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Nr. 171 — 1928
Fulda, Montag, 23. Juli
5. Jahrgang
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Kleine Zeitung für eilige Leser
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'. August soll in Paris die Unterzeichnung des tes stâttfiyden unter Teilnahme der maßgebenden
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mropäischen Außenminister.
* Bei Düsseldorf stießen zwei Gütcrzüge zusammen. Zehn Nagelt wurden zertrümmert, ein Zugführer getötet und eiu Schaffner schwer verletzt.
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* Der Wiener Sängertag brachte eine imponierende Kund- zcbuug für den Anschlußgedanken.
* In Lissabon soll eine neue Revolution von ernsterem Charakter ausgebrochen sein.
Oesterreich will deutsch bleiben
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AvMKkmldgeblmg in Wien.
^ Bekenntnis der Sänger. ^ _ Sonnabend fand nach einem Vortrag des Brünner' Mannergesangvereins in der Schubert-Kirche die dritte Hauptaufführung des 10. Deutschen Sängerbundesfestes in der Sangerhalle statt. Diese Aufführung gestaltete sich in einer Anschlutzkundg c b un g. Sie wurde mit Fansarenklängen eingeleitet. Der Vorsitzende des Deut- -chen Sängerbundes, Rechtsanwalt Dr. List, hielt bei »ieser Veranstaltung eine Ansprache, in der er ausführtc, »as österreichische Land werde, wie es deutsch war und deutsch sei, auch deutsch bleiben, solange es ein deutsches Volk gebe. . „ < 1
Der Redner gedachte dann der deutsch-österreichischen" Waffenbrüderschaft und all der treuen gefallenen Kameraden, die nicht mehr in die Sangesgemeinschaft zurückgelehrt sind. Nach diesen Worten des Gedenkens sang èin verdeckt aufgestellter Chor: „Ich hatt' einen Kameraden." Dr. List erklärte dann weiter, die Schicksalsgemeinschaft des Weltkrieges habe verwirklicht, was der Deutsche Sängerbund seit seiner Gründung auf seine Fahne ge- chrieben hatte, nämlich das Gefühl der Zusammengehörig- 'eit der deutschen Stämme ohne Rücksicht auf die politischen Grenzen zu stärken. Ein einziges großes Gelöbnis der Treue zum deutschen Wesen durchpulse alle im Einheits- Zeichen des deutschen Liedes in diesen Tagen in Wien weilenden Sangesbrüder und in ihnen steige der heiße Wunsch auf, um das deutsche Volk auch das äußere Band »er Einheit zu schlingen. Er forderte zum Schluß seiner Ansprache die Sangesbrüder auf, in heiliger Begeisterung als ein einig Volk von Brüdern ihre Stimmen in dem Ruf zu vereinigen: Das große deutsche Vaterland, das wir ersehnen und erstreben, und sein Wegbereiter, das deutsche Lied: Heil!
Als der Beifall und ein dreimaliges „Heil!" verklungen waren, wurde Schuberts Lied „Der Lindenbaum", bearbeitet von Friedrich Silcher, zum Vortrag gebracht. Ihm folgte Viktor Keldorfers „Deutschland, du mein Vaterland . . ." mit Begleitung von Blasinstrumenten. Der Abend brachte eine Wiederholung der Schubert- gewidnieten ersten Hauptaufführung.
Der Festzug in Wien.
Großartiger Eindruck.
