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Iul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 305 1929

Fulda, Dienstag, 31. Dezember

6. Jahrgang

Sie deutsche Wehrmacht am Zahrermechsel.

' Reichswehr und Marine.

Dank und Glückwünsche.

Wie alljährlich werden auch zu diesem Jahresschluß

Reichspräsident von Hindenburg, Reichs­wehrminister Gröner sowie die beiden Träger der Besehlsgewatt, Chef der Heeresleitung General Heye und Chef der Marineleitung Admiral Räder, der in Reichswehr und Reichsmarine gegliederten deutschen Wehrmacht ihren Dank für die geleisteten Dienste und ihre Glückwünsche für die Zukunst in besonderen Erlassen auS- fprecheu. Man darf annehmen, daß dabei Reichspräsident von Hindenburg sich aus Danksagung und Glückwünsche beschränken wird, während der Minister und die Befehls­haber wahrscheinlich auch auf die erhabenste Aufgabe der Wehrmacht zurückkommen werden, in diesen schweren Tagen, fern von allem politischen Tagesstreit, der Deut­schen Republik zu dienen in selbstloser Pflichterfüllung, für Volk und Vaterland.

*

Dr. Held an die Pfalz.

Der bayerische Ministerpräsident Dr. Held gibt einen besonderen Erlaß an die Pfalz zum Jahreswechsel her­aus, in dem er betont, wie sehr das ganze deutsche Volk sich über die Erlösung der zweiten Zone des Rheinlandes anfangs Dezember gefreut habe. Aber in den Jubel der Befreiung mischte sich der leidvolle Gedanke, daß noch immer die treue Pfalz von fremder Truppenmacht besetzt ist, daß noch immer dort auf deutschem Boden fremde Soldaten marschieren. Solange dieser Zustand fortdauert, haben alle Reden über Befriedung der Völker einen falschen Ton. Wenn Dr. Held heute zugleich im Namen der bayerischen Staatsregierung für die treue Pfalz einen Wunsch aussprechen dürfe, so könne es nur der sein, der

Bayern heiß aus dem Herzen flammt: Möge das Jahr 1930 endlich auch die treue Pfalz von fremder Macht und Besetzung befreien und das pfälzische Volk wieder zu einem freien Volk auf freier Scholle machen!

Stimmen der Vernunft.

Freigabebewegung in England.

Der Führer der Freigabebewegung im Englischen Unter­hause, der Abgeordnete und frühere Minister MacPherson hat im Unterhause eine Schrift verbreitet, in der die bekannte Rede Snowdens gegen die Freigabe widerlegt wird. Die Denkschrift zerpflückt namentlich die Behauptungen Snowdens, daß die Freigabe der überschüssigen Liquidationserlöse schon in Paris auf der Reparationskonferenz entschieden worden sei und daß sich England in der Freigabefragegenerös" ver­halten habe.

Eine abscheuliche Verletzung des Völkerrechtes."

Die Genfer ZeitschriftLa Revue Mensuelle" beginnt in ihrer Januarnummer mit dem Abdruck eines Gutachtens der Pariser Liga für Menschenrechte. Die Liga wendet sich darin gegen die Fortnahme und Liquidation feindlichen Privateigentums, wie sie unter englischer Führung im Weltkriege eingeführt und in den Friedensverträgen ver­ankert worden ist. Die Liga nennt diese Maßnahmen eine abscheuliche Verletzung des Völkerrechts", durch die Europa einen unglaublichen Rückschritt gemacht hat; denn vor dem Kriege sei bte Achtung vor dem Privateigentum als ein Dogma erschienen, das niemals in Frage gestellt werden würde.

Lag- auf Alkoholschmuggler.

Drei Schmuggler getötet.

Die amerikanischen Prohibitionsbehörden gehen jetzt gegen den Alkoholschmuggel im ganzen neu-englischen Küstengebiet mit vermehrter Energie vor. In Newport wurde von ihnen das zum Alkoholschmuggel benutzte MotorrennbootBlack Duck" am Eingang zum Hafen überrascht. Die Schmuggler versuchten unter dem Schutz des Nebels zu entfliehen. Bei der Verfolgung wurden drei Leute von der Besatzung des Schmugglerbootes getötet und einer verletzt. Weiter wurden zwei Schmugglerfahrzeuge aufgebracht, deren Besatzung recht­zeitig mit Hilfe der Schiffsboote an die Küste geflüchtet war. Ein in England registriertes Schmugglerschisf wurde hi Brand gesteckt.

