Zul-aer ^nscigcr
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Nr. 219 — 1929
Tageblatt für Rhön un- Vogelsberg
Zulöa- und Haunetal»Zulöaer Kreisblatt
Redaktion unS Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 ♦ Zernsprech-Rnschluß Nr.-S-
Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit «Vgellenangabe .ZulSaer flnzeiger'gestaaet.
Fulda, Mittwoch, 18. September
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6. Jahrgang
Seeabrüstungskonseren; verschoben.
Auf Einspruch Frankreichs.
Die nach der amerikanisch-englischen Einigung bereits für den Dezember 1929 geplante Konferenz der fünf Mächte Großbritannien, Bereinigte Staaten, Frankreich, Italien und Japan zum Zweck der Abrüstung zur See ist nach einer Erklärung des Staatssekretärs Stimson in Washington einstweilen auf den Januar 1930 verschoben worden, und zwar anscheinend aus französischen Einspruch, da die Franzosen sich weigern, nach London zu gehen, und einen anderen Konferenzort verlangen.
Wie aus London verlautet, habe Frankreich Bedenken, sich abermals wie im Haag zu stark den Einflüssen der englischen Arbeiterregierung auszusetzen, und befürwortet einen neutralen Kongretzort. In London soll man aber entschlossen sein, auch diesmal gegenüber den französischen Ausweichsversuchen fest zu bleiben.
Bei den fortgesetzten Beratungen des Abrüstungsausschusses in Genf kam man zu der Feststellung, über die vorgeschlagene finanzielle Hilfe für den angegriffenen ■ oder bedrohten Staat sei einstweilen keine überein- ■ stimmung erzielt. Die englische Vertretung setzte sich in weitgehendem Maße für die Annahme eines Abkommens in dieser Beziehung ein.
Amerika im Haager Gerichtshof.
Das Zusatzprotokoll zur Erleichterung des Beitritts der Vereinigten Staaten zum Ständigen Internationalen Gerichtshof im Haag und das Revisionsprotokoll für das Haager Statut sind bis jetzt von 29 Staaten, darunter Deutschland, Frankreich und Italien, unterzeichnet worden. Unter den Unterzeichnungsstaaten befindet sich auch Brasilien, das seit zwei Jahren dem Völkerbund nicht mehr angehört, aber Mitglied des Haager Gerichtshofes geblieben ist. Peru und Nikaragua haben mit der Unterzeichnung dieser beiden Protokolle auch das ursprüngliche Haager Statut Unterzeichner und sind damit dem Ständigen Internationalen Gerichtshof als neue MOOS WWM-
Ein Zwischenfall in Genf.
Genf, 17. Sept. (W.B.) In der vierten Kommission des Völkerbundes, die über das Beamtenstatut des Sekretariats und I des Internationalen Arbeitsamtes zu beraten hat, richtete der norwegische Kammerpräsident Hambro einen ziemlich scharfen I Angriff gegen den Leiter des Arbeitsamtes Albert Thomas i und gegen andere Beamte des Arbeitsamtes. Hambro erklärte es als unzulässig, daß internationale Beamte politisch« und ; vor allem innenpolitische Reden in ihrem Heimatlande hielten, i Er spielte damit auf die Rede Thomas' auf dem internationalen Syzialistenkongreß an. Albert Thomas antwortete sehr temperamentvoll und wies darauf hin, daß eigentlich nur der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes berech- I tigt wäre, derartige Vorwürfe gegen ihn zu erheben. Er sei : Sozialist gewesen und auch geblieben, habe aber seit Jahren an der Politik seines Vaterlandes keinen Anteil mehr genommen. Auf dem internationalen Sozialistenkongreß habe er die Arbeiter aufgefordert, mehr als bisher Gebrauch von den Genfer Institutionen zu machen. Die gleiche Rede hätte er vor christlich organisierten Arbeitern und erst kürzlich auch vor den Arbeitgebern gehalten. Hier werfe man ihm vor, er mache
„Gras Zeppelin" begrüßt vr. Eckener.
Vom Bodensee zur Nordsee.
„Graf Zeppelin", der um 12.15 Uhr Rheine überflogen hatte, traf um 12.37 Uhr über Osnabrück ein, von der Einwohnerschaft auf Straßen und Plätzen, auf den Dächern und an den Fenstern auf das Freudigste begrüßt. Er überflog die Stadt und nahm um 12.47 Uhr Richtung auf Bremen.
