Nr 303 Samstag 28 Dezember
1929
Anfang und Ende
Lul. 2, 29, 30: Herr, nun läßt Vu deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen
Das ist der unscheinbarste Sonntag im Jahre, der zwischen Weihnachten und Neujahr. So zwischen zwei ganz großen Tagen steht er. Pom Gipfel des Weihnachtsfestes geht's hinab und dann wieder zum Gipfel des Neujahrstages hinauf. Wandert man und ist vom höchsten Berg herabgestiegen und muß wieder auf einen hohen Berg hinauf, dann macht man unten eine Ruhepause. Man besinnt sich und denkt zurück an das, was man eben oben gesehen hat, und denkt nach vorn, was man nun erleben wird: wohin geht die Reise? Wer nun recht zu wandern versteht, nimmt vom höchsten und schönsten Blick Dank, Kraft und Freude mit für den nächsten Anstieg. Hat er doch vom eben erstiegenen und nun verlassenen höchsten Gipfel weit hinausgeschaut auch über die kleineren Höhen, die es noch zu überwinden gilt „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen — nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren!" Ist der Sonntag wirklich so klein der uns dieses Wort aus seinem Evangelium mitgeben will? Laßt uns Ruhepause halten! Dem alten Simeon fing etwas ganz Neues an: er stand auf höchstem Gipfel und sah weit hinaus über all sein Wrmdern und sah sein Ziel, daß es da war, woher dies Kind gekommen war Den Heiland gesehen — haben wir ihn wirklich gesehen? Dann können auch wir unsere Wanderfahrt ins neue Jahr in Frieden fortsetzen, mag's manchmal noch so steil bergan, so tief hinabgehen, durch Mühsal auf ungewissen Wegen Und war uns Weihnachten zu unruhig, um ihn wirklich zu sehen — der Sonntag heute ist stiN: so mag er uns mitgeben, was wir im Fest versäumt haben, Dank, Freude, Kraft. Im neuen Licht dem Ende ent- aeaen!
SâH^MEMWS^WM-ENMlMM!Ä«MII!Mss»MIU»iM^W«SM
1929.
Was das Jahr gebracht hat.
Januar.
6. Tod des Großfürsten. Nikolaus von Rußland. — Staatsstreich und Militärdiktatur in Jugoslawien
11 Die Heilsarmee fordert den General Booch zum Rücktritt auf.
15. Abdankung Aman Ullahs Afghanistan Hai von letzt an fast jede Woche einen anderen König.
22. Deutschland feiert Lessing
27. Siebzigster Geburtstag Wilhelms EL
Februar.
2. Max Schmeling schlägt in Newyork den Boxer Risco I. o.
6. Tod des Ozeanfliegers von Hünefeld - Retchsverkehrs- ^LM^KH«i^
men zwischen Italien und dem Papst wird veröffentlicht. — Ganz Europa leidet unter einer sibirischen Kälte.
14 Commander Higgins wird General der Heilsarmee.
19. Trotzki möchte nach Deutschland kommen, *ricgt aber keine Aufenthaltserlaubnis.
März.
4. Hoover übernimmt sein Präsidentenamt in den Vereinigten Staaten.
5. In Mexiko bricht wieder eine der landesüblichen Revolutionen aus.
8. Im Pariser Sachverständigenkomitee nimmt der Plan der Gründung einer Reparaiionsbank Gestalt an.
19. Großadmiral v. Tirpitz vollendet das 80 Lebenchahr. — Auf seinem Schloß Jannowitz bei Liegnitz wird der Graf Stolberg-Wernigerode von seinem Söhne erschossen.
21. Tod des Marschalls Foch. — In Oslo findet dte Hochzeit des norwegischen Kronprinzen mit einer schwedischen Prin-
25. Das Luftschiff „Graf Zeppelin" unternimmt eine Mittelmeer- und Orientfahrt.
April.
