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Sulfate Anzeiger

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Nr. 214 1929

Fulda, Donnerstag, 12. September

6. Jahrgang

die Organisation der Bombenleger.

Sprengsioffatteniaie aufgeklärt.

Zahlreiche Verhaftungen.

Die groß angelegte Tätigkeit der Polizei im Verlaus der in der letzten Zeit in verschiedenen Gegenden Deutsch­lands ausgesührten Sprengstoffattentatc hat jetzt zu einem Erfolg geführt. Das Netz der Untersuchung breitete sich über Schleswig -Hol st ein, Hamburg, Han- n 0 v e r und Berlin aus und wurde besonders enger gezogen nach den letzten Anschlägen in Lüneburg und am Reichstag in Berlin. Der Verdacht richtete sich gegen einen bestimmten Kreis von Personen, die zum Teil schon bei der Ermordung Rathenaus unter Beobachtung gestanden hatten oder direkt beteiligt gewesen waren.

In der Nacht auf Dienstag wurde in Krempe bei Itzehoe ein angeblicher früherer Polizeihauptmann Nickel festgenommen. Er war mit einem Automobil nack Kremve aekommen und sollte in H e i d e beheimatet

Polizeipräsident Eggerstedt, ln dessen Händen die Fäden der Untersuchung zusammenlaufen.

sein. Vorher hatte Nickel sich bei einem Kaufmann in Hamburg vorübergehend aufgehalten und bei ihm ein Paket hinterlassen.

Bei Nachsuchung in der Wohnung des Hamburger Kaufmanns wurde eine Höllenmaschine, die mit einem Zeitzünder versehen und in eine Zigarrenkiste eingebaut war, in gebrauchsfertigem Zustande vorgesunden. Der Kaufmann wurde ebenso wie Nickel nach Altona gebracht, wo in der Hand des die Nachforschungen leitenden Polizei­präsidenten E g g e r st e d t die Fäden zusammenliefen.

Das Auto, mit dem Nickel gekommen war, wurde be­reits von Lüneburg ab verfolgt, entzog sich aber für kurze Zeit der Beobachtung, konnte jedoch vor Krempe wieder entdeckt werden. Den mitgeführten verdächtigen Gegen­stand hatte Nickel bei dem Bankbeamten Karl Albert Pünjer abgegeben, wo er beschlagnahmt wurde. Nickel gab zu, die Höllenmaschine mit sich geführt und an Pünjer abgegeben zu haben.

Die Persönlichkeit Nickels.

Nickel, der sich als Polizeihauptmann a. D. bezeichnete, ist der Leiter der Wach- und Schließgesellschaft in Heide. Den Titel eines Polizeihauptmanns hat er sich selbst zu­gelegt. In der Zeit der oberschlesischen Wirren stellte er dort eine Abwehrkompagnie auf und bezeichnete sich als Hauptmann. In der Wohnung Nickels in Heide fand man verbrannte Papiere, die zurzeit noch untersucht werden. Nickel ist 1890 in Westholstein geboren, soll sich später als Supernumerar in Stuttgart aufgehalten und der OrganisationConsul" nahegestanden haben.

Festnahmen in Schleswig-Holstein.

Im Verlauf der weiteren Untersuchung wurde feft= Seilt, daß Nickel vor seiner Verhaftung das Redakttons- il der Zeitung Das Landvolk in Itzehoe besucht hatte. Die Zeitung wurde besetzt und sowohl die beiden Redak- tcure, Bruno von Salomon und Kühl, wie der Syndikus Weschke und der Korrektor Wilhelm Dammang fest- genommen, der bereits wegen der Hohenwestedter Atten- tatsgcschichte sistiert, aber dann wieder freigelaffen wurde.

