Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 225 — 1929
Fulda, Mittwoch, 25. September
6. Jahrgang
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Zchluharbeiten des Völkerbundes.
Die AbrWllgsfrgge in Genf.
In Genf hielt die vor ihrer Vertagung stehende Äölkerbundverfammlung Dienstag zwei Vollsitzungen ab. In der VormittagKfitzung bildete den wichtigsten Punkt der Tagesordnung die Abrüstung. In einer kurzen Ansprache unterstrich der belgische Berichterstatter Poullet die dringende Notwendigkeit, den ersten und vielleicht entscheidenden Schritt aus dem Wege zur tatsächlichen Abrüstung bald zu tun.
Außer dem englischen Vertreter Lord Robert Cecil erbat niemand das Wort und so wurde schließlich der wenig sagende Bericht der Abrüstungskommission angenommen, nachdem alle entschiedenen Wendungen aus ihm vorher entfernt wurden.
Lord Nobert Cecil
trat für die allgemeine Ratifikation des Waffenhan- delsabkommens vom Jahre 1925 ein und teilte mit, daß seine Regierung beschlossen habe, diese Konvention, die bis jetzt erst die Zustimmung von fünf Mächten erhalten hat, zu ratifizieren.
Lord Cecil erklärte weiter, wesentlich sei die Anwendung der gleichen Grundsätze füi^ Land-, Luft- und Seestreitkräfte. Die Herabsetzung der Effektivbestände müsse
Sie ZitKPklmeiitMsA ^Monstren;.
Allgemeines RmSsmWM »srgeschlagen.
Bei der Eröffnungssitzung wurde nach den Reden der ..Herren von Kardorff und Reichssinanzminister Doktor Hilferding bzw. den Antworten der ausländischen Vertreter darauf zum Vorsitzenden auf Vorschlag der englischen Delegation der Reichstagsabg. von Kardorff gewählt. Vizepräsidenten der Konferenz sind die Vorsitzenden der einzelnen Delegationen. Auf Vorschlag des Präsidenten wurde dann unter lebhaftem Beifall beschlossen, an den Reichstagspräsidenten Löbe ein Begrüßungstelegramm zu senden und die Hoffnung auf eine baldige Genesung anszusprechen. In der Wandelhalle des Reichstages fand ein Tee-Empfang des Reichstagspräsidiums zu Ehren der Konferenz statt, zu dem neben den Delegationen aus In- und Ausland die Reichsminister von Guèrard, Hilferding, Severing und W i ss e ll sowie zahlreiche Mitglieder des Diplomatischen Korps erschienen waren.
Ausschußarbeit.
Am Dienstag tagten zunächst die verschiedenen Ausschüsse. In der Kommission für das Radiowesen erstattete der französische Deputierte Louis D a u s s e t einen Bericht und unterbreitete eine Entschließung, die er gemeinsam mit dem deutschen Reichstagsabgeordneten Minister a. D. von Raumer ausgearbeitet hatte. Auch die Vertreter der beiden Länder, die bisher im Radiowesen die größten Widerstände geleistet hatten, nämlich Italien und die Schweiz, stimmten zm Die Konferenz stimmte einmütig der Resolution zu, die eine Reihe von Maßnahmen empfiehlt, welche ein internationales Rundfunkstatut bilden würden.
Rationalisierung und Arbeiterbeteiligung.
Berlin. Im Ausschuß der Interparlamentarischen Ham. welskonferenz erstattete Reichstagsabgeordnerer Brüning (Ztr.) ausführlich Bericht über die Mitwirkung der Arbeiter, ihre Gewinnbeteiligung usw. und kam zu dem Schluß, daß man nach Möglichkeit eine freiwillige Mitarbeit der Arbeiterschaft an der Leitung der Betriebe anstreben müsse, weil jeder staatliche Zwang große Nachteile mit sich bringe. Auf frav-" zösischen Vorschlag wurde ein Unterausschuß eingesetzt, der alsbald eine Resolution vorlegte über das Problem der Rationalisierung und die Gewinnbeteiligung der Arbeiterschaft, welche die vorgetragenen Gedanken in sich vereinigt. Die Entschließung des Unterausschusses wurde angenommen.
Französische Vorbereitungen zur Regelung der Saarsrage.
Es wird ein Programm ausgearbeitet.
