Börse und Handel.
Frankfurter Börsenbericht vom 9. Sept. Zu Beginn der neuen j Woche war die Tendenz im Vormittagsverkehr etwas freund- ! lidjcr; angeblich sollen einige Orders eingetroffen sein. Die bessere Börsenverfassung in Newyork machte auch einen guten Eindruck. Doch bestand hinsichtlich der Londoner Diskontsrage immer noch eine gewisse Unsicherheit, so daß zu Beginn des offiziellen Marktes die Stimmung recht lustlos war, zumal von einem Eingang von Aufträgen kaum etwas zu bemerken war. Das Geschäft 'war sehr minimal; die Spekulation bekundete große Zurückhaltung, da Anregungen irgendwelcher Art nicht vorlagen. Gegenüber den Schlutzkursen vom Samstag war die Kursgestaltung nicht einheitlich: denn im Grundton der Börse war eine Widerstandsfähigkeit nicht zu verkennen. Aus dem Rahmen der Gesamttendenz fielen Kaliwerte: hier traten nach den ersten Kursen ganz beträchtliche Steigerungen ein. Als Hauptkäufer soll die Kulisse aufgetreten sein: scheinbar dürfte die bevorstehende Saisonbelebung in diesem Industriezweig einen Anreiz geboten haben. Westeregeln lagen 8 Prozent und Aschersleben 7'-. Prozent fester. Am Elektromarkt eröffneten AEG. gut behauptet. Licht und Kraft büßten 3 Prozent ein und Siemens waren leicht gebessert. Aber die Umsätze waren sehr klein. Zu erwähnen waren noch am Montanmarkt Stahlverein mit plus 1 *2 Prozent und von Autowerten, Adlerwerke mit ebenfalls plus 1% Prozent. Banken zumeist leicht, gedrückt. Deutsche Linoleum minus 2 Prozent. — Renten still. Im Verlaufe war die Unternehmungslust immer noch sehr gering. Die Kurse lagen gut behauptet, zumeist sogar um Bruchteile eines Prozentes gebessert. Es genügten die kleinsten Ab- fchlüsie, um ein leichtes Anziehen der Kurse herbeizuführen. Nur Kaliwerte lagen auf Gewinnmitnahmen später etwas angeboten und mußten von ihrem Gewinn wieder 2 Prozent hergeben. Am Geldmarkt war Tagesgeld mit 7 Proz. wieder etwas leichter. Am Devisenmarkt nannte man Mark gegen Dollar 4.2008, gegen Pfunde 20.362, London-Kabel 4.8 472, Paris 123.90, Mailand 92.70, Madrid 32.90, Holland 12.09%.
Frankfurter Abcndbörsc vom 9, Sept. An der Abendbörse war die allgemeine Stimmung wieder zurückhaltend, und bei . minimaler Ümsatztätigkeil blieben die Kurse knapp gehalten. - Vereinzelt traten auf kleine Abgaben der Kulisse leichte Rück- ' gänge ein. So gaben Dersdner Bank und Gesfürel je 1 Proz. j nach. I. E. Farben waren ebenfalls etwas gedrückt. Am i variablen Markt konnren dagegen Adlerwerke sich etwas erho- ; len. Die Anleihemärkte blieben weiter vernanchläsiigt. Ablösung 10.85, Commerzbank 177%, Danatbank 271, Diskontogesellschaft 151%, Dresdner Bank 156, Reichsbank 296, Buderus 74%, Gelsenkirchen 144%, Aschersleben 237, Westeregeln 243, Mannesmann 117, Phönix 108%, Rhein. Braunkohlen 265, Rheinstahl 127, Stahlverein 117%, AEG. 193% Bergmann 225, Chade 447. Deutsche Linoleum 307, Licht und nKraft 209, I. K, Färben 220%, Gesfürel 212, Holzmann 101%, Metallgesell- schaft 125. Rütgerswerke 82%, Glanzstoff 343, Zellstoff Aschaffenburg 155, Frankf. Allgemeine 125, Hapag 119.