Krawall im Kieler Rathaus.

Die Tribüne wirst Feuerwertskörper und Stinkbomben.

In der Montagfitzung der Kieler Stadikollegien, in der di« Einführung von sieben neugewählten unbesoldeten Stadträten durch den Oberbürgermeister erfolgte, wurden mehrere Anträge der Kommunisten, die den Unterstützungsempfängern beson­dere Beihilfen bringen sollten, abgelehm. Darauf entstand auf den Tribünen, wo sich zahlreiche Angehörige der K. P. D. ein« gefunden hatten, ein wüster Lärm. Es wurden Stink­bomben in den Saal geworfelt und FeuerwerkS- körper zur Explosion gebracht. Der Oberbürgermeister unterbrach die Sitzung und ließ die Tribünen durch Polizei- beamic räumen. Der Tumult setzte sich jedoch auch noch im Treppenhause des Rathauses fort. Auch dort wurden Fen er- werkskörpcr actoorfeu, bis das Rathaus vöiUa geräumt wurde.

Oer deutsche Neichskriegerbund Kyffhäuser wendet sich in einer Neujahrskundgebung seines Vorstandes erneut gegen die Kriegsschuldlüge und den Kulturbolschewis­mus. Der Aufruf sagt u. a.:In enger Geschlossenheit will der Kyffhäuserbund auch im neuen Jahre mithelfen an der Bildung eines gesunden Volkstums, einer wahrhaft patrio­tischen Gesinnung, die sich selbst und ihre besonderen Ansichten und Belange dem Gesamtwohl opfert und unbekümmert um Gunst oder Haß die Lehren der Vergangenheit aufrechterhält und sie mit den Forderungen der Zukunft verknüpft." Der Aufruf schließt mit einer Aufforderung an alle Kameraden und pflichtbewußten Deutschen, die den Glauben an eine deutsche Zukunft noch nicht verloren haben, mitzuhelfen an der inneren Erstarkung unseres Vaterlandes.

Die Reichsminister Dr. Moldenhauer und Dr. Curtius veröffentlichen in Gemeinschaft mit dem Vorsitzenden des Geschäftsführenden Ausschusses der Deutschen Volks­partei, Staatssekretär z. D. Kampkes, in der National­liberalen Korrespondenz Kundgebungen. Moldenhauer sagt darin:Wenn die großen Aufgaben gelöst werden sollen, ist es notwendig, daß sich die Verständigen im Lande besinnen, nicht im Kampf aller gegen alle die erste Aufgabe erblicken, sondern sich bewußt werden, daß nur eine starke geschlossene Front dem Ansturm des Auslandes standhalten kann. Es ist gleichgültig, welche Partei und welcher Minister die Fragen lost, es ist nur notwendig, daß sie überhaupt eine verständige Lösung finden, wenn Deutschland bestehen und das Jahr 1930 nicht zu einem Unglücksjahr für uns werden soll."

Dr. Curtius äußert sich u. a.:In den letzten Wochen lag auf Millionen Lippen die Frage: Was hätte jetzt Stresemann getan? Er kann nicht mehr antworten und wir haben nicht das Recht, im Ramen und im Auftrag eines Toten zu sprechen. Die Politik ist ja keine Wissenschaft, die in den Lehrsätzen wciterlebt, sondern eine persönliche Kunst, die mit dem aus­übenden Künstler stirbt, sosehr der Erfolg im einzelnen mit abhängt von hundert Faktoren, die außerhalb seiner Person liegen. Die Politik seiner Vorgänger erhielt durch Strese- mann eine andere Dynamik, eine neue Richtung, ein größeres Ziel. Wir können und wollen in seinen Bahnen weiter- arbeiten. Ehrlich wollen wir es versuchen im festen Ver- trauen auf seinen wegweisenden Genius. Er würde sich über­all wiedcrsinden. wo man rastlos und restlos dem Vaterlande 5ie;u-t.

Staatssekretär z. D. KampkeS verlangt radikale Abkehr von dem falschen Lebensstil, den wir uns angewöhnt haben. Geht daS deutsche Volk mit solcher Selbsterkenntnis und mit dem festen Willen, es anders zu machen, über die Schwelle des Jahres, konzentriere es seine Kraft auf die Beseitigung der Übelstände, statt sich im nutzlosen inneren Hader zu ver- lieren, dann wird 1930 vielleicht ein Wendepunkt zum Besseren.

