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Zul-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg §ulöa- unö Haunetal Fuldaer Kreisblatt

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Nr. 227 1929

Fulda, Freitag, 27. September

6. Jahrgang

Sesterreich; neue; Ministerium

i Das Kabinett gebildet.

i Um 18 Uhr Donnerstag abend hat der österreichische Nationalrat das neue Kabinett gewählt. Besonderes Auf­sehen erregt der Eintritt des früheren Bundespräsidenten Dr. Hainisch in das Ministerium. Die Liste der Minister setzt sich wie folgt zusammen:

Bundeskanzler: Polizeipräsident Schober, Vize- kanzler und Minister für Heereswesen: Vaugoin, Just,zm,nister: der bisherige Justizministcr Dr. S l a m a, Minister für soziale Verwaltung: Universitätsprofeflor Dr. Theodor Innitzer, Minister für Land- und Forstwirt­schaft: der bisherige Minister F ö d e r m e y r, Minister für Handel und Verkehr: der frühere Bundespräsident Dr. Michael Hainisch. Der bisherige Vizekanzler S ch u m y wird das Ressort des Innern übernehmen. Mit der Leitung der Ministerien für Finanz und Unterricht soll einstweilen Bundeskanzler Schober betraut werden, bis die hierfür in Aussicht genommenen Persönlichkeiten erreicht werden können.

Die Regierungserklärung soll erst im Laufe des Frei­tag nach entsprechenden Vorberatungen das Kabinett er­folgen.

Bundespräsident Miklas hat die Vereidigung der in Wien anwesenden neuen Regierungsmitglieder noch in vorgerückter Abendstunde am Donnerstag vorge­nommen.

Wien, 26. Sept. (Privatmeldung.) Die Zusammensetzung des neuen Kabinetts zeichnet sich dadurch aus, daß neben be­währten Persönlichkeiten als Vertreter der Mehrheitsparteien hervorragende Männer der Wissenschaft berufen worden sind, deren Namen auch weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus einen guten Klang haben. Dies gilt insbesondere von dem auch als Nationalökonom bekannten früheren Bundespräsidenten Dr. h. c. Michael Hainisch, der mit 71 Jahren das älteste Mitglied der Regierung ist. Universitätsprofessor Eiselsberg 1860 geboren, ist der a ssuchteste und international bekannte Chirurg der Wiener medizinaschen Schule, ein Schüler Billroths, und erfreut sich auch wegen sei­ner persönlichen Eigenschaften allgemeiner Wertschätzung. Der für das Finanzministerium in Aussicht genommene Universttäts- professor Dr. Joseph Redlich, geboren 1869, war auch im Kabi­nett Lammasch, dem letzten der Monarchie, Finanzminister: er weilt gegenwärtig in Amerika, wohin er vor mehreren Jah­ren als Professor für die Staatsrechtsfragen an die Harvard- Universität in Cambridge berufen wurde. Ob er die Berufung annimmt, ist noch fraglich. Der neue Minister für soziale Ver­waltung Dr. Innitzer, Professor' der Theologie, geboren. 1875, war im abgelaufenen Studienjahr Rektor der Wiener Universi­tät, als der er in der weiten Oeffentlichkeit wegen seines kon­zilianten Wesens außerordentlich geschätzt wurde. In der Heran­ziehung dieser Persönlichkeiten erblickt man vielfach das Be­streben des Bundeskanzlers Schober, seinem Kabinett von Auto­ritäten einen weniger politischen Charakter zu geben.