Ferner kam in Haft der angebliche Uhrmacher Hans Plön der Gold- und Silberarbeiter ist. Man nimmt an, daß er die Höllenmaschinen fertiggestellt hat. Andere Verdächtige sollen sich im Ausland befinden. Der Führer des Ford-Wagens, mit dem Nickel fuhr, wurde als der Landwirt Klaus Hein aus St. Annen erkannt und ebenfalls in Gewahrsam genommen. Man glaubt, auch der bekannte Laudvolkführer H a m k e n s aus Neumünster stehe in enger Verbindung mit dem Attentate. Er sowohl wie der Geschäftsführer M u t h in a n n sind in den Hän­den der Polizei.

Oie Berliner Verhaftungen.

In Zusammenhang mit den Holsteiner Verhaftungen wurden in Berlin Haussuchungen und Festnahmen vor- genommen. Zunächst verhaftete die Polizei mehrere Per­sonen unter dein Verdacht der Teilnahme an dem «preng- stoffattcntat. Festgenommen ist Ernst von Salomon, der Bruder des Itzehoer Redakteurs der Zcituna Das Laud­

volk. Ernst von Salomon wohnte unangemeldet bei einem Dr. Salinger. Ferner der Geschäftsführer Werner Lasch und Hans GerdTcchow. Hans Gerd Techow ist der Bruder des Werner Techow, der zu 15 Jahren Zuchthaus wegen Beteiligung an der Ermordung Rathenaus ver­urteilt ist und gegenwärtig seine Strafe verbüßt. Der jüngere Hans Gerd stand dazu auch in Beziehungen und wurde wegen Beihilfe zu vier Jahren und einem Monat Gefängnis verurteilt.

Im Jahre 1927 gehörte Hans Gerd Techow zu dem Kreis um Ehrhardt, aegen den ein Verfahren wegen

Hans Gert Techow Ernst von Salomon

Fortsetzung des verbotenen Wikingbundes eingeleitet war. Das Verfahren wurde infolge der Amnestie von 1928 ein­gestellt. Verhaftet wurden dann noch in Berlin einige Personen, die sich mit der praktischen Vorbereitung von Svrengstoffanschlägen befaßt haben sollen. Es sind das der Hilfsrevisor Erich Thimm, der Arbeiter Her­bert N i ck e l s d 0 r f, der Schlosser Kurt R 0 ßteut - scher und der Mechaniker Heinrich Bauder. Ernst von Salomon bezeichnete sich als Schriftsteller und hatte in Berlin drei verschiedene Wohnungen. Verdäch­tige Zusammenkünfte der beteiligten Personen sollen in Berlin wiederholt stattgefunden haben.

Einige der Inhaftierten sollen bereits umfassende Ge­ständnisse abgelegt haben. Die Vernehmungen dauern an, weitere Verhaftungen sollen in Aussicht stehen. Im Bureau Ehrhardts in der Lützowstratze, das von früheren Mitgliedern der OrganisationKonsul" geleitet wird, fand eine Durchsuchung statt. Das schriftliche Material wurde beschlagnahmt, die Sekretärin namens Sonja Lankes verhaftet.

Auch ein Kaufmann Georg Kruschke und ein ehemaliger Feuerwerker W i l s k e befinden sich unter den Berliner Verhafteten. Die Zeitung Das Landvolk in Itzehoe ist verboten; sie ist das Organ der bäuerlichen schleswig-holsteinischen sogenannten Landvolkbewegung, steht aber in Gegensatz zu der nationalsozialistischen Be­wegung -Md hat keine Beziehungen zu dieser.

Auto IP 35088.

Zu den Verhaftungen in der Bombenaffäre.

