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Kleine Zeitung für eilige Leser

* Reichskanzler Müller sowie die Reichsminister Dr. Strese­mann und Dr. Curtins kehren in den nächsten Tagen aus ihrem Urlaub nach Berlin zurück.

* Das Rcichswchrministerium veröffentlicht das Ergebnis der Untersuchung über die von einigen Blättern behaupteten Verbindungen der Reichswehr zu einigen Sprengstosfatlen- tätcrn. Die Behauptungen sind danach unbegründet.

* Die Rationallibcralc Korrespondenz bringt Enthüllungen über angebliche Verhandlungen eines deiUschnationalen Ab­geordneten wegen eines deutsch französischen Bündnisses. Von dcutschnationaler Seite wird diesen Angaben widersprochen.

* Ein Veteran des Berliner Thcaterlebens, Anton Herrnfeld, ist in der Nacht zum Sonntag im 64. Lebensjahre einem Schlaganfall erlegen.

Bis an die Memel.

Zur M in istc rk ri fe in L itauen.

In Genf beim Völkerbund ist der litauische Minister­präsident Woldemaras eine überaus unbeliebte Persön­lichkeit gewesen, nicht bloß deswegen, weil sein Französisch allerhand zu wünschen übriglicß, sondern deswegen, weil uZ — „deutsch redete". Insofern nämlich, als für ihn nur eine Angelegenheit in Frage samt Wie fördere ich die Interessen meines Landes, wie setze ich mich durch im neu- geordneten Europa? Denn dieses Land, das bis zum Dezember 1917 ein russisches Generalgouvernement ge­wesen war, dann als selbständiges Land, von Deutschland befreit, durch Deutschland anerkannt wurde, besteht ja eigentlich erst seit zehn Jahren. Ist natürlich, wie alle diese osteuropäischen Staatengründungen von Versailles Gnaden, innerlich zerrüttet durch den Kampf der Par­teien. Woldcmaras hat vor drei Jahren diesem Kampfe äußerlich ein Ende gemacht durch die Errichtung einer Diktatur. Bian hat sich nicht übermäßig gescheut, die Gegner dieser Diktatur teils an die Wand zu stellen, teils in den Gefängnissen verschwinden zu lassen. Aber Wolde^ maras setzte seinem Volke ein außenpolitisches Ziel: Die Besetzung Wilnas durch den polnischen Gene­ral Zeligowski im Oktober 1920 wird nicht anerkannt; Wilna soll und muß die Hauptstadt Litauens werden. Dieser Konflikt mit dem übermächtigen polnischen Nachbarn ist ja seit Jahren Gegenstand der Auseinander­setzungen in Genf gewesen, und Woldemaras hat sich weiter gar nicht gescheut, jedesmal bei der Sitzung des Völkerbundratcs oder des Völkerbundes selbst die Wilna- Frage in die Debatte hincinzuwerfen. Man wußte das, wenn der kleine litauische Professor nach Genf kam, man ertrug cs leidend, hörte an, was er in seiner Protcstrede vorbrachte, aber hat natürlich nie das geringste getan, um diesen Konflikt aus der Welt zu räumen. Verhandlungen haben stattgefunden, bei denen ausgerechnet Deutschland den Vermittler spielte. Die völlige Ergebnislosigkeit dieser Verhandlungen ist heute genau so eine Tatsache wie die Nichtanerkennung der Eroberung Wilnas durch Litauen. Und der Träger dieser Idee war Woldcmaras, den ein Militärputsch formell zum Ministerpräsidenten, tatsächlich jum Diktator Litauens gemacht hatte.

