Zul-aer /lnzeiger
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Nr. 238 — 1929
Fulda, Donnerstag, 10. Oktober
6. Jahrgang
Der Berliner Millionenflandal
Sklareks amtliche Kundschaft.
Hat Frau Dr. Böß einen billigen Pelz bekommen?
Der Millionenbetrug der Gebrüder Sklarek zieht immer weitere Kreise und erregt in der Öffentlichkeit und weit über die von den Sklareks betrogene Reichshauptstadt hinaus das allergrößte Aufsehen. Es regnet Beschuldigungen über Beschuldigungen, und jeder Tag fast bringt neue Enthüllungen. Die allerneucste ist die Veröffent- lichu.ng der Kundenliste der Sklareks, soweit sie in Amt und Würden befindliche Kunden betrifft.
Vom Berliner Magistrat beauftragte Beamte haben nämlich im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft die Konten in den Büchern der Firma Sklarek eingesehen, um die Zahl und die Namen der in städtischen Ämtern sitzenden Sklarek ° Kunden festzustellen. Von den 1700 Konten betrafen sehr viele außenstehende Personen,;. B. freie Arbeiter und Angestellte und Beamte der Reichs- und Staatsbehörden. Die meisten Rechnungen sind durch Zahlung ausgeglichen, etwa 50 Konten tragen noch ein Debet.
Unter den prominenten Kunden befinden sich ein Stadtbaurat, ein Stadtschulrat, zwei Bezirksbürgermeister^ mehrere Stadträte, zwei Verwaltungsdirektoren, zwei Obermagistratsräte, ein Stadtamtsrat und ein Sohn des gegenwärtig in Amerika weilenden Oberbürger- m e i st c r s D r. B ö ß. Ob diese Kunden einen Vorteil aus dem Kauf bei Sklareks gehabt haben, w-rd erst durch eine nähere Untersuchung festgestellt werden können. Der verhaftete Buchhalter der Sklareks soll im übrigen er- klärt haben, daß die Gattin des Oberbürgermeisters Dr. Böß für einen ihr von den Sklareks gelieferten Pelzmantel 400 Mark bezahlt habe, während die Firma selbst für diesen Pelz das Zehnfache, nämlich 4000Mark, ausgegeben hatte. Diese Angaben sollen, wie berichtet wird, den Tat- sachen entsprechen.
"' Gäbel aus der K. P. D. ausgeschlossen.
Die Bezirksleitung der Kommunistischen Partei Deutschlands Berlin-Brandenburg, hat den kommunistischen Stadtrat Gäbel, der zu den Sklareks Beziehungen hatte, aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen.
Eèn Scherbenberg.
Rund um die Sklareks.
Chimborassohaft türmt sich der Berg der Anschuldigungen im „Fall Sklarek* auf. Nicht bloß gegen die drei Brüder, die dem Fall den Namen gaben. Nicht bloß gegen Politiker einer ganzen Reihe von Parteien, weil sie mit den Sklareks mehr oder weniger intim verkehrt haben. Sondern nun häuft sich vor allem Material auf Material, Meldung auf Meldung — teils richtige, teils falsche, teils nur „dementierte* —, die alle das Thema: Sklarek und die Beamten der Berliner Stadtverwaltung behandeln. Das ist übrigens auch das Lauptthema.
Die Internationale Bank.
Fortschreitende Einigung.
Die in Baden-Baden stattfindenden Verhandlungen des Organisationskomitees der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich brachten die Erörterung der Frage des Gold-Clearingfonds bei der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich. Dieser Fonds hat nach dem Young-Plan dazu zu dienen, den Goldausgleich zwischen den einzelnen Ländern zu erleichtern und die einzelnen Zentralnotenbanken zu unterstützen. Eine endgültige Festlegung des Statuts ist in dieser Frage, über die man an sich einig war, noch nicht vorgenommen worden, auch erfolgte keine Festlegung des Statuts bei der dann erörterten Frage des Verhältnisses der Bank für den internationalen Zahlungsausgleich zu den einzelnen Zentralnotenbanken.
Man war sich aber auch hier im Prinzip einig darüber, daß das Einspruchsrecht der einzelnen Zentralnotenbanken bei der Betätigung der Internationalen Zahlungsbank gewahrt bleiben müsse, das heißt also, daß die Tätigkeit der einzelnen Notenbanken nicht durch Maßnahmen der Internationalen Zahlungsbank lahmgelegt werden dürfe.
Die Raiffeisen-Antersuchung.
Provisionen für Uralzew.