Nach den ersten drei Attentaten richtete sich der Ver­dacht gegen einen bestimmten Personenkreis, der auch bei der Ermordung Rathenaus und dem Anschlagversuch auf Severing die Hand im Spiele hatte. Es wurden alle Sprengstücke gesammelt und die fraglichen Personen ge­nau beobachtet. Aber nicht nur die Personen wurden überwacht, sondern auch dieLandstraßeund Wege, hauptsächlich die Einmündungsstraßen von und nach Altona. Zuerst wurden die Wagen im geheimen überwacht, d. h. Beamte schrieben die Nummern auf, während die Wagen vorüberfuhren. Dies ging aber auf die Dauer nicht, denn viele Wagen fuhren ein so schnelles Tempo, daß die Nummern nicht genau ersichtlich waren. Darauf wurden die Straßen durch die bekannten rot- weißen Pfähle verbaut, um Pfla st erarbeiten vorzutäuschen. Die vorüberfahrenden Wagen waren auf diese Weise gezwungen, langsam zu fahren, wodurch es möglich wurde, alle Nummern zu notieren. So konnte man beobachten, daß immer wieder die gleichen Wagen vorüberfuhren, wenn irgendwo ein Attentat erfolgt war. Der Kreis der verdächtigten Wagen und Personen verdichtete sich immer mehr: Hauptsächlich der Wagen I P 35088 erregte den Verdacht der über« wachungsbehörden. Es wurde fcstgestellt, daß der Wagen mit einem verdächtigen Gegenstand nach dem letzten Attentat in Lüneburg nach Heide unterwegs sei. Ein Beamter nahm auf einem Motorrad die Verfolgung auf, doch entschwand der Wagen den Blicken des Ver­folgers, der durch eine Panne an der Weiterfahrt gehin­dert wurde.

Am Dienstag früh erhielt das Polizeipräsidium die Meldung, daß der verdächtige Wagen in Krempe stehen sollte. Es wurde Befehl erteilt, daß die Insassen verhaftet werden sollten. Als Insasse konnte der an­geblich ehemalige Polizeihauptmann Hans Friedrich Nickels ermittelt werden. Nickels war aber nach Hamburg gefahren und hatte den Wagen in Krempe stehen lassen. Die Nachforschungen in Hamburg ergaben, daß Nickels den verdächtigen Gegenstand mit nach Hamburg genommen hatte und bei dem Bank­beamten Karl Alfers P ü n j e r abgegeben hatte. Die Polizei erschien nun überraschend bei Pünjer und sand

MeineZetkung für eMge Lese»

* Das Reichskabinett bestimmte in seiner Mittwochsitzung die deutsche Delegation, die in Paris mit den Vertretern Frank­reichs über die Rückgabe des Saargebietes an Deutschland ver­handeln soll. Führer der deutschen Delegation ist Staats­sekretär a. D. v. Simson.

* Dem Berliner Universitätsprofessor Bonnhöfer ist eine geniale Entdeckung geglückt, durch die große Vorteile für die Gewinnung von Gasolin und für die Petroleumindustrte er­reicht werden sollen. Amerikanische Wissenschaftler nennen die Entdeckung des deutschen Forschers die größte Erfindung von 1929.

* Die Nachforschungen der Polizei haben zur Aufdeckung eines weit verzweigten Komplotts geführt, das die verschie­denen Bombenattentate der letzten Zeit veranlaß! haben soll. In Holstein und in Berlin sind zahlreiche Verhaftungen vor­genommen worden.

* Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Hoover, hat unter Zustimmung der Staatssekretäre die strengste Untersuchung über die abrüstungsfeindliche Propaganda der amerikanischen Schwerindustrie angeordnet.

im Bücherschrank eine völlig betriebsfertige Bombe, wie sie ähnlich auch bei den letzten Anschlägen Verwen­dung gefunden hatte. Bei seiner Rückkehr nach Krempe wurde Nickels verhaftet und gab auch zu. das verdächtige Paket die Höllenmaschine bei Pünjer abgegeben zu haben.

Neue Verhaftungen.

Die unter dem Verdacht der Beteiligung an den Bombenattentaten festgenommenen Personen, zu denen noch ein Kaufmann Johnsen hinzugekommen ist, be­streiten mit Ausnahme des verhafteten Nickel, der den Transport einer Bombe nach Hamburg zugegeben hat, sämtliche die ihnen zur Last gelegten Handlungen. Die in Itzehoe Verhafteten sind sämtlich streng getrennt in Polizeiautos nach Hamburg transportiert und in Einzel­zellen untergebracht worden. In verschiedenen Fällen sind bei ihnen falsche Pässe vorgefunden worden.