Senator Frederic Sackett wird Rachsolger des zurückgetretenen amerikanischen Bot­schafters Schurman in Berlin.

Sie Dorkommniffe auf KreuzerEmden"

Erklärung des R c i ch s w e h r m i n i ft e r i u m s.

Die Akten über die Vorgänge auf dem Kreuzer Emden", die in der Presse als Dicuterei bezeichnet wurden, sind nun im Reichswebrministerium eingegan­gen. Zu den Behauptungen der kommunistischen Presse über angebliche Meutereien wegen Dienstschikane und über einen vorzeitigen Abbruch der Weltreife des Kreuzers Emden" wird über den tatsächlichen Sachverhalt von feiten des Reichswchrministeriums mitgeteilt:

Schon im Sommer sei beschlossen worden, noch vor Weih­nachten nach Deutschland zurückzukehren. Von einem vor­zeitigen Abbruch der Weltreise könne infolgedessen keine Rede jein? Am 13. Oktober hätten sich einige dienstfreie Matrosen zusammengesetzt unb beträchtlich dem Alkohol zugesprochen. In betrunkenem Zustande hätten sie dann die Internationale gesungen. Einer der Matrosen habe daraufhin ein rotes Taschentuch hervorgeholi und es an einer Stelle, die nicht zum Hissen von Flaggen bestimmt sei, mit einer Leine in die Höhe gezogen. Von einem Niederhalen der Flagge des Kriegs­schiffes könne selbstverständlich nicht gesprochen werden. Das Kriegsgericht, daS in öffentlicher Sitzung getagt habe, habe scstgestellt, daß cs sich nicht um eine Meuterei gehandelt habe, sondern lediglich um Ausschreitungen in der Trunkenheit. Wegen Ungehorsams gegen den ReichSwehrminist«, der das Singen parteipolitischer Lieder verbiete, und wegen Verstoßes gegen allgemeine Vorschriften seien zwei der Angeklagten als­dann zu fünf Wochen Arrest verurteilt worden Der dritte Angeklagte wurde freigesprochen.

Deutschlands amerikanische Schulden

Vielzuwenig ist die absonderliche Tatsache bekannt, daß zwar der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Woodrow Wilson, den Vertrag von Ver­sailles unterzeichnet hat, daß aber die Volksvertretung in Washington, Senat und Repräsentantenhaus, diese Unter­schrift nicht ratifizierte. Daraus ergibt sich, daß Deutsch­land mit Amerika einenSonderfrieden" abschloß, des weiteren aber auch, daß die Vereinigten Staaten nicht Mitglied des Völkerbundes sind und auch nur inoffiziell, wenn auch tatsächlich an den Konferenzen teilnahmen, auf denen der Versailler Vertrag reformiert wurde. Ab­gesondert von den übrigen Ententestaaten hat Amerika auch die Frage des liquidierten deutschen Eigentums ge­regelt und auch sonst eine Reihe von Vereinbarungen mit Deutschland getroffen, die die Regulierung der Kriegs­folgen betrafen. In einem Punkt allerdings arbeiteten die Vereinigten Staaten mit der Reparationskonferen; der Entente nicht bloßprivat", sondern ganz offiziell zusammen: der Reparationsagent Parker Gilbert überwies aus den Zahlungen, die in seine Kasse auf Grund der deutschen Verpflichtungen geflossen sind und fließen, einen Teil an Amerika, soweit dies zwischen den Entenetstaaten vereinbart war. Die Vereinigten Staaten hielten hinsichtlich der Höhe ihrer Forderungen auch hier wieder die Theorie aufrecht, daß es sich dabei lediglich um Baraufweydungen für die Kriegführung bzw. Kosten der Besetzung handele. 1926/27 betrug die an Amerika ge­zahlte Summe fast 100 Millionen, 1927/28 etwas über 85 Millionen Mark.

