch eine große Zahl ; anderer Stenographen, viele Mitglieder der Vorstände der einzelnen Vereine und des Wettschreibeausschusses in Hersfeld erscheinen. Während die geschäftlichen Beratungen am Sonnabend stattfinden, wird das Wettschreiben am Sonntag folgen. An dasselbe wird sich eine große Festversammlung schließen, zu der auch die Vertreter der Behörden, von Handel und Industrie, der Kaufmannschaft, Schulen und anderer Organisationen geladen werden.
Am Wochenende.
Für einen „richtiggehenden" Mikolaus ist auf dem Niklasmarkt nichts zu holen — weder Aepfel noch' °" die alten Lebtuchenh.rzen gar nicht zu denken — XQn manischen Museum in Nürnberg ist eine Sammluna deutscher Lebkuchenformen aufbewahrt — ein Säckchen s ? turgeschichte spricht aus den Lindenholzschnitzereien au Die „Honigkuchenpoesie" späterer Jahrhunderte ist beider gewürdigt worden, in irgendeinem Museum zu Nutz uwv men kommender Geschlechter aufbewahrt ^u werden - 5 i" "icht viel verlöten daran, aber immerhin waren" die eihm liehen Spruche (entweder mittels Zuckergusses oder der schwär' zen Kunst aus die Herzen gezaubert) recht erfreulich für S ober Tut Sie „Wenn wir uns auch öfter zanken
soN nicht tränten" Das Sprüchlein ist auch heute zeitgemäß; es wird nichts so heiß geg.ssen, wie es gekocht wk?
kamen wir auch hm, bei all dem Zank, den Reibereien und der Nervosttat unserer Zeit. Die ost gerühmte Heitert der Seele" geh, den Menlch.n „„!„„' ^ L m.i verloren - Solange alles glatt geht, solange einen nichts aus dem Geleise bringt, kann jeder arbeiten — ein froher Ginn beseitigt wie ein gutes Del den Reibungswiderstand der bensmaschine. Trägt nicht jeder Mensch eine Sehnsucht na* greube, nach einer Heiterkeit, die mehr ist als gewöhnliche Faschingstrubel, in sich ? — M
Mit dem Nikolaustag sind wir^dem Weihnachtsfest ein gutes Stück näher gerückt; der Pessimismus vergangener Herbsttage ist einer hoffnungsfreudigen Stimmung gewich •, Bei einem Gang durch die Geschäftsstraßen Fuldas findet das Auge fast keinen Ruhepunkt in der verwirrenden Fülle der lockenden Herrlichkeiten. Allgemein wird auf eine starke Belebung des geschäftlichen Verkehrs gerechnet, die Monate November und Oktober waren nach sicheren Feststellungen von einer geradezu beängstigenden Stagnation in den verschiedensten Geschäftszweigen. Die Kreditnot und das Borgunwesen auf der einen Seite, die Einschränkung des Bedarfs, die Zurückhaltung der Aufträge auf der anderen Seite, die vielen kleinen Hemmungen der verschiedensten Art sind'immer noch nicht überwunden. Das „Weihnachtsgeschäft" ist nun die grob Hoffnung für so viele geplagte Gewerbetreibende. Viele Anschaffungen sind zurückgestellt worden; was früher, als es uns im allgemeinen besser ging, so nebenher angeschafft wurde gibt heute ein praktisches Festgeschenk. — Eine große Rolle spielt auch das Wetter bei der Belebung des geschäftlichen Umsatzes. So ein Wetter, weder kalt noch warm, wie wir es seither hatten, ist für manche Geschäftszweige von verheerender Wirkung. Dem Volksmund nach „düngt ein nasser Dezember den Friedhof". Frost, klingende klare Winterluft soll ja ein probates Mittel sein gegen die hier und da wieder aufflackernde Grippe. —
Kürzlich fand ich in einer benachbarten Stadt unter den blendenden Auslagen der verschiedenen Geschäfte ein grell erleuchtetes Sargmagazin. Das ist nun an und für sich nichts Außergewöhnliches. Das Außergewöhnliche bestand in einem Schild: „Großer Eelegenheitskauf in Särgen aller Art". Was dachte sich der Sarghändler eigentlich? Särge auf Vorrat kaufen wie Kernseife oder Kleiderstoffe? — Ja, wenn es sich noch um alte echte oder imitierte Reliquienschreine gehandelt hätte! Filmgrößen und andere Prominente lieben es zur Zeit, sich mit derartigen Raritäten zu umgeben. Asta Nielsen^hat' sich ihr Heim in jahrelanger Sammlerarbeit aus spanischen kirchlichen Kultgeräten, Kirchenrequisiten, alten Schnitzereien usw. zusammengetragen. Bei einem Besuch in einem Frankfurter Antiquitätenladen sah ich prächtige