1. Das Land Waldeck wird von Preußen übernommen.
3. Österreichs Bundeskanzler Dr. Seipel tritt zurück.
10. Die Zeutrumsabgeordneteu Wirth, Guorard und Stegerwald treten in das Reichskabinett ein.
17. Im Beidenflether Bauernprozetz werden 25 Angeklagte zu Gefängnisstrafen verurteilt.
19. Lord Revclstoke, englischer Delegierter auf der Pariser Konferenz, erliegt einem Herzschlag.
20. Prinz Heinrich von Preußen, der Bruder Wilhelms n„ gestorben.
Mai.
1. Blutige Maifeier in Berlin. Zahlreiche Todesopfer.
6. Preußen verbietet den Rotfrontbund; andere Länder schließen sich mit Verboten an.
14. Bei einer Explosion im Laboratorium einer Klinik in Cleveland (Ohio) finden mehr als 100 Personen den Tod.
15. „Gras Zeppelin" unternimmt einen Flug nach Amerika, muß aber die Fahrt abbrechen und bei Toulon notlanden.
23. Dr. Vögler, stellvertretender Führer der deutschen Delegation auf der Pariser Reparationskonferenz, tritt zurück. — Auf das Landratsamt in Itzehoe wird ein Bombenanschlag verübt. *
24. Aman Ullah flieht nach Europa.
30. Die Reparaiionskonferenz in Paris einigt sich über den für Deutschland konstruierten Zahlungsplan.
31 Die Wahlen zum Englischen Unterhause bringen einen großen Sieg der Arbeiterpartei.
Juni.
2.
3.
4.
5.
7.
10.
14.
17.
28.
29.
9.
Jahrtausendfeier der Stadt Meißen.
Bombcnattentat auf das Landessinanzamt in Oldenburg. In England wird Macdonald Ministerpräsident.
Ausbruch des Vesuvs. ,, t
In Parts findet die feierliche Unterzeichnung des Repa- rationsvertrages statt.
Ägyptens König Fuad besucht Berlin.
Unterzeichnung des Konkordatsvertrages zwischen Preuv^. Professor ^Dr'^Kahl, der hervorragende Rechtslehrer und Politiker feiert den 80. Geburtstag. — Der Segelflieger Ferdinand Schulz kommt bei einem Absturz seines Flu» Die^Reichs^rcaierung erläßt anläßlich der zehnten Wicder- kehr des Tages an dem das Versailler Diktat unterzeichne werden mußte, einen Ausruf an das Volk, in welchem sie sich gegen die Kriegsschuldlüge wendet.
Der Boxkampf Schmeling— Paolino, in dem Schmeling Sieger bleibt, bringt ganz Amerika aus dem Häuschen.
13.
Juli.
Im Georgskanal zwischen Großbritannien und Irland geht ein englisches Unterseeboot unter; 22 Mann der Be- satzung finden den Tod. „
In Brüssel wird das deutsch-belgische Markabkommen
unterzeichnet. . „ „ .
14. Die ersten Probeflüge des „Do X' haben zufriedenstellende Ergebnisse,
16 Der Ozeandampfer „Bremen" tritt die erste Fahrt nach Amerika an und gewinnt das Blane Band des Ozeans. — Der Dichter Hugo von Hofmannsthal erliegt bei der Nachricht vom Selbstmorde seines Sohnes einem Gehirnschlag.
18. Rußland bricht die Beziehungen zu China ab.
22. Über ganz Mitteleuropa liegt tropische Hitze. — Schwere Erkrankung des Reichskanzlers Müller
26 Der Haag wird zum Konferenzort bestimmt.
27. Poincarö tritt zurück und wird als Ministerpräsident durch Briand ersetzt.
30 Bei einer Grubenexplosion im Waldenburger Steinkohlenrevier finden 30 Bergleute den Tod.
August.
