Zul-aer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg
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Nr. 196 — 1929
Fulda, Donnerstag, 22. August
6. Jahrgang
Start des „Gras Zeppelin" verschoben.
Letzte Vorbereitungen des„GrasZeppelin"
Die Vorbereitungen für die Pazifikfahrt des „Graf Zeppelin" gingen glatt vor sich. Die Übernahme von Betriebsstoff war bereits um 2 Uhr durchgeführt und die Füllung des Luftschiffes um 6 Uhr beendet. Auch Verpflegung für sechs Tage, Wein und Spirituosen, sind an Bord genommen worden. Auf dem Flugfelde Kasumt- gaura herrschte lebhaftes Treiben. Die Halle wurde stark bewacht, um ein neues Erlebnis mit einem blinden Passagier zu vermeiden. Die Zahl der Passagiere beträgt wiederum zwanzig. Von ihnen haben siebzehn die Fahrt von Friedrichshafen mitgemacht. An Stelle von drei aus Deutschland mitgereisten Japanern nehmen an der Fahrt nach Los Angeles drei japanische Marineoffiziere teil.
Dr. Eckener hatte den Passagieren des Luftschiffs mitteilen lassen, daß für sie ein Sonderzug bereitsteht, der Tokio um Mitternacht verließ und auf dem Flugplatz Kasumigaura um 2 Uhr eintraf, so daß die Abfahrt um 4 Uhr japanischer Zeit (8 Uhr abends M. E. Z.) erfolgen konnte. Windstille und fast wolkenfreier Himmel bei Sonnenuntergang lieg günstiges Wetter erhoffen.
Diè Fluglinie von Tokio nach Los Angeles.
Leichte Beschädigung des Luftschiffes.
Kasumigaura, 21. Aug. (Associated Preß.) Infolge eines geringen Unfalles ist der Start des „Graf Zeppelin" aufgeschoben worden. Um 4.04 Uhr begannen die Bodenmannschaften, das Luftschiff aus der Halle heraus- zuzichen. 3 Minuten später, als das Luftschiff das Freie erreicht hatte, stieß die Hintere Gondel auf den Boden auf, wodurch einige Streben brachen. Um 4.15 Uhr wurde „Graf Zeppelin" wieder in die Halle zurückgebracht. Dr. Eckener begann sofort, den Schaden zu untersuchen. Er erklärte, daß die Ausbesserung der Streben 8 Stunden beanspruche. Dr. Eckener hofft, heute abend starten zu können.
Wieder ein blinder Passagier.
wtb. T 0 k i 0, 22. Aug. Die Ausbesserung des Schadens an der Gondel des „Graf Zeppelin" dürfte gegen 6 Uhr abends beendet sein. Die Zeit des Wiederaufstieges ist noch nicht festgesetzt. Alle Fahrgäste sind vorläufig nach Tokio zurückgelehrt. Die Menschen, die in ungeheuren Scharen die ganze Nacht hindurch auf dem Flugplatz zugebracht hatten, um bei dem Beginn des 3. Fahrtabschnittes "^s „Graf Zeppelin" zugegen zu sein, waren über das Mißgeschick, das dem Luftschiff zngestoßen war und ihre Hoffnungen vereitelt hatte, bitter enttäuscht. Viele von ihnen harren aber auch noch weiter aus und hoffen, daß ihre Geduld innerhalb der nächsten 24 Stunden belohnt werden wird. Zn dr Gepäckkabine des Luftschiffes wurde gestern abend wieder ein blinder Passagier entdeckt, der sich trotz der größten Vorsichtsmaßnahmen der Wachmannschaften hatte einschleichen können. Er war, als man ihn aus seinem Versteck herausholte, halb erstickt und wurde nach ärztlicher Hilfeleistung den Behörden übergeben.
Dr. Eckener über die Möglichkeit der Weiterfahrt.
wtb. Kasumigaura, 22. Aug. (Associated Preß.) Dr. Eckener erklärte, die Weiterfahrt des „Graf Zeppelin" werde keinesfalls vor Donnerstag abend Tokioter Zeit, möglicherweise auch erst am Freitag, stattfinden.
