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M-aer Anzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

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Nr. 213 1929

Fulda, Mittwoch, 11. September

K. Jahrgang

Die Wirtschaft vor dem Völkerbund.

Genfer Derfohnungsreden.

Die Vereinigung Europas.

Das Ereignis des Dienstags in der Völkerbundver- sammlung zu Genf war eine große Rede des greisen Ver­treters für Ungarn, des Grafen Apponyi. Er unter­strich zunächst die grundlegende Bedeutung der obliga­torischen Schiedsgerichtsbarkeit, mit deren Annahme Deutschland den übrigen Großmächten vorangegangen sei. Neue Wege seien eröffnet. Es müßten aber aus den Ver­einbarungen auch die höchst unbestimmtenVorbehalte" entfernt werden. In der Frage der Minderheiten stimmte Graf Apponyi den Ausführungen des deutschen Reichsaußeuministers Dr. Stresemann durchaus zu.

Dann kam der Redner auf die A b rüstun g s v er­st f l i ch t u n g e n , die in den Friedensverträgen für alle Staaten vorgeschrieben seien, zu sprechen. Dieses Ver­sprechen müsse unbedingt ausgeführt werden. S t r c s e - m atm hätte recht, wenn er unter den heutigen technischen Bedingungen für den Heroismus auf dem Schlachtfelde keinen Platz mehr sähe. Apponyi schloß mit einem starken Bekenntnis für die entscheidende Bedeutung der obliga­torischen Schiedsgerichtsbarkeit, die bereits in ihrer heutigen Gestaltung einen gewaltigen Schritt zum Frieden darstelle.

Oie Wirtschastsprobleme.

Der schwedische Außenminister T r y g g e r wandte sich den Wirtschaftsfragen zu, deren Lösung heute dringen­der sei als etwa die paneuropäische Frage. Zahlreiche Länder hätten den Empfehlungen der Wettwirtschafts- konferenz zugestimmt, aber nur wenige hätten Ansätze zur Ausführung gemacht. T r y g g e r bekämpfte stark die .wachsenden schutzzöllnerischen Tendenzen und die Handels­politik der Großmächte im allgemeinen. Er verlangte eine grundsätzliche Umstellung der Wirtschaftspolitik. , Die kleinen Staaten könnten nicht vorangehen. Das sei die Pflicht der großen. Die gesamte Materie hänge zu- wmmen mit den sozialen Friedensbestrebungen, welche die Voraussetzung des politischen und wirtschaftlichen W»br- ergehens der Völker bilden.

Oie Rheinlandräumung

bezeichnete der norwegische Ministerpräsident M 0 w i n k - k e l als das Zeichen für das endliche Verschwinden der letzten militärischen Spuren des Weltkrieges. Er begrüßte die fortschreitende Unterzeichnung der obligatorischen Schiedsgerichtsklausel, nun könne man endlich an die praktische Verwirklichung der allgemeinen Abrüstung denken.

Mowinckel forderte Beseitigung der internationalen Handelshindernisse und hoffte, die zu schaffende inter­nationale Handelsbank werde sich nicht nur auf die Verwirklichung des Doung-Planes beschränken, sondern darüber hinaus maßgebenden Einfluß auf den inter­nationalen Handel und die wirtschaftliche Zusammenarbeit gewinnen.

Für die Internationale Reparationsbank wollen die Vereinigten Staaten dem Vernehmen nach in den nächsten Wochen zwei amerikanische Bankiers ernennen. In amerikanischen Finanzkreisen wird betont, es sei kein Grund für eine Nichtbeteiligung der Vereinig­ten Staaten vorhanden, ferner verlautet aus Newyork, daß die offiziellen Kreise den Versuchen einer politischen oder wirtschaftlichen Organisation Europas ihre Aufmerksam­keit seit längerer Zeit zuwenden. Die gegenwärtigen von Briand und Stresemann unterstützten Versuche tvürden als die bedeutendsten der bisherigen Bestrebungen angesehen. Besonders angenehm hat man es empfunden, daß S t r e f e m a n n betonte, es sei gegen seine Absichten, wenn im Zusammenhang mit der Organisation Europas von einem Angriffsblock gegen die Vereinigten Staaten gesprochen werde.