Man ist nicht wählerisch in den Mitteln, diese Diktatur zu stützen und mit den Gegnern fertig zu werden. Anderer­seits ist auch die Opposition nicht ängstlich darauf bedacht, lediglich parlamentarische Mittel im Kampf gegen die Diktatur anzuwenden. Vor kurzem hat man in den Wäldern Ostpreußens den Führer der litauischen Oppo­sition dabei erwischt, wie er mit Pistolen und Bomben ein Attentat auf Woldcmaras vorbereitere. In Litauen selbst haben sich die Parteien unter der Decke der Militär­diktatur am Leben erhalten können. Andererseits hat Woldcmaras einen wirklichen Erfolg seiner Tätigkeit in Gens nicht verzeichnen können. Er hat sich mit um so größerer Energie darauf gestürzt, das Memelland litauisch zu machen.

Eine politische Kurzsichtigkeit war es, den Freistaat Memelland im Januar 1923 durch litauische Freischärler besetzen zu lassen. Es war einer der raschesten Entschlüsse des sonst so tatenlosen Pariser Botschafterrats, diesen Durchbruch des Versailler Friedens zu genehmigen. Auch der Völkerbund hat im Mai 1924 seine Zustimmung ge­geben. Aus der Selbstverwaltung aber, die bei dieser Gelegenheit dem Memellande versprochen worden ist, wurde natürlich nichts, als auch im übrigen Litauen Woldemaras die Militärdiktatur — oder die Militärdikta­tur den Ministerpräsidenten — als Regierungsform durch­setzte. Um das Memellandstatut hat man sich ebensowenig gekümmert wie um die Formen der Demokratie, wie sie in der litauischen Verfassung niedergelegt waren. Damit hat man erreicht, daß der große deutsche Nachbar sich in Genf bei den Debatten über den polnisch-litauischen Kon­flikt auf die Seite Polens stellte. Gewiß nicht aus Siebe zu Polen, aber aus der Erwägung heraus, daß Deutsch­land trotz aller Abrüstung und trotz seiner Friedensbereit­schaft sich schließlich doch nicht von einem Staate auf der Nase herumtanzen lassen darf, dessen Bevölkerung bei­spielsweise nicht ein halbmal so viel beträgt wie allein — die Hauptstadt des Deutschen Reiches. Ein Staat schließ­lich, dessen Währung nicht einmal eine selbständige ist, sondern auf allerengster Verbindung mit dem Dollar be­ruht. Außerdem ist dieser Staat in seinen wirtschaftlichen Beziehungen unbedingt auf Deutschland angewiesen, weil von Osten her der große russische Nachbar nicht bloß handelspolitisch eine Gefahr bedeutet.

Aus diesem Grunde hat Deutschland das Recht, auch dieinnenpolitischeEntwicklunginLitauen zu beobachten. Erfreulicherweise sind sich alle deut­schen Parteien darin einig, daß eine Anerkennung der Grenzziehungen, wie sie der Versailler Ver­trag bestimmt hat, von Deutschland nichtalsfüralle Ewigkeit bestehend anerkannt wird. Das gilt nicht etwa nur in Beziehung auf die deutsch-polnische Grenze, sondern eine der übelsten Fehlgeburten des Ver­sailler Vertrages war die Schaffung des Frei­staates M e m e I l a n d. Sie ist noch weiter verun­staltet worden durch die Okkupation und durch die darauf folgenden Bemühungen Litauens, aus diesem deutschen Land einen Teil des neugeschaffenen Staates zu machen, der seine Existenz letzten Endes nur den Großtaten des deutschen Heeres verdankt. Und bisweilen denkt man in Deutschland beim Singen der Nationalhymne doch daran, daß es ein Wunsch bleibt, wenn gesagt wird: Deutschland soll im Osten reichen „b i s a n d i e M e m e l!".

Festnahme des Abg. Göbbels.