Der Regierungswechsel in Oesterreich

Ein neues Bild im politischen Kaleidoskop des Oster-/ reichs von heute: der bisherige Bundeskanzler Dr. Streeruwitz ist zurückgetreten, sein Kabinett desgleichen aber nur teilweise. Der neue aber nicht unbekannte Mann auf dem verlassenen Posten ist Dr. Schober, bisher Wiens Polizeipräsident, oderder Mann des 15. Juli", wie ihn seine Gegner nannten, seitdem an jenem Tage vor zwei Jahren rings um den brennenden Justizpalast die Gewehrsalven knatterten. Aber das war einmal und selbst die österreichische Sozialdemokratie, die den für alles verantwortlichen Polizeipräsidenten aufs heftigste angegriffen hatte, steht in demselben Mann jetzt den­jenigen, der den Willen und die Macht hat, ein außer­parlamentarisches Vorgehen der Heimwehren, den wirk­lichen oder angeblichenMarsch auf Wien" ge­gebenenfalls mit Gewalt zu unterbinden. Man betrachtet ihn und seine Wahl zum Bundeskanzler daher im sozial­demokratischen Lager zwar nicht mit heißer Liebe, aber doch zum mindesten mitGewehr bei Fuß" was im heutigen Österreich übrigens auch wörtlich zu nehmen ist, wird also sein weiteres Handeln abwarten. Die Vorlage für eine Änderung der Verfassung wird sehr bald an das Parlament gelangen, und wenn alles nur parlamentarisch zugeht, ein Druck von außen her von dem neuen Bundeskanzler verhindert wird, dann kann die Sozialdemokratie ihre parlamentarische Stellung aus­nützen, ihre Fraktionsstärke in die Wagschale werfen, bei der für Verfassungsänderungen notwendigen Zweidrittel­mehrheit eine allzu radikale Neugestaltung dieser Ver­fassung hemmen. An und für sich steht aber Dr. Schober politisch ziemlich auf dem rechteste« Flügel der Ehristlichsozialen, hat auch die andern beiden Rechts­parteien hinter sich nur fragt es sich im Augenblick sehr, wieweit und wie lange er dem Druck der außerparla­mentarisch wirkenden und wirksamen Heimwehrbewegung tatsächlich im Interesse einer ruhigen, rein parlamentari­schen Erledigung der Verfassungssrage wird mildern können. Ein Vertrauensmann dieser Bewegung sitzt im neuen Kabinett. Infolgedessen ist jedenfalls im Augen­blick mit einem außerparlamentarischen.Putschistischen" Austragen der Politischen Gegensätze kaum zu rechnen. Diese waren viel zu hoch angeschwollen, als daß sich Dr. Streeruwitz noch zwischen ihnen halten konnte; denn er hatte seinen Vorgänger Dr. Seipel ersetzt mit cinem- Programm der Versöhnung in der Tasche, das nun aller­dings in der Tasche steckengeblieben ist. Wie so manches andere, auch das Wirtschafts- und Außenpolitische, z. B. der Versuch, durch einen Besuch in Praa die Beziehungen

Österreichs zur Tschechoslowakei intimer zu gestalten. Des Deutschen Reiches Hauptstadt freilich hat ihn nicht ge­sehen.

Die Entscheidung ist also fürs erste zurückvcrlegt in das Parlament und Dr. Schober, der sich ausdrücklich als Gegner irgendwelcherDiktatur"pläne erklärt hat, wird zunächst einmal versuchen, auf parlamentarischem Wege dem Willen der Heimwehrbewegung nach einerorga­nischen Verfassungsänderung" Rechnung zu tragen. Das Gelingen oder Mißlingen dieses Versuchs dürste man wohl auch im Lager der Heimwehren abwarten, da man dort ja gerade Dr. Schober als politischen Ge­sinnungsfreund betrachtet und nach außen hin behandelt hat. Ebenso wird man aber auch durch Demonstrationen und sonstige Mittel zu beweisen fortfahren, daß die Heim­wehrbewegung die weitere Entwicklungmit aufmerk­samen Augen beobachtet", um eine schon ziemlich geläufige

Deutsche Vankenkonzentration

Verschmelzung Deutsche Vank- Disconto-Gesellschast.

Rationalisierung im deutschen Bankgewerbc.

Im deutschen Bankgewerbe erfolgt gegenwärtig eine riesenhafte Verschmelzung, die die größte der Nachkriegs­zeit ist. Die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft verschmelzen sich. Diese Verschmelzung kommt für die Börse und für die deutsche Wirtschaft vollkommen über­raschend. Als ausnehmendes Institut fungiert die Deutsche Bank. Der Aktienumtausch soll im Verhältnis 1 :1 er­folgen. Die Deutsche Bank wird eine Kapitalerhvhung vornehmen, die nach den ersten Meldungen etwa 100 Mil­lionen Mark betragen wird. Bisher hat die Deutsche Bank ein Aktienkapital von 150 Millionen Mark und offene Reserven von 90 Millionen Mark, während die Disconto- Gesellschaft über ein Aktienkapital von 135 Millionen und offene Reserven von 52 Millionen verfügt.

