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Nr. 160 Fulda, 10. Juli 1928

politische Rundschau

Deutsches ^eid)

Noskes 60. Geburtstag.>r-

^berpräsidcnt N oske in Hannover vollendete am 9. Juli das 60. Lebensjahr. Aus diesen^ Anlaß sandte ihm Ncichsvcrkchrsminister Gröner ein Telegramm, in dem der Minister sagt, die gesamte Wehrmacht gedenke der Verdienste Roskes um den Wiederaufbau inrseres Pater- landes und insonderheit der mutigen und vorurteilslosen Arbeit zur Wiederherstellung einer brauchbaren Wehr­macht. Glückwünsche gingen bei Noske el'eufalls ein vorn Reichskanzler, vom preußischen Ministerpräsidenten Dr.' Braun, vom preußischen Innenminister Grzesinski, vom Befehlshaber des Wehrkreiskonunaudos VT, General Föhrenbach, von der Provinz Hannover sowie boar den sechs Regierungspräsidenten der Provinz Hannover, ihn 12 Ubr brachte die Rcichswehrkapclle dem Oberpräsidenten ein Ständchen. Die Gratulationsdepeschen beziffern sich auf mehrere hundert.

Abstimmungsdenkmal in Allenstcin.

Am Sonntag sand in Allenstcin die feierliche Ein­weihung eines Denkmals zur Erinnerrmg an^dic vor acht Jahren erfolgte Abstimmung statt. Die Stadt zeigte reichen Fcstschmnck. Am Sonnabend abend war einte Be- grüßnngsfeierlichkeit. an der u. a. ein Vertreter der Rcichs- irnd Stâatsregierung und ein Vertreter des Auswärtigen Amtes teilnahmen. Alle Redner gaben der Erwartung und der Zuversicht Ausdruck, daß die abgetrennten Gebiete Ost- und Westprenßens recht bald wieder mit dem deut­schen Mutterlande vereint würden. Es wurden Bc- grützungstelegramme an den Reichspräsidenten sonne an d-e Reichs- und Staatsreqierunq abgesandt. Vom Reichs­präsidenten ging ein herzliches Antworttelegramm ein. Am Sonntag bewegte sich ein Festzug von etwa 5000 Teil­nehmern zum Festplatz, wo die Einweihung des Denkmals erfolgte. Am Abend war die Stadt festlich erleuchtet.

Beschlüsse des Stahlhelms.

2er Bundesvorstand des Stahlhelms hielt in Berlin eine Sitzung ab. Es wurde folgende Entschließung an­genommen: Der Bundesvorstand des Stahlhelms, Bund der Frontsoldaten, stellt mit Befriedigung fest, daß die Regierungsbildung auf einer Grundlage erfolgt ist, die der Sozialdemokratie die volle Verantwortung für diese Regierung zuweist. Der Stahlhelm ersieht aus den Vor­gängen bei dieser Regierungsbildung erneut, wie berech­tigt sein Kampf gegen das parlamentarische Stiftern ist. Die Frage der Einführung eines Nationalfeiertages ist für den Stahlhelm keine parteitaktische, sondern eine grundsätzliche Frage. Den 11. August lehnt der Stahl­helm als Nationalfeiertag unter allen Umständen, ab.

Frankreich.

Geständnis des Attentäters Pavan.

Der von der Schweiz an Frankreich ausgeliefeâe Italiener Pavan legte vor dem Pariser Untersuchungs­richter das Geständnis ab, den Faschisten S a v o r e l'l i durch drei Revolverschüsse getötet zu haben. Die Tat er­regte seinerzeit großes Aufsehen. Pavan entschuldigte seine Handlung mit den Leiden, die er in Italien erdulden mutzte. Früher Sekretär der Republikanischen Partei von Venetien, wurde Pavan bei einem Überfall der Schloarz- bemdcn durch eine Kugel der rechte Arm verstümmelt. Seit 1926 lebte er in Frankreich, in der Verbannung. Savorelli, seinen früheren Parteifreund, erschoß er. weil dieser im Dienste des faschistischen Spionagechefs in Paris stand.

Börse und Handel.