Oas europäische Kohlenproblem

behandelte der englische Handelsminister Graham in der Abendsitzung des Völkerbundes vom Montag. Graham ver­langte eine internationale Verständigung über die langsame Senkung der Kohlenproduktion. England sei bereit, an einer internationalen Konferenz zur Angleichung der Arbeitszeit und der Lohnverhältnisse mitzuwirken. Er stellte den Antrag, in bezug auf die Paneuropabewegung eine Konferenz zur Be­handlung der Tariffragen, der Zollsenkung usw. einzuberufen. Ein wichtiges Ergebnis dieser Konferenz könne die gegen­seitige Verpflichtung sein, zunächst für zwei Jahre auf jebe Erhöhung der Zollsätze zu verzichten und in dieser Zeit die Herabsetzung der Zölle vorzubereiten. England sei grundsätz- lich gegen hohe Schutzzölle und für internationale Wirtschaft- liche Zusammenarbeit.

Dr. Stresemann in Nachurlaub.

Nach Schluß der Völkerbundtagung wird Dr. S t r e s e- m a u n noch einige Zeit in Nachurlaub gehen, und zwar vermutlich nach der Schweiz oder nach Südfrankreich. Man erwartet, daß Dr. Stresemann gegen Ende dieses Monats, spätestens Anfang Oktober, wieder in Berlin eintrifft. Der französische Ministerpräsident Briand ist bereits von Genf abgcreist.

Eine neue Wirtschaftskonferenz beantragt.

Gens. Der Völkerbundversammlung ist von der französi­schen Delegation ein Entschließungsantrag über die Einberu­fung einer neuen Weltwirtschaftskonfcrcnz zugegangen, an der un Gegensatz zur ersten Weltwirtschastskonferenz vom Jahre I 11127 Ncgierungsoertreier teilnehmen sollen, um die Frage zu | prüfen, die im Wirtschaftsrat offen geblieben sind.

Die Internationale Oderkommission.

Haag. Der Ständige Internationale Gerichtshof hat in dem Rechtsstreit über die territorialen Grenzen der Zuständig­keit der Internationalen Oderkommssion ferne mit neun gegen drei Stimmen zustande gekommene Entscheidung bekannt- gegeben, durch die der von der polnischen Regierung in dieser Streitfrage gegenüber den Regierungen Deutschlands, Däne­marks, Frankreichs, Schwedens und der Tschechoslowakei ver­tretene Standpunkt zurückgewtesen wird.

Französische Pressestimmen zur Rede Stresemanns.

.z vorgestrige Rede Stresemanns vor dem Völkerbund suchet in bei gesamten Morgenpresse einmütige Zustimmung. Vor al­lem wird der Teil der Rede hervorgehoben, der auf den Bri- andschen Vorschlag einer europäischen Staatenföderation hin­weist. Wenn die Blätter auch die Reserven Stresemanns nicht übersetzen, so stellen sie dennoch fest, daß Stresemann im Prin­zip, wie übrigens alle anderen Länder auch, dem Plane zuge­stimmt hat. Seine Ausführungen über die Minoritäten, die Abrüstung usw. werden hier anerkannt und zum mindesten als maß- und taktvoll bezeichnet.

DerMatin" hebt zwei Punkte, besonders hervor: Erstens habe die Rede einen traditionellen und die Ansichten der Wil­helmstraße widerspiegelnden Charakter, und zweitens zeuge sie von der Tatsache, daß Stresemann vorwärts schreite und ver­suche (!), die Ereignisse von einem höheren Gesichtspunkte aus zu beurteilen, indem er mit gutem Willen am gemeinsamen Werke mitarbeite und sich dabei die kleinen Kunstgriffe der Nachkriegszeit versage. Noch klarer als seine französischen und englischen Ministerkollegen, schreibt das ,,J 0 u r n a I", habe Stresemann die Gefahren bezeichnet, die eines Tages dem Bau der europäischen Staatenföderation drohen könnten.