Frankfurter Produktenbericht vom 9. Sept. Das Geschäft war auch an der heutigen Hauptbörse nicht nennenswert groß, da die Händler immer noch sehr große Zurückhaltung üben. Das Angebot von Inlandsbrotgetreide ist ausreichend. Perisverän- derungen traten nur in Weften und Mais ein, die geringfügig niedriger lagen, während Weizenkleie etwas höher notierte. Weizen 21.15—25.25, Roggen 20.10—20.15, Sommergerste 21.50, Hafer alter Ernte, nicht notiert, neuer Ernte 18.75—19. Mais 20.75—20.90, Weizenmehl slldd. und niederrh. 38.25—39, Roggenmehl 29—30.50, Weizenkleie 11.25. Roggenkleie 11, Erbsen je nach Güte 35—48, Linsen je nach Güte 45—85, Heu, südd., gut, gesund, trocken 10.75—11, Weizen- und Roggenstroh drahtgepr. 5.25—5.50, gebündelt 4.50—5 Mark, Treber getrocknet 17.25— 18.25.
Frankfurter Schlachtviehmarkt vom 9. Sept. Der Auftrieb des heutigen Hauptmarktes bestand aus 1693 Rindern, darunter befanden sich 324 Ochsen, 112 Bullen, 727 Kühe, 498 Färsen, fer- . ner 623 Kälber, 74 Schafe und 4129 Schweine. Verglichen mit dem Austrieb des Hauptmarktes der vergangenen Woche waren heute 159 Rinder, 115 Kälber und 40 Schafe mehr angerieben, während 464 Schweine weniger zum Verkauf standen. Marktverlauf: Rinder ruhig, lleberstand. Schweine anfangs rege, tum Schluß abflauend, ausverkauft. Ausgesucht- Ware über Notiz. Kälber und Schafe mäßig rege, geräumt. Bezahlt wurde pro Zentner Lebendgewicht: Ochsen A 1 58—62, 2. 54—57, B 1. 48—53, Bullen 91 *53—56, B 48—52, Kühe A 46—49, B 41— 45, C 35—40. D 30—34. Färsen A 58—61, B 54—57, C 48—53, Kälber B 76—79, C 72—75. D 65—71. Schafe nicht notiert. Schweine B, C und D 88—90, E 84—87. Im Vergleich mit den Notierungen des Hauptmarktes vom 2. 9. lagen Rinder bis zu einer Mark teurer. Gegenüber den Notierungen des letzten Nebenmarktes waren Kälber bis zu einer Mark billiger, während Schweine bis zu einer Mark anzogen. Fleischgroßmarkt: Och^enfleisch 1. 96—102, 2. 80—90, Bullenfleisch 87—92, Kuhfleisch 2. 60—75. 3. 45—60. Kalbfleisch 106—110, Schweine- | fleisch 1. 105—115. Gefrierfleisch, Rindfleisch Vorderviertel 56 und Hinterviertel 65, zollfrei.
P Kauft deutsche Erzeugnisse.
Amtliche Berliner Notierungen vom 9. September.
* Börsenbericht. Tendenz: Richt einheitlich. Am Wochenbeginn bot die Börse ein vollkommen totes Bild. Die Kurse waren gut behauptet, zum Teil sogar leicht befestig/' enttäuschten jedoch gegenüber den höheren Vorbörsenkursen. t/c völlige Jnteressenlosigkcit des Publikums, der Provinz und auch des Auslandes verstimmten, so daß die Spekulation sich gleichfalls zurnckhielt und Geschäfte nach keiner Seite hin tätige. Am Geldmarkt war Tagcsgeld zu 8—10 Prozent angeboren, Monatsgeld erforderte 9%—10% Prozent. Rach Festsetzung der ersten Kurse konnte sich die Tendenz durchweg leicht befestigen. Der Verlauf war ungleichmäßig, die Tendenz uneinheitlich und schwankend
Getreide und Olsaaten per 1000 Kilogramm, sonst per 100 Kilogramm in Reichsmark.
9 9.
7. 9.
9. 9.
7. 9.
Wetz., märt pommersch
■227 231
227-231
Weizkl f.Bln
11.7-12.2
11,7-12.2
—
—
Rogkl s Bln.
11,611,2
11,611,2
Hogg-, märt.
192-196
192-196
Raps
—
—
Braugerste
216227
210-227
Leinsaat
—
—
Tunergerste
176186
176186
Vikt.-Erbsen
38,646,1
38,646,0
Sommergerste
—
—
kl.Speiseerbs.
28,634.1
28.634,0
Wintergerste
—
—--
Funererbsen
21,623.C
210-23,0
Hafer., mark.
168175
168175
Peluschken
—
—
pommerfef).
—
——
Ackerbohnen
—
—
westpreutz Weizenmehl
P luo k» ir Brl br infl Sack (feinst
Wicken
Lupin., blaue
Luptn., gelbe Seradella 'Rapskuchen
18,5-19,0
18,5-19.0
Mrk ü Noi Roggenmehl p ido kg fr Berlin br.