Frankfurter Börsenbericht vom 9. Juli. Nach der zweiUigi- gen Unterbrechung kam das Börsengeschäft zu Wochenbeginn nur sehr zögernd in Gang. Es machte sich eine starke Zurückhaltung und eine gewisse Unsicherheit bemerkbar, da hinsichtlich der wei­teren Entwicklung des Geldmarktes Besorgnisse bestanden. Vielfach glaubte man nicht, daß bald eine stärkere Entspan­nung eintreten werde, zumal jetzt die Einkommensteuerzahlun­gen, die Industriebelastungszinsen und die letzte Rate der Reichsbahnemission fällig werden. Außerdem tritt jetzt bereits die Frage der Erntefinanzierung in den Vordergrund. Die Börse litt jedoch vor allem unter dem Ordermangel und unter den Nachwirkungen der Löwensteinangelegenheit, wenn auch die Befürchtungen hinsichtlich der Weiterentwicklung immer mehr verschwanden. Andererseits bot die feste Haltung der Newyorker Börse vom Samstag dem Markte eine Stütze, und für verschiedene Spezialwerte bestand einiges Interesse. Dem­gegenüber nahm die Spekulation auf einigen Marktgebieten kleine Abgaben vor, so daß die Kursentwicklung uneinheitlich war. Elektrowerte waren etwas gefragt; Bergmann gewannen 2 Prozent, Licht u. Kraft 1 Prozent, und Siemens 1.5 Prozent. Interesse bestand ferner für Süddeutsche Zucker auf die Termin- einführung (plus 3 Prozent). Von den Zellstosfwertcn waren Aschaffenburger 2.75 Prozent erhöht, während Waldhof etwas nachgaben. Am Chemicmarkt eröffneten I. G. Farben knapp behauptet, Scheideanstalt 1 Prozent gebessert. Montanwerte blieben stark vernachlässigt; es überwogen hier die kleinen Kurs­abbröckelungen bis etwa 1 Prozent. Banken und Schiffahrrs- werte lagen ebenfalls sehr still und wenig verändert. Deutsche Anleihen lagen geschüftslos, von Auslandsrenten waren Tür­ken etwas gefragt, besonders Anatolier fester. Im Verlaufe wurde das Interesse für Elektrowerte reger, A. E. E. zogen er­neut 2 Prozent an, Siemens sogar plus 6 5 Prozent. Auch Schiffahrtswerte wurden jetzt stark beachtet, Hapag gewan­nen 3 Prozent. Davon angeregt, wurde die Stimmung allge­mein etwas freundlicher, zumal am Tagesgeld erstmalig eine fühlbare Erleichterung cintrat und der Satz für Tagesgcld auf 7 Prozent ermäßigt wurde. Am Devisenmarkt nannte man Mark gegen Dollar 4.1885, gegen Pfunde 20.403, London- Paris 124.20, Kabel 4.87,125, Mailand 92.78, Madrid 29.48, Holland 12.09.

Frankfurter Abcndbörfc vom 9. Juli. Auch zu Beginn der neuen Woche konnte sich an der Abendbörse kaum etwas Ge­schäft entwickeln. Infolge des drückenden Ordermangels wurde von der Spekulation weiter starke Zurückhaltung geübt. Die Erundstimmung war allerdings eher etwas freundlicher. Gegen den Berliner Schluß waren die wenigen Kurse, die zunächst festgesetzt wurden, nur geringfügig verändert. Auf kleine Dek- kungskäuse konnten Schuckert' und Siemens leicht anziehen. Da­gegen lagen Zellstoffwerte, beeinflußt durch die schwache Hal­tung der Kunstseideaktien in Berlin, merklich abgeschwacht. Aschaffenburg verloren 5 Prozent. Auch im Verlauf blieb die Stimmung zurückhaltend und still. Renten blieben vernachläs­sigt. Abl. Schuld 17.90, Barmer Bank 145.5, Danatbank 277, Deutsche Bank 167.5, Dresdner Bank 167.25, Buderus 82, Gel­senkirchen 137.25, Harpener 156.5, Aschersleben 263.5, Westeregeln 272, Mannesmann 135, Rheinische Braunkohlen 293, Rheinstahl 152, Stahlverein S6.75, AEG. 177, Bergmann 203 5, Scheide- anstalt 207.5, Licht u. Kraft 221.75, I. E. Farben 266. Gesfürel 257, Holzmann 149 5, Rütgerswerke 100, Siemens 366.5, Schuk- fert 206.5, Waldhof 309, Aschaffenburg 230.5, Hapag 166, Nord­deutscher Lloyd 156.5.