Durch das soeben abgeschlossene Übereinkommen zwischen Berlin und Washington wird das nun aber anders; nicht mehr durch den Reparationsagenten bzw. nach Annahme und Inkrafttreten des Young-Planes durch und über die Internationale Bank werden diese an­teiligen Zahlungen erfolgen, sondern der amerikanische Anteil an den deutschen Verpflichtungen des Young-Plans wird von Deutschland d i r e k t an die Vereinigten Staaten abgeführt. Dabei wird wieder jene oben geschilderte Theorie" aufrechterhalten: Amerika hat offiziell auch mit dem Young-Plannichts zu tun"; ebensowenig, wie es z. B. daraninteressiert" fei, daß in diesen Young-Plan die Zahlungsverpflichtungen der Ententestaaten an Ame­rika tatsächlich hineingearbeitet sind und dort einen wich­tigen, die Höhe der deutschen Jahresverpflichtungen wesentlich bestimmenden Faktor bilden. Das Überein­kommen berührt also nicht etwa diesen Teil derinter­alliierten Schulden", Amerika würde sich theoretisch auch immer nur an die Ententestaaten als seine Schuldner halten, wenn Deutschland einmal nicht zahlen sollte, würde sich auch für offiziellnicht inter­essiert" daran erklären, ob die deutschen Zahlungsver­pflichtungen im Falle eines Schuldennachlasses Amerikas den Ententestaaten gegenüber herabgesetzt würden. kurz, der Young-Planexistiert für Amerika nicht". Was viel­leicht gar nicht so ungeschickt ist, wenn etwa Frankreich irgendwelche Abhängigkeit in der Bezahlung seiner Schulden von der deutschen Zahlungswilligkeit oder -bereitschaft konstruieren wollte!

Angesichts des rein Theoretischen dieser ganzen Kon­struktion braucht man in Deutschland dieses Übereinkom­men politisch nicht zu überschätzen. Ein finanzieller Vor­teil ist augenblicklich ja auch nicht erzielt, höchstens darf man hoffen, daß eines für uns sehr schönen Tages die Amerikaner einen Schlußstrich unter die deutschen Schulden" machen. Allerdings sind die Amerikaner selbst gegenüber ihren Wafsenfreunden aus dem Weltkrieg niemals sehr freundliche Gläubiger gewesen, zeigten recht wenig Sentimentalität trotz aller, namentlich von fran­zösischer Seite her erfolgender Appelle. Aber sie haben doch ein Entgegenkommen durch eine sehr lange sich hin- zichende Ausdehnung der Zeit für die Abzahlung bewiesen in einer Art, wie siè die Entente Deutschland gegenüber leider nicht gezeigt hat.

Deutsch-englisches Eigentum-abkommen.

Protest des Groß- und Überseehandels.

Der Reichsverband des deutschen Groß- und Übersee­handels hat in der Frage der Freigabe des deutschen Eigentums in England an den Reichsaußenminister das nachstehende Telegramm gerichtet:

Gegen die Unterzeichnung des Abkommens mit England, wodurch der Raub von 14 Millionen Pfund beschlagnahmten deutschen Eigentums sanktioniert werden soll, erheben wir nochmals schärfsten Widerspruch, erwarten vielmehr, daß noch in letzter Stunde unter Hinweis auf die in deutschen Wirt- schaftskreisen bertidtgerufene Entrüstung und Erbitterung nach« drucklichst versucht Ivird, eine Lösung zu finden, die zum mindesten für diesen Verzicht eine gleichwertige Konzession bringt. Eine solche kann in den bisherigen Zugeständnissen nicht gesunden werden. England nochmals ernstlich vor Augen zu führen, daß durch sein Vorgehen dauernde vertrauensvolle Beziehungen zwischen beiden Staaten nicht eintreten könneir.. ist nach Ansicht der von uns vertretenen Kreise gleichzeitig im Interesse der ungestörten Entwicklung des internationalen Handels zur Stunde die dringendste Aufgabe der deutschen Regierung."

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Die Reichsregierung hat sich bereit erklärt, einen Vertreter zu der vom Völkerbund vorgcschlagencn Zollfriedeuskonserenz zu entseuden.

* Bom Reichswehrministcrium wird zu den Vorkommnissen auf dem KreuzerEmden" erklärt, es habe sich nicht um eine Meuterei, sondern nur um geringe Entgleisungen einiger Matrosen gehandelt.

* Der Vorstand des Verbandes des Deutschen Groß- und Ueberscehandels protestiert in einer Eingabe an dir Rcichs- regierung gegen das Ucbercinkommen mit England über das bisher zurückgehaltene deutsche Eigentum.