Berlin. Bei einem Propagandaumzug der Nations» sozialisten durch Neukölln kam es wiederholt zu Zusamme»^- stöüm zwischen Teilnehmern und Andersdenkenden. Auch Schüsse wurden mehrfach gewechselt. Ein Privatkraftwagen, in dem der nationalsozialistische Abg. Dr. Göbbels mit vier anderen Nationalsozialisten saß, wurde von Andersdenkenden ungehalten. Im Verlaus der Auseinandersetzungen wurden aus beiden Seiten Schüße abgeseuert. Die Polizei nahm Dr. Göbbels und die übrigen Insassen fest. Im ganzen wurden 21 Personen sistiert. — In Schöneberg wurden 8(1 Kvm. ministen se st genommen, die teilweise die Uniform " ’ i! ro -.>en Lloltronlkämpferbundes trugen.

HWtoersmmlUg des Deitsch« LMKreistsges is BÄK-BÄU

Unter großer Beteiligung fand am 16. und 17. September die diesjährige Hauptversammlung des Deutschen Landkreis- tages in Baden-Baden statt. In Anwesenheit zahlreicher Be- hördenvcrtretcr sowie zahlreicher Reichstags- und Landiagsab- geordneter wurden die brennenden Fragen der Kommunalpoli­tik erörtert.

Der Präsident des Deutschen Landkreistages Dr. von. Stem­pel hob in seinen Ausführungen die gegenwärtigen Probleme für die Kommunalpolitik hervor. Jni Vordergründe des In­teresses steht der auf Grund der Haager Konferenz zur Diskus­sion stehende Pounoplan. Es ist nicht Sache der Landkreise, zu dessen Annahme oder Ablehnung Stellung zu nehmen. Das muß der großen Politik überlassen bleiben. Wohl aber wird der Poungplan die künftige Gestaltung des Reichsfinanzaus­gleichs maßgebend beeinflussen. Für den Fall der Annahme des Poungplanes fordern die Landkreise^ schon jetzt, daß die sich etwa daraus ergebenden Erleichterungen den Gemeinden und Gemeindeverbänen zugute kommen. Das Reich darf unter kei­nen Umftnäben die Ersparnisse an Jahreszahlungen restlos zuni Ausgleich seines Haushalts verwenden, solange nicht durch Einsparungen das Allerletzte herausgeholt ist. Etwaige Ermä­ßigungen auf Grund des Poungplanes müssen über die Gemein­den und Gemeindeverbände der deutschen Wirtschaft bis zu ihren kleinsten Trägern zugute kommen.

Der infolge des Poungplanes kommende Reichsfinanzaus­gleich darf eine Kürzung der Einnahmen aus Ueberweisungen für Läirdcr, Gemeinden und Eemeindeoerbände nicht bringen. Die Belastung der Kreiseingesessenen ist heute schon bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Die Zukunft darf nicht mehr be­lasten, sondern muß unter allen Umständen wesentliche Erleich­terung bringen.

Große Aufmerksamkeit hat der Landkreistag dem Problem der Arbeitslosenversicherung gewidmet. In wiederholten Dar­legungen hat er auf die Mängel der heutigen Gesetzgebung und auf die Besserungsmöglichkeiten bei der bevorstehenden Neuregelung hingcwiesen. Mit den anderen kommunalen Spitzenverbänden ist er bemüht gewesen zu verhindern, daß die Sanierung der Reichsanstalt zu Lasten der gemeindlichen Wohlfahrtspflege vorgenomen wird.

Weitere Ausführungen beschäftigten sich mit dem Verfas- sungs- und Verwaltungsrecht, mit dem Steucrvereinheitli- chungsgesetz, mit dem Anleiheablösungsgesetz, mit dem Kraft­fahrzeuggesetz und der kommunalen Kreditpolitik.

Ausgehend von Betrachtungen über die vielfach nicht genü­gend gewürdigte Bedeutung der ländlichen Wirtschaft und der ländlichen Bevölkerung für Eesamtoolk und Staat. untersuchte Landrat Dr. Dr. Kracht-Heide die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und planmäßiger umfassender Wohlfahrtspflege, die sich auf wirtschaftliche, gesundheitliche und kulturelle Förderung der ländlichen Bevölkerung bezieht. Gesetzgebung und Organi­sation bestimmen die Tätigkeit der amtlichen Arbeit, die aber für sich allein nicht entscheidend ist, sondern für deren Dauer-

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Nuhs in Oesterreich.

