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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 210 — 1929 ....... mH—-----—'•
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6. Jahrgang -—-—--■
Fulda, Samstag, 7. September
Englands Vorschläge in Genf.
SrndersoniVilldenVölkerbundstärken
ü verein st immung mit dem Kellogg-Pak^.
In der Freitagsitzüng der Vollversammlung des Völkerbundes in Genf kam der deutsche Reichsaußen- mintster Dr. Stresemann wider Erwarten noch nicht zu Wort, da er seine Rede auf Sonnabend verschoben hat. Dagegen vertrat der finnische Austenminister Prokope kurz den Antrag seiner Regierung, den Internationalen Gerichtshof im Haag als oberste Schiedsinstanz für alle zwischenstaatlichen Schiedsgerichte und sonstigen ähnlichen Einrichtungen zu erklären. Nunmehr betrat die Tribüne der englische Außenminister Henderson und legte den englischen Standpunkt zu den grundsätzlichen Fragen des Friedens dar. Als Ideal schwebe den Briten ein machtvoller Völkerbund vor. Die englische Regierung sehe die jetzt beschlossene Räumung des Rheinlandes als einen Akt des Vertrauens gegenüber den deutschen Freunden an. Allergrößter Wert werde in England aus den Grundsatz der unparteiischen Schiedsgerichtsbarkeit gelegt. Mit allen Mitteln werde die englische Regierung sich einsetzen für eine sofortige Lösung der großen Frage der A b r ü st u n g. Der Völkerbund müsse in bezug auf schnelles Eingreifen und Macht- oollkommenheit gestärkt werden, müsse die Mittel zur Verhinderung eines Krieges vorsehen.
Es sei zu hoffen. führte Henderson weiter aus, daß die Kommission der Völkerbundversammlung einen Vcr- einbarungsentwurf über die finanzielle Hilfe für angegriffene Staaten ausarbeite, dem alle Nationen bettreten könnten. Wenn diese Vereinbarung noch während der gegenwärtigen Vollversammlung zur Unterzeichnung ausgelegt würde, so würde die englische Regierung sie sofort unterzeichnen. Die Bestimmungen des Völkerbundpattes müßten mit dem
Kettogg-Pakt
in Übereinstimmung gebracht werden. Denn der Kellogg- Pakt gehe weiter und schließe die Lücken, die der Völker- bundpakt noch enthalte. Der Kellogg-Pakt untersage es unter allen Umständen, noch zum Kriege zu schreiten. Es fei deshalb an der Zeit, an eine Prüfung der entgegenstehenden Artikel des Völkerbundpaktes zu gehen. Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Dänemark und Chile hätten sich bereits mit diesem Vorschlag einverstanden erklärt. Die Einzelheiten des Verfahrens seien gleichgültig, die Hauptsache aber, daß man weiterkomme.
Am Nachmittag fand eine Sitzung des Völkerbundrates statt, die sich mit verschiedenen Angelegenheiten beschäftigte, wenn auch keine großen Entscheidungen getroffen wurden. Am Montag sollen die Neuwahlen zum Völkerbundrat vorgenommen werden.
Stresemann zu den Kolonialmandaten.
Gegen Englands Verschmelzungspläne.
Das deutsche Ratsmitglied Dr. Stresemann gab in der Freitagnachmittagsitzung des Pöllerbundrates bei Behandlung des Tätigkeitsberichts des Mandatsäus« schusses, in dem auch die Meinungsverschiedenheiten über den Hilton-Aoung-Bericht erwähnt sind, über die administrative Vereinigung der ostafrikanischen Kolonialgebiete Englands mit dem englischen Mandatsgebiet Tanganyika eine Erklärung ab, in der es heißt:
Gewiß ist jetzt nicht der Moment gekommen, sich darüber zu äußern, ob eine bestimmte Maßnahme der Man- datsmacht mit dem Charakter des Mandats vereinbar ist oder nicht. Es ist aber in der Tat die Grundlage des ganzen Mandatsystems, daß die Mandatsgebiete selbständige internationale Einheiten sind, hinsichtlich deren die Mandatsmächte dem Völkerbund als dem Mandanten Rechenschaft schuldig sind. Wenn nach der Tanganyika- Mandatsurkunde in verwaltungstechnischer Hinsicht eine gewisse Zusammenfassung mit benachbarten Gebieten möglich ist, so darf doch keine Verschmelzung in der Art stattfinden, daß das Wciterbestehen des Mandatsgebietes als selbständige politische Einheit und damit die ständige Überwachung der Ausführung des Mandats durch den Völkerbund in Frage gestellt wäre. Ich hoffe sehr, daß es der Zusammenarbeit zwischen der Mandatskommission und der Mandatsmacht gelingen wird, die Frage im Sinne der Völkerbundsatzungen und des Mandatsgedankens endgültig zu bereinigen.