Wie der „Temps" meldet, ist im Hinblick auf die bevorstehenden deutsch-französischen Verhandlungen über die Regelung der Saarfrage französischerseits eine Kommission gebildet worden, der Vertreter des Außenministeriums sowie der Ministerien für öffentliche Arbeiten, für Handel, Finanz und Landwirtschaft angehören. Diese Kommission hat die Aufgabe, die verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Seiten der Saarfrage, soweit sie den Gegenstand von Verhandlungen mit Deutschland bilden könnten, zu prüfen imb ein Programm auszuarbeiten, das die französische Delegation bei der bevorstehenden Konferenz vertreten wird.
Das Ueberfliegen des besetzten Gebiets.
Die Besetzungsmächte sind aus eigenem Antrieb an Die Botschafterkonferenz herangetreten mit dem Ersuchen, die Einschränkungen hinsichtlich des Überfliegens des bisher besetzten deutschen Gebietes dilrch deutsche Zivilflieger aufzuheben. Die Botschafterkouferenz hat diesem Ersuchen Rechnung getragen und die bisher geltenden Einschränkungen aufgehoben.
entweder durch Verringerung der Truppen unter den Fahnen oder durch Verringerung der Dienstzeit erfolgen. Das Kernproblem der ganzen Abrüstungsfrage fei die Verminderung des Kriegsmaterials, ohne die man niemals etwas Wirksames leisten werde.
Die einzige Sicherheit bestehe in der Aufrechterhaltung des Friedens. Kein Frieden ohne Abrüstung und keine Abrüstung ohne Beschränkung des Kriegsmaterials.
Oie Neparationsbank.
Nach Pariser Meldungen sind die letzten Schwierigkeiten, die dem Zusammentritt des Organisationskomitees für die Reparationsbank im Wege standen, beseitigt, so daß die Einberufung der Kommission unmittelbar bevorsteht. Als Termin des Zusammentritts wird der 3. oder 6. Oktober genannt, als Ort der Tagung Wiesbaden, Baden-Baden oder eine Stadt an den oberitalie- nischen Seen.
Beim Völkerbund scheint die Meinung in den Vordergrund getreten zu sein, der Bund werde als solcher keinen Einfluß auf die Errichtung der Bank nehmen. Die Angelegenheit berühre ausschließlich Deutschland und die Gläubigerstaaten. Dem Vernehmen nach wird Reichs- baukpräsident Dr. Schacht persönlich die deutschen Interessen bei der Nevarationsbank vertreten.
Rationalisierung -er Industrie.
Eine Entschließung der Interparlamentarischen H Lnd els k0 n fere nz.
Die erste Vollversammlung der Interparlamentarischen Handelskonferenz in Berlin wurde von dem Vorsitzenden, Reichstagsvizepräsidenten v. Kardorff, Dienstag nachmittag eröffnet. Auf der Tagesordnung stand das Problem der Rationalisierung der Industrie und der Gewinnbeteiligung der Arbeiterschaft.
Das englische Unterhausmitglied H a n n 0 n berichtete über die Arbeiten des dafür eingesetzten Ausschusses. Dem Ausschuß waren von Hannon und von Dr. Brüning Berichte über diese beiden Probleme erstattet worden. Beide Redner hatten Entschließungsentwürfe eingereicht. Die gemeinsame Entschließung, die der Berichterstatter der Konferenz zur Annahme empfahl, besagt: Die Internationale Parlamentarische Handelskonferenz beschließt:
1. daß die nationale sowohl wie die internationale Rationalisierung der Industrie durch industrielle Handels- und soziale Organisationen in allen Ländern der Welt sorgfältig geprüft werden sollte; 2. daß die Delegationen aus den verschiedenen Parlamenten ersucht werden sollen, durch ihre heimischen Parlamentskomitees oder durch Sonderkomitecs zur Erforschung des Anwachsens industrieller Zusammenschlüsse auf rationeller Grundlage und der Grenzen ihrer etwaigen weiteren Ausdehnung die Entwicklungsmöglichkeiten in ihren Ländern erwägen zu lassen; und 3 daß die Delegationen für die Konferenz des Jahres 1930 Berichte über die Ergebnisse ihrer Erwägungen ausarbeiten sollen.
