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Fuldaer /lnzeiger

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Nr. 206 1929

Fulda, Dienstag, 3. September

6. Jahrgang

EkWmii der SittttMerfM

16. Sitzung des Völkerbundes in Genf

Wahl des Vorsitzenden.

Montag vormittag 11 Uhr wurde die zehnte Völker­bundversammlung in Genf feierlich eröffnet. Der Ver­sammlung gehören diesmal nicht weniger als 24 Außen- minister und fünf Ministerpräsidenten der angeschlofsenen Staaten an, darunter Briand und Macdonald. Durch ihre Außenminister sind vertreten unter anderem Deutschland, England, Frankreich, Belgien, Polen, Griechenland, die Kleine Entente, Holland, Finnland, Schweden, Schweiz, Ungarn und Bulgarien. Zum ersten Male ist erschienen ein Vertreter einer deutschen Minder- heit, und zwar Dr. Schiemann, welcher der lettischen Delegation angehört. Der bis jetzt amtsführende Rats- prâsident, der persische Delegierte Foroughi, wies in seiner Eröffnungsansprache auf die Fortschritte hin, welche die Organisation des Friedens im vergangenen Jahre gemacht habe, besonders auf den Kellogg-Pakt und das Resultat der abgelausenen Haager Konferenz. Bei der nun vorgenommenen Wahl des Präsidenten für die jetzige Versammlung wurden 51 Stimmen abgegeben; 43 Stimmen fielen auf den Gesandten der Republik San Salvador in Paris, Dr. G u e r e r o , der somit zum Vor­sitzenden gewählt ist.

Der neugewählte Präsident würdigte seine Wahl als Ehrung Lateinamerikas und setzte die nächste Sitzung auf nachmittags 4 Uhr an. Die in den Versammlungen ge­haltenen Reden werden durch Radio verbreitet. Auch sollen diesmal Lautsprecher verwendet werden. Es sind auch Tonfilmaufnahmen während der Reden der führen­den Staatsmänner in Aussicht genommen. Die Tages­ordnung umfaßt 52 Punkte, unter denen namentlich die Abrüstungs- und Minderheitsfragen her­vorragen. Man erwartet, daß der deutsche Außenminister Dr. Stresemann in einer großen Rede, voraussicht­lich am Mittwoch, den deutschen Standpunkt in der Min­derheitsfrage vertreten wird.

Die deutsche Delegation.

Da Reichsaußenminister Dr. Stresemann noch nicht eingctrofsen war, stand die deutsche Vertretung vorläufig unter Führung des Staatssekretärs v. Schubert. Ferner gehören ihr an der Abg. Baron v. Rhein- ba b en , der Abg. Breitscheid und Frau Lange- B r u h m a n n. Prälat Kaas vom Zentrum, der gleich­falls zur deutschen Abordnung gehört, war Montag noch nicht eingetroffen. Mit Dr. Stresemann soll auch Mi­nisterialdirektor Gaus erscheinen. Die Abreise Dr. Strese­manns von Berlin stand am Montag noch nicht bestimm^ fest, da er unter Umständen an der Sitzung des deutschen Kabinetts über das Ergebnis von Haag noch teilLU- nehmen gedachte.

Macdonald über Abrüstung.

Der englische Premierminister Macdonald gab Montag in Genf vor der internationalen Presse länger--.. Erklärungen ab, deren Hauptinhalt das A b r ü st u n g s. -' Problem und die Fakultativklausel des Haager Statuts betrafen. Macdonald betonte, daß besser als durch Millionenausgabe für Rüstungszwecke die Sicher­heit sich durch eine ehrliche Verständigung unter den Völkern herbeiführen und festigen lasse. Verheißungs­volle Schritte für die Verwirklichung dieser Überzeugung seien überall vorhanden. Der Redner verwies in diesem Zusammenhang auf den Kellogg-Pakt und erklärte, die englische Regierung wolle daran mitarbeiten, ein solides Fundament für den Kellogg-Pakt zu errichten. Macdonald kam dann auf seine Verhandlungen mit dem amerika­nischen Botschafter in London, Dawes, zu sprechen, von denen er glaubt, daß die Hoffnung auf eine Verständi­gung berechtigt ist. Man dürfe aber nicht annehmen, daß bei diesen Verhandlungen das Abrüstungsproblem als englisch-amerikanisches Problem behandelt werde; Hoover sowohl wie er seien bestrebt, das gesamte Abrüstungs" Problem auch im Hinblick auf die übrigen Staaten zu berücksichtigen. Der Beitritt Englands zur Fakultativ- /lauscl sei von höchster Wichtigkeit, wenn der Grundsatz ^.er obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit für die Rege­lung von Streitfällen im internationalen Leben der Völker eine allgemeine Einrichtung werden soll.