In B e r l i n wurden in einem Cafè in der Leipziger­straße der 25jährige Vertreter Horst von Salomon, der 27jährige Kurt Heinz von Winterfelds und der 29jährige Flugzeugführer Willi Eichler festgenom­men, weil sie sich in verdächtiger Weise über die Bomben­attentäter unterhielten. Sie wurden der Abt. I A des Polizeipräsidiums zugeführt.

wtb. Berlin, 12. Sept. Die gestern nachmittag in einem hiesigen Kaffee feftgenommenen Karl Heinz von Winterfeldt, Ernst von Salomon und Flugzeugführer Willi Eichler sind in der Sprengstoffangelegenheit eingehend vernommen worden. Eine Entlassung konnte noch nicht erfolgen, da der Verdacht der Mitwisserschaft vorliegt.

*

Englische Blätter zu den Verhaftungen wegen der Sprengstoffanschläge.

wtb. London, 12. Sept. Die gesamte Presse veröffent­licht an erster Stelle eingehende Berliner Berichte über die im Zusammenhang mit den Bombenattentaten vorge­nommenen Verhaltungen. Allgemein wird der deutschen Polizei hohe Anerkennung gezollt. So schreibt dieMor- nig Post": Die kürzlichen Bombenexplosionen in Deutsch­land dürfen nicht leicht genommen werden. Es ist wenig­stens befriedigend zu wissen, daß die Polizei in der Lage war, so schnell und wirksam gegen diese verächtliche Form politischer Agitation vorzugehen.

Der Berliner Korrespondent derTimes" schreibt: Die kürzlichen Attentate war so amateurhaft in Plan und Durchführung, daß man sie nur als das Werk einer Gruppe unverantwortlichen Extremisten ansehen kann.

Der Berliner Korrespondent derDaily Mail" bemerkt: Diese Terroristen sind nur Werkzeuge in den Händen derer, die eine Verschwörung gegen die Republik leiteten.

Bor Schluß der Bölkerdundversammlung.

Die Schiedsgerichtsbarkeit.

In der letzten allgemeinen Aussprache der Völker- bundversammlung zu Genf gab der australische Delegierte eine mit großem Interesse aufgenommene Erklärung ab zur Fakultativklausel der obligatorischen Gerichtsbarkeit. Er sagte, angesichts des wahrscheinlich bevorstehenden R^ gierungswechsels in Australien könne er sich zwar noch nicht bestimmt äußern zu dieser hochpolitischen Frage. Aber Australien sei bereit, an den wirtschaftlichen Aufgaben des Völkerbundes mitzuarbeiten. Jedoch müsse immer bedacht werden, daß 27 nichteuropäische Staaten dem Völkerbund angehören, deren Interessen nicht unbe- dingt immer gleich gingeil mit den europäischen Interessen.

Der rumänische Außenminister Mironescu wie­derholte die Bereitschaftserklärung Rumäniens, mit seinen Nachbarstaaten Sicherheitsverträge einzugehen. Die Unterzeichnung der Schiedsgerichtsklausel hätte die^ruma- nische Regierung bereits in Aussicht genommen, ^n der Frage der A b r ü st u n g erhoffe er einen guten Ausgang der begonnenen englisch-amerikanische« Verhandlungen und das Zustandekommen einer Abrüstungskonferenz.

In den nächsten Tagen sollen die sechs Kommlsponen der Völkerbundversammlung tagen, namentlich in bezug auf die Kohlen- und Zolltarifsragen. Die Abrustungs- kommission begann bereits ihre Verhandlungen und es verlautet, England werde grundsätzlich dem deutschen Standpunkt in dieser Beziehung beitreten.