Zuldaer MZeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsber^-
Zulöa- und Haunetal »Zul-aer Kreisblatt
Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernsprech-flnschluß Nr. 484 Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit Quellenangabe .ZulSaer Anzeiser'gestattet.
Fulda, Mittwoch, 18. September
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6. Jahrgang
LL^
vessere Preise für den Landwirt.
Deutscher Landwittschastsrat in Münster.
Ursachen der Unrentabilität.
Die 59. Vollversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates begann am Mittwoch in Münster mit einer geschlossenen geschäftlichen Sitzung, auf der die Wahlen vorgenommen wurden. In Zukunft setzt sich der Vorstand aus dem Präsidenten der Preußischen Hauptlandwirtschaftskammer, Dr. e. H. Brandes, dem Geheimen Landesökonomierat Mittelmeier-München und dem Präsidenten der Landwirtschaftskammer für den Freistaat Sachsen, Vogelsang, zusammen. Es wurden zwei Entschließungen zur Frachttariferhöhung der Reichsbahn und zur Technischen Nothilfe angenommen. Die erste Entschließung wendet sich gegen die Benachteiligung der landwirtschaftlichen Massengüter bei der Tariferhöhung im Oktober 1928. Die zweite Entschließung lehnt die Herabsetzung der Haushaltsmittel für die Technische Nothilfe ab. Die Reichsregierung wird ersucht, in Zukunft ausreichende Mittel der Technischen Nothilfe zur Verfügung zu stellen. Nachmittags wurde Reichsernährungsministrr Dietrich erwartet. Zur Teilnahme sind erschienen: der preußische Landwirtschaftsminister Dr. Steiger, der Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin, Eschenburg, der bayerische Landwirtschaftsminister Dr. Fehr, Reichsminister a. D. Dr. Schiele, Reichsminister a. D. Dr. Has- linde, Generaldirektor Dr. Vögler, Reichsminister a. D. Dr. von Keudell usw.
Präsident Dr. h. c. Brandes behandelte das Rentabilitätsproblem der Landwirtschaft und betonte, daß unter den verschiedenen Wegen, die Rentabilität wieder herzustellen, der gangbarste die Erhöhung der Einnahmen sei, der an die wesentliche Voraussetzung einer Erhöhung der Preise geknüpft sei. Der Landwirt müsse für seine Erzeugnisse einen gerechten Preis erhalten auf Grundlage des jeweiligen Lebenshaltungsindex. Über „Poung-Plan und
r t s ch a f t" sprach der Geschäftsinhaber der . Drsconto-Gesellschast, Herr Dr. S 0 l m s s e n - Berlin. Wie der Dawes-Plan fei der Aoung-Plan wirtschaftlich falsch konstruiert. Man müsse zur Belebung des deutschen Wirtschaftslebens neben einer Ausfuhrsteigerung auf eine erfolgverheißende Einfuhrverringerung hinarbeiten, wobei nur die Verringerung der Einfuhr von Nahrungsmitteln in Fage komme.
Preußischer Landwirtschaftsminister Dr. Steiger sagte in seiner Ansprache u. a.: In diesem Jahre sei es weniger die Ernte, welche die Lage der Landwirtschaft be- forgniserregend gestalte, es feien vielmehr die Preise für die landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die unbefriedigend erscheinen. Die Landwirtschaft müsse aber unbedingt vor Unrentabilität geschützt werden. Das Verständnis dafür müsse vertieft und verbreitert werden. Der Minister kam auf die unzulänglichen Preise für Getreide, besonders Roggen, für Kartoffeln und Vieh zu sprechen und hob den Rückgang des Schweinebestandes hervor, der allerdings höhere Preise gezeitigt habe, aber wieder im Aufsteigen begriffen sei, so daß die Ernährung der Bevölkerung mit inländischen Schweinen gedeckt werden könne. Allein durch zollpolitische Maßnahmen seien befriedigende Preise fü* 'ne landwirtschaftlichen Produtte nicht zu erreichen. Daneben müssen die innere Absatzregelung und die Selbsthilfe treten.
Räumung in zwei Etappen.
Die Reichsvermögensverwaltung für die besetzten rheinischen Gebiete hat von dem französischen Armeeoberkommando in Mainz nähere Angaben über die Durchführung der Räumung des besetzten Gebietes erhalten. Danach wird die Räumung der zweiten Besetzungszone in der Zeit vom 16. September bis 30. November 1929 in ?wei Abschnitten durchgeführt.