Dèn Höhepunkt bildete der Festzug, der sich über dre ganze Ringstraße, durch die Praterstraße und bis zur Sängerballe im Prater bewegte. Einzelne Werkstätten batten sich in den letzten Wochen ausschließlick mit der Ausschmückung der Festwagen beschäftigt. Eingeleitet wurde der Festzug von einer Schubert-Ehrung, die um 1410 Uhr morgens vor dem Burgtor staltfand. wo auch die Ehrentribünen für die hervorragendsten Festgäste ausgestellt waren. Die Schubert-Ehrung wurde durch Fanfaren- Musik eingeleitet. Darauf sang ein Sängerckor die Hymne an Franz Schubert. Hierauf folgte die Sckubert-Gedenk- rede des Ehrenvorsitzenden des Ostmärkischen Sängerbundes, Jaksch. Dann setzte der Festzug sick in Bewegung Der Zug begann am Rathausplatz. An der Spitze des Festzuges ritten 12 Fanfarenbläser in historischer Kleidung. Ihnen folgten 16 Herolde. Dann kam die Bundes- l>annergruppe mit dem Banner des Deutschen Sängerbundes. hierauf folgten wiederum Herolde. Hinter ihnen kamen dann zahlreiche Wagen für das Präsidium des Sängerbundes, die Festdirigenten usw. Dieser erste Teil des Festzuges wurde abgeschlossen durch Fahnensckwinger und durch eine Gruppe österreichischer Sacksenkürassier« aus dem Jahre 1809 bis 1818. Dann folgte in unübersehbarer Länge der weitere Zug. bestehend ans den ausländischen und den deutschen Syngerverbänden, von denen jeder feinen eigenen FestWSâ mit sich führte.
*
Mehreren Veranstaltungen der Gesangsvereine am Sonnabend, so den Konzerten des Wiener Lehrergesangvereins und des Kölner Männergesangvereins, wohnt« der deutsche Gesandte bei, wie er es sich auch an den vorhergegangenen Tagen angelegen sein ließ, bei möglichst vielen Einzelkonzèrten zugegen zu sein. Dort, wo er nicht persönlich erscheinen konnte, ließ sich Gras Lerchenfeld durch Mitglieder der deutschen Gesandtschaft vertreten.
Chinas Erwachen.
Das Beste an der Geschichte sind die Legenden, von denen sie umrankt wird. Als Tschangtsolin, der allmächtige Beherrscher der Mandschurei, gen Süden zog, um der chinesischen Nordregierung in Peking gegen die Südregierung zu Hilfe zu kommen, da soll ihm, als er den Grenzfluß überschritt, wie einst dem Krösus prophezeit morden sein, er werde ein großes Reich zerstören. Die Prophezeiung trat ein, aber — wie es bei Prophezeiungen meist ist — in einem Sinne, der den Erwartungen des Orakelheischenden gerade widersprach: Tschangtsolin erlitt eine schwere Niederlage, mußte nach Norden zurück und kurz, bevor er die Hauptstadt der Mandschurei, Mukden, erreichte, verwundete ihn ein Attentat zu Tode, ein Anschlag übrigeys, über dessen Urheberschaft auch heute noch nicht irgendlvelche Klarheit geschaffen worden ist.
. Vor vierundzwanzig Jahren bereits tobte der Krieg um die Mandschurei. Damals stritten sich Rußland und Hapan und jetzt . . .? Die Japaner haben nicht die Eigenschaft, dort wegzugehen, wo sie einmal sind und sie wollen ebensowenig Don der Schantunghalbinsel, wo es schon wieder zu Schießereien mit Gruppen der neuen Karting Gesamtchinas gekommen ist, in absehbarer Zeit weichen wie etwa gar aus der Südmandschurei, wo einst soviel japanisches Blut den Boden düngte und man in- soigcdesseil nicht gewillt ist, auf die Ernte zu verzichten. Freilich ist die politische Konstellation für Japans Ansprüche aus die Mandschurei durchaus nicht günstig: denn sowohl London wie Washington haben auf eine japanische Fühlungnahme hin unzweideutig zu erkennen gegeben, daß sie das Bestehen irgendwelcher Sonderinteressen Japans in der Mandschurei nicht anerkennen können. Eine Enttäuschung für die Regierung in Tokio ist es auch gewesen, daß der Sohn Tschangtsolins, der offenbar ein doppeltes Spiel treibt, das japanische Ansinnen abgelehnt hat, sich als selbständiger Leiter der Mandschurei nach dem Muster seines Vaters zu proklamieren und die Rolle eines Statisten im Dienste Japans zu spielen. So stehen die Dinge zwischen der chinesischen und der japanischen Regierung allein schon in der mandschurischen Frage auf Wegen und Brechen.