Frankfurter Produktenmarkt vom 9. Juli. Der hiesige Pro­duktenmarkt eröffnete die neue Woche in ruhiger Haltung. Die Händler zeigten eine große Lustlosigkeit, da Anregungen nicht vorlagen. Das Geschäft blieb klein und beschränkte sich nur auf einzelne Getreidesorten. So war nur Mais für Futterzwecke, in dem Deckungen von Seiten der Landwirtschaft, bei anziehendem Preis, vorgenommen wurden. Die Preise wurden wie folgt festgesetzt: Weizen 1. 26 50, Roggen 28.50, Hafer inl. 27.75 28.25, Mais für Futterzweckc 24.2524.75, Weizenmehl 36 50 37, Roggenmehl 3<s39, Weizenkleie 13.50, Roggenkleie 16.25, Erbsen 3260, Linsen 5060, Heu, alte Ernte 99 50, neue Ernte 6.50, Weizenstroh 5, gebündelt 44.25, Treder 17.517.75.

Frankfurter Schlachtviehmarkt vom 9. Juli. Der Auftrieb des heutigen Hauptmarktes bestand aus 1648 Rindern, darun­ter 409 Ochsen, 95 Bullen, 712 Kühen, 392 Färsen, ferner aus 601 Kälbern, 55 Schafen und 6194 Schweinen. Im Vergleich zum Antrieb des Hauptmarktes der vorigen Woche waren 218 Rinder, 100 Kälber und 1800 Schweine mehr angetrieben. Be­zahlt wurde pro Zentner Lebendgewicht: Ochsen: A 1. 5962, A 2. 5458, B 1. 4853. Bullen: A 5155, B 4850. Kühe: A 4751, B 4246, C 3541, D 2534. Kälber: B 7275, C 6571, D 5562. Schweine: A 6568, V 6669, E 6770, D 6770, E 6266, E 5662. Verglichen mit den Notierun­

gen der vergangenen Woche waren Rinder bis 2 Mark, Kälbex bis 3 Mark und Schweine bis 2 Mark billiger. Marktverkauf' Am Rindermarkt verblieb bei ruhigem Handel Ueberstand Schweine schleppend, Ueberstand. Kälber und Schafe ruhig und uusverkaufl. Schafe wegen des geringen Antriebes nicht ;10. tiert. Fleischgroßmarkt: Ochsenfleisch 1. 95105, Ochsenfleisch > 8595, Bullenfleisch 8590, Kuhfleisch 1. 7080, Kuhfleisch 2 5565, Kuhfleisch 3. 3050, Kalbfleisch 2. 100105, Schweine­fleisch 1. 9095, Gefrierfleisch: Rindfleisch, Vorderviertel, zoll­frei 54, verzollt 70, Hinterviertel, zollfrei 64, verzollt 80.

Amtliche Berliner Notierungen vom 9. lkUN.

* Börsenbericht. Tendenz: Ab geschwächt. Nach bet zweitägigen Unterbrechung des Börsengeschäftes setzte die Ber­liner Börse außerordentlich ruhig ein. Monalsgcld hörte man mit 7,50 bis 8,50 Prozent. Im weiteren Verlauf bot Börse kam das Geschäft fast völlig zum Stillstand. Das Kursniveau ging im allgemeinen auf Gcwinnmitnahmcn leicht zurück.

* Devisenbörse. Dollar 4,1844,192; e u g l. Pfund 20,3820,42; holl. Gulden 168,57168,91; Danz. 81,47 bis 81,63; franz. Frank 16,4116,45; schweiz. 80,62 bis 80,78; Belg. 98,3858,50; Italien 21,9521,99; schwed Krone 112,17112,39; d ä n. 112,02112,24; norweg. 111,97 bis 112,19; tschech. 12,4012,42; öfterr. Schilling 59/r bis 59,12; p 0 l n. Zloty (nichtamtlich) 46,8247,02; Argen­tinien 1,7681,772; Spanien 69,0769,21.