Reden von Streeruwitz und Steidle.

Auf dem Hcldcnplatz der Burg fand eine von etwa 35 600 Personen besuchte Heimwehrvcrsammlung statt. Der Bundesführer der österreichischen Selbstschutzverbändc, Dr. Steidle, erklärte, cs sei eine Lüge, wenn man von einem Bürgerkrieggctmnken der Heimwehr spreche. Un­stimmigkeiten in der Hrimwehrsührung gäbe es nicht, die Sozialdemokraten bemühten sich, in Wirtschafèskreisen Stimmung gegen die Heimwehr zu machen. Alle Gerüchte über die Heimwehren sollten aber nur verhüllen, daß sich die Sozialdemokraten am Ende ihrer Kraft fühlen. Die Heimwehr habe ihre Ziele klar vor Augen. Über ihr Pro­gramm gäbe es kein Feilschen und Handeln, sondern nur Erfüllung der Forderungen, die nunmehr von der Mehr­heit des Volkes den gesetzgebenden Instanzen vorgetragen würden.

In seiner Rede auf der stark besuchten Tagung des Niederosterreichischen Bauernbundes sprach Bundes­kanzler Streeruwitz, stürmisch begrüßt, zunächst über die Bedeutung der Bauernschaft für den Staat, über die Not­lage der Landwirtschaft und über die verschiedenen schon getroffenen und in Aussicht genommenen Regierungs­maßnahmen zur Linderung dieser Not der österreichischen

Bundeskanzler Streeruwitz vird höchstwahrscheinlich schon liefe Woche mit seinem ganzen Kabinett zurücktreten.

Polizeipräsident Schober gilt als Nachfolger des Bun­deskanzlers Streeruwitz.

Agrarier. Aber eins ist nötig, fuhr Streeruwitz fort, und fördert mächtig alle wirtschaftlichen Bestrebungen, nämlich Ordnung und Frieden im Lande. Eins ist so wichtig wie das andere.

Es wurde eine Resolution angenommen, in der unter Ablehnung des Klassenkampfes und Betonilng der Volks­gemeinschaft ausgesprochen wird, cs sei die Pflicht des Bauernbundes, Hand in Hand mit der Heimwehr und im vollen Vertrauen zu den legalen Sicherhenstruppen, mit allen erlaubten Mitteln den Reinigungsprozeß durchzu­führen, um dem ideellen Zweck des Hetmatschutzgedankens zum Durchbruch zu verhelfen und den bodenständigen Ar­beiter in gemeinsamer wirtschaftlicher Kampffront zum sozialen Aufstieg zu bringen. Weiter heißt es in der Ent­schließung, das freigewählte Parlament müsse auf dem Boden bleiben, auf dem ganze Arbeit für Wirtschaft und Kultur geleistet werde. Schließlich wird der Regierung Streeruwitz das Vertrauen des Bauernbundes ausge^ sprachen und weiter betont, daß die Regierung unter bei- Führung eines hervorragenden Mannes der Wirtschaft stehe, der Wege finden werde, denen das Parlament folgen könne und daher folgen müsse.

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Nasche Berichterstattung.