Mitten in diesen Konflikt hinein schlügt nun die allgemeine Kündigung aller Verträge der früheren chinesischen Regierungen mit ausländischen Mächten, wobei diesen irgendwelche Sonderrechte gegenüber den Bürgern des Chinesischen Reiches eingeräumt worden sind. An irgendwelche Kündigungsfristen hat sich die Nankinger Regierung dabei nicht gehalten, sondern die Verträge einfach als nicht mehr zu Recht bestehend erklärt. Es wird eine ganze Reihe von Staaten geben, die mit H-saurer Miene, aber ohne jede Gegenaktion diese Kimmung annehmen werden. Die Konsulargerichtsbarkeit, W ganze ausländische Schiedsgerichtswesen in China, Wh damit weg. An Italien und Dänemark, Spanien vnd Portugal ist von der chinesischen Regierung Ent- Hechendes schon mitgeteilt worden. Anders freilich reagierte die Regierung von Tokio darauf, die ebenfalls eine solche Mitteilung erhalten hat. Zunächst einmal hat das japanische Kabinett beschlossen, aus Schantung und der Mandschurei die japanischen Truppen nicht zurückzu- iwhen. Man sei zwar bereit, über den Neuabschluß eines Vertrages mit China zu verhandeln, aber man könne es aicht anerkennen, wenn die Mandschurei in ein enges Verhältnis zu dem übrigen China treten würde. Der japanische Generalkonsul in Mukden hat erklärt, daß seine Regierung die Mandschurei als ein besonderes Vertragsgebiet betrachte, und eine Union zwischen der Regierung don Mukden und der von Nangking eine Bedrohung der lapanischen Interessen darstelle.
’ Wie sich die Dinge im Fernen Osten weiterentwickeln werden, hängt nicht zuletzt von England ab. Dieses hat ja schon seit vielen Jahrzehnten eine besonders bevorzugte Stellung in China gehabt und . betrachtete namentlich das Vangtsetâl seit dem Frieden von Shimo- Noseki 1895 als sein wertvollstes Interessengebiet. Als in Schanghai die ausländischen Kolonien sich nur mit Mühe chinesischen Ansturms erwehrten, hât die englische Re- cherung wissen lassen, sie wäre an und süp sich bereit, in ^ne Revision der „veralteten Verträge" einzutreten. Vor- lWö ist eine Kündigung der bestehenden Verträge England und den Vereinigten Staaten gegenüber noch nicht Avlgt; das wird bald machgeholt werden und dann muß England Farbe bekennen. Man kann eine kleine historische -öarallele ziehen: die Türkei konnte solange am Leben Leiben, weil die gegenseitige,, Eifersucht der Großmächte nicht duldete, daß eine unter ihnen entscheidende Vor- wile errang. So kann es auch mit China werden, bis sich o>e neue Regierung gefestigt und die Ordnung im Innern wch den schweren Jahrzehnten der Bürgerkriege durch- ^whrt hat. Dann dürfte es aber wohl zu spät sein, wenn uzendeine Großmacht mit Sondèrforderungeu an das l'ue Chinesische Reich herantritt. .^; -
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Die große Schubert- Ehrung.
Mehr als 40 000 Sänger hatten sich am Freitag in der riesigen Sängerhalle im Prater zusammengefunden, um
Franz Schubert
in würdevoller Weise zu ehren. Auf den Tribünen sah man als Festgäste u. a. den Bundespräsidenten, die Bundesminister und den deutschen Gesandten. Nach »er Bundeshymne erklang die „Festfanfare" von Marx, sorgetragen von dem Orchester der Wiener Staatsoper, rem Wiener Symphonieorchester und von Mitgliedern des Österreichischen Musikerverbandes. Darauf setzten Orchester und Chor zu Franz Schuberts „Hymne" ein. Nachdem sie verklungen war, hielt der Vorsitzende des Deutschen Sängerbundes, Rechtsanwalt Friedrich List, die „Schubert-Rede".