Nach einer Aussprache wurde die Entschließung angenommen. Nachdem Präsident Kardorff noch unter lebhaftem Beifall ein Antworttelegramm des Reichstags- Präsidenten Löbe auf das Begrüßungstelegramm des Kongresses bekanntgegeben hatte, wurde die Plenarsitzung geschloffen. Abends fand ein Empfang in der Handelskammer statt.
Abzug der Besatzung von Vad Schwalbach.
Bad Schwalbach. Die hiesige Besatzung, das zweite Bataillon des Dorsethfhire-Regiments, verließ Dienstag nach- mittag den Ort. Gegen 3 Uhr rückten die Truppen von der Kaserne ab und zogen unter klingendem Spiel durch die Stadt zum Bahnhof, wo sic in zwei bereitstehende Züge verladen wurden. Das Publikum verhielt sich zurückhaltend. Die neue Garnison in England ist Portland. 20 Mann der Besatzung bleiben zur Abwicklung der Geschäfte noch bis Sonnabend hier. >
Zur Räumung der zweiten Zone.
Brüssel. Nach einer Meldung der „Agence Belge' über die für die belgischen Truppen festgesetzten Räumungsdaten, werden die zweite Zone verlassen: das 8. Artillerieregiment zwischen dem 21. und 30. Oktober, das 1. Regiment Lanciers etwa am 5. November, das 15. Artilleriercgimcnl zwischen dem 7. und 12. November, das 7. Linienregiment zwischen dem 15. und 25. November, das 4. Maschincngcwehrbataillon und die 4. Jnsantericbatterie zwischen dem 15. und 25. November, das Transportkorps etwa am 12. Oktober. Die belgische Ehrenwache des Obcrkommissars wird am 5. November m Aachen zusammenaczoaen. e
Die zweite Zone am 1. Dezember frei.
Berlin. Das französische Oberkommando in Mainz har mitgeteilt, daß Ehrenbreitstcin spätestens am 30. November geräumt sein werde. Damit ist am 1. Dezember die zweite Zone von der Besatzung frei. Das Ordonnanzcnsystcm hat damit für diese Zone seine Geltung verloren und die deutsche Souveränität ist wiederhergestellt.
Kieme Zeitung für eilige Leser
. * Die Begründung der internationalen Reparationsbank soll jetzt, nach Überwindung der bisherigen Schwierigkeiten, voraussichtlich am 3. bis 6. Oktober in Angriff genommen werden, möglicherweise in Wiesbaden oder in Baden-Baden.
* Eine deutsch-englische Vereinigung mit dem Zweck zur Annäherung beider Völker wurde in Berlin gegründet. Ihr gehören hervorragende politische und parlamentarische Persönlichkeiten fast alle Parteien aus England und Deutsch- rand an.
* In Litauen ist ein neues Kabinett unter Leitung von Tubelis gebildet worden, dem der bisherige Ministerpräsident Woldemaras nicht angehört.
Giurmtage.
Von einem fachmännischen Mitarbeiter.
Die Berliner Börse hat seit etwa drei Wochen eine Krise allerschwerster Art durchmachen müssen, und das deutsche V o l k s v e r m ö g e n hat Einbußen erlitten, die man auf drei bis vier Milliarden Mark schätzen kann, wenn man die gegenwärtigen Kurse mit den Höchstkursen der betreffenden Papiere vergleicht, die sie im vorigen oder im Jahre 1927 eingenommen hatten. Wie ungeheuer der Kurssturz einzelner Papiere gewesen ist, mögen ein paar Zahlen beweisen: Vereinigte Glanzstoff-Aktien, das bekannte Kunstseidenpapier, sind von 880 bis auf 280 Prozent zurückgegangen, die andere bekannte Kunstseidenaktie, Bemberg, von 650 auf 230: die Aktien der I. G. Farbenindustrie, des weitaus größten Industrieunternehmens in Deutschland, von 380 auf 205, die Aktien der größten deutschen Brauerei, der Schultheiß- Patzenhofer A.-G., von 580 auf 270 Prozent. Andere Werte haben Kurseinbußen ähnlichen Umfangs erlitten, und nicht etwa nur die Börsenbesucher selbst, sondern vor allem das Privatpublikum, das sein Vermögen zum großen Teil in den Aktien der deutschen Jndustriegesell- schasten angelegt hat, erleidet durch diesen Kurssturz ungeheure Verluste. Denn wenn eine Glanzstoff-Aktie, die früher für 8800 Mark verkäuflich war, nur noch mit 2800 Mark loszuwerden ist, für eine Farben-Aktie nur noch 2050 Mark zu erlösen sind gegen früher 3800 Mark, so bedeutet das ein bedenkliches Zusammenschrumpfen der in diesen und ähnlichen Papieren angelegten Vermögen.
