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Zul-aer Anzeiger

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Nr. 183 1929

Fulda, Mittwoch, 7. August

8. Jahrgang

Ouvertüre im Haag.

Feierliche Eröffnung

der Haager Konferenz.

Stresemann spricht.

In dem im Flaggenschmuck prangenden Haag wurde am Dienstag vormittag um 11 Uhr durch den niederländischen Außenminister die große Regie- rungskonserenz feierlich eröffnet.

Der Konferenzsaal

war bereits 20 Minuten vor Beginn der Sitzung bis auf den letzten Platz gefüllt. Der stimmungsvoll in Dunkel­grün gehaltene Saal mit brauner und goldener Holz­verbrämung hatte für diese Sitzung eine bedeutende Veränderung erfahren. Ein großer Teil der Senatssitze war entfernt worden und an ihre Stelle ein riesiger ovaler Tisch, an dem die Delegierten Platz nehmen sollten, aufgestellt. Schon lange vor Beginn der Sitzung herrschte auch hier lebhaftes Treiben. Die Delegierten standen, teils hinter ihren Sitzen, teils in Gruppen lebhaft plau­dernd, herum. An dem ovalen Konferenztisch, hinter dem das lebensgroße Bild König Wilhelms II. von Holland hängt, stehen die Delegierten in Gruppen herum.

Die deutsche Abordnung

hat in der Mitte des Tisches ihren Platz erhalten. Neben Stresemann sitzt auf der linken Seite der belgische Finanz­minister Houtard, aus der anderen Seite Hilferding, Curtius und Wirth. Hinter dem Sitz des Präsidenten sind die Plätze der Dolmetscher, die vom Völkerbund- sekretariat zur Verfügung gestellt worden sind.

Ungefähr zehn Minuten nach 11 Uhr gibt der nieder­ländische Außenminister, nachdem alle Delegierten Platz genommen haben, mit

drei kurzen Hammerschlägen das Zeichen zur Ruhe und lautlose Stille tritt ein Hier­aus erhebt sich Minister BeelaertsvanBlookland zu seiner

Begrüßungsrede.

Der Minister wünschte nicht nur im Namen seiner holländischen Landsleute, sondern eines jeden friedlieben­den Staates den Verhandlungen besten Erfolg. Nach den Begrüßungsworten des holländischen Außenministers er­griff

als erster Briand

das Wort. Er führte u. a. folgendes aus: Die Konferenz werde eine schwierige Aufgabe zu erfüllen haben, die nur mit gutem Willen zu lösen sei. Der Erfolg der Konferenz werde nicht nur für die Interessen der beteiligten Länder, sondern

für die ganze Menschheit von entscheidender Bedeutung sein. Der Haag sei e i n S h m b o l d e s F r i e d e n s. Er sei überzeugt, daß der Abschluß der Konferenz ein großer Schritt vorwärts auf dem Wege des Friedens sein werde, und er wünsche dringend, daß dieser ein entscheidender Schritt sei. Alle Völker seien an der Lösung dieser Fragen interessiert. Der unlösliche Zusammenhang zwischen allen Völkern wachse heute im Bewußtsein der Öffentlichkeit. Nach Briand sprach der deutsche

Reichsaußenmimster Dr. Stresemann.

Er führte ungefähr folgendes aus: Der Erfolg der Kon­ferenz würde wesentlich von dem Echo abhängen, das die Verhandlungen bei den Völkern finden würden. Zwar würden die kommenden Beratungen von nüchternen wirt­schaftlichen und finanziellen Erwägungen ausgehen und die Folgerung der Londoner Konferenz vom Jahre 1924 bilden. Damals sei es aber bei dem ersten Versuch ge­blieben, eine wirtschaftliche Liquidierung des Krieges sterterzufuhren.

Unsere heutigen Beratungen, führte Stresemann aus, werden auf der Arbeit der Sachverständigen beruhen. Aber es ist klar, daß die wirtschaftlichen und finanziellen Ergebnisse nicht die einzigen dieser Konferenz sein werden. Ich sehe eine neue ' Weltwirt- schaftskonferenz voraus, welche sich damit beschäftigen wird, den internationalen Handel auf eine größere Grund­lage zu stellen. Um zu arbeiten und zu produzieren, brauchen aber die Völker Freude an der Arbeit und Befried» n g. Das ist eine der pnwägbarkeiten, die von dem größten deutschen Staatsmann der deutschen Nation empfohlen wurden. Auch in dieser Hinsicht hoffe ich aus ein gutes Ergebnis der Konferenz. " Sie soll zu einer freudigen Zusammenarbeit auf der Grundlage völliger Gleichberechtigung und staatlicher Freiheit zwi- scheu den Nationen führen, die an dem Krieg teilgenom- men haben.