28 5-34.5
28.5-34,5
Leinkuchen Trockenschtzl. Sova-Schrot Torfml. 30/70
24.624.3
12.3-12 5
20.2-20,8
24,624,3
12.2-12.4
20.1-20,7
inkl Sack
25.3-28 2
25 3-28.2
Kartoffelslck
18.4-18.9
18,5-19,0
* Eierprcise. Preisnotierungen der amtl. Berliner Eier- noticrungskommission. 1. Deutsche Eier: Trinkeier (vollfrische, gestempelte) über 65 Gramm 15, 60 Gramm 14, 53 Gramm 13, 48 Gramm 11,50, frische Eier über 65 Gramm 14, 60 Gramm 13, 53 Gramm 12, 48 Gramm 11, aussortierte kleine und Schmutzeier 9—9,50. 2. Auslandseier: Dänen 18er 14,50, 17er 13,75, 15%—16er 13—13,25; Schweden 18er 14,50, 17er 13,75, 15 %—16er 13. Holländer 60—62 Gramm 13,50, 57—58 Gramm 12,75—13; Belgier 68 Gramm 14,50, 60—62 Gramm 13,50, 57—58 Gramm 13; Litauer, normale 8,75; Rumänen 10,25; Ungarn 10,50—10,75; Russen, normale 10—10,25; Polen, größere 9,75, normale 8,75—9, abweichende 8, kleine, Mittel-, Schmutzeier 8—8,50. Tendenz: Ruhig.
* Kartoffelpreise. Die Landwirtschaftskammer für die Provinz Brandenburg ermittelte die Kartoffeleizeugerpreise je Zentner waggonfrei märkischer Station unverändert: Weiße Kartoffeln 2—2,30, rote Kartoffeln 2,30—2,60, gelbfleischige (außer Nieren) 2,40—2,80 Mark.
Viicherschau.
Rudolf Lämmel, Die moderne Naturwissenschaft und der Kosmos. Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag GmbH., Berlin-Charlottenburg 2. — Von den Sagen über die Weltschöpfung ausgehend, schildert Rudolf Lämmel das Erwachen wissenschaftlicher Einsicht in den Jahrhunderten Herders, Goethes, Humboldts, Darwins, und macht die Grund- stagen der modernen naturwissenschaftlichen Begriffsbildung allgemeinverständlich. Der Wissenschaftler sowohl als auch vor allem der Laie erhält aus diesem hochinteressanten Buche einen klaren Ueberblick über die Zusammenhänge zwischen den neuesten Problemforschungen der Naturwissenschaften und der Philosophie, aus denen sich gegenwärtig eine neue Weltanschauung, eine neue Naturphilosophie entwickelt, die mit den Namen Einstein und Planck, Schödinger und Heise, Eddington und De Vroglie weittragendste Bedeutung erhält. Gedanken von Mach und Bergson, Hartwig und Driesch werden in durchaus selbständiger Darstellung entwickelt und fortgeführt. Das Erscheinen dieses in seiner Art formvollendet geschriebenen Werkes, das wertvolle Anregungen zu neuem Denken bietet, ist außerordentlich zu begrüßen, um so mehr, als es die neu eingeführte wissenschaftliche Jahresreihe des Volksverbandes der Bücherfreunde eröffnet, wodurch dem Werke von vornherein die Basis breitester Oeffentlichkeit geschaffen ist. Vorbildlich schön ausgestattet, in Halbleder gebunden, kostet das Werk 2,90 RM, eine erstaunliche Leistung dieses im 10. Jahre seines Wirkens stehenden ältesten Buchverbandes.
Sprachpflege. Le Traducteur, französisch-deutsches Sprachlehr- und Unterhaltungsblatt, das dem Sprachbeflissenen die denkbar besten Hilfsdienste zu leisten vermag und bei seiner Vielgestaltigkeit auch recht unterhaltsam ist, sei hier angelegentlichst empfohlen. Probeheft kostenlos durch den Verlag des Traducteur in La Chaux-de-Fonds (Schweiz).
Saaten- undGrniestand Anfang September
Der offizielle Bericht.
Die im August vorherrschende trockene und warme Witterung hat die Erntearbeiten für Getreide allgemein sehr gefördert, dagegen das Wachstum der Hack- f r ü ch t e, der Futterpflanzen und der Wiesen in vielen Gebieten des Reiches ungünstig beeinflußt. Die Ernte der Halmfrüchte war Ende August in Süd- und Mitteldeutschland fast ganz, in den übrigen Reichsteilen bis auf Teilbestände von Hafer und Weizen beendet. Die bisher vorliegenden Druschergebnisse werden fast durchweg als „mitte 1" bezeichnet.