Das italienische Ratsmitglied Skialoja brachte verschiedene Bedenken auch gegenüber einer rein verwaltungstechnischen Vereinigung der englischen Kolonien Kenia und Uganda mit dem britischen Mandatsgebiet Tanganjika vor.
Der englische Außenminister Henderson gab hierauf die Zusicherung, daß, wenn die englische Regierung, die noch keine Entscheidung getroffen habe, einen Beschluß fassen sollte, sic vor seiner Inkraftsetzung den Mandats- ausschuß darüber befragen wurde.
Die Vorgänge in Palästina vor dem Völkerbundrat.
Bei der weiteren Aussprache über den Bericht des Mandatsausschusses kamen auch die Vorgänge in Palästina zur Sprache. Der Berichterstatter Procope-Finnland gab unter Hinweis auf den Charakter des Mandatbegriffes und die Mitverantwortung des Völkerbundes für die Mandatsgebiete dem tiefen Bedauern über diese ernsten Vorgänge Ausdruck. Der englische Außenminister Henderson erinnerte an die Worte Macdonalds vor der Völkerbundsversammlung, daß die Opfer der
Unterstützung der englischen Regierung sicher sein können und machte dann auf Grund des neuesten Berichtes des englischen Kolonialamts die Mitteilung, daß die Unruhen endgültig niedergeschlagen sind und die englische Verwaltung der Lage vollkommen Herr ist. Henderson wiederholte zum Schluß die unlängst von der englischen Regierung abgegebene Erklärung, daß England an dem Mandatsvertrag und an der Valsour-Erklä- rung von 1917 über die Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina festhält und seine bisherige Mandatspolitik in Palästina unverändert fortsetzt. Verschiedene Ratsmitglieder, darunter auch Dr. Stresemann und Briand, sprachen ihrerseits das Bedauern über die Vorgänge in Palästina aus.
Dr. Stresemann stellte u. a. mit Genugtuung fest, daß die britische Regierung alle Maßnahmen ergriffen hat, um diese Unruhen so schnell wie möglich zu beenden und das friedliche Zusammenwohnen aller Bewohner des Mandatsgebietes zu gewährleisten. Er habe das Vertrauen, daß es der britischen Regierung gelingen werde, dieses Ziel zu erreichen.
Briand erinnerte u. a. an die Maßnahme, die Frankreich als benachbarte Mandatsmacht sofort bei Beginn der Unruhen ergriffen habe.
Verminderung der Ratstagungen.
Der Völkerbundsrat hat in der heutigen fast vierstündigen Sitzung den ziemlich einschneidenden Beschluß gefaßt, die ordentlichen Ratstagungen von vier auf drei Tagungen im Jahre herabzusetzen. Eine entsprechende Anregung war vor bald drei Jahren von dem damaligen englischen Außenminister Chamberlain gemacht worden, die Entscheidung aber wegen gewisser Widerstände und Bedenken von Tagung zu Tagung hinausgeschoben worden. Der Antrag wurde jetzt vom Reichsautzenminister Dr. Stresemann unter Hinweis auf die zahlreichen anderweitigen Amts-Geschäfte der Ratsmitglieder wieder ausgenommen und trotz grundsätzlicher Aufrechterhaltung der 23e« denken Briands „und anderer Ratsmitglieder einstimmig angenommen. Unter dem Vorbehalt der Einberufung außerordentlicher Tagungen in dringenden Fällen wird demnach der Döl- kerbundsrat das nächste Mal nicht im Dezember, sondern erst Mitte Januar zusammentreten. Die Frühjahrstagung findet nicht mehr im März, sondern Mitte Mai statt, und die Sommertagung wird mit der Herbsttagung zusammengelegt, die jeweils drei Tage vor der Völkerbundsversammlung beginnen wird.
Ohne Aussprache wieder vertagt wurde die von der Saarregierung eingeholte Ermächtigung zur Auflegung einer internationalen Anleihe.
Die deutschen Rundfunkreden aus Genf.
Rheinbaben, Kaas, Breitscheid, Koch-Weser.
Die Rede des Reichsaußenministers Dr. Stresemann an die deutschen Rundfunkhörer, die für Freitag abend angekündigt war, mußte im letzten Augenblick abgesagt werden, da Dr. Stresemann durch eine Sitzung des Völkerbundrates verhindert war.