Briands europäische Arbeitsgemeinschaft.

wtb. Paris, 3. Sept. Ueber die seit längerer Zeit für die jetzige Völkerbundstagung angekündigte Initiative Briands zu­gunsten eines engeren Zusammenschlusses der Staaten Europas berichtet der Genfer Korrespondent desPetit Paristen":

Briand ergriff die logische Fortsetzung der von ihm seit Lo­carno betriebenen Politik in Form nicht etwa der Vereinigten Staaten von Europa, wie man in ungenauer Informierung be­hauptet hat, sondern in einer Europäischen Arbeitsgemeinschaft, einer Art europäischer Sektion des Völkerbundes, deren Tätig­keit hauptsächlich aus wirtschaftlichem Gebiet sein würde. Briand gibt sich selbstverständlich keinen Illusionen hin u. rechnet nicht für morgen mit der Gründung einer Art von europäischem Reichstag. Er weiß genau, daß die Verwirklichung seines Ideals Zeit er­fordert. Für heute will er nur jeden europäischen Staat ver­anlassen, der Frage näherzutreten und vielleicht einen Vertreter zu ernennen, der zusammen mit denen der übrigen europäischen Staaten prüfen sollte, aus welcher Grundlage eine Verständigung ausgebaut werden könnte.

Beginn der Saarverhandlungen am 15. September.

wtb. Paris, 3. Sept.Ami du Peuple" meldet aus Genf, daß die auf der Haager Konferenz in Aussicht gestellten diplomati­schen Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich über die Saarfrage am 15. September beginnen.

Die Durchführung der Räumung.

Im Zusammenhang mit dem Notenwechsel über die Räumung der zweiten und dritten Zone sind bekanntlich der deutschen Re­gierung drei Annexe übergeben worden, in denen Mitteilungen Uber die technische Durchführung der Räumung enthalten sind. Weiter enthalten, wie mehrere Blätter mitteilen, diese Anhänge Mitteilungen über die vorläufige Abgrenzung der dritten Zone und schließlich ist noch dem Wünsche Ausdruck gegeben worden, daß mit Frankreich und Belgien über eine Amnestierung der­jenigen Personen verhandelt wird, die mit den französischen bzw. belgischen Truppen in Verbindung gestanden haben. Von den Besatzungsmächten ist auch Mitteilung gemacht, daß die Rhein­landkommission ihren Sitz von Koblenz wegverlegen wird. Ueber den neuen Sitz der Rheinlandkommission ist von den Besatz­ungsmächten noch nichts mitgeteilt worden, jedoch darf ange­nommen werden, daß die Rheinlandkommission sich bis zur end­gültigen Räumung in Wiesbaden niederlassen wird.

Die deutschen Verhandlungen mit der interalliierten Rhein­landkommission werden voraussichtlich jetzt keine Schwierigkei­ten mehr bieten, da alles aus diesen Verhandlungen ausscheidet, was mit einer längeren Besetzung in Zusammenhang gebracht worden war. Nach dem Abzug der Besatzungstruppen werden deutsche Schutzpolizisten in das Gebiet einziehen und zwar gemäß der Abmachungen, die im vorigen Jahre mit der deutschen Re­gierung über die Zahl und Verteilung der deutschen Schutzpoli­zei getroffen worden sind.

Belgische Räumungsbefehle.

DerVorwärts" meldet aus Brüssel: Amtlich wird mitge­teilt, daß in Durchführung der Haager Beschlüsse die belgischen Truppen im Rheinland zum Teil Mitte September und zum anderen Teil Anfang Oktober das Rheinland verlassen werden. Ende November dürfte die Räumung des deutschen Gebietes durch die belgischen Truppen vollzogen sein.

Die englische Presse zur Verlegung der Rheinlandkommission.

wtb. London, 3. Sept. Der Sonderkorrespondent derTimes" in Wiesbaden berichtet seinem Blatt, bei der dortigen Bevöl­kerung werde das Gefühl der Befriedigung über den Abmarsch des britischen Besatzungs-Heeres durch die Nachricht betrübt, daß die interalliierte Rheinlandkommission demnächst aus Koblenz nach Wiesbaden verlegt werden soll. Das bedeutet, daß auch weiterhin fremde Truppen in Wiesbaden verbleiben würden. Die Stadt sehe daher jetzt das britische Heer abziehen und werde trotzdem nicht von der Anwesenheit fremder Truppen befreit. Die deutschen Badegäste würden auch in Zukunft fern bleiben.