Der Untersuchungsausschuß des Preußischen Landtags für die Raisfeisenaffäre setzte die Vernehmung der Zeugen Geheimrat Dietrich und Direktor Schwarz fort. Geheimrat Dietrich betonte, im Vorstand hätte niemals ein Zweifel über die Zulässigkeit der Kredite an ihn geherrscht. Auch sei alles zurückgezahlt worden. Der Vorsitzende des Ausschusses, Abgeordneter Dr. Decrberg (Dtn.), meinte, er persönlich hatte es nicht für in der Ordnung, wenn ein Direktor derartige Kredite nehme. Das erzeuge zu leicht ein schiefes Licht. Geheimrat Dietrich hebt noch hervor, daß er niemals Spekulationsgeschäfte gemacht habe.
Der Vorsitzende, Abg. Dcerbcrg, stellt fest, daß für durch Uralzew (den bekannten russischen Kreditnehmer) gezahlte Provisionen zum Verkauf von Aktien bei der Raiffeisenbank ein Konto „Lange-Krause* eingerichtet gewesen sei. Uralzew habe davon 300 000 Mark abgehoben. Die Zeugen Seelmann und S ch iv a r z erklärten auf erhobene Vorwürfe noch, daß sie nichts iu verschweigen hätten; sie seien vielmehr bestrebt gewesen, Klarheit über alle Vorgänge zu schaffen. Dann wurde die wertere Beratung vertagt
Sklareks schufen sich Freunde mit dem „ungerechten Mammon*. Und diese Feststellungen geben dieser ganzen Angelegenheit ein bitter-ernstes Gesicht. Diese Feststellungen sind für die Allgemeinheit viel wichtiger, als wenn Politiker nur mit ihnen zusammen Sekt tranken, die Rennplätze besuchten, auf Jagd fuhren. Hängen die vielfachen Bevorzugungen, deren sich die drei Brüder bei ihren Geschäften mit der Stadt Berlin erfreuen durften, damit zusammen, daß städtische Beamte sich eine „passive Bestechung* haben zuschulden kommen lassen, als Entgelt für Zuwendungen irgendwelcher Art nicht bloß ein, sondern gleich beide Augen zudrückten, wenn und weil es sich dabei um geschäftliche Regulierungen mit den Sklareks handelte?
Die massenhaften Anschuldigungen, die, diese Frage bejahend, erhoben, täglich aber noch vermehrt werden, die berühmte „A n z u g s l i st e*, die Tatsache, daß 1700 Konten von Einzelbeziehern bei den Sklareks geführt werden usw. usw. lassen auch täglich mehr die Forderung gerechtfertigt erscheinen, daß die Dinge auch dort untersucht werden, wo ein Verdacht eigentlich strafrechtlicher Verfehlungen nicht vorliegt. Eine restlose Auf- deckung der ganzen Affäre also — denn die erste und sich schnell auch noch durch schwere Ungeschicklichkeiten des Magistrats verstärkende Frage ist doch die, daß in der Berliner Bevölkerung das Mißtrauen gegen die — Sauberkeit, die Unbestechlichkeit und überhaupt die Geeignetheit zahlreicher, auch sehr hochstehender Beamten der Berliner Stadtverwaltung riesenhoch anschwillt. Und täglich neuen Zustrom erhält. Fast alles, was in der Verwaltung selbst etwas zu sagen hatte, erscheint ja kompromittiert, kompromittiert erscheinen aber auch Stadt-
verordnete der verschiedensten Parteirichtungen.
Was schon jetzt nach dieser Richtung hin im Verhältnis zwischen „Bürger* und Verwaltung zerstört worden ist, stellt einen gewaltigen Scherbenberg dar. Wie- wiel davon wieder zu kitten ist ' nicht sagen. Es wird nicht aklz
wiel davon wieder zu kitten ist kann man heute noch gar nicht sagen. Es wird nicht allzuviel sein. Dazu in ein paar Wochen noch die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung. In den Versammlungen wird ja überhaupt nur über den Fall Sklarek gesprochen und jede Partei stellt in den Vordergrund, was die andere Partei belasten soll. Das aber ist nicht die Art, wie man mit dieser Affäre fertig werden kann. Sie versetzt dem Gedanken D_e r städtischen Selbstverwaltung einen Schlag von einer solchen Härte, wie er noch niemals geführt worden ist. Und sie hat — das kann nicht oft genug mit schmerzlichem Bedauern festgestellt werden — das Verhältnis nicht bloß zwischen der Berliner Bevölke
rung und ihren Beamten in schwerster Weise getrübt.