1. „Graf Zeppelin" fliegt nach Amerika. — Bombenattentate in Luneburg
6. Im Haag wird die Konferenz eröffnet.
10 Der Zeppelin kehrt aus Amerika zurück. — In Berlin wird die Reklameschau eröffnet.
13. Austausch Der Ratifikationsurkunden (Konkordat) zwischen Preußen und dem Heiligen Stuhl
15. ^Gras Zeppelin" beginnt seine Weltfahrt und landet vier Tage später in Tokio
25. In Düsseldorf werden zwei Kinder ermordet aufgefunden; es beginnt damit eine Serie furchtbarer Bluttaten.
29. Der Zeppelin landet nach 21tägiger Weltfahr- in Lakehurst.
30. Unterzeichnung der Haager Vereinbarungen. Die Rhein- lande sollen bis Ende Juni 1930 endgültig geräumt sein.
September.
1 Bombenattental am Reichstagsgebäude.
4. »Gras Zeppelin" kehrt von seiner Weltreise nach Friedrichshafen zurück.
6. Gegen das Regierungsgebäude in Lüneburg wird ein Bombenattentat verübt.
11. Aufdeckung des Komplotts der Bombenattentäter; zahlreiche Verhaftungen in Holstein und in Berlin
12. Der Wortlaut des gegen den Young-Plan gerichteten Volksbegehrens wird bekanntgegeben.
26. Verschmelzung der Deutschen Bank und der Disconto-Ge- sellschast.
27. Durch den Kreditbetrug der Brüder Sklarek wird Berlin um viele Millionen geschädigt.
29. Einreichung des Volksbegehrens mit dem Kennwort „Frei- hcitsgesetz".
Oktober.
3. Plötzlicher Tod des Reichsaußenministers Dr. Stresemann.
6. Die Leiche Dr. Stresemanns wird unter ungeheurer Beteiligung der Bevölkerung von Berlin in feierlicher Weise beigesetzt
8. Bei einer Schiffskatastrophe an der norwegischen Küste finden 40 Personen den Tod
9. In den Sklarek-Skandal wird neben zahlreichen Beamten der Stadt Berlin auch der Oberbürgermeister Böß verwickelt
18. In Wilhelmshaven wird der neue Kreuzer „Leipzig" vom Stapel gelassen.
19. T^s Reich erwirbt die Aktienmehrheit des Ftlmkonzerns
20. In Innsbruck wird der der Tötung seines Vaters beschuldigte Student Halsmann zu vier Jahren Kerker verurteilt
21. „Do X" macht mit inehr als 160 Personen einen andert- halbstündigen Rundflug.
22 Der Reichspräsident gratuliert Edison zym öOfährigen Jubiläum der Glühlanipe
23 In Frankreich wird das Ministerium Briand gestürzt Ministerpräsidenl wird nach mehrtägiger Krise Tardieu.
25 Die Newyorker Börse Dér 3eignet infolge katastrophaler Kursstürze eine große Panik.
26 Der Dichter Arno Holz gestorben.
28. Tod des Fürsten Bülow, ehemaligen Reichskanzlers. November.
2 Das Volksbegehren wird nach den Ergebnissen der Abstimmung für angenommen erklärt
6 Tod des Prinzen Max von Baden des letzten Reichskanzlers der Kaiser, leit — In England stürzt ein deutsches .VextthMiugzeug ab r sieben Personen âden den Tod
..... 8. Der Dramatiker Lampel wird unter dem Verdat ’ Fememordes verhaftet
II Dr Curtius wird Reichsaußenminister, Dr Moldenhauer Reiebswirtschastsminister.