Wiederaufstieg des „Graf Zeppelin" heute nachmittag 2 Uhr?
wtü. Newyork, 22. Aug. Nach einer Meldung der Associated Preß vom Landungsplatz des „ Graf Zeppelin" bei Tokio erklärte Dr. Eckener, er hoffe, daß der Wiederaufstieg heut abend 10 Uhr Tokioter Zeit, also 2 Uhr nachmittags MEZ., erfolgen könne.
wtb. N e w y 0 r k, 22. Aug. Nach einer Meldung der Associated Preß vom Flugfeld Kasumigaura bei Tokio erklärte Dr. Eckener, er werde, wenn möglich, den Wiederaufstieg bereits um 9 Uhr abends Tokioter Zeit (1 Uhr nachm. MEZ.) unternehmen.
Von Tokio nach Los Angeles.
Graf Zeppelins Südseefahrt.
Der Weg von Tokio nach Los Angeles, den „Graf Zeppelin" auf der 3. Etappe seines Weltfluges zurücklegt, hat eine Länge von rund 8500 Kilometern. Bei einigermaßen günstigen Wetterverhältnissen kann der Zeppelin diese Strecke in 84 Stunden zurücklegen, während die großen Passagierdampfer bei einer Geschwindigkeit von 20 Seemeilen für die gleiche Strecke 17 Tage benötigen. Ser Zeppelin kann also bereits am Sonnabend mittag (europäische Zeitrechnung) in Los Angeles eintreffen. Die amerikanische und japanische Marine haben alle Vorbereitungen getroffen, um den Zeppelin während feiner Fahrt laufend mit Weiternachrichten zu versehen. Interessant ist, daß der Zeppelin auf seiner Fahrtroute
die sogenannte Datumsgrenze,
den 180. Längengrad, passieren wird. Das hat zur Folge, daß er bei Erreichen der Grenze, also voraussichtlich 24 Stunden nach seiner Abfahrt von Tokio, einen Kalender- taa zweimal erlebt.
Vorbereitungen für den Wiederaufstieg des „Graf Zeppelin", wtb. Newyork, 22. Aug. Nach einer Meldung der „Newyork Times" aus Tokio war der Andrang der Schaulustigen, die sich mit der Bahn nach dem Flugplatz Kasumigaura begeben wollten, so stark, daß noch in der Nacht mehrere Sonderzüge eingelegt werden mußten. Die Kosten für den Betriebsstoff und die Gasmenge, die von dem Luftschiff übernommen worden sind, werden mit 38 000 Dollar angegeben. Ein Teil dieser Kosten ist durch die Einnahme aus den Gebühren der mitgeführten Post gedeckt. Es sind bereits 2 Torpedobootszerstörer in See gegangen, um dem Luftschiff Informationen zu erteilen und gegebenenfalls Hilfe leisten zu können. Für die japanischen Zeitungen ist eine große Anzahl Brieftauben an Bord genommen worden, da die Funkapparate des Luftschiffes in den ersten Stunden nach der Abfahrt für den Wetterdienst voll in Anspruch genommen werden.
Die Briefmarkensammler und der Zeppelin.
Große Freude bereitete den Empfängern die vom „Graf Zeppelin" mitgebrachte Post. Das Luft- schiff führt auch erneut wieder Post für Amerika und Deutschland mit. Die Briefmarkensammler aus ganz Ostasien bestürmen die Botschaft, um Briefumschläge und Postkarten mit dem Stempel des Zeppelinfluges zu erhalten. Sie bieten teilweise sehr hohe Summen dafür-.
Neue Rekorde im Logbuch.