Für den nationalsozialistischenA v e n i r besteht die Wich­tigkeit der Rede Stresemanns besonders darin, daß er die Spra­che eines Mannes gesprochen habe, der seine Sache mit einer selten fehlgehenden Meisterschaft verfreje, den aber die bis jetzt schon erzielten Resultate weniger befriedigen als die Möglich­keiten einer Zukunft, die er noch verschweigt.

Der russifch-chinesische Zwiespalt.

An der russisch-chinesischen Grenze scheinen sich k» letzter Zeit wieder heftigere Kämpfe entsponnen zu haben. Die Stadt Suifenho in der Nähe von Pogranitschnaja soll von russischer Artillerie in Brand geschossen worden sein. Auf beiden Seiten sind angeblich große Verluste zu ver­zeichnen. Pogranitschnaja wird nach verschiedenen Mel­dungen von den Russen stark berannt. Ein Teil der Stadt sei durch Bombenflugzeuge zerstört worden. Mittlerweile hat die Moskauer Regiertmg dem deutschen Botschafter eine neue Note zur Weiterleitung an die Nanking­regierung überreichte. In dieser Note werden eine Menge. Übergriffe der Chinesen aufgezählt, gegen die sich bk- Russen verteidigen müßten. China sei verpflichtet, vor Men Dingen die aus Russen bestehenden Weißgardisten abzuschaffen, ehe von einer gegenseitigen Annäherung die Rede sein könne.

Neue Konflikte an der russisch-chinesischen Grenze.

London. Wie aus Chardin gemeldet wird, sollen sowie: russische Flugzeuge erneut bett Ort Pogronitschnaya mit Bom bett belegt haben. In dem Orte herrscht völlige Anarchie. Dir- Straßcil seien von Dieben überschwemmt. Wie weiter ge­meldet wird, sollen sowjetrussische Flugzeuge auch versucht haben, Mulin ju erreichen, wo sich das chinesische Hauptquartier befindet.

Uneingeschränktes Lob zollt die Linkspresse Stresemann, die vor allem den guten Europäer in ihm feiert. DieEre Nou­vel l e" stellt fest, es genüge, die beiden Reden miteinander zu vergleichen, um festzustellen, daß die deutsch-französische En­tente bestehe und nicht nur symbolischer Natur sei.

Der österreichische Bundeskanzler vor dem Völkerbund.

Verwahrung gegen die innenpolitischen Gerüchte.

Der österreichische Bundeskanzler Streeruwitz hielt vor der Völkerbundversammlung eine längere Rede. Er begrüßte mit aufrichtiger Freude die großen Fortschritte, welche die Idee der Schieds­gerichtsbarkeit im Laufe dieser Tagung gemacht hat. Bedauerlich sei es, daß die Atmosphäre der Ruhe und des Vertrauens durch Gerüchte gestört werden, die jüngst bezüglich Österreichs in den Zeitungen ver­breitet wurden.Diese Gerüchte," so fuhr er fort,haben nicht verfehlt, im Auslande ihr Echo zu finden, und dar­über möchte ich ein Wort sagen. Insoweit diese Stim­men auf Gerüchte über Interventionen oder Einmischung in die inneren Angelegenheiten hinzielen, liegt mir daran, hervorzuheben, daß diese Kombinationen jeglicher Grundlage entbehren und keinerlei Rechtfertigung in den tatsächlichen Verhältnissen des Landes finden."

Zur Abrüstungsfrage erklärte der österreichische Bundeskanzler: Die Erklärungen, welche wir hier über diesen Gegenstand gehört haben, berechtigen zur Annahme, daß nunmehr der kritische Punkt überschritten ist und, daß wir hoffentlich binnen kurzem die Staaten ohne weiteren Zeitverlust die neuen Wege betreten und verfolgen sehen werden.