„Graf Zeppelin" traf von Osnabrück kommend um 1.50 Uhr in Bremen, über dem Mittelpunkt der Stadt, ein, von hunderttausenden auf den Straßen, Plätzen und Dächern stürmisch ^grüßt. Die Kirchen, öffentlichen Gebäude und zahlreiche Privathäuser'hatten Flaggenschmuck angelegt, um den Gast zu begrüßen. Glockengeläute und Sirenengeheul von Fabriken und Schiffen brausten mit dem Hurra der Menschenmenge ver- dem im Sonnenschein dahinziehcnden Luftriesen entgegen. Nachdem er über der Stadt einige Schleifen gezogen hatte, entfernte er sich um 2.05 Uhr in Richtung Oldenburg.
Die Begegnung mit dem Dampfer „New York".
Der Dampfer „New York" sichtete um 15.10 Uhr bei dem Feuerschiff „Elbe I" das Luftschiff, das steuernd aufkam und sich in schneller Fahrt und geringer Höhe näherte und dann über der „New York" kreiste. Den Passagieren, die durch die Dampfpfeife des Dampfers ans Deck gerufen worden waren, bot sich ein prächtiger Anblick. Als „Graf Zeppelin" am Backbord des Schifes dicht entlang fuhr, entbot er der „New Park" mit Flaggengruß herzlichen Willkomm. Dr. Eckener sandte von Bord des Dampfers aus folgendes Begrüßungstelegramm an Kapitän Lehmann:
„Ihnen und der ganzen Besatzung herzliche Grüße und Dank für die eindrucksvolle Begrüßung über dem Wasser. Wünsche weiterhin gute Fahrt bei schönem Wetter.. Grüße auch an die Passagiere.
. Dr. Eckener."
®a5 Luftschiff entfernte sich hierauf langsam.
Parteipolitik, während man ihm in Frankreich vorwerfe, er habe die Sozialisten verraten. Diese Vorwürfe glichen sich so ungefähr aus. Wenn man von den internationalen Beamten völliges Stillschweigen verlange, so sollte man entsprechende Verhaltungsmaßregeln aufstellen. Er möchte aber daran erinnern, daß er zwei Jahre lang sozialistischer Deputierter in Frankreich und zugleich Direktor des Internationalen Arbeitsamtes gewesen sei, ohne daß daran jemand Anstoß genommen habe. Wenn es sich darum handle, dem Völkerbünde Dienste zu leisten, so scheue er sich nicht, sowohl zum Teufel als auch zum Papst zu gehen. Diese Bemerkung quittierte Hambro mit der Feststellung, daß Thomas beim Papst schlecht empfangen werden würde, wenn er vorher mit dem Teufel Propaganda gemacht hätte.
Die fortschreitende Räumung.
Die Rheinlandkommifsion in Wiesbaden.
Nach einer Mitteilung der Pariser Agentur Havas hat die Interalliierte Kommission für die besetzten Gebiete offiziell den Beschluß gefaßt, ihren Sitz von Koblenz nach Wiesbaden zu verlegen. Innerhalb der Dienststellen für die Internationale Kommission sollen nur einige Wachen französischer Truppenteile in Wiesbaden verbleiben. Die Räumung der zweiten Zone ist durch einen Befehl des französischen Kriegsministcriums angeordnet worden. Damit verlaffen 10 000 französische Soldaten in einzelnen Abteilungen das Rheinland. Die Räumung beginnt in den nächsten Tagen und muß bis zum 31. Oktober dieses Jahres beendet sein.
Als erstes wird das 39. französische Artillerieregiment Koblenz verlassen. Ein Munitionstransport, dem ein Pferdetransport folgte, ist bereits abgegangen. Die Abmarschtermine der Infanterieregimente! 151 und 23 sind noch nicht endgültig festgesetzt. Bad Schwalbach wurde bereits von den ersten Engländern verlassen. Das dort stationierte Gesamtbataillon verläßt Schwalbach am 24. September. Am 29. September soll die Stadt besatzungsfrei sein.
Englische Abmarschvorbercitungen.
Englische Truppen bei Wiesbaden brechen ihre Zelte ab in Vorbereitung ihrer Rückkehr nach England.