Das Logbuch des „Graf Zeppelin" weist zahlreiche neue Rekorde auf. Wie Dr. Eckener mitteilte, sind von Friedrichshafen bis zum Augenblick des ersten Über- fliegens der Luftschiffhalle auf dem Flugplatz Kasuml- gaura 11020 Kilometer in 99 Stunden 40 Minuten zurückgelegt worden. Unter Einbeziehung der auf der Schleifenfahrt über Tokio und bei dem Abstecher nach Yokohama zurückgelegten Strecke steigert sich die Ge- samtkilometerzahl auf 11200 Kilometer, die m 101 Stunden und 51 Minuten bewältigt wurde. Die Entfernung B e r l i n - T 0 k i 0 beanspruchte 95 Stun- den und 55 Minuten, die Überquerung A s t c n s 74 Stunden und 49 Minuten. Japan kennt alle Einzelheiten der Zeppelinfahrten, von den Kämpfen nnt dem Wetter aus dem Atlantischen Ozean bis zu den Schwierigkeiten mit den blinden Passagieren. In Kasumigaura sorgte ein dichter Kordon von Matrosen um die Luftschlsshalle da- für, daß nicht irgendein behender Japaner sich als blinder Passagier einschleichen konnte.
Japans Ministerpräsident an den Reichskanzler.
Anläßlich des Aufenthalts des „Graf Zeppelin" tn Tokio sandte der japanische M i n i st e r p r a s i d e n t an den Reichskanzler ein Telegramm, in dem er tn sehr herzlichen Worten dem deutschen Volke die Gluck- w ü n s ch e Japans übermittelt. Der Reichskanzler dankte in einem Antworttelegramm für den Gruß mit aufrichtigen Wünschen für die glückliche Zukunft Japans.
Die Versicherung in der Schachtel.
Der große Versicherungskrach, bei dem nach fast 65- jährigem Bestehen die Frankfurter Allgemeine V e r s i ch e r u n g s- A. - G., eines der bedeutendsten deutschen Versicherungsunternebmen, mit einem Millionendefizit zusammenbrach, hält die Finanzwelt in Atem. Aber nicht nur Bankiers und Börsenleute haben ein Interesse an diesem traurigen Fall, sondern auch das große Publikum. Wenn jetzt durch die Rettungs- aktion der Banken das Versicherungsgeschäft der „Frankfurter" durch die „Allianz" übernommen worden ist, und ohne Schädigung für die Versicherten weitergeführt wird, so ist doch zu befürchten, daß in der großen Menge der Versicherungsgedanke Einbuße an Ansehen erleiden wird. Noch zu frisch ist die Erinnerung an die Inflation s v e r l u st e der Versicherten, als daß nicht neue Besorgnis entstehen könnte. Die feineren Unterschiede, die das Reichsaufsichtsamt für Privatversicherungen jetzt in seiner Veröffentlichung gemacht hat zwischen dem Versicherungsgeschäft, das in Ordnung gewesen sein soll, und dem illegitimen Bankgeschäft, das der Kontrolle des Aufsichtsamtes nicht untersteht, dürfte für das breite Publikum nur schwer verständlich sein. Es wird trotz alledem nicht begreifen, daß solche Riesen- Verluste entstehen konnten bei der besonderen staatlichen Kontrolle, der alle Versicherungsgesellschaften unterworfen sind. Versicherungsgelder stellen doch immer Spargelder dar, die für die Fälle zwar vorhersehbarer aber nicht genau bestimmter Notfälle angelegt werden und der besondere Schutz, den der Staat ihnen angedeihen läßt, ist durchaus notwendig und berechtigt. Es ist nur zu bedauern, daß das Aufstchtsamt im vorliegenden Falle anscheinend seiner ihm paragraphenmäßig zur Verfügung stehenden Kontrollpflicht zwar buchstabenmäßig nachgekommen ist, darüber hinaus es aber nicht für nötig befunden hat, rechtzeitig nach dem Rechten zu sehen. Eine genaue Prüfung der Bilanzen hätte dazu führen müssen, einmal in die verzwickten Zusammenhänge zwischen der Versicherung, der Absatzfinanziernng und den übrigen bankmäßigen Geschäften eingehend hineinzuleuchten. Die hauptsächlich schutzbedürftige Versicherung hätte aus der Verschachtelung mit den übrigen Unternehmungen einmal sauber herausgenommen und genau geprüft werden müssen.