In dem Zeitraum vom 16. September bis 15. Oktober wird zunächst das Material der Armee (Pionier-, Lazarett- und Bureaumaterial, Munition, Automobile und dergleichen) und dann das Material der Regimenter ^Bekleidung, Ausrüstung, Wagenmaterial, Telephonmaterial, Bibliotheken, Kasino- und Küchenmaterial und dergleichen) sowie die Bespannung abtransportiert. Als Begleitmannschaften werden diesen Materialtransporten kleinere Ab" teilungen der in Koblenz liegenden Jnfantcriereg'- mcnter 23 und 151 beigegeben. Vom 16. Oktober bis 30. November werden die Truppenteile selbst abtransportiert. Der Abtransport iin einzelnen ist noch genau festzusetzen; fest steht nur, daß das 23. und 151. Infanterieregiment in ihren Hauptteilen in der Zeit vom 15. bis 19. Oktober Koblenz verlassen werden.
Hinsichtlich der Räumungstcrmiue für die dritte Zone sind vom französischen Kriegsministerium noch keine Befehle erlassen worden. Die Befehle sind erst nach der Ratifizierung des Uonng-Planes zu erwarten.
Vor einiger Zett find die Besatznngstruppen <m8 Diez an der Lahn abgezogen. Jetzt ist auch die noch bestehende französische Gendarmeriestatton aufgelöst und die bisher über der Stadt wehende französische Trikolore gestrichen worden. Die internationale Rhein- lau d k 0 m m i s s i 0 n in Koblenz ist mit den Vorbereitungen ihrer übcrficblmig nach Wiesbaden beschäftigt. Die meisten Beamten werden in ihre Heimat entlassen, die Kommission siedelt mit 10 höheren, 20 mittleren und 20 unteren Beamten nach Wieshaden über. Sie soll dort vermutlich am 1. November installiert werden. Die ganze Koblenzer Zone soll spätestens am 15. Dezember geräumt sein.
Die hohe Bedeutung der deutschen Lan-wirtschast.
Eine Rede des Reichsernährungsministers.
Der Präsident des Deutschen Landwirtschaftsrats, Brandes, eröffnete Mittwoch in der Stadthalle in Münster i. W. die 59. Vollversammlung des Deutschen Landwirtschaftsrates. Er begrüßte den erschienenen Reichsernährungsminister Dr. Dietrich, die Vertreter verschiedener Reichs- und Länderministerien, die Vertreter der Reichs-, Staats- und Provinzialbehörden, die Vertreter der Spitzenverbände der deutschen Landwirtschaft und die Vertreter der großen deutschen Wirtschaftsverbände. Hierauf erteilte er dem
Reichernährungsminister Dietrich das Wort. Dieser übermittelte zunächst dieGrützedes Reichspräsidenten und der Reichsregierung, deren besonderes Sorgenkind die Landwirtschaft sei. Der diesjährigen Tagung, so führte er dann aus, komme eine besondere Bedeutung zu dadurch, daß diesmal auch hervorragende Vertreter der Landwirtschaft S st e r r e: ch s sich eingefunden hätten, wodurch auch äußerlich zum Ausdruck gebracht werde, daß über die politischen Grenzen hinaus die landwirtschaftlichen Fragen in beiden Ländern nach einheitlichen Gesichtspunkten betrachtet und beurteilt werden müssen.
Mit der deutschen Landwirtschaft stehe und falle nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern das ganze Volkstum. Mit wachsender Sorge verfolge die Reichsregierung bzw. das Reichsernährungsministerium die schwierige Lage am Getreidemarlt. Im Hinblick auf die entstandenen Schwierigkeiten sei beschlossen worden, alsbald über ein planmäßiges Zusammenarbeiten zwischen der Deutschen Getreidehandelsgesellschaft und der Getreide-Industrie und -Kommission A.-G. zu verhandeln. Die Reichsregierung sei durchaus entschlossen, im Rahmen des Gesetzes die Ge- Ireideprcise auf jede Art und Weise zu halten. Die Auswirkung der Zollerhöhungen werde abgewartrt werden müssen.
Dr. Dietrich ging dann auf zwei wichtige Fragen der Landwirtschaft ein, nämlich die der Zinsen und die der Steuern. Was die Zinsen angehe, so werde die unangenehmste Zinslast der Landwirtschaft, nämlich die der Rentenbankzinsen, aller Voraussicht nach am 1. April 1930 verschwinden. Dadurch werde die Landwirtschaft alljährlich 90 bis 100 Millionen Mark sparen. Die Amortisationsfrist der Rentenbankscheine werde auf 10 bis 12 Jahre verlängert werden. Unter den Steuern seien die drückendsten die Realsteuern, die für die Landwirtschaft etwa
eine halbe Milliarde betragen. Der bevorstehende Finanzausgleich müsse so gestaltet werden, daß die Länder und Gemeinden diese Realsteuern ermäßigen könnten. Der Minister versprach, in dieser Richtung tätig sein zu wollen. Zum Schluß 'einer Rede erklärte er, daß er nie um die Politik, sondern stets um die Sache gekämpft habe.