Jenseits aller Stadtverordnetenwahlen — wobei man die Kandidaten» wohl noch weit schärfer unter die Lupe nehmen, jeden, der von einem Spritzer dieser „Affäre* getroffen wurde, erbarmungslos von der Liste streichen wird — und jenseits aller Parteipolitik gilt es, durch strengste und eingehendste Aufklärung es zum mindesten zu versuchen, jenes so furchtbar getrübte Verhältnis zu .sanieren".
Ein eigenartiger Diplomat.
Aman Ullahs Gesandter aus England ausgewiesen.
Der afghanische Gesandte in London, Shuja ud Dowleh Khan, ist auf Ersuchen des Außenministers Henderson von den Behörden aus England ausgewiesen worden. Er ist bereits nach dem Kontinent abgereist. Der Gesandte, der von König Aman Ullah ernannt worden war und der damals alle Vorbereitungen für den Besuch Aman Ullahs in England anläßlich dessen Europareise getroffen hatte, hat auch nach dem afghanischen Umsturz die Geschäfte der Gesandtschaft verwaltet. Amtliche Schritte gegen ihn wurden unternommen auf Grund von Mitteilungen, die ein junger Sekretär der Gesandtschaft gemacht hatte. Der Gesandte wurde daraufhin verständigt, daß er nicht länger persona grata für die britische Regierung fei, und kurz darauf folgte die A u ff 0 r d e r u n g, das Land zu verlassen.
Vom Foreign Office wird nunmehr nachdrücklich be- tont, daß die Maßnahme keinen politischen Charakter habe und aus rein persönlichen Gründen erfolgt sei. Das Gepäck des Gesandten ist von den Behörden in Harwich festgehalten worden. Wie verlautet, hat der Ge- sandte einen großen Teil wertvoller Gegenstände, darunter auch Juwelen, zu Unrecht mitgenommen. Die Gesandtschaft soll nach seiner plötzlichen Abreise ein Bild der Verwüstung geboten haben. Die nähere Prüfung der im ganzen etwas dunklen Angelegenheit ist zurzeit noch im Gange.
Subkoff im Saargebiet.
wtb. Saarbrücken, 10. Okt. (Privatmeldung.) Auf der Paßabteilung der Regierungskommission erschien gestern nachmittag der ehemalige Gatte der Prinzessin Viktoria von Schaumburg, Alexander Subkoff, und bat um eine Aufenthaltsgenehmigung für das Saargebiet. Als Legitimation wies er neben seinem Nansenpaß einen luxemburgischen Per- ■ sonalausmeis vor. Außerdem hatte er eine Bescheinigung in ’ Händen, daß er in einer Saarbrücker Var als Mittler angestellt werden sollte. Es erscheint zweifelhaft, ob ihm. nachdem er bereits aus Deutschland, Holland, Belgien. Frankreich und Luxemburg ausgewiesen ist, im Saargebiet Asylrecht gewährt werden wird.
Severing über das Volksbegehren.
Die Rede im Rundfunk.
Reichsinnenminister Severing hielt Mittwoch abend in Berlin durch den Rundfunk eine Rede gegen das eingebrachte Volksbegehren betr. den Young-Plan. Die Ansprache wurde auf alle Deutschlandsender übernommen. Severing lehnte die Behauptung ab, die Reichsregierung werde in irgendeiner Weise die formgerechte Abwicklung des Volksbegehrens beeinträchtigen. Sie werde aber versuchen, die Aufwühlung der Leidenschaften und die wirtschaftliche Beunruhigung auf das Mindestmaß zu beschränken. Der Minister will Sorge dafür tragen, daß Entstellungen auch im Rundfunk alsbald berichtigt und Anwürfe gegen die verantwortlichen Träger der Reichspolitik zurückgewiesen werden. Reichsinnenminister Severing ging dann aus den Wortlaut des eingereichten Gesetzentwurfes ein und sagte, dieser würde genau das Gegenteil von dem herbeiführen, was er bekämpfe. Zu § 1 betr. die Kriegsschuldlüge betonte der Minister, niemals habe eine deutsche Reichsregierung, kein verantwortlicher Deutscher das Kriegsschulddiktat von Versailles anerkannt. Von 1919 bis heute habe es keine deutsche Regierung unterlassen, immer und immer wieder Deutschland gegen die Alleinschuld am Kriege zu verwahren. Der Paragraph renne offene Türen ein.
Im zweiten Paragraphen würde die Freigabe deutschen Gebietes von fremder Besatzung verlangt. Auch hier komme das Volksbegehren zu spät nach der durch Stresemann erreichten Regelung im Haag. Die Räumung der zweiten Zone sei in vollem Gange. Die dritte Zone werde spätestens am 30. Juni 1930 geräumt sein. Die Verhandlungen über die Rückkehr des Saargebiets kämen voraussichtlich schon früher zu einem guten Ende. Die Voraussetzung für die Räumung des besetzten Gebietes sei aber die Annahme des Young-Planes. Nach weiteren Ausführungen in dieser Richtung verwirft der Minister auch den § 4 mit der Strafandrohung gegen Reichskanzler und Reichsminister.