Wirkung die Festigung und Vertiefung sozialer Gedanken jlt I der ländlichen Bevölkerung ausschlaggebend sein wird. Sieben die objektive Wertung der Wohlfahrlsarbeit für die ländlich, > Wirtschaft, in deren Mittelpunkt als kostbares Gut der Mensch I steht, tritt deshalb die Frage nach der Einstellung der Land- 1 Menschen zu dieser sozialen Arbeit, eine Einstellung, die nicht unwesentlich von den Auswirkungen der allgemeinen sozialpoli­tischen Gesetzgebung her bestirnt wird, und dementsprechend die Frage nach den besonderen Aufgaben der Kreisverwaltung?- politik auf diesem Gebiet unter Berücksichtigung auch der sozial- pädagogischen Gesichtspunkte. — Das Bestreben der ländlichen Kreise, die als Bezirksfürsorgeverbände in zunehmendem Maße die soziale Arbeit in den ländlichen Bezirken übernommen ho­ben, ist zur Förderung ländlichen Wissens und Erhaltung länd­lichen Volkstums auf eine voll gleichwertige, wenn auch keines­wegs imer gleichartige Fürsorgearbeit gerichtet. Sie darf mit Rücksicht auf ihre große Bedeutung im Gesamtleben der Nation angesichts der notwendig gesteigerten Aufwendungen und Lei­stungen von der Gesetzgebung eine angemessene Berücksichtigung bei der Regelung des endgültigen Finanzausgleichs erwarten

Der Mitberichterstatter Oberregierungsrat im Badischen Ministerium des Innern, Dr. Schühly, sah seine Aufgabe ins­besondere darin, die Ausführungen des Vorredners mit Rück­sicht auf die kleinbäuerlichen Verhältnisse Sllddeutschlands, ins­besondere Vadens zu ergänzen. Er leitete seinen Vortrag mit dem Hinweis darauf ein, daß Baden das einzige deutsche Land ist, das keine Bezirksselbftverwaltungsverbände im Anschluß an die unteren staatlichen Verwaltungsbehörden kennt. Diese Er­scheinung führte der Redner auf den geschichtlichen Aufbau bei badischen Verwaltungsorganisation zurück und legte dar, wj, sich die ländliche Wohlfahrtspflege in Baden bei der gegebenen Organisation entwickelte. In- Verfolg dieser Untersuchung wur­den die besonders intensive Förderung der Wohlfahrtspflege durch Regierung und staatliche Stellen und der Ausbau des ländlichen Fortbildungsschulwesens und des Fachschulwesens hervorgehoben. Der Ausbildung der Fortbildungsschullehrer u, -lehrerinnen wird besondere Sorgfalt gewidmet. Die Fort- bildungsschullehrerin bringt deshalb auch in die kleinsten Ge­meinden des Landes eine volle pflegerische Ausbildung mit und ist in der Lage, die Töchter des Bauernvolkes in allen haus­wirtschaftlichen Fächern und in der Gesundheitspflege sachgemäß anzuleiten. Für die Bauernsöhne besteht daneben noch bie Möglichkeit zum Besuch landwirtschaftlicher Fachschulen (Win­terschulen). Die Erziehung des Landvolkes ist das Kernpro­blem auch der ländlichen Wohlfahrtspflege. Von ihr läßt sich auch ein größeres Verständnis für die Ziele der Wohlfahrts­pflege und die Notwendigkeiten der öffentlichen Fürsorge bei der Landbevölkerung erhoffen. — Anschließend behandelte der Redner die Bedeutung der Sozialversicherung für die ländliche Wirtschaft und Wohlfahrtspflege, die gerade in den kleinbäuer­lichen Verhältnissen von erhöhter Bedeutung ist, weil sie weit­gehend auch dem Kleinunternehmer zugute kommt.

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Französischer Hochmut.

General Guillaumat über die Rheinlandräumung.

Der Oberkommandierende der französischen Be­satzungstruppen im Rheinland, General Guillaumat, hat einem Sonderberichterstatter des „Journal" erklärt: Wir haben offiziell mit der Räumung der zweiten BesatzungS- zone begonnen. In Wirklichkeit aber ist noch nichts getan, als daß wir die Kisten vernagelten. Das ist alles. Die phantastischsten Nachrichten sind, wie ich weiß, bereits in Frankreich im Umlauf. Man hatte sogar gemeldet, daß Regimenter, die niemals im Rheinland gestanden haben, die Grenze passiert hätten. Einige Quartiermacher sind wohl bereits zurückgereist, aber nur um die Kasernen für die Aufnahme der Truppen, die Deutschland verlassen, sollen, vorzubereiten. Die regulären Abteilungen werden erst in einiger Zeit, und zwar progressiv, abtransportiert werden.