Die Annäherung der Völker auf der Grundlage des Vertrauens und das Minderheitenproblem ge­hören zu den aktuellsten Fragen des internationalen Lebens, zu jenen Fragen, deren billige Regelung sich von Jahr zu Jahr nachdrücklicher auswirkt. Die österreichische i Regierung wird jeden Vorschlag unterstützen, welcher in i dieser oder in einer künftigen Tagung gestellt würde, und von welcher eine verstärkte Tätigkeit betr. die Angelegen­heit des Minderheitenproblems zu erwarten wäre.

Graf Zeppelin" startet heute zur Deutschlandfahrt.

wtb. Friedrichshafen. Wie schon kurz gemeldet, wird der Graf Zeppelin" heute zwischen 23 und 24 Uhr unter Führung von Kapitän Lehmann zu einer Fernfahrt nach dem rheinisch­westfälischen Industriegebiet aufsteigen. Falls die verfügbare Zeit ausreicht, nimmt das Luftschiff seinen Weg über Gardele­gen, Stendal, nach der Reichshauptstadt. Bei Zeitmangel tritt es von Braunschweig über Thüringen die Rückfahrt an.

Der Klottenskandal in Amerika.

Marineoffiziere belastet.

Die Kunde, daß der Präsident der Vereinigten Staaten ein scharfes Vorgehen gegen mehrere Schiffbau- werften, die bezahlte Propaganda gegen die Abrüstung getrieben haben sollten, eingeleitet habe, hat namentlich in G e n s bei den Völkerbunddelegierten große Beachtung gesunden. Das Werkzeug der Werften, der Ingenieur Shearer, ist in Genf gut bekannt und soll im Jahre 1927 wesentlich durch seine persönliche Anwesenheit dort zum Scheitern der Genfer Marinekonserenz beigetragen haben.

Shearer behauptete jetzt in Newyork, er habe bewirk^ die Dreierkonferenz für die Abrüstung zur See in Gens 1927 zu einem Mißerfolg zu führen, indem er das amt­liche Material benutzte, das Offiziere des Nachrichten­dienstes der Vereinigten Staaten ihm zukommen ließen. Es sei aber nicht richtig, wenn man sage, er habe vier Admirale namentlich belastet. Er habe das Material durch die Post von unbekannten Absendern erhalten.

Schluß der Kirchenkonferenz.

Nächste Tagung in der Schweiz.

Die Internationale Kirchenkonferenz in Eisenach be­schäftigte sich an ihrem letzten Verhandlungstag mit der Kalenderreform und der Festlegung des OsterdaMms. Die Herausgabe eines kirchlichen internationalen Jahrbuches wurde der internationalen kirchlichen Pressekommission überlassen. Auf Antrag des Schweizerischen Ktrchenbundes wendet sich die Konferenz an den Völkerbund mit dem Ersuchen, der Hun­gersnot in China seine besondere Aufmerksamkeit zu­zuwenden. Dr. Schönfeld berichtete über die Unter­suchungen des Genfer Instituts zu der Dauerarbeits­losigkeit und ihren Wirkungen.

Die Konferenz dürfte im August nächsten Jahres auf dem Boden der Französischen Schweiz zusammentreten. Zum weiteren Ausbau der Organisation wird im April nächsten Jahres ein Unterausschuß nach England einberufen werden. Der Londoner Universitätsprofcssor Dr. Garvte sprach ins­besondere D. Dr. Kapler, dem Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchenausschusses, den Dank für die Aufnahme der ausländischen Gäste in Deutschland aus. Der Verlauf der Tagung habe bei den ausländischen Gästen die Achtung vor dem deutschen Volke erhöht. Für die amerikanische Delegation dankte Professor Dr. Brown aus Newyork. für die französische Delegation sprach Professor Monod-Paris, für die griechische Orthodoxenvertreiung Blschof Jrenaeus-Jugoslawien. D. Dr. Kapler schloß den Kongreß mit der Hoffnung, daß die Ein­drücke, die die ausländischen Gäste in Deutschland empfangen hätten, dazu dienen möchten, die Kirchen und Völker einander näherzubnngen