Welch ungeheurer Bankkomplex aus der Fusion ent­steht, geht aus den Bilanzadditionen der beiden Institute hervor. Die Deutsche Bank und die Disconto-Gesellschaft haben nach den neuesten Ziffern der Monatsbilanzen per 31. August zusammen eine Bilanzsumme von rund 4,7 Mil­liarden. Wenn man bei der Disconto-Gesellschaft die Ge­meinschaftsbilanz, die auch noch den A. Schaaffhausen- schen Bankverein in Köln und die Norddeutsche Bank in Hamburg umfaßt, zur Grundlage nimmt, so kommt das neue Großbankunternehmen zu einer Bilanzsumme von mehr als fünf Milliarden. Welche Wir-

Kommerzienrat Max Steinthal, Dr. Max von Schinkel, Vorsitzender des Aufsichtsrates Vorsitzender des Aufsichtsrates der Deutschen Bank. der Disconto-Gesellschaft.

kuiigen sich aus dieser Riesenfusion auf das Bankgcwerbe im einzelnen ergeben werden, läßt sich im Augenblick noch nicht übersehen, doch steht fest, daß damit die Ratio­nalisierung innerhalb des deutschen Bankgewerbes einen neuen entscheidenden Fort­schritt macht. o

An der Börse wurde die finanzielle RrcsentranSaktron selbstverständlich ausführlich besprochen. Gerüchtweise verlautet, daß noch weitere Fusionen bevorstanden. In­teressant ist im übrigen die Mitteilung, daß nach Mel­dungen aus Nelvhork die National Eith-Bank einen -teil der neuen Aktien der Vereinigten Deutschen und Dts- conto Bank übernehmen wird. Eine solche Maßnahme erscheint als nicht ansgeschloffen, besonders, wenn man an den auf der Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie gehaltenen Vortrag des Direktors der Deutschen Bank Dr Kehl denkt, der für eine Beteiligung des Aus­landes an dentttben Unternehmungen eintrat.

Bei der Schaffung des neuen Riescnkonzerns tmtchen natürlich eine Anzahl Handels- und sozialpolitischer Fra­gen auf, die aber erst eingehend erörtert werden können, wenn noch nähere Einzelheiten über die Verschmelzung bekanntgcwordcn sind. Das eine kann schon heute gesagt werden, daß die Machtstellung der beiden neuen ver­einigten Banken im deutschen Wirtschaftsleben ganz über­

politische Phrase zu gebrauchen. Also auch hier ein Gewehr bei Fuß".

* ,

Ist in Österreich der Kabinettswechsel also Ausdruck der Zuspitzung im wesentlichen außerparlamentarischer Macht­kämpfe, so liegen die Gründe für die soeben erfolgte Auf­lösung der beiden Parlamente im Nachbar- land. der Tschechoslowakei, auf dem Gebiet partei­politischer Gegensätze, Eifersüchteleien, Unzufriedenheiten ohne deutlichen HintergrundNeuwahl ohne Pa - rote" schreibt bezeichnenderweise ein großes Prager Blatt. Höchstens im deutschen Lager wird es sich darum drehen, bei der Wahl und durch sie ein Urteil über die Teilnahme einzelner deutscher Parteien an der jetzigen Negierung zu fällen, dahingehend also, ob die Ziele er­reicht worden sind, die die Befürworter dieserPolitik A>er Mitarbeit" anstrebten: eine wesentliche Erleich te>. rung des Loses der Sudetendeutschen. Oder ob die deutschen Kabinettsmitglieder nach dieser Richtung hin einflußlos geblieben sind.

ragend werden wird. Hoffentlich wird sie der Wirtschaft Deutschlands auch zum Segen gereichen. Allerdings muß schon jetzt mit Bedauern festgestellt werden, daß diese Großrationalisierung der Banken bereits umfangreiche Kündigungen von Bankpersonal zur Folge hatte, das durch die Zusammenlegung von Filialen und der Ver­waltung nach Ansicht der Bankdirektionen überflüssig ge­worden ist.