12 . Thomas, Mann erhält den Nobelpreis für Literatur. — Aljechin siegt über Bogoljubow und behäl: die Schachweltmeisterschaft
13 In Bonn stirbt Frau Subkow, ehemalig- Prinzessin von Preußen
14 . Veröffentlichung des Statuts der in Baden-Baden begründeten Bank für internationalen Zahlungsausgleich
15 Der englische Minister Snowden lehnt schroff die Rückgabe des in England beschlagnahmten deutsche Eigentums ab
17 Die Koinmnnalwahlen in Preußen Sachsen und Hessen zeigen ein bemerkenswertes Anwachsen der nationalsozialistischen Stimmen
21 In Paris beginnen die Saarverhandlungen.
24. Clemenceau gestorben.
30 Der Reichstag lehnt das Volksbegehren ab — Bvrd behauptet, den Südpol überflogen zu haben; mehrere Forscher bezweifeln es
Dezember.
1. Eindrucksvolle Feier am Deutschen Eck anläßlich der Befreiung der zweiten Rheinzone.
2. In Eudtkuhnen trifft der erste Transport ausgewanderter deulschstämmiger Russen ein.
3. Zwölf Abgeordnete erklären ihren Austritt aus der Deutschnationalen Volkspartei.
5. Ter Leipziger Kaufmann Tetzner wird in Straßburg wegen eines unerhörten Mordes und Versicherungsbetruges verhaftet. — Besuch des italienischen Kön.gspaares beim Papst. — Reichsbankpräsident Dr Schacht veröffentlicht eine - unerwartete Denkschrift gegen den Young-Plan
8. Schwere Stürme in England und auf dem Atlantik.
9. Der Nuntius Pacelli, der in Rom zum Kardinal ernannt werden soll, verabschiedet sich in feierlicher Weise vom Reichspräsidenten. — Der Staatsgerichtshof urteilt, daß die Verleihung von Titeln, wie sie in Bayern vorgekommen ist, nicht mit der Reichsverfassung im Einklang stehe.
10. Der Reichstag beschließt für den Heiligen Abend den Fünf- uhrschluß der Ladengeschäfte. — Der Sächsische Landtag schafft den 9. November als gesetzlichen Feiertag ab.
11. Graf Christian Stolberg-Wernigerode wird wegen fahrlässiger Tötung seines Vaters zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. — Die aus der deutschnationalen Reichstags- frakiion ausgeschiedenen Abgeordneten bilden eine „Deutschnationale Arbeitsgemeinschaft". — Bei einer Meuterei in der amerikanischen Strasanstalt Auburn werden acht Personen getötet.
14. Der Reichstag spricht der Regierung das Vertrauen aus.
17. Bei einem Bergwerksunglück in Oklahoma finden 62 Bergleute den Tod
19. Durch Urteil des Staatsgerichtshofes wird bestimmt, daß die Teilnahme von Beamten an einem Volksbegehren zu- lässig ist — Bei Flugzeugabstürzen finden in Tunis zwei Südafrikaflieger und in der Mark Brandenburg zwei deutsche Flieger den Tod.
20. Der Papst verläßt zum erstennial den Vatikan, um in bei Laterankirche eine stille Messe zu zelebrieren
21. Loubet, ehemaliger Präsident von Frankreich, gestorben. — Der Reichstag nimmt das „Sofortprogramm" der Regierung an und beschließt außerdem die Erhöhung der Agrarzölle.
22. Der Volksentscheid ergibt 5 825 082 Stimmen für das „Frei Heitsgesetz", das somit gescheitert ist. — Rücktritt des Reichs finanzministers Dr. Hilferding und seines Staatssekretäre Dr. Popitz. — Der Reichstag geht nach einer Nachtsitzuns in die Weihnachtsfcricn.
Bombenanschlag in einer französischen Bank.
In einer Bankfiliale in Golfe-Juan-Vallauris in Südfrankreich explodierte eine Bombe, die von Dieben am Geldschrank angebracht worden war. Das Gebäude wurde zerstört.
Än Richter als Saapt einer Körderbandr.
Der Klub der Berufsverbrecher.