Auch der Wiesbadener Korrespondent derMorning Post" betont, daß die beabsichtigte Verlegung der Rheinlandkommission nach Wiesbaden dort als eine ausgesprochene Verschlechterung der Lage betrachtet werde. Der diplomatische Korrespondent desDaily Telegraph" meint, die Haager Konferenz habe es unterlassen, die Stadt zu bestimmen, nach der die Oberkommission verlegt werden soll. Nach seiner Ansicht komme Wiesbaden dafür nicht in Frage, da es nach dem Abmarsch der britischen Garnison nicht gut von den Franzosen von neuem besetzt werden könne. Als Sitz der Kommission müsse eine Stadt ganz in der Nähe der französischen Grenze gewählt werden, zum Beispiel Trier oder Kaiserslautern oder auch eine Stadt im Saargebiet. Die Lösung dieser Frage müsse umgehend von Deutschland und den alliierten Mächten in Angriff genommen werden.

Das belgische Kabinett und die Ergebnisse der Haager Konferenz.

Brüssel, 2. Sept. Ministerpräsident Jaspar und Finanzmi­nister Houtart erstatteten im heutigen Ministerrat Bericht über die Arbeiten der Haager Konferenz. Der Ministerrat beglück­wünschte die belgischen Delegierten zu der von ihnen bei den Beratungen eingenommenen Haltung und zu den Resultaten, die sie für Belgien erzielt haben.

Vestechereien bei der Verwaltung des feind­lichen Eigentums in England.

wtb. London, 3. Sept.Daily Mail" berichtet von ernsten Gerüchten, die über das angebliche Durchsickern von Informa­tionen aus der Verrechnungsstelle für das beschlagnahmte Ei­gentum der ehemalig feindlichen Länder im Umlauf sind. Es heißt, daß sich gewisse Personen um tausende von Pfund berei­chert haben und daß Aktienpapiere unter ihrem wirklichen Wert verkauft wurden. Informationen über beabsichtigte Verkäufe sollen gegen hohe Summen an Makler verschachert worden sein. Das Handelsaint verweigert jede Auskunft.

Rückkehr des Reichspräsidenten nach Berlin.

Reichspräsident von Hindenburg wird Dienstag Dietramszell verlassen und sich nach Berlin zurückbegeben, um der Beerdigung seiner einzigen Schwester beizuwohnen. Eine Reise des Reichspräsidenten nach Friedrichshafen zur Rückkehr desGraf Zeppelin" kommt unter diesen Um­ständen nicht in Betracht.

Meine Zeitung für eilige Leser

* In Genf wurde die 10. Völkerbundversammlung feierlich eröffnet. Zum Vorsitzenden der diesmaligen Tagung wurde der Delegierte der Republik San Salvador, der Pariser Ge­sandte Guerero, mit 43 von 41 Stimmen gewählt.

* Die Untersuchung über das am Reichstagsgebäude in Berlin verübte Sprengstoffattentat hat bisher noch keine be­stimmten Spuren ergeben, obwohl zahlreiche Personen Mel­dungen eingereicht haben, denen intensiv nachgegangen wird.

* Das Große Los der Preußisch-Süddeutschen Klassen­lotterie fiel auf die Nummer 158149. Die Inhaber des Gewinnloses wohnen in Braunschweig und in Oberschlesien.

* Infolge der herrschenden Trockenheit brachen an ver- Siedenen Orten große Brände aus, die an den Erntevorräten weren Sachschaden anrichteten.

Der arabische Vollzugsausschuh über die Lage in Palästina.

wtb. London, 3. Sept.Daily News" meldet aus Jerusa­lem: Die örtliche Presse darf wieder erscheinen. Ihr wurde je­doch mitgeteilt, daß alle aufreizenden Artikel sofort unterdrückt würden. Der arabische Vollzugsausschuß hat eine Antwort auf die energische Proklamation des Oberkommissars veröffentlicht. Darin heißt es, die Regierung habe viele Juden bewaffnet, Verstümmelungen seien an jüdischen Opfern selbst in Hehron nicht festzustellen. Jüdische Horden hätten einzelne arabische Frauen und Kinder getötet, und sogar britische Truppen hätten Araber in ihren Städten erschossen. Die Unruhen in Palästina seien die Folgen der britischen zionistischen Politik, die darauf hinziele, die arabische Nation zu vernichten. Zum Schluß wird eine unparteiische Untersuchung von Außenstehenden, deren Ge­rechtigkeitsgefühl nicht durch zionistischen Einfluß beeinträchtigt ist, gefordert.