Es scheint mir, daß die Versöhnung^ und Verständi- gungsarbeit in der letzten Zeit langsamer fortschreitet, als wir dies ermatten durften. Nichts ist fdjmeret zu er­tragen als enttäuschte Hoffnungen, und deshalb hoffe ich, daß diese Konferenz dazu beitragen wird, das Werk der Versöhnung und Z u s a m m e n a r b c i t wieder in dem gleichen raschen Tempo fortzusetzen, wie dies vor einiger Zeit der Fall war. Ich bin mir der Schwierig­keiten, die noch zu überwinden sein werden, voll bewußt, aber die Führer von Völkern dürfen nicht warten, bis Prozent hinter ihnen stehen. Wir müssen an der Spitze gehen.

Nach den Ausführungen Dr. Stresemanns gab der englische Finanzminister Snowden als Führer der englischen Abordnung eine kurze Erklärung ab Die Er­gebnisse der Konferenz würden von größter Bedeutung für alle Völker sein. Der englische Finanzminister bat so­

dann, sich unmittelbar an Dr. Stresemann wendend, seine besten Wünsche dem Reichskanzler Hermann Müller für seine baldige Genesung und die Wiederaufnahme der Arbeit zu übermitteln. Er fügte hinzu, daß auch ein anderer Staatsminister, P o i n c a r è , aus Krankbeits- gründen verhindert sei, an der Konferenz teilzunehmen.

Damit war die öffentliche Eröffnungssitzung ge­schlossen.

Allgemein ist ausgefallen, daß die Ausführungen Briands, des holländischen Außenministers und auch des englischen Finanzministers von der Konferenz mit dem üblichen Beifall ausgenommen wurden, während die langen und für die Arbeiten der Konferenz bei weitem bedeutungsvollsten Ausführungen Dr. Stresemanns von den anwesenden Abgesandten mit Schweigen a u f g' - m men wurden.

Die Ankunft der deutschen Delegation, die auf dem Bahnhof von dem holländischen Außenminister Jonkheer Beelaerts van Blookland begrüßt wurde. 1. Staats­sekretär v. Schubert 2. Reichsaußenmimster Dr. Strese­mann 3. Dr. Wirth, Reichsminister für die be­setzten Gebiete 4. der holländische Außenminister.

Die Ausführungen Dr. Stresemanns in der Eröff­nungssitzung der Haager Konferenz haben in Konferenz- kreisen einen starken Eindruck hervorgerufen, da Dr. Stresemann als einziger bereits sachlich zu den Konferenz- arbeiten Stellung genommen und die großen Richtlinien der Konferenzarbeiten dargelegt hat. Den Erklärungen Dr. Stresemanns wird um so größere Bedeutung beige­messen, als er ausdrücklich hervorhob, daß das Ergebnis der Konferenz eine Zusammenarbeit der europäischen Völker

auf der Basis völliger Gleichberechtigung

und uneingeschränkter Souveränität sein müsse. Dieser ossenkundige Hinweis auf eine bedingungslose Räu­mung des Rheingebietes gleich zu Beginn der Konferenz ist naturgemäß nicht ohne starken Eindruck ge­blieben. Weiter wird daraus hingewiesen, daß Dr. Strese­mann mit starker Betonung den Gedanken einer Organisa­tion des Friedens als das Ziel der Konferenz bezeichnet hat. Auch dem Gedanken einer neuen Organisation und Rationalisierung der europäischen Wirtschaft mißt man größere Bedeutung bei. Dr. Stresemann hat damit von Anfang der Verhandlungen an, den Gedanken einer europäischen tvirtschaftlichelt Solidarität in den Vordergrund gerückt.

Fu Der Geheimsitzung der Haager Konferenz, die Dienstag nachmittag stattfand, hielt, tute verlautet, der englische Schatzmini st er Snowden eine über­aus scharfe Rede.

Er betonte daß die im Sachverstandigenplan vor aefebene Neuregelung der Reparationsverteilung unter die Wüubig!r unverantr vrtlich sei. Der Minister stellte die Einheitsfront zwischen England und den k .^ Gläubigern Deutschlands, dm sich ebenfalls Z ^chadigt fühlten, fest d ließ keinen Zweifel daran aufkommen, i daß der r.nownkampf außerordentlich scharf entbrennen 1 und r j vermutlich sehr in die Länge z»ehen werde.