Er wies darauf hin, das; die deutschen Sänger von überall her, wo die deutsche Zunge klinge, herbeigeströmt seien, um dem Gedächtnis Franz Schuberts zu huldigen und sich zu einem gewaltigen Bekenntnis für deutsches Wesen und deutsche Kunst zu vereinigen. Hundert Jahre seien verflossen, seit dem ewig sprudelnden Quell seiner Schöpferkraft ein viel zu früher Tod das Ziel gesetzt hätte. Aber so frisch und rein wie ^ur Zeit ihrer Entstehung empfänden wir heute noch die Schöpferkraft Schuberts, die deutsche Seele, das deutsche Gemüt im Lied ausströmen zu lassen. Das Lied als einigendes Band um alle Deutschen zu schlingen, wo immer sie in der Welt verstreut seien, das sei die Aufgabe, die sich der Deutsche Sängerbund gesetzt habe.
Eine Rede Löbes.
Bei dem Empfang im Rathaufe erklärte Bürgermeister Seitz in einer Ansprache unter anderem: „Dieses Fest wird uns immer in Ertnerung bleiben als eine Kundgebung der Verbundenheit aller Deutschen. Sagen Sie unseren Brüdern im Reich, daß hier ein Volk lebt, das sich eins fühlt mit den deutschen Stammesbrüdern. Wien wird deutsch bleiben und seine Sendung erfüllen." Hierauf ergriff Reichstagspräsident Löbe das Wort. Er führte unter anderem aus: „Dieser Tag sei zur größten Anschlußkundgebung und Eiicheitskundgebung der Deutschen geworden, die die Welt je gesehen habe. Weil wir ein Volk sind und eine Ration, Idollen wir auch ein Staat sein. Ebenso wenitz wie die italienische Einigung oder die Einheit der jugoslawischen Völker verhindert werden konnte, wird man verhindern können, daß das deutsch Volk sich das Selbstbestimmung^ recht erringt.“
Turnfest in Köln.
Köln, 22. Juli.
- Die Stadt bat ein überaus festliches Aussehen, obwohl der Massenaufmarsch der Turner und Turnerinnen erst am Dienstag beginnt. __
Prof. Dr. OSkar Berger,
der erste Vorsitzende der Deutschen Turnerschast und geistige Leiter des 14. Deutschen Turnfestes, das in Köln unter der Teilnahme von Hmrderttausenden begonnen hat.
' Die Hauptverkehrsstraßen und die großen Plätz« prangen in buntem Flaggen- und Wimpelschmuck, wie ei in der Nachkriegszeit bisher wohl kaum gesehen wurde. Im Stadion in Köln-Mongersdors, wo sich der größte Teil der Wettkämpfe abspielen wird, ist eine riesige Zeltstadt entstanden. Auf der Jahn-Wiese wurde eine Zuschauer- tribüne errichtet, die 10 000 Menschen fasten kann. Aus einem Raum von 50 000 Quadratmeter sind Verpflegungs- zelte erbaut worden. Den Auftakt der sportlichen Wettkämpfe bildet die große R h e i n st r 0 m st a f f e l von Basel bis Köln, die mit Anschlußstaffel auf den Rhein- Nebenflüssen über eine Gesamtstrecke von 200 Kilometer führt. Über 3000 Turner und Turnerinnen nehmen an dieser Staffel teil, die in Basel begonnen hat und am Dienstag in Köln erwartet wird. —
Der neue „Graf Zeppelin".
Aufstieg erst im August. ,
Das neue Luftschiff „Graf Zeppelin" in Friedrichs- Hafen wird immer noch täglich von einigen tausend Frem- ven besucht, unter denen sich zahlreiche Ausländer befin- oen, die absichtlich für ihre Sommerreise den Weg über Friedrichshafen gewählt haben.
Wer damit gerechnet hat, das neue Luftschiff noch im .Juli aufsteigen zu sehen, erlebt allerdings eine Enttäuschung. Die ersten Werkstättenfahrten, die für die letzten Julitage vorgesehen waren, werden frühestens Ende der ersten Äugustwoche stattfinden, was eine neuerliche Verzögerung um mindestens 10 Tâgen bedeutet. Das für den neuen Gasbetriebsstoff erstellte Gaswerk war für den vorgesehenen Zeitpunkt nicht fertig, und man befindet sich im Gaswerk auch jetzt noch im Stadium der Versuche. Die Motoren bleiben inzwischen noch bei den Maybach-Werken, ivo auf den Bremsständen noch einmal Prüfungen vor» Genommen werden können.