Durch die Beteiligung der „Frankfurter" an A b - s a tz f in a n z i e r u n g s g e s ch ä f t e n sollen die Hauptverluste entstanden sein; und die Frage nach dem Volks- wirtschaftlichen Nutzen der Konsumfinanzierung überhaupt wird von neuem aufgerollt. An sich ist der Gedanke, den Konsum ähnlich wie die Produktion zu finanzieren, nicht ungesund, aber es fragt sich, inwieweit Deutschlands Konsumkraft stark genug ist, um sich ihr anpassen zu können. Die Finanzierungsstellen ihrerseits haben es anscheinend nicht immer verstanden, sich dem Grade des deutschen Konsums entsprechend einzustellen. In der Übertreibung der Anspannung liegt der Hauptgrund dafür, daß bisher nur in wenigen Ausnahmefällen die Absatzfinanzierung reibungslos und ohne größere Verluste in Deutschland gearbeitet hat. Vor solchen Überspannungen wird selbst in den Vereinigten Staaten, dem Mutterlande des Gedankens, das doch eine bei weitem stärkere Kaufkraft besitzt, immer wieder gewarnt. Diese Warnung dürfte jetzt nach dem Frankfurter Fall doppelte Beherzigung und Berücksichtigung finden.
Ein weiterer Punkt, der bei der Betrachtung der Frankfurter Vorgänge sich von allgemeinem Interesse zeigt, ist das anscheinende Versagen des A u f s i ch t s r a t e s, der doch von Rechts wegen das Ableiten der Geschäftsführung von ihrem eigentlichen Versicherungsgebiet auf das des Bankgeschäftes und die Gefährdung, die dadurch das erstere erfuhr, gemerkt haben mußte, und rechtzeitig hätte einschreiten müssen. Inwieweit es sich hier um Verfehlungen nicht nur dieses Aufsichtsrates, sondern um einen Kardinalfehler der Institution der Auffichtsräte überhaupt, wie sie unsere Gesetzgebung kennt, vor- liegt, wird eingehend zu prüfen sein.
Das Erfreuliche ist, daß aus der großen Katastrophe die Versicherten ohne Schaden hervorgehen; aber schwere Gefahr war im Verzüge. Eine eingehende Nachprüfung der Fehler, die die Gefährdung herbeigeführt haben, wird hoffentlich dazu führen, daß sie in Zukunft vermieden und, wo sie auf einem grundsätzlichen Mißstand beruhen, dieser abgestellt wird. Dr. S.
Gründung der „Neue Frankfurter Allgem. Versicherungs A. G."
Frankfurt a. M., 21. Aug.
Es ist das Gerücht verbreitet, daß die Staatsanwaltschaft ein Interesse an den Vorgängen bei der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs A. G. genommen habe. Wie uns amtlich mitgeteilt wird, ist bei der Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren in dieser Affäre bisher nicht anhängig.
Wie wir weiter erfahren, ist heute in den Geschäftsräumen der Frankfurter Allgemeinen Versicherungs A. G. die Gründung der „Neue Frankfurter Allgemeine Versicherungs A. E." mit dem Sitz in Frankfurt a. M. erfolgt. Die Gesellschaft hat ein Grundkapital von 5 Mill. Mark, wovon 25 Prozent eingezahlt sind. Sie steht unter voller Garantie der Allianz und Stuttgarter Verein Versicherungs A. G. Als Zweck ist im Ee- sellschâftsvertrag der Betrieb von Versicherungsgeschäften aller Art einschließlich der Rückversicherung, jedoch mit Ausnahme der Lebensversicherung, bezeichnet. Der ordentliche Vorstand wird gebildet von den Herren Dr. Hans Heß und Oberregierungsrat a. D. Eduard Hilgard, die beide dem Vorstand der Allianz und Stuttgarter Verein anaehörcn, sowie Direktor H. Schumacher von der alten Frankfurter Allgemeinen. Der Aufsichtsrat besteht aus dem Generaldirektor der Allianz und Stuttgarter Verein Dr. Kurt Schmitt-Berlin als Vorsitzenden. Generaldirektor a. D. Kommerzienrat Dr. h. c. Max Eeorgii-Stutt- aart. Vorsitzender des Aussichtsrats der Allianz und Stuttgarter Verein, und dem Generaldirektor der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft Geheimrat Dr. h. c. Wilhelm Kißkalü München.