Im Stand der Hackfrüchte ist seit dem Vormonat fast durchweg eine Verschlechterung eingetreten. Kartoffeln wie Rüben haben allenthalben unter der Trockenheit gelitten und sind daher in der Entwicklung zurückgeblieben. Eine Ausnahme machen jedoch Schlesien und einige Gebiete im Süden des Reiches und in der Rheinprovinz, wo ergiebigere Regenfälle eine Besserung des Standes bewirkten. Auf leichteren Böden kommen die Kartoffeln bereits häufiger zur Reife.
Der zweite Klee- und Wiesenschnitt hat begonnen liefert aber größtenteils nur einen geringen Ertrag. Wo nicht genügende Bodenfeuchtigkeit vorhanden ist, sind die Kleefelder und die Wiesen teilweise ausgebrannt.
Unter Zugrundelegung der Zahlennoten 2 — gut, 3 = mittel, 4 — gering ergibt sich im Reichsdurch. schnitt folgende Begntachtung: Hafer 2,6 (im Vormonat (2,6), Spätkartoffeln 2,9 (2,8), Zuckerrüben 3,1 (2,9), Runkelrüben 2,9 (2,8), Klee 3,3 (3,3), Luzerne 3,3 (3,1), Bewässerungswiesen 2,8 (2,8), andere Wiesen 3.3 (3.2).
Neue Erfahrungen über die Unkraut- spez. Windhalmbetampfung im Wintergetreide.
Zu den Unkräutern, die in den letzten Jahren eine erschrek- kende Zunahme zu verzeichnen haben und die am schwersten zu bekämpfen sind, gehört der Windhalm. Er liebt besonders feuchte, frische Böden mit etwas hohem Grundwasserstand und kann sich hier so stark entwickeln, daß er das Getreide völlig überwuchert und unterdrückt. Eine Windhalmpflanze vermag bis zu 12 000 Samen auszubilden, die infolge ihrer langen Begrannung durch den Wind oft weit fortgetragen werden. Die Keimung des Windhalms erfolgt bei rechtzeitiger Saatbestel- lung schon im Herbst. Die jungen Pflanzen sind kaum vom Roggen zu unterscheiden, wohl aber vom Weizen durch ihre hellere Farbe und ihre kräftigere Entwicklung. Einem Zufall ist es zu verdanken, daß man beobachtet hat, daß der Windhalm durch eine Herbstkopfdüngung mit Kalkstickstoff restlos vernichtet werden kann. Zahlreiche Versuche, die in den letzten Jahren von führenden Landwirten, Landwirtschaftskammern und Versuchsringen durchgeführt worden sind, haben ergeben, daß man den Kalkstickstoff am zweckmäßigsten in einer Menge oon ca. 160 kg je ha 3—7 Wochen nach dem Auflaufen bei trok- kenem Wetter ausstreut. Hierdurch werden die zu dieser Zeit gerade auflaufenden Windhalmpflanzen restlos vernichtet, während das Getreide durch die Stickstoffdiingung gekräftigt in den Winter geht. Die vorher erwähnten Versuche ergaben eine sichere Rentabilität dieses Verfahrens, da, abgesehen von der Unkrautvernichtung eine volle Stickstoffwirkung in allen Fällen erzielt wurde. Gleichzeitig mit dem Windhalm wurde noch eine Reihe anderer Unkräuter wie Kornblume, Kornrade, Wikke, Kamille, Vogelmiere etc. vernichtet.
Durch das vorstehend beschriebene Verfahren ist der Landwirtschaft ein neues Mittel in die Hand gegeben, durch gleichzeitige Unkrautbekämpfung und Düngung die Erträge der Wintersaaten zu steigern.
Heiteres. ’ÄM^«^
Verteidigung. Verteidiger: „Meine Herren Geschworenen! Der Antrag auf eine lebenslängliche Zuchthausstrafe für meinen Mandanten ist entschieden zu hoch gegriffen. Ich bitte, vor allen Dingen den Gesundheitszustand des Angeklagten zu berücksichtigen!' Der Angeklagte ist so schwächlich, daß er unmöglich eine lebenslängliche Zuchthausstrafe wird ertragen können . . !"