London, 2. Sept. (WB.) Das Kolonialamt veröffentlicht ein Communiquë über die Lage in Palästina, wonach die Gegend nördlich von Safed noch unruhig ist, während in anderen Be­zirken die Lage im allgemeinen ruhig sei. Gestern sei mit einem größeren Aufgebot von Flugzeugen eine Anzahl von Demonstra­tionsflügen im nordöstlichen Teil von Palästina unternommen worden, wo, wie es heiße, noch immer bewaffnete Araberbanden aus Syrien über die Grenze kämen.

Dr. Seipel über die innere Lage in Oesterreich.

wtb. London, 3. Sept.Daily Telegraph" veröffentlicht ein Interview seines Wiener Korrespondenten mit dem vormaligen Bundeskanzler und Führer der christlich-sozialen Partei Oester­reichs, Dr. Seipel, in dem dieser zwar nicht die Möglichkeit eines Konfliktes leugnet, jedoch der Ueberzeugung Ausdruck verleiht, daß eine gründlichere Form der österreichischen Verfas­sung ohne Blutvergießen durchgeführt werden kann. Auf die Frage des Korrespondenten, ob diese Bewegung nicht ein Versuch sei, die Sozialisten unter Androhung einer Heimwehraktion zu zwingen, die notwendige Zweidrittelmehrheit zur Aenderung der Verfassung zu gewähren, antwortete Seipel, er sehe keinen Grund, weshalb das zu einem Bürgerkrieg führen sollte. Im Gegenteil, alle Parteien schienen sich während der letzten Tage dem Gedanken anzupassen, daß eine Verfassungsreform dringend notwendig sei. Wenn die Sozialisten trotzdem die notwendige Zweidrittelmehrheit für Annahme eines Reformgesetzes ablehnen sollten, so beständen zwei Möglichkeiten: Der Landbund schlage für diesen Fall eine Volksabstimmung vor, deren Ergebnis die Sozialisten nicht ignorieren können. Er (Seipel) sei für eine sofortige Auflösung des Parlaments. Zum Schluß erklärte Dr. Seipel, es würde unmöglich sein, die Heimwehr und das Repu­blikanische Verteidigungs-Corps ohne Blutvergießen zu entlas­sen. Die Krankheit selbst müsse geheilt werden, nämlich die un­durchführbare Verfassung, und nicht nur die Symptome in Ge­stalt von bewaffneten Organisationen.

Vor einem Manifest der Sozialdemokratie in Oesterreich.

Wien, 2. Sept. (WB.) Die Sozialdemokratische Korrespon­denz meldet: Unter dem Vorsitz von Bürgermeister Seitz fand heute eine Sitzung der sozialdemokratischen Parteivertreter und des Vorstandes des Verbandes der sozialdemokratischen Abge­ordneten und Bundesräte unter Zuziehung von Vertretern der Landesorganisationen statt. Es entspann sich eine eingehende Debatte über die politische Lage. Die Ländervertreter berich­teten über die Stimmung in der Arbeiterschaft.^ Aus den Be­richten ging die Entschlossenheit der Arbeitermassen hervor, die Republik und ihre Verfassung gegen alle faschistischen Anschläge zu verteidigen. Es wurde eine Reihe von Beschlüssen gefaßt, die in einem besonderen Manifest der Oeffentlichkeit bekannt gegeben werden sollen. Auf die Tagesordnung für den auf den 8. Oktober festgesetzten ordentlichen Parteitag wurde der Kampf um die Demokratie und die Bodenreform gesetzt.

politisches Attentat bei Nizza.

Zwei Faschisten getötet, vierzehn verletzt.

In der Nähe von N i z z a erfolgte vor einem kleinen Restaurant, in dem Mitglieder des NationalverbandeS be^ italienischen Kriegsteilnehmer mit ihren Familien ein Jahresbankett veranstaltet hatten, ein Bombenanschlag. Es wurde eine Bombe geschleudert, durch die zwei Italiener getötet und 14 zum Teil lebensgefährlich verletzt wurden. Unter den Schwerverletzten befinden sich zwei Frauen und ein siebenjähriges Kind. Die sofort ein- geleiteten polizeilichen Nachforschungen haben bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt. An dem Bankett nahmen auch ,Me beiden italienischen Vizekonsuln in Nizza teil. Unter ähnlichen Umständen war vor zwei Jahren in Antibes ein antifaschisttscher Bombenanschlag verübt worden.