Auflösung von Stahlhelmgruppen.
Wie der Amtliche Preußische Pressedienst meldete, erfolgte die Auflösung verschiedener rheinisch-westfälischer Stahlhelmgruppen durch einen Erlaß des preußischen Minister des Innern, Grzesinski vom 8. Oktober an dre Polizeipräsidenten. In dem Erlaß heißt es:
„Auf Grund des § 1 des Gesetzes vom 22. März 1921 in Verbindung mit der Verordnung zur Ausführung dieses Gesetzes wird mit Zustimmung der Reichs- regierung der Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten e. V., mit allen seinen Einrichtungen und einschließlich seiner sämtlichen Unter- und Hilfsorganisationen, namentlich des Jungstahlhclms und des Bundes Scharnhorst für den Bereich der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen aufgelöst."
Weiter wird ausgeführt: „Form, Anlage und Durchführung der am 21. und 22. September im Raume von Werden—Kupferdreh—Langenberg und Kettwig—Velbert —Neviges von den Landesverbänden „Rheinland* und „Industriegebiet" in Gegenwart des ersten Bundesfü^ rers Seldte veranstalteten Übung bestätigen den nach Organisation und Betätigung des Stahlhelms bestehenden Verdacht, daß jedenfalls in den genannten beiden Provinzen der Stahlhelm eine Vereinigung darstellt, deren Zweck im Widerspruch zu den eingangs genannten gesetzlichen Bestimmungen steht.
Die Beobachtungen lassen keinen Zweifel, daß die Mitglieder dazu ausgebildet werden, eine Truppe zu schaffen, die in der Lage sein soll, als solche nach militärischen Gesichtspunkten kämpfend aufzutreten. Die Einbeziehung der anderen Organisationen rechtfertigt sich durch ihre engen Beziehungen zum Stahlhelm. Gemäß § 3 a. a. O. werden alle Gegenstände der Vereinigung oder ihrer Mitglieder, welche den verbotenen Zwecken unmittelbar gedient haben, zugunsten des Reiches beschlagnahmt und eingezogen. Die Durchführung der Beschlagnahme und die Einziehung obliegt den örtlichen Polizeiverwaltungen. In Ausführung obenstehcnden Erlasses haben die Polizeipräsidenten in Köln, Düsseldorf, Essen, Elberfeld, Bielefeld, Dortmund, Bochum und Recklinghausen am 9. Oktober d. J. die Auslösung der betreffenden Organisationen durchgeführt. Tas Gesetz vom 22. März 1921 ist dasselbe, auf Grund dessen der Rotfrontkämpferbund ausgelöst wurde. Ein Beschwerderecht gegen Verfügungen dieser Art gibt es nicht."
Bei einer am 8. Oktober im preußischen Ministerium des Innern stattgesundenen Konferenz der Ober- und Regie« ruugsprästdcntcn Preußens hielt Minister Grzegnski eine längere Ansprache über die Beweggründe der Regierung zu dem Verbot, in der er auch auf das Volksbegehren gegen den Young-Plan zu sprechen kam und sagte, das Volksbegehren sei ein Mittel, um alles, was dem heutigen Staat ablehnend oder feindlich gegcnübcrsteht, zu sammeln, um so in der Zu- sannnensassung die staatsfeindlichen Kräfte bedrohlicher zu gestalten. Es sei deshalb Pflicht, sowohl der Reichs-, wie auch der Slaalsrcqierung, gegen dieses Beginnen Stellung zu nehmen, da die Kreise, die sich zu dem Volksbegehren zu- sammengesunden hätten, im letzten Ziel an den politischen Fundamenten des heutigen Staates zu rütteln beabsichtigen. Reichs- und Staatsregierung dürften sich daher mdht nur mit der Abwehr begnügen, sondern müßten aktiv alles tun, um Anfklärnna über die Ziele des Volksbegehrens zu verbreiten.
Schweres Eisenbahnunglück in Polen.
Warschau. Aus der Station Sobolew bei Dembliir hat sich ein schweres Eisenbahnunglück ereignet. Bei den sofort unternommenen Rettungsmaßnahmen wurden fünf Tote und 15 Schwerverletzte aus den Trümmern hervorgezogen, weitere 15 Personen haben leichtere Wunden und Quetschungen davon- getragen.