Nur nicht leichtsinnig. „Wie ich gehört habe, hast du gestern beim Kartenspiel 1000 Mark gewonnen stimmt das?" — „Allerdings, wir haben gestern ausnahmsweise hoch gespielt " — „Das trifft sich gut! Da kannst du mir aus einer großen Verlegenheit helfen: Leihe mir doch bitte 50 Mark auf ein paar Tage." — „Das ist völlig ausgeschlossen! Ich verdiene mein Geld nicht so leicht, daß ich es leichtsinnig aufs Spiel setzen könnte!"
Tas luftige Leben Schwätzer (am Stammtisch): „Ja, man mutz gewissermaßen über sich hinauswachsen, man mutz lernen, auch einmal jiber sich selbst lachen zu können! Ich habe mich zu diesem Standpunkt durchgerungen, über mich btn und wieder selbst lachen zu können, wenn ich mal etwas Törichtes gedacht oder ausgeführt habe!" — Der Freund: „Da müssen Siè aber doch eigentlich ein sehr lustiges Leben führen!"
Lache Bajayo
Roman von I. Schneider-Foerstl. llrheber-Rechtrschutz durch Verlag Oskar Meister-Werdau Sa.
35) (Nachdruck verboten.)
Der jourhabende Arzt holte ihn ein und stellte sich mL auseinandergespreizten Armen vor Joachims Türe. „Herr Kollege, Sie verletzen die Vorschriften des Hauses. Die Folgen wären für Sie unberechenbar."
„Ich werde sie tragen," kam es unter gewaltsam zurückgedrängter Bewegung.
„Und wenn auch, Herr Kollege Feßmann! Ich kann es nicht erlauben. Ich kann nicht!" Er hielt ihn am Arm fest, als dessen eine Hand sich nach der Klinke streckte. „Ich will ein Uebriges tun und Ihnen den Bescheid des Chefarztes mitteilen! Es besteht keine Hoffnung mehr, das Leben des Barons Hettingen zu retten. Wollen Sie ihm diese wenigen Tage noch mit Gewalt verkürzen?"
Feßmanns Gesicht erblaßte wie die getünchte Wand in seinem Rücken. „Geben Sie mir Ihren Kittel und Ihre Brille. Herr Kollege Sanders. — Wollen Sie, oder wollen Sie nicht?"
„Nein!"
„Gut! Verlassen Sie sich darauf, daß ich doch zu ihm hineinkomme."
Bei der Ablösung, die nach zwei Stunden erfolgte, schritt neben dem Chefarzt ein älterer, etwas nach vorne gebückter Arzt in weißem Kittel mit einer scharfen Brille über den dunklen Augen, daß sie wie Kohle darunter hervorstachen. Das glattgescheitelte Haar war von Grau durchsprengest, und die Biegung der Mundlinie von unbeugsamer Härte gezogen.
„Kollege Professor Weingarten!" stellte der Chefarzt vor, als Sanders ihm über Hettingens Befinden Bericht erstattete.
Dann verjchwânden die beiden in dessen Zimmer.
Aus einem Stuhl erhob sich die Baronin und ging den beiden Herren entgegen. Eine ungeheure Angst sprach aus ihren Augen und zitterte in ihrer Stimme mit. Der Chefarzt hielt ihre Hände für Sekundendauer zwischen den seinen und zeigte nach dem Herrn, der eben an Joachims Bett trat. „Kollege Weingarten wird von jetzt an mit mir die Behandlung übernehmen. Hie haben Grund, ihm alles Vertrauen
-ntgegenzubringen. Es ist einer unserer gesuchtesten Chicurgen!"
„Ich danke Ihnen!" sagte die Baronin flüsternd. „Glauben Sie, daß Gott mir auch dieses letzte noch nimmt?"
„Wir wollen es nicht hoffen, gnädige Frau." Dis Stimme des Arztes schwankte bedenklich.
Er sah eilig von ihr weg und nach dem Kollegen hin, der über den Körper des Kranken gebeugt stand. Mit ein paar Schritten ging er nach dem Fenster und schloß es zur Hälfte, verneigte sich gegen die Baronin, nickte dem Arzt zu und verließ das Zimmer.
Joachim lag, ohne sich zu regen, in dem schmalen Eisenbett und hatte die Lider geschlossen. Ein Gefühl, als zögen ifm Bergeslasten zu Boden, lähmte ihn in der Bewegung. Immer tiefer drückte es ihn hinab. Immer tiefer. In hilfloser Schwäche suchte er die Autzen aufzutun. Aber nicht einmal das gelang. Die gesunde Linke begann zu tasten, ob sich ihr nicht ein Stütze bot, aber sie griff ins Leere.