Freitag abend sprachen vom Genfer Völkerbundhause deshalb nur die parlamentarischen Mitglieder der deutschen Delegation, und zwar als erster Reichstaasabaeoro- neter Freiherr v. R h e i n b-a b e n. Er schilderte die technische Seite der Arbeiten des Völkerbundes und die Reformversuche, die zu einer Demokratisierung des Völkerbundes führen sollen.
Hierauf sprach Prälat Professor Kaas über das Thema „Der Völkerbund als deutsche Aufgabe". An der Weiterverhandlung des Völkerbundes müsse Deutschland sowohl in seinem eigenen als auch im allgemeinen Interesse teilnehmen. Der Völkerbund sei der Vater und Hüter des Friedens. Es sei sein Ziel, die Menschheit geistig und ethisch zu der großen Schicksalsgemeinschaft zu führen. Er vereine die Nationen nicht, aber er gliedere sie ein in die weiterreichenden Aufgaben einer Kultur- und Natureinheit. Der Gedanke und das Werk von Genf dürfte niemals scheitern und die deutsche Mitarbeit sei unerläßlich.
Reichstagsabgeordneter Dr. B r e i t s ch e i d verbreitete sich über die wirtschaftlichen Fragen, die auf dieser Tagung des Völkerbundes eine größere Rolle spielen als in früheren Jahren. Die Empfehlungen der Weltwirtschaftskonferenz wären auf dem Papier geblieben. Die Staaten hätten ihre Zölle nicht abgebam, sondern erhöht. Es sei deshalb begreiflich, daß man angesichts dieses Mißerfolges der Weltwirtschaftskonferenz mit um so größerem Eifer an die wirtschaftlichen Probleme herangeve. Zum Schluß betonte Dr. Breitscheid, daß Deutschland einem vernünftigen Zusammenwirken der europäischen Staaten auf wirtschaftlichem Gebiej sympathisch gegenüberstehe.
Reichsminister a. D Koch-Weser sprach über die Minderheitenfragen im Völkerbund. Er betonte, daß die Lösung der Minderheitenfragen eine Lebensfrage sei für den Völkerbund, weil der europäische Friede davon ab- hängi, eine Lebensfrage für Deutschland, weil die Erhaltung der deutschen Volkskraft und des deutschen Volkstums durch sie bedingt ist. Der Völkerbund müsse auf jeder seiner Tagungen die Minderheitenfrage behandeln, deren endgültige Lösung notwendig sei im Interesse des europäischen und deS Weltfriedens, aber auch im Interesse des deutschen Volkes und der deutschen Minderheiten, denen Treue zu halten die vornehmste Pflicht Deutschlands sei.
Dr. Stresemann spricht heute um 16 Uhr.
Genf, 6. Sept. (WB.) Wie nunmehr seststeht, ufirb Reichs- autzenmivister Dr. Stresemann in der Völkerbundsversammlung heute um 16 Uhr die angekündigte Rede halten.
Londoner Pressestimmen zu den Genfer Besprechungen.
wtb. London, 7. Sept. „Daily Telegraph" wendet sich nachdrücklich gegen die in Genf von Henderson befürwortete Ueber« einkunft für finanzielle Unterstützung angegriffener Länder und meint, der Zweck sei, die Hauptlasten dieser finanziellen Unterstützung dem britischen Steuerzahler aufzubürden. Das Blatt erklärt, daß es Snowdens Haltung im Haag vorziehe und fragt, was der Schatzkanzler zu den idealistischen Gesten dieser Art, die reiner Wahnsinn seien, zu sagen habe.
Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" bemerkt: In vielen politischen und Geschäftskreisen herrscht berechtigter Argwohn bezüglich der wirklichen Bedeutung der augenblicklichen Genfer Besprechungen, über einen „Tarifs-Waffenstillstand" für Europa. Das bedeute klarerweise eine Beschränkung der Tarife auf ihren jetzigen Stand, wodurch die Länder mit hohen Tarifen naturgemäß begünstigt würden.
„Daily News" schreibt für Briands Eintreten für die Vereinigten Staaten von Europa: Dies sei sicher nicht der richtige Augenblick um irgendwelche politischen Vorschläge zu erörtern, die darauf abzielen, einen europäischen Block zu schaffen, der gegen Amerika gerichtet sein könnte. Damit sei jedoch nicht gesagt, daß nicht ein großes Arbeitsfeld für ein friedliches Zusammenwirken bestehe. Die Weltwirtschafts-Konferenz habe hervorgehoben, daß die Zeit gekommen sei, um die Tarife zu ermäßigen.