Die Deutsche Bank verfügt über etwa 181 Nieder­lassungen im Jnlande und sieben Niederlassungen im Auslande. Außerdem besitzt sie 100 Depositenkassen, da­von 37 in Berlin und zwei im Auslande. Die Zahl der Angestellten beträgt etwa 13 000. Der Umsatz betrug 1928 225 Milliarden Mark, die Zahl der Konten 422 694. Die Disconto-Gesellschaft verfügt über etwa 50 Filialen und etwa ebensoviel Zweigstellen sowie über 30 Depo­sitenkassen. Der Personalstab umfaßt etwa 7000 Personen. Der Umsatz betrug 1928 120,6 Milliarden Mark, die Zahl der Konten 166 765.

Man wird, wie gesagt, weitere Einzelheiten ab. warten müssen, bevor man ein wirklich klares Bild über die Fusion und ihre Folgen erhält.

Die große Bankvereinigung.

Zum 29. Oktober. ,

Die Aufsichtsräte der Deutschen Bank und der Dis­conto-Gesellschaft haben Donnerstag nachmittag definitiv beschlossen, die Vereinigung beider Banken ihren Ge­neralversammlungen am 29 Oktober 1929 vorzuschlagen. Das vereinigte Institut wird die FirmaDeutsche Bank und Disconto-Gesellschaft" führen und ein Aktienkapital . von 235 Millionen Mark mit zirka 160 Millionen Mark Reserven erhalten. Von dem Aktienkapital falle a 135 Millionen Mark den Antcileignern der Disconto-Gesell­schaft im Verhältnis von eins zu eins zu. Der Aufsichts­rat soll aus den sämtlichen Mitgliedern des Aufsichtsrates der Deutschen Bank und der Disconto-Gesellschaft ge­bildet werden.

Den Aufsichtsräten. Geschäftsinhabern und Vor­ständen der Norddeutschen Bank in Hamburg, des A. Schaafhausenschen Bankvereins A.-G. in Köln, der Rhei­nischen Kreditbank und der Süddeutschen Disconto- Gesellschaft A.-G. in Mannheim soll angeboten werden, in alsbald einzuberufenden Sitzungen zu beschließen, den Generalversammlungen die gleichzeitigen Vereinigungen dieser Banken mit derDeutschen Bank und Disconto- Gesellschaft" vorzuschlagen. Für die Vereinigung der Norddeutschen Bank in Hamburg und des A. Schaaf- bausen'schen Bankvereins A.-G. Köln werden keine Aktien benötigt, weil deren gesamte Aktienkapitalien der Dis­conto-Gesellschaft gehören.

Die zur Übernahme der Rheinischen Kreditbank und der Süddeutschen Disconto-Gesellschaft A.-G. erforder­lichen, übrigens nicht erheblichen Aktienbeträge der Deut­schen Bank und der Disconto-Gesellschaft, werden Groß­aktionäre gegen Barverrechnung zur Verfügung stellen. In der Veröffentlichung der Banken heißt es: Die Vereinigung der beiden Bankkonzerne wird Ersparnisse an Betriebs- kosten, sachlicher und personeller Art, erbringen, auch Ab- stoßiing von Immobilien ermöglichen, damit also als Rationalisicrungsmaßnahmc den Interessen unserer Ge­samtwirtschaft gerecht werden. Bei der durchzuführenden Rationalisierung werden die sozialen Gesichtspunkte im Auge behalten.

Der Reichskanzler wieder in Berlin.

Berlin, 27. Sept. Reichskanzler Müller traf heute morgen von Vühlerhohe kommend in Berlin ein. Zu feiner Begrüßung hatten sich auf dem Anhalter Bahnhof die Reichsminister Seve­ring und Wissel, Staatssrekretär Dr. Pfänder mit den Herren der Reichskanzlei und Ministerialdirektor Brecht eingefunden.

Ein Wahabitencinsall in Transjordanien zurückgeschlagen.

London, 27. Sept.Daily Mail" berichtet aus Jerusalem: Gestern haben Flugzeuge und Panzerwagen aus Amman eine Abteilung Wahabiten vertrieben, die von Arabien her in Trans- jordanien eingetwüngen waren und mehrere Grenzdörfer über­fallen hatten.