Dafür schoben zwei Arme sich behutsam unter seinen Rücken und gaben ihm eine bequemere Lage.
„Der Arzt," dachte Hettingen gleichmütig, ohne die Augen zu öffnen. Erst als die Hände unter ihm sich nicht zurückzogen, sondern reglos ruhenblieben, bezwang er die Schwäche, die bereits einer Lähmung glich, und tat die Lider auf.
„Wie geht es, Baron? Wollen wir einen Schluck Wein nehmen?"
Joachim schüttelte den Kopf und horchte dem Klang der Stimme nach, die einer andern so ähnlich war und doch ganz anders. „Ich möchte Sie um etwas bitten," sagte er flüsternd. „Schicken Sie aber erst meine Mutter aus dem Zimmer!"
Der Arzt zog vorsichtig seine Arme unter dem Körper des Kranken heraus, ging nach dem Tisch, der an die Seitenwand gerückt war, und gab sich den Anschein, als suche er etwas. Als er es nicht finden konnte, wandte er sich yn die Baronin. „Würden Sie die Güte haben, gnädige Frau, zu Schwester Gertraud zu gehen und sie zu fragen, wo sie das zweite Pinzett hingelegt hat? Ich vermisse es."
Die Baronin nickte bejahend, trat an das Bett und strich erst noch ihrem Jungen das Haar zurecht, ehe sie aus dem Zimmer trat.
„Nun sprechen Sie, Baron!" Der Arzt trat an das Bett und strich den Schweiß, der auf Hettingens Stirn klebte, mit seinem Taschentuch fort. Dann hielt er dessen Hände mit frauenhafter Weichheit zwischen die seinen gebettet. „Was kann ich Ihnen tun?"
Ein schweres Atemholen der todwunden Brust. „Möchten Sie für mich an jemanden telegraphieren?"
„Gewiß!"
„Dringend!"
„Ganz nach Ihrem Wunsch!"
„Meine Mutter soll nichts davon wissen!"
„Nein!"
„Dann bitte!"
Feßmann entnahm seinem Notizbuch ein Blatt Papier und zog seinen Tintenstift heraus. Auf dem Bettrand sitzend, benützte er seine Knie als Unterlage. „Diktieren Sic Herr Baron!"
„Isabella Ieska — Genf — Hotel Marvill." Hettingen mußte erst Kraft zu neuem Sprechen holen. Der Arzt neigte sich horchend über ihn, während die Feder in seinen Händen zitterte. „Mein Leben zählt nach Stunden! Komm!"
„Sie sollen sich nicht mit solchen Gedanken beschweren, Herr Baron!" mahnte die Stimme, die Hettingen immer wieder in die Vergangenheit riß. Aber so rauh und so von Mitleid durchdrungen war die andere nicht gewesen — dic Feßmann gehört hatte. — „Feßmann!" — Ganz in Gelanken hatte er den Namen vor sich hingesprochen.
Ein Zucken ging durch den Körper des Arztes. „Wollen Sie den Herrn nicht doch empfangen? — Er fragte bereits zu wiederholten Malen nach.
Ein wortloses Schütteln des Kopfes, das von einem matten Lächeln begleitet war. „Ich habe ihm nichts mehr zu sagen!
— Aber wenn ich tot bin —" er hielt einen Moment inne und versuchte seinem linken Arm eine andere Lage zu geben — „wenn ich tot bin — dann lassen Sie, bitte, den Brief in leine Hände gelangen, — der in meiner inneren Rocktasche steckt. — Es soll ihn keiner sonst lesen — als er allein! — Aber nicht früher, als bis ich die Augen zugemacht habe! — Wollen Sie mir das versprechen?"
/ Jo! Vorläufig denken wir noch gar nicht daran!--- Aber Sie können ganz beruhigt sein. Er wird ihn erhalten, wenn es wirklich dahin kommen sollte."
„Ich danke Ihnen!"
„Nun wollen wir schlafen, Baron! — Ganz ohne jede Sorge! — Ich bleibe bei Ihnen!"
„Ist es jchon so weit, daß jemand bei mir bleiben muß?" jagte Joachim und ließ den Kopf zurücksinken.
„Nicht im entferntesten, Baron! Ich kann auch gehen, wenn Sie wünschen, ich dachte nur, es wäre vielleicht Ihrer Frau Mutter eine Beruhigung, wenn Sie nicht allein mit
I ihrer Sorge ist." (Fortsetzung folgt.)