Nr. Wirth ca. Graf Westarp.
Keine Dauerkontrolle.
Reichsminister Dr. Wirth veröffentlicht Erklärungen, die sich mit einem Artikel des deutschnationalen Führers Grafen Westarp unter dem Titel „Die Dauerkontrolle der entmilitarisierten Zone" beschäftigen. Der von Graf Westarp gebrauchte Ausdruck „Dauerkontrolle" sei grundfalsch. Was im Haag unterzeichnet wurde, sagt Dr. Wirth, war materiell nicht mehr als eine Bestätigung des geltenden Vertragsrechtes. Ich glaube nicht, daß Graf Westarp der Vernichtung internationaler Schiedsinstanzen, die für Deutschland von größerer Wichtigkeit sind als je, das Wort reden will. Die deutsche Delegation im Haag hatte es in der Tat mit Projekten fremder Kontrolle zu tun. Sie hat aber diese Projekte zu Fall gebracht, indem sie unerschütterlich auf dem Boden des Rechts ber« ^rrte. Das Abkommen vom 30. August 1929 begründeter keiner Hinsicht eine Dauerkontrolle der entmilitarisierten- Zone. Es hat vielmehr diese von Frankreich begehrte Kontrolle für immer zu Fall gebracht.
Amerika tritt dem Internationalen Gerichtshof bei.
Staatssekretär Stimson in Washington gab in einer offiziellen Erklärung bekannt, daß er den Generalsekretär des Völkerbundes davon verständigt habe, daß das sogenannte Elihu-Root-Protokoll, das die bisherigen Einwände der Vereinigten Staaten gegen den Beitritt zum Internationalen Gerichtshof beseitigt, die Zustimmung der amerikanischen Regierung finden werde.
Er werde das Protokoll dem Senat und dem Präsidenten zur Ratifizierung vorlegen, wenn es die übrigen Mächte angenommen hätten. Sollte die Opposition im Senat so stark sein, daß die Ratifikation zweifelhaft wäre, die eine Dreiviertelmajorität erfordere, so würde der Präsident das Protokoll durch seine Unterschrift ratifizieren und den Senat vor die vollendete Tatsache stellen.
Die englisch-amerikanischen Flottenverhandlungen.
wtb. London, 7. Sept. „Times" berichtet aus Washington über die Flottenverhandlungen: 1. Großbritannien hat endgültig das Recht der Vereinigten Staaten, mehr 10 000 Tonnenkreuzer zu haben als die britische Flotte, anerkannt. 2. Die Vereinigten Staaten haben endgültig das britische Recht anerkannt, eine größere Eesamtkreuzerflotte zu haben als die amerikanische Kreuzerflotte. 3. Die beiden Nationen sind weder übereingekommen, wie hoch diese Eesamttonnagen sein sollen, noch sind sie einig über den relativen Wert eines 6000 Tonnenkreuzers mit özölligen Geschützen und eines 10 000 Tonnenkreuzers mit 8zölligen Geschützen.
Hoover übe, Rüstungs-Propaganda amerikanischer Werften.
wtb. Washington, 6. Sept. Präsident Hoover nahm heute in einer Erklärung offiziell von einem Protest Kenntnis, den ein sich Marine-Sachverständiger nennender gewisser Shearer gegen 3 Schiffswerften angestrengt hat. In diesem Protest gibt der Kläger an, er habe als Teilhonorar für feine Werbetätigkeit 50 000 Dollar von den Werften erhalten, habe aber vertraglich noch auf weitere 250 000 Dollar Anspruch.
Nach Zeitungsberichten soll Shearer bei der Genfer Seekonferenz im Jahre 1927 unter Mitgliedern des Washingtoner Kongresses für vermehrte Rüstungen eingetreten sein, und zwar habe er dies in seiner Eigenschaft als angestellter Agent amerikanischer Schiffsbauer getan.
Hoover bemerkte hierzu, es sei ein Monat vergangen, ohne daß diese Angelegenheit befriedigend aufgeklärt worden sei. Jede Firma sei berechtigt, für ihre Fabrikate zu werben, wenn aber Werften, die Kriegsschiffe bauen, tatsächlich für Ausrüstung Propaganda gemacht haben sollten, so gehe dies das öffentliche Interesse an, und die Regierung werde Schritte erwägen, um eine Praxis zu unterbinden, die den auf Verminderung der Rüstungen gerichteten Wünschen des amerikanischen Volkes zuwiderlaufen.