Nach der jetzt fertiggestellten provlsortschcn Liste der zur Haager Konferenz entsandten Regierungsvertreter fuu vier; ehn Staa t e n mit ungefähr 160 Mitgliedern vertreten. Die belgische Delegation zählt 15 Teilnehmer, die englische 27, d i e d e u t s ch c 4 0 (ste ist die an Zahl ^stärkste), die französische 19, die italienische 20, tue poliufdje die rumänische gleichfalls 9, die südslawische 8, die tschechoslowakische 5.

Die Nachmittagssitzung.

Haag, 6. Aug. (WB.) Den Vorsitz der heutigen Nach- mittagssitzung führte der belgische Ministerpräsident Faspar, der sich über den Houng-Plan und die Genfer Resolution vom September 1928 über die Grundlage der bevorstehenden Ver­handlungen äußerte und das Arbeitsprogramm aufstellte. Die Tagesordnung um fakte vier Punkte: die Wahl des Präsidenten der Plenarversammlungen, die Wahl eines Generalsekretärs, eine Vereinbarung über Veröffentlichungen der Verhandlungen und die Frage der Organisation der Konferenzarbeit. Es wurde beschlossen, daß das Präsidium zunächst von den ein­ladenden Mächten in alphabetischer Reihenfolge gestellt werden soll, und daß Sir Maurice Hankey als Generalsekretär bestellt

wird und daß Gcmmuniqués ausgegeben werden, die der Gene­ralsekretär unter Anleitung des Präsidenten abfaßt. Vor Er­örterung des vierten Punktes, der die Einsetzung der vorgesehe­nen zwei Kommissionen gebracht hätte beantragte Snowden den Eintritt in eine Generaldiskussion oes Poung-Planes. In einstündiger Rede sprach er zunächst den Sachverständigen sei­nen Dank für die von ihnen geleistete schwierige Arbeit aus und bedauerte im Namen der Konferenzteilnehmer den. Tod Lord Revelstokes. Hinsichtlich des Schemas der Annuitäten erklärte er, die englische Regierung fei sowohl mit der Gesamt­höhe wie mit den Jahresraten für die deutschen Leistungen einverstanden, wobei man mit Recht von der deutschen Lei­stungsfähigkeit und nicht von dem Bedarf der Gläubigerstaaten ausgegangen sei. Er sei der Meinung, daß der Plan nicht die deutsche Leistungsfähigkeit übersteige. Der zweite Punkt sei die Abschaffung der Kontrolle und die Wiederherstellung der vollen ökonomischen Souveränität Deutschlands. Diese werde besonders von England begrüßt. Bei diesem Punkt wies Snowden auf die Rede Dr. Stresemanns am heutigen Vor­mittag hin. Sehr wichtig sei noch, daß der Poung-Plan noch eine gewisse Unklarheit über die Zahlungen der Deutschen Reichsbahn enthalte, von denen es zweifelhaft sei, ob sie den Charakter einer besonderen Garantie trugen. Begrüßenswert vom englischen Standpunkt fei besonders das Beruhen des Planes auf unmittelbaren Leistungen des deutschen Volkes wie auf Pfändern. Auch die Bestimmungen siber den beratenden Ausschuß bezeichnete der englische Schatzkanzler als nicht ganz klar. Nunmehr ging Snowden zu einem Kampf gegen den Verteilungsschlüssel für die deutschen Zahlungen über. Er wies zunächst auf das Vorhandensein eines Ueberschuffes von etwa 380 Millionen Mark aus den Mehrleistungen Deutschlands nach dem Dawes-Plan bis 31. August und für die erste September­woche gegenüber dem am 1. April in Kraft zu setzenden Poung- plan hin und empfahl Verwendung dieser Summe für kleinere Bedürfnisse, insbesondere für die im Poung-Plan nicht mehr vorgesehenen Besatzungskosten.

Die Punkte, in denen Schwierigkeiten vorhanden seien, seien erstens das Verteilungsverhältnis der Glaubigermächte mit Bezug auf die geschützten und ungeschützten deutschen Zah­lungen, zweitens die Aeicherung des Verteilungsschlüssels von Spa und drittens die Frage der Sâchlieferungen: während er für die letzteren auf die künftigen Ausführungen seines Kolle­gen Graham, des Handelsministers, verwies, gab er -eine zif­fernmäßige Darstellung der Verteilung, wie sie bei den 660 Millionen ungeschützten deutschen Jahreszahlungen vorgenom- men werden soll.

Frankreich erhalte davoir 500 Millionen und