Die „Frankfurter Zeitung" meldet aus Wiesbaden: Die Räumung durch die englischen Truppen vollzieht sich nach Erkundigungen an amtlicher Stelle genau und reibungslos nach dem für diesen Abmarsch vorgesehenen, einen Zeitraum von 89 Tagen umfassenden Plan. Für die Abwicklung der lleberga- bengeschäfte sind zwei Kommissionen gebildet, zu denen auch deutsche Beamte zugezogen werden. Eine Vergütung von Schäden an den Wohnungen usw. erfolgt bekanntlich nach den Haager Vereinbarungen nur da, wo eine mutwillige Beschädigung vorliegt. Dadurch werden im allgemeinen die Abwicklungsgeschäfte erleichtert und beschleunigt. Von den etwa 600 Quartieren, die die Engländer in Wiesbaden selbst besitzen, werden zunächst nur die privaten Villen und Wohnungen freigegeben. Die reichseigenen Gebäude bleiben aber von der Besatzungsbehörde weiter beschlagnahmt, bis die Rheinland- kommission und der französische Ortsdienst die notwendigen Quartiere ausgewählt haben werden. Die Möbel aus den englischen Wohnungen und den Kasernen werden nicht, wie es anfänglich hieß, dem freihändigen Verkauf zugeführt, sie werden vielmehr zur Ausstattung von Büros den Behörden zur Verfügung gestellt, auch den Wohltätigkeitsanstalten zum Teil überwiesen und an besonders bedürftige Private billig abgegeben. Die Verteilung der Möbel erfolgt, um die ortsansässigen Geschäftsleute nicht zu schädigen, über das ganze Reich. Ueber die Verwendung der freiwerdenben Kasernen sind noch keine Bestimmungen getroffen. In Schwalbach will man eine Forstschule unterbringen; ein Teil der Wiesbadener Kasernen soll mit Schutzmannschaft belegt werden.
Meine Zeitung für eilige Leser
* Reichspräsident von Hindenburg hat Berlin verlassen, um einen mäßigen Erholungsaufenthalt auf dem Lande zu nehmen.
J * In der Besprechung der Führer der 'Regierungsparteien über die Reform der Arbeitslosenversicherung konnte eine Übereinstimmung noch nicht erzielt werden, so daß die Verhandlungen weitergeführt werden müssen.
* Die jetzt in Berlin konzentrierte Untersuchung über die Sprengstosfattentate wirb von dem Landgerichtsrat Masur geleitet. ' Das in einigen Berliner Zeitungen verbreitete Gerücht über Beziehungen gewisser Beteiligter zur Reichswehr wird vom Reichüwehrministerium einer genauen Nachforschung unterzogen.
„Dienst am Kunden!"
Zum Einzelhandelstag in Hamburg.
über Mangel an Beratungsstoff kann sich die Haupt- gemeinschaft des Deutschen Einzelhandels auch für ihre diesjährige Tagung in Hamburg wirklich nicht beklagen. Von allen Seiten stürmen Fragen, Probleme auf sie ein, hat der Einzelhandel mit ihnen zu ringen und zu kämpfen, und immer schwerer werden die Bedrängnisse von der einen Seite — den Warenhäusern — her, wächst aber auch die Not der anderen Seite gegenüber, die mit der schwierigen Krediterlangung und der noch gefährlicheren Kreditgewährung an den Käufer zusammenhängt.
Der Einzelhandel denkt gar nicht daran, die Prophezeiungen wahrzumachen, die seinen „unumgänglich notwendigen", seinen „wirtschaftlich gebotenen" Tod voraussagten. Der Einzelhandel zeigt vielmehr Lebensmut genug, beweist den Willen, aus eigener Kraft dem Ansturm gegnerischer Wirtschaftsmächte zu begegnen. Er hat erkannt, was ihm not tut; er weiß, was er will.
Modernisierung des Betriebes — das ist auch nur ein Teilproblem, wächst aber an Bedeutung, je kleiner der Betrieb ist, der an einer Modernisierung nicht mehr vorbei kann. Modernisierung nach außen hin — gefällige Aufmachung, „Dienst am Kunden" —, aber auch nach innen hin, wo eine solche Modernisierung häufig noch viel notwendiger ist. So manchen Einzelhändler trifft ein Zusammenbruch ganz überraschend, weil er es nie verstanden hat, sich einfach und klar jederzeit genaue Rechenschaft vom Stande seines Betriebes geben zu können. Die Buchführung mit dem Bleistiftftummel oder der Kreide paßt wirklich nicht mehr in die Gegenwart hinein, auch dort nicht, wo die Ansprüche noch keine übermäßig hochgeschraubten sind, wo das wirtschaftliche Leben noch langsam und in traditionellen Bahn einherrollt. Auch über diesen Unmodernen oder unmodern Werdenden ballt sich die Gewitterwolke.