„Graf Zeppelin" über Cuxhaven.
Der „Graf Zeppelin" erschien um 16.40 Uhr über den Landeanlagen der Hapag in Cuxhaven, von einer gewaltigen Menschenmenge mit Tücherschwenken und Zurufen und von den Dampfern durch Sirenengeheul begrüßt. Das Luftschiff fuhr dann auf See hinaus und umkreiste den bei der Kugelbaake aufkommenden Dampfer „New Park". Der hell in der Sonne glänzende Leib des Luftschiffes über dem langsam näher kommenden, in seinen Konturen noch undeutlichen Riesendampfer bot ein wundervolles Bild. Der „Graf Zeppelin" kreuzte dann wieder über Cuxhaven, während die „New York" von der Kugelbaake her sich langsam ihrem Pier näherte.
„Graf Zeppelin" über Hamburg und Lübeck.
Das Luftschiff erschien um 18.10 Uhr die Elbe aufwärts kommend über Hamburg. Es beschrieb zunächst über dem Hafen eine Schleife und überflog dann das Weichbild der Stadt. „Graf Zeppelin" wurde durch eine Eskorte von acht Flugzeugen und von dem Reklameluftschiff P. N. 28 über Hamburg begrüßt. Nach viertelstündiger Kreuzfahrt über der Stadt setzte „Graf Zeppelin" seine Fahrt in Richtung auf Lübeck fort.
Das Luftschiff überflog Lübeck kurz nach 19 Uhr.
Aus Anlaß des Hamburger Zeppelintages und zu Ehren Dr. Eckeners, der heute abend von Cuxhaven hier eintreffen wird, trägt die Stadt reichen Flaggenschmuck. Auch die Schiffe im Hafen haben geflaggt. In sämtlichen Schulen fiel heute der Unterricht aus. Aus der näheren und weiteren Umgebung sind zahlreiche Menschen herbeigeströmt, um das Luftschiff zu sehen. In den Straßen der Stadt herrschte außerordentlich starker Verkehr. Die freien Plätze und die Hausdächer waren bereits von 16 Uhr an dicht besetzt. Ueber der Stadt kreisten viele Flugzeuge und der kleine Parseval, um dem „Graf Zeppelin" ihre Grüße zu entbieten und ihm auf seinem Fluge über Hamburg das Geleit zu geben. Kurz vor 18 Uhr wurde das Luftschiff von den Elbkähnen bei Blankenese aus gesichtet und kam in
ziemlich schneller Fahrt näher. Als es etwa um 18.10 Uhr über Hamburg eintraf, läuteten die Glocken, und die Dampfer und Barkassen im Hafen ließen ihre Sirenen ertönen. Durch jubelnde Zurufe und durch Tücherschwenken gab die ungeheure Menschenmenge ihrer Freude über das seltene Erlebnis Ausdruck. Das Luftschiff kreuzte längere Zeit über der Stadt und setzte dann die Fahrt in der Richtung nach Lübeck fort.
Von Wismar kommend überflog das Luftschiff „Graf Zeppelin" um 20.30 U§r Schwerin, machte eine Schleife über der Stadt und entschwand dann den Blicken der zahlreichen Zuschauer in südwestlicher Richtung. Bei dem hellen Mondschein war der Riesenkörper des Luftschiffes deutlich erkennbar. Er wurde außerdem von Scheinwerfern, die auf den Kirchtürmen aufgestellt waren, beleuchtet. Glockengeläut von allen Kirchtürmen kündigte das Nahen des „Graf Zeppelin" an.
Das Luftschiff „Graf Zeppelin" erschien gestern abend 9.20 Uhr von Mecklenburg kommend erneut über Hamburg, kurz nach 22 Uhr über Lüneburg, um 23.48 Uhr über Hannover, um 1.18 Uhr über Göttingen und um 2.15 Uhr über Eisenach.
Heute früh 7.10 Uhr traf es wieder über dem Werftgelände in Friedrichshafen ein und landete bereits um 7.24 Uhr.
Dr. Eckener in Cuxhafen und Hamburg.