Kirchengewänder des 18. Jahrhunderts, Kelche aus kath. und evangelischen Kirchen, Leuchter und ähnliches. Da fragt man sich unwillkürlich: wie kommen diese Sachen in die Hände der Händler? Aus Prt- v a t besitz gelangte in der vergangenen Woche eme'praMge^ Altertümer-Sammlung in Frankfurt a. M. zur Versteigerung. Viele Gegenstände stammen aus dem Fuldaer Lande. Ter kunstverständige Sammler hatte einst in Fulda dauernd mehrere Aufkäufer für seltene Porzellane, Zinnsachen und sonstige Altertümer, die nun in alle Winde zerstreut sind. — Versteigerungen, freiwillige und unfreiwillige, sind immer noch an der Tagesordnung. Auf solchen Versteigerungen tritt vereinzelt oder in Rudeln die sogenannte „Versteigerungshxäne" auf. Vom Grammophon bis zur Bodeneinrichtung entgeht ihrem Spürsinn nichts und nur, was ihr vollständig wertlos erscheint, bleibt dem Bieter übrig, der nicht zu ihrer Gattung zählt. Wo die Hyäne Interesse wittert, ist ihr das begehrte Objekt verfallen. Eine sehr unangenehme Seite der Versteigerungsflut beklagt der Stand der Schreiner und Möbelhändler: Wer sich einen Hausstand gründen will, sucht sich heute meist auf den Versteigerungen die nötigen Möbel und den größeren Hausrat zusammen. Welche Tragödien finden doch in solchen Versteigerungslokalen ihren Abschluß! — Ein Drittel der in Not geratenen Zeitgenossen leidet immer noch an den Folgen bk Inflation; der Uebergang zur Stabilisierung war zu schroff und wird von den Betroffenen als das große an ihnen begangene Unrecht betrachtet. Die Hochflut der Unredlichkeit, der sich Deutschland heute kaum erwehren kann, wird non ye- len als Folge jenes Unrechtes betrachtet. Gewiß, ein Unr^t läßt sich durch ein anderes nicht aus der Welt schaffen. Aber wer da jammert über die sinkende Moral, die überhand nehmende Unredlikcheit, der sollte billigerweise sein eigenes Gewissen erforschen, ob es nicht irgendwie direkt oder indirekt an dem Niedergang eine Mitschuld hat. — „O! glücklich, wer noch hoffen kann — aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen. ? Wir Menschen einer hastigen, atemlosen Zeit vergessen uw) verlieren so leicht uns selbst. Viele, und es sind nicht die Schlechtesten, können arbeiten bis zur Bewußtlosigkeit — doch mit einer stillen Feierstunde, einem Tag im Advent, einem besinnlichen Gedenktag, wissen diese Arbeitstiere nichts anzufangen. Hilflos und verlegen stehen sie vor einer solchen F->- erstunde. — Goethe wollte, daß wir keinen Tag vergehen lasicn sollten, ohne etwas Schönes zu lesen, etwas Schönes anzuschauen oder etwas Schönes zu tun. Wie viele Gelegenheiten, diesen Rat auszuführen, bieten sich täglich! Und wie viele Gelegenbeiten lassen wir täglich vorüber gehen? —
Ganz überrascht stellten die Bewohner des Frauenbergviertels die neue Beleuchtung in den unteren Anlagen fest. Da hat sich die Stadtverwaltung wirklich den Dank vieler Fuldae- verdient. Ist es doch gerade in letzter Zeit wiederholt vorc>- kommen, daß in dieser Anlage in den Abendstunden gänger angerumpelt und durch Bettler belästigt wurden. ~' Vorstadt hat überhaupt unter der Zudringlichkeit von altert lichtscheuen Elementen zu leiden. Oeftere Polizeipatrouil^ wären in diesen Dorstadtstraßen angebracht. — Die Christbäume sind gesichtet worden — die Erwartungen, Wünsche steigern sich von Tag zu Tag. Die „Seh"-sonnM!,- sind vorüber, am kupfernen Sonntag, ebenso an seinen bc^c hochwertigen Nachfolgern ist die schönste „Innendekoration für jedes Geschäftshaus eine zahlreiche Käuferschar! U.
Dezembersitzung des Landesausschusses.
Die Landesverwaltung (Landeshauptmann in Heyen) 11 Kassel teilt uns mit:
Die Dezembersitzung des Landesausschusses beginnt ai. Tienstag. den 11. Dezember 1928 im Ständehaus tu Die Tagesordnung umfaßt u. a. folgende Punkte: 1. lung des Ersatzmannes für den verstorbenen Kommunallano »- abgeordneten,'Herrn Schlosser Karl Euler in Grotz-Krotzsn —^ 2. Vorbereitung von Voranschlägen für das Geschäftslage :-^ die den Hauptvoranschlag des Bezirksverbandes nicht vemi