„Dienst am Kunden" — das ist die Hauptpflicht des Einzelhandels, denn die weitgehende Berücksichtigung von Spezialwünschen des Käufers gibt ja erst die Berechtigung ab für die Stellung, die der Einzelhandel im Kreise der Volkswirtschaft besaß, besitzt und auch behalten soll. Gefährlich genug ist auch hier schon die Konkurrenz durch Warenhaus und Konsumgenossenschaft, denen man aber ebensowenig die volkswirtschaftliche Existenzberechtigung überall dort wird abstreiten dürfen, wo sich Massen- bedürfnisse oft sehr rasch wechselnder Art und nur unter Zuhilfenahme großer Kapitalien befriedigen lassen können. Gewiß hat der Einzelhandel unter dem Warenhaus schwer gelitten, — aber auch hier ist er nicht umgebracht worden, wie es so manchmal prophezeit wurde.
Das allerwichtigste aber ist natürlich heute die Kreditfrage. Auch hier Bedrängnisse beim Einzelhandel von zwei Seiten her: der früher so verbreitete Personalkredit, aufgebaut auf den engen Beziehungen und daraus erwachsenes Vertrauen zwischen dem Kreditgeber und dem Betriebskapital Suchenden, ist zerstört worden durch Krieg und Inflation, durch das immer schneller werdende Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung, die immer weiter gehende Differenzierung im Einzelhandel, der die Warengroßgeschäfte eines „königlichen Kaufmanns", wie sie Gustav Freytag in seinem „Soll und Haben" zeichnete, gar nicht mehr kennt. Heutzutage will man Sicherheiten haben, gibt es, wenn überhaupt, nur noch Real kredit. Hier liegt die große Schwierigkeit für den Einzelhändler: hat er Sicherheiten, genügt sein Warenlager den Sicherheitsforderungen seines Kreditgebers und — wie steht es mit der Bonität seiner Außenstände? Tiefe, oft recht dunkle Schatten hat die immer weiter sich ausbreitende Frage der Absatz- finanzierung gerade auf den Einzelhandel geworfen; die jüngsten Ereignisse haben viel Unerfreuliches gerade hier aufdecken müssen. Denn ebenso wie nach der einen Richtung hin der Einzelhändler um den Kredit kämpft, ringt er auf der anderen Seite um den Kunden. Er spürt am meisten das Aus und Ab, das Anwachsen und Nachlassen in der Kaufkraft und der Kauflust der Massen. In der Heinen Stadt merkt er es nur zu deutlich, wie sehr und wie gefahrdrohend für ihn selbst die NotderLandwirtschaftsich auswirkt. Andere Entwicklungen modernster Art, wie z. B. eine weitgehende Ausschaltung des Großhandels, zwingen den Einzelhandel dazu, sich vielfach umzustellen, ein Risiko zu übernehmen, das gefährlich viel kostet, das ihm früher der Großhändler mit tragen half. Ein wenig erleichtert das — noch zuwenig — der genossenschaftliche Zusammenschluß. Man weiß, wie ein solcher Zusammenschluß gerade im Einzelhandel auf besondere, Schwierigkeiten, auch auf verständliche, gestoßen ist und immer noch stößt. Aber diese Schwierigkeiten lassen sich aus dem Wege räumen, wie gerade das Bestehen der Hauptgemeinschaft, wie es ihre alljährlichen Tagungen beweisen.
Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menfchen. Gerade wirtschaftlich. Es kommt bald unter die Räder, wer sich dieser Entwicklung entgegenstellt oder sich weigert, mit dem Tempo mitzuhalten; das ist oft sehr schwer, aber auch im Einzelhandel hat sich die Richtigkeit eines anderen Wortes bewahrheitet, daß nämlich der Kampf der B a t e r a l l e r D i n g e ist, daß es also ohne Kampf keinen Fortschritt gibt, mag er auch Opfer fordern. Einen schweren Kampf Hai, wie alle Zweige der deutschen Wirr- schast vom Erzeuger bis zum Verbraucher hinüber, auch Der deutsche Einzelhandel zu führen; er hat es bewiesen, daß ihm dieser Kampf trotz mancher Opfer doch die Kräfte und den Lehenswillen stählte.