Was ist nun die eigentliche Ursache dieser Börsenkrise? Man hat es nicht etwa mit einer allgemeinen Verschlechterung der Wirtschaftslage zu tun, die sich in den Börsenkursen widerspiegelt. Es handelt sich vielmehr in erster Reihe um ein allgemeines, weitgehendes Mißtrauen, das durch die Millionenverluste bei der Frankfurter Allgemeinen Versicherungsgesellschaft, einem bis dahin für unbedingt sicher angesehenen Institut, sowie durch ebenfalls sehr bedeutende Verluste bei einer anderen Versicherungsgesellschaft entstanden ist. Als nun auch noch ein paar kleinere Berliner Bankfirmen, die sich bisher eines guten Rufes erfreut hatten, in Zahlungsschwierigkeiten gerieten, griff eine allgemeine Panik Platz, die sich am schlimmsten in Frankfurt a. M. äußerte, wo die Einleger einen Ansturm auf die dortige Sparkasse unternahmen und ihre Gelder zurückverlangten, weil Alarmgerüchte über die Sparkasse, wenn auch gänzlich unbegründet, in die Welt gesetzt worden waren.
Die durch alle diese Vorkommnisse geschaffene schwere Krise scheint aber nunmehr erfreulicherweise ihr Ende erreicht zu haben. Sämtliche Berliner Großbanken und eine Reihe angesehener Privatbanken haben sich zusammen- geschlosscn, um dem Kurssturz an der Börse einenRiegel vorzuschieben, da sie ihn nicht als sachlich gerechtfertigt ansehen. Ähnliche Maßnahmen sind auch bei früheren Gelegenheiten schon in Angst- und Panikzeiten ergriffen worden und regelmäßig haben sie das gewünschte Ziel erreicht. Praktisch geht eine solche „Stützung der Börse" derart vor sich, daß die betreffende Bankengruppe eine Anzahl von Millionen zusammenschießt und daß mit diesen Geldern die zum Verkauf an die Börse gelangende Ware ausgenommen wird. Dadurch wird einem weite- rch Sinken der Kurse ein Wall entgegengesetzt. Gleichzeitig aber läßt auch natürlich das Angebot nach; denn wenn das Publikum nicht mehr zu befürchten braucht, am Tage darauf womöglich noch schlechtere Kurse für seine Aktien zu erhalten, so hören natürlich im gleichen Augenblick die Angstverkäufe auf. Ebenso mutz es beruhigend wirken, wenn die Banken den Standpunkt einnehmen, die gegenwärtigen Kurse seien niedrig, und wenn sie zum Beweise dessen umfangreiche Käufe auf diesem Niveau für eigene Rechnung vornehmen. '
Man kann heute mit einigem Recht annehmcn, daß derschwereSturmvorüber ist und daß allmählich wieder eine Beruhigung an der Börse einkehren wird. Als ein wahres Glück ist es zu bezeichnen, daß die Maßnahmen der Banken noch vor dem Ultimo eingesetzt haben, da andernfalls die Gefahr bestanden hätte, daß noch verschiedene Firmen in Schwierigkeiten geraten wären» weil am Ultimo bekanntlich an der Börse die Kursdifferenzen zu bezahlen sind. Nunmehr besteht diese Gefahr offenbar nicht mehr und man darf der weiteren Entwicklung mit Vertrauen entgegensetzen, wenn auch die erlittenen Verluste sich so leicht nicht wiedergutmachen lassen und das deutsche Volksvermögen sehr empfindliche Einbußen erlitten bat.
Schwere Wahlunruhen im Staate Verakruz.
Newyork. Im Staate Verakruz (Mexiko) werden zurzeit- Die Wahlen zu den Stadtparlamenten vorgenommen. ES kam zu Wahlunruhen, bei denen allein am Sonntag 130 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt worden sein sollen. Inter den getöteten Personen soll sich auch der Neffe d«< Präsidentschaftskandidaten, Ortir Rudio. bekinden. . _