Die Newyorker Polizei hat nach Enthüllungen eines Polizeispitzels eine über ganz Amerita verbreitete Organisation von Bern;sverbrechern, die an die -izilianische Mafia erinnert, aufgcbedt. Die Organisation, die sich als „Dcmokratcnklub" aufgetan hatte, wurde von Chikago aus dirigiert; ihr Schutzherr aber war der Newyorker Stadt- richter Vitale, ein geborener Italiener.
Durch die sensationelle Entdeckung beginnt sich das Dunkel, das um zahllose Morde, Bombenattentate und Raubüberfälle in Newyork und in Chikago lag, zu lichten. Präsident des famosen Temokratenklubs war ein reicher italienischer Obstgroßhändler namens Terranova, genannt der „Artischockenkönig". Vitale und Terranova sind bisher noch nicht verhaftet worden und es gibt Leute, welche der festen Überzeugung sind, daß sie nie verhaftet werden werden, weil sonst zahlreiche angesehene' Persönlichkeiten in den Skandal hineingerissen werden würden.
Das Eis ^^f 'isue O^r.
Vier Knaben und ihr Retter c - - r u u k e n.
In Margetshöchheim bei Würzburg spielten vier Knaben im Alter von neun bis zc t Jahren auf dem dünnen Eise eines alten Arms des Bia ns. Dre Kinder brachen ein; auf ihre Hilferufe eilte der in der Nähe beschäftigte 30 Jahre alte Vitus Wittstadt herbei. Aber auch er wurde ein Opfer der dünnen Eisdecke und ertrank. Das gleiche Schicksal erlitten die vier Knaben.
Nah und Fern.
O Tragischer Ausgang eines Wirtshausstreites. In dem Gasthaus in Logitten bei Labiau kani es zwischen einem Melker und einem Tischler, die beide auf der Wanderschaft waren, sowie Arbeitern des Dorfes zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Melker einem Kutscher einen Messerstich versetzt haben soll. Die beiden Wanderburschen wurden darauf aus dem Lokal gedrängt und der Tischler r-urbe derartig zug '."eichtet, daß er bCbte1 liegenblieb. Ter Melker, der in seiner Angst in den Stall des Gasthofes entwichen war wurde herausgeholt und mit einer Forke totgeschlagen. Zwei Personen wurden verhaftet.
O Kohlenoxydgasvergistungen bei einer Weihnachtsfeier. Bei einer Weihnachtsfeier in einem Lokal in Kiciwwndau bei Breslau erkrankten 26 Personen zum Teil sehr schwer an Kohlenorvdgasvcrgiftung. Die Gase waren eisernen Füllöfen entströmt. Die Feuerwehr brachte die Erkrankten, unter denen sich auch Kinder befinden, ins Hospital. Im Laufe des zweiten Feiertages konnten 14 als geheilt entlassen werden während 12 Personen, darunter mehrere Kinder im Hospital verbleiben mußten. Lebensgefahr besteht für keine Person
O Verhaftung eines Mörders. Der seit dem 15 Dezember vermißte Landwirt Besserer ans Frouenzell (Bezirk Kempten) ist in emem Walde als Leiche aufgefunden worden. Besserer wurde durch zwei von hinten abgegebene Schüsse aus einem Jagdgewehr getötet. Leine Geldbörse und die Uhr samt Kette fehlten. Als Mörder des Landwirtes wurde der Dienstknecht Heinrich aus Unlermettenbach in Oberbayern, der bei der letzten Heuernte in Frauenzell beschädigt war festgenommen.
M Postraub am H iligabend In Gundeldorf (Oberfranken) erschien am Heiligabend, als die Inhaberin der dortigen Postagentur nach Schalterschluß die Tageskasse zusammenstellte, noch ein Mann am Schalter. Als die Frau das Fenster ös nete wurde ihr eine Handvoll Pfeffer ins Gesicht geworfen. Der Fremde raffte darauf 2950 Mark Papiergeld zusammen; er ist unerkannt entkommen.