Hamburg, 17. Sept. (WB.) Kurz nach 17 Uhr lag die „New-Pork" am Cuxhavener Pier fest. Ungeheurer Jubel umbrandete das Riesenschiff. Die Menschenmenge schwenkte Fahnen und Tücher, und tausend Stimmen riefen nach Dr. Eckener. Die zum Empfang erschienenen Pressevertreter wurden dann durch den Hapagdirektor Dr. Leisle-Kiep in Dr. Eckeners Kabine geleitet, wo dieser ihnen ein kurzes Interview gewährte. Die Hauptfrage galt naturgemäß dem Stand der Verhandlungen mit dem Ziel der Schaffung eines regelmäßigen Luftschiffverkehrs. Dr. Eckener schnitt diese Frage sogleich mit der Feststellung ab, daß von Verhandlungen überhaupt noch nicht die Rede sein könnte. Er habe in Amerika mit zahlreichen Jnteresienten, so mit Herren von der Harryman- Gruppe und von der National City Bank Besprechungen gehabt und freue sich, sagen zu können, daß das Interesse an der Zeppelinsache sehr groß sei. Verhandlungen oder gar Abmachungen habe er nicht führen und treffen können, da zunächst die deutschen Besprechungen vorangehen müßten. Er komme mit keinerlei Bindungen in die Heimat zurück. Die Tatsache, neue Freunde und Interessenten gewonnen zu haben, sei aber natürlich ein nicht zu unterschätzendes Plus. Auch dem Besuch in Akorn scheine man in Unkenntnis des Verhältnisses des Luftschiffbaues Zeppelin zu der dortigen Gesellschaft eine falsche Deutung gegeben zu haben.
Als Dr. Eckener das Schiff verließ, wurde ihm auf dem Weg zum Hapag-Sonderzug ein jubelnder Empfang der wartenden Menge bereitet. Ein gleich herzliches Willkommen empfing ihn bei der Ankunft in Hamburg um 21 Uhr. Vom Bahnhof aus begab sich Dr. Eckener mit Graf Brandenstein, der ihm nach Cuxhaven entgegengefahren war, ins Hotel „Vier Jahreszeiten".
Der Reichspräsident hatte dem Führer des „Graf Zeppelin" mit einem herzlichen Telegrammbrief, in dem er ihm Dank und Anerkennung für die durch die Weltfahrt für Deutschland geleistete Tat ausspricht und der Hoffnung Ausdruck gibt, ihn bald in Berlin begrüßen zu können, auf deutschem Boden willkommen geheißen. Dr. Eckener sandte folgendes Antworttelegramm: „Für das überaus gütige Begrüßungsschreiben gestatte ich mir meinen ergebensten und ehrfürchtigsten Dank auszusprechen. gez. Eckener." — Dr. Eckener wird voraussichtlich morgen abend von Hamburg direkt nach Friedrichshafen Weiterreisen.
Ein Wahlaufruf der sozialistischen Partei Frankreichs.
Organisation des Friedens, Beseitigung der Eeheimdiplomatie und Abrüstung werden gefordert. Die Räumung wird lebhaft begrüßt.
Paris, den 17. September 1929.
Anläßlich der für den 20. Oktober ausgeschriebenen Wahlen für den Senat hat die sozialistische Partei Frankreichs einen Aufruf erlaffen, in dem nach Darlegung der Wahltaktik und nach einem Ueberblick über die innere wirtschaftliche und soziale Politik auf das internationale Programm der französischen Sozialisten Bezug genommen wird. Das Programm enthält folgende Punkte: Eine entschloffene und unentwege Politik für die Organisation des Friedens durch endgültige Beseitigung aller Eeheimdiplomatie, durch Aufgabe der Politik des Gleichgewichts und der Sonderbündniffe, durch die Demokratisierung des Völkerbundes und durch den Ausbau der Schiedsgerichtsbarkeit als Mittel zur Vorbereitung der allgemeinen Abrüstung, ferner Beschränkung der Militärdienstpslicht in Frankreich auf 6 Monate, Aufhebung aller Kolonial- expeditionew und Abenteuer. Der Aufruf sagt dann weiter: Wir freuen uns, daß wir nicht mehr die vorzeitige Räumung der Rheinlands zu fordern brauchen, die durch die Konferenz im Haag beschlossen und die im nächsten Jahr vollendet sein wird. Fortan ist das größte Hindernis einer Verständigungspolitik zwischen Deutschland und Frankreich beseitigt, und die beiden großen Rationen können an der Befestigung des Friedens und an der Vorbereitung der Vereinigten Staaten von Europa arbeiten.