* Produktenbörse. Die Nachrichten von den Feldern bleiben überwiegend günstig, wenn auch besonders beim Roggen vor­läufig die bestehende Verspätung der Entwicklung nicht ganz überwunden ist. Für Weizen sind die lustlosen Berichte vom Auslande auch nicht anregend gewesen und das schöne Wetter trug dazu bei, daß sich die Notierungen nicht immer voll bc< baupteten. Der Konsum kauft nur vorsichtig, und nach den Randstaatcn besteht kleine Nachfrage. In neuer Ware auf spätere Abladung liegt mäßiges Angebot vor. Im allgemeinen entwickelt sich aber in Brotgetreide das Geschäft aus neuer Ernte sehr schwer. Wintergerste ist im Lande schon verschie­dentlich geschnitten, war in den letzten Tagen einzeln and) be­mustert. Hafer eher etwas besser als gefragt, aus kommender Ernte ist besonders von Vorpommern vermehrtes Angebot im Markt. Mais ruhig. Für Mehl ist das Konsumgeschäft an du Bäcker einzeln etwas reaer geworden

* Preisnotierungen für toter. (Festgestellt von der amt­lichen Berliner Eiernotierungskommission am 9. Juli.) Dir Preise verstehen sich in Pfg. je Stück ab Waggon oder Lager Berlin nach Berliner Usancen. 1. Deutsche Eier: Trinkerei vollfr. gest, über 65 Gramm 13, über 60 Gramm 11,50, über 53 Gramnr 10, über 48 Gramm 8,50; frische Eier über KV Gramm 10,50, der 53 Gramm 9, über 48 Gramm 7,50. Aus­sortierte kleine und Schmutzeier 6,50; 2. Auslandseier: Dänen 18er 12,50, 17er 11,50, 15%16er 10,50; Posener 68 Gramm 9,50, 5758 Gramm 8,509; Russen große 88,50, normale 7,50, abweichende 77,50, kleine, Mittel- und Schmutzeier 6 bis 6,50. Tendenz: Fester.

Bücherschau.

Die Feinheiten des Kupfertiefdrucks kommen in der braunen Kupfertiefdruck-IllustriertenDie I. Z. 20 schön zur Gel­tung. Die uns vorliegende Nr. 27 dieser Zeitschrift enthält einen Bilderreichtum, der schon durch die sorgfältige, geschmack­volle Auswahl und Anordnung, besonders aber durch die druck­technisch vollendete Wiedergabe der Photos Bewunderung ver­dient. Eine solche Weichheit der Farbtöne kann eben nur im Kupfertiefdruckverfahren erzielt werden. Man sieht da Innen- Ausnahmen, Porträts, Natur- und Städtebilder, deren Schön­heit wohltuend auf das Auge wirkt. Dazu trägt auch die bei I. Z. eigene Farbe bei, die deshalb so beliebt ist, weil sie an die braunen Kunst-Photos erinnert. Natürlich gibt es auch im Kupfertiefdruck verschiedene Qualitäten, aber die der I. Z. kann wohl nicht übertroffen werden. Verlag: E. Hackebeil A.-G., Berlin, SW. 68, Lindenstraße 26.

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Das Notenfrühstück. Nikisch klopfte bei einer Orchesterprobe überraschend ab, um sich an den Fagottisten mit der Frage ^ wenden:Haben Sie heute schon gefrühstückt?" Verblich antwortete der Musiker mit:Nein."Aha", sagte Nikisch, nun wird mir allerdings klar, warum Sie die Hälfte der Noten verschlucken."

OMAN VON PAUL HAI

URHEBEyiECHTSSCHinz DURCH VERLAG OSKAR _ MEISTER

25) (Nachdruck verboten.)

Ich werde pünktlich da fein."

_ Ellinor atmete auf, als sie mit Silvia wieder auf der Straße stand. Sie sehnte sich nach Hause, in die Gepflegtheit und Sauberkeit der Räume, die um ihr Heim waren, wo sie sich geborgen fühlte und in trautem Beisammensein mit ihrem Satten die unerquickliche Szene von vorhin vergessen konnte.

An der nächsten Ecke verabschiedete sich Silvia von ihr, sie hatte noch einige dringende Besorgungen zu machen. Eine Weile standen sie dort beisammen, auf die elektrische Bahn wartend, die Silvia zu benutzen gedachte. Ellinor wollte dann noch eine kurze Strecke zu Fuß gehen, um mit einer anderen Linie nach Hause zu fahren.