O 27 Todesopfer eines Schiffsunglüâs. Der Athener Dampfer „Chrysis" wurde im Marmarameer von dem bulgarischen Dampfer „Warna" gerammt und begann sofort zu sinken. Die 2iköpfige Besatzung und drei an Bord befindliche griechische Hirten sind ertrunken.
0 Eisenbahnunglück in der Tschechoslowakei. Am Abend des zweiten Feiertages ereignete sich vor dem Bahnhof von Prerau ein Eisenbahnunglück. Der Lokomotivführer des Schnellzuges Oderberg—Prag zog, als der Zug die Brücke über die Betschwa erreicht hatte, die Bremsen zu plötzlich, so daß die Lokomotive aus den Schienen sprang und unter furchtbarem Krachen umstürzte. Der Tender und die vier folgenden Wagen entgleisten, blieben jedoch glücklicherweise auf der Brücke stehen. Der Lokomotivführer wurde getötet, der Heizer kam mit leichten Verletzungen davon. Von den Reisenden soll niemand verletzt worden sein.
Aus dem Gerèchtsfaal
§ Der Szolnoker Giftmischerinnenprozeß. In Szolnok in Ungarn begann die Verhandlung gegen die zweite Gruppe der »rauen, Die zahlreiche Personen vergiftet haben sollen. Die 37 Jahre alte Frau Takacs, die beschuldigt war, ihre« Schwiegervater vergiftet zu haben, um ihn beerben zu können, wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Weli und Wissen
w. Die Papageienkrankheit in Berlin. In Berlin-Dahlem sind ein Gelehrter, der Geologe Professor Dr. Harbort, und die Hausschneiderin seiner Frau au der Papageienkrankheit gestorben. Die Frau, die beiden Töchter und das Hauspersonal des Professors, die gleichfalls von der Krankheit befallen worden waren, sollen sich auf dem Wege der Besserung befinden. Professor Harbort hatte von einer Brasilienrcisc vier Papageien mitgebracht: drei von diesen Vögeln, die die Krankheit eingeschleppt haben, sind inzwischen getötet worden (nach einer anderen Version: eingegangen), während der vierte, der keine Anzeichen irgendwelcher Erkrankung zeigte, am Leben geblieben ist. Was ist das nun für eine Krankheit, die so furchtbar wirkt, daß ihr auch Menschen erliegen? Es sei von vornherein fcftgcftellt, daß sic nur vom Papagei aus den Menschen übertragen locrbcn kann, aber nicht von einem daran erkrankten Menschen auf einen gesunden. Die Übertragung geschieht durch Bisse des erkrankten Vogels oder dadurch, daß man mit dem Schnabel des kranken Tieres in Berührung kommt. Man weiß, daß Papagcicnfreunde dem Vogel oft ein Stückchen Zucker mit dem Munde hinhalten: wenn der Vogel dann zupickt und dabei mit dem Schnabel den Mund seines Freundes berührt, kann eine etwaige Erkrankung des Vogels aus den Menschen übergehen. Die Wiflenschaft nennt die Papageienkrankheit „Psittakosis" („Psittakos" heißt der Papagei in griechischer Sprache). Vielfach wird sic als eine Leberkrank- Heit bezeichnet; bei den Menschen, die von ihr befallen werden, äußert sic sich aber eher in Form einer Lungenentzündung. Die Sterblichkeit unter den von der Papageienkrankheit ergriffenen Menschen ist groß: sie beträgt mehr als 33 Prozent.
w. Millionenstiftung Rockefellers für die Universität Paris. Wie verlautet, hat der amerikanische Millionär Rockefeller der Pariser Universität einen Betrag von 150 Millionen Frank, der für den völligen Neubau der medizinischen Klinik Verwendung finden soll, zugesagt, falls die französische Regierung bereit ist, einen ebenso hohen Betrag zu bewilligen und die erforderlichen Grundstücke zu beschaffen.