Die Interalliierte Rheinlandkommission wird nach Wiesbaden verlegt werden, sobald man sie dort untcr- bringen kann. Wiesbaden, in der dritten Zone gelegen, ist vorläufig noch von den Engländern besetzt. Unsere Verwaltungsstellen werden gleichfalls in die dritte Zone verlegt werden. Wenn wir auf die Linie Trier—Mainz- Wiesbaden zurückgegangen sind, wird die französische Fahne in Koblenz heruntergeholt werden. Aber man darf nicht damit rechnen, daß dies vor Ende September ge­schehen sein wird. Im nächsten Jahre wird die Räumung der dritten Zone erfolgen. General Guillaumat knüpfü- qn diese Bemerkung die Worte: „Das Rheinland wird alsdann ermessen, was es an den Besatzungstruppen verliert." (1) *

Keine Zwischenfälle bei der Räumung zu erwarten. Eine Erklärung Langwerth v. Simmerns.

Paris, 22. Sept. (WB.) Der Reichskommissar für die be­setzten Gebiete in Koblenz, Varon Langwerth v. Simmern, hat dem Sonderberichterstatter des Matin in Koblenz auf dessen Frage, ob anläßlich der Räumung der zweiten Zone Zwischen­fälle zu befürchten seien, erklärt: „Ich kann Ihnen die förm­liche Versicherung geben, daß es nicht zu Zwischenfällen kommen wird; ich werde dafür Sorge tragen. Allerdings wird die Be­völkerung noch lange Zeit die sogenannte Ruhrperiode und die Periode des Separatismus lebhaft im Gedächtnis behalten, denn derartige Dinge vergessen sich nicht von heute auf morgen. Aber ich wiederhole Ihnen, es wird in Koblenz nicht zu feind­seligen Kundgebungen kommen. Ich will alles verhindern, was der deutsch-französischen Annäherung, die ich im Interesse unse­rer beiden Völker, im Interesse Europas und der gesamten Menschheit für absolut notwendig halte, schaden könnte."

Londoner Phoiomaton-Krach.

Verhaftung eines Großspekulanten.

Auch in Deutschland kennt man die „Photomaton" genannten Photographenautomaten, die jeden für ein g^ ringes Geld „selbsttätig", d. h. ohne die Beihilfe eines Photographen, photographieren, und zwar gleich in mehreren Stellungen. Aus England ist dieser Automat zu uns herübergekommen und gegründet hat ihn Cla­rence Hatry. Dieser Hatry ist ein Großspekulant, der mit seinem „Konzern" zahlreiche Banken und Industrie- gesellschaften ins Leben gerufen hat. Seine Gründungen zeichnen sich dadurch aus, daß bei fast jeder von ihnen dü Aktionäre ihr ganzes Geld verloren haben. Und jetzt ist auch die Photomaton-Gesettschaft mit großem Krach Aw sammengebrochen, das heißt: nur die Stammgesellschaft, während die deutsche Tochtergesellschaft von den Schwierig­keiten des Mutterkonzerns nicht betroffen sein soll.

In London aber haben sie den Photomatonkönig Hatry verhaftet und mit ihm noch drei Direktoren sei»"' Unternehmungen, die bei ihren Finanzoperationen fi«! verschiedener Vergehen schuldig gemacht haben sollen. Es wird Hatry ein Betrug vorgeworfen, bei dem cs sich » M die Kleinigkeit von 209 141 P fund S t e r- l i n g handeln soll.

Es heißt, daß Hâtry mit Londoner Bankiers Verhand­lungen führt, um seine Gründungen durch neue Kredite noch einmal über Wasser zu halten.