Ich besuche dich vor der Abreise noch einmal," sagte Silvia,wenn es dir recht ist"

»Ich hätte es auch nicht anders erwartet"

»Hallo da kommt meine Bahn. Also Kopf hoch, Ellinor übermorgen bring' ich dir Bescheid"

Sie gaben sich abschiednehmend die Hand.

In diesem Augenblick ging ein eleganter, älterer Herr an ihnen vorüber, dessen brünettes, scharfprofiliertes Gesicht mit den dunklen Augen den Ausländer verriet. Eine gepflegte, vornehme Erscheinung. In einer stillen, gemessenen Art, die der Umwelt wenig Beachtung schenkt, schritt er etmae steif dahin.

Ellinor fühlte kurzes Erschrecken. Silvia war schon aus die Bahn gestiegen, die eben anfuhr. Mechanisch winkte Ellinor chr nach. Empfing noch den kalten Blick, mit dem der Herr wie aus einer Verträumtheit heraus sie gestreift hatte, diesen Blick, der ihr nicht unbekannt war, der sie schon vor Wochen in Tivoli so seltsam verwirrend berührt hatte. --

Conte Piavelli! '

' Sollte es möglich sein?

Sie ging weiter wandte nach einer Weile aber den Kopf sah zurück.

Kein Zweifel er war es!

Stand noch immer an der Ecke wie fremd und blickte ihr nach. In seiner ruhigen, wie abwesenden Art.

2n Sekundenschnelle nahm Ellinor fein Bild deutlich in sich aus, hastig drehte sie sich wieder um, fühlte Röte ihr Gesicht füllen und eilte mit beschleunigtem Schritt weiter. , ;

Conte Piavelli! '

Kein anderer als er konnte damals die Rosen auf dem Bahnhof von Tivoli in ihr Kuvee acichickl haben!

War diese Begegnung hier in Berlin ein Zufall? Ein ab­sonderlicher Zufall?

Fast hätte sie den Kopf geschüttelt bei der Lebhaftigkeit ihrer aufgerührten Gedanken.

Und doch warum sollte es kein Zufall sein?

Mit aller Deutlichkeit fielen ihr alle Einzelheiten jener ersten Begegnung in Tivoli mit dem Conte ein. Und wieder empfand sie: Es ist keine Aufdringlichkeit in seinem Blick keine Begehrlichkeit in seinem Wesen kein Suchen nach einem reizvollen Abenteuer. Es ist keine Furcht, die sein Antlitz erweckt.

Es ist seltsam! '

Sie bestieg ihre Bahn an der Haltestelle, die sie erreicht hatte. Wagte nicht noch einmal, sich umzusehen. Und hätte es doch gerne getan.

Unterwegs malte sie sich aus, was Hubert wohl sagen würde, wenn sie ihm von dieser sonderbaren Zufallsbegeg- nung erzählte. Aber je mehr sie sich ihrer Wohnung näherte, umso schwankender wurde sie in ihrem Vorhaben, diese Be­gegnung zu erzählen. Und als sie zu Hause war, hatte sie sich entschlossen, sie für sich zu behalten. Was ging sie auch dieser Conte an? Viel zu wichtig hgtte sie die Episode genommen. Und Hubert neigte ein wenig zur Eifersucht. Sie lächelte versonnen in sich hinein. Schließlich maß er in feiner Leidenschaftlichkeit der Angelegenheit überflüssige Bed-minna bei.

Nein, nein, sie wollte ihm keine Unruhe bereiten.

Wollte selbst nicht mehr daran denken.

Schön wollte sie sich machen wie sie es immer tat, wenn Hubert bald aus dem Amt kommen mußte. Obwohl dieses Schönmachen im Grunde genommen nicht nötig war. Denn das Leuchten ihrer Augen, der rosige Schimmer ihres Gesichts, die köstliche Anmut ihres Wesens das alles konnte auch von einer Hausschürze oder dem einfachen Bormittags­kleid nicht beeinträchtigt werden.

Der Conte Piavelli war vergessen in dieser Stunde, da Ellinor, wie jeden Tag mit erwartungsvoll klopfendem Herzen am Fenster des Speisezimmers saß, dessen Tisch sie schon gedeckt hatte und des Augenblicks harrte, da sie Hubert an den Hals fliegen konnte.

Und doch war Conte Piavelli nicht allzu weit.

Er stand einige Häuser entfernt, wie wartend, und blickte träumerisch vor sich hin. Ein Fremder im bunten .Straßen- bild, wir einsam und heimatlos.

13. '

Der Winter kam mit Frost und Schneefall. Mit all seinen mannigfaltigen hunderterlei Vergnügungen, Konzerten, Lallen, Theaterbesuchen, Redouten, Maskenfesten.

Berlin amüsierte sich. Auch der Winter hatte seine Freuden.

Hubert und Ellinor hatten den Sommer und Herbst über ziemlich zurückgezogen gelebt. Nur mit wenigen intimen

Freunden pflegten sie Verkehr. In der Gesellschaft, jenen Kreisen, denen Hubert durch Geburt und Beruf angehörst ließen sie sich nicht sehen. Ellinor hatte Furcht davor, sie argwöhnte neue Verwicklungen und wollte ihnen aus dem Wege gehen.

Nun aber überredete Hubert sie mit drängender Zärtlich eit, sich nicht länger so reserviert zu halten, und feine Freuck leisteten ihm in solchen Ueberredungskünsten redlich Ä stand. Sie erklärten Ellinors Befürchtungen für ganz 1» begründet. Niemand würde wagen, die junge Gattin Hubst oon Stranzkys jetzt noch mit scheelen Augen anzusehen. Dl eigentlicheSensation" sei ja schon längst vorüber, und im übrigen würde Frau Ellinor eine entzückende Bereicherung des gesellschaftlichen Bildes sein. Nur mit Mut erobere man. eine neue Welt! Und an der Seite Huberts diesen Mut auf zubringen, sei wahrhaftig keine große Forderung.

Ellinor mußte lächelnd zugeben, daß das alles wahr sei Die Gattin Hubert von Stranzkys wagte jetzt gewiß nie* mand mehr zu brüskieren. Denn trotz feinerMes- alliance" hatte man im Ministerium feine Fähigkeiten aner­kannt und ihn auf einen verantwortungsvolleren Posten als Regierungsrat berufen, und dadurch in aller Form aner­kennend, daß man an wirklich maßgebender Stelle gar nid)! baran dachte, jemandem feine Karriere abzuschneiden, dem nichts anderes vorzuwerfen war, als daß er als Privat­mann ehrlich und aufrecht für feine Liebe einstand.

Es wehte eben eine neue Luft auch an den ersten Stellst der Regierung, und darüber schüttelte der Baron von Wend­ung, der Herr Ministerialrat, der im stillen gehörig gegst Huberts Berufung gehetzt hatte, am meisten den Kopf. "

Anfang Dezember führte Hubert seine junge Gattin ^ erstenmal auf eine Redoute, und die liebreizende Erscheinung Ellinors fand begeisterten Beifall ausnahmslos bei du jüngeren Herren- und Damenwelt. Daß auch einige fi® aure Mienen bei der Vorstellungspromenade zu bemerkt Daren, war nicht weiter auffallend. Und Spitzen werde bekanntlich überall geworfen. Hubert amüsierte sich im stillst köstlich über die Art, in der, besonders unter den alterst Damen der prominenteren Gesellschaft, die Voreingenommen­heit gegen denEindringling" massiert wurde.' Und am meisten Spaß machte es ihm, als er des Mimsterialrat- Wendling ansichtig wurde und diesem Ellinor trotz i^' sträubens vorstellte.

Meine kleine Frau freut sich ganz besonders, Sie endlst kennenzulernen, Herr von Wendling. Als mein frühest' Vorgesetzter, der sich so liebenswürdig für mich bei mein61 Berufung zum Regierungsrat verwendet hat" ' v. Wendling hüstelte leicht hinter dem vorgehaltenen Tuch Verdammte Situation! Und wie diese junge Frau ihn 1111 unverhohlener Spitzbüberei ansah! Ah ihm war W beiß. Und ihm wurde noch heißer, als Hubert nun scherzt 'ortfuhr;

(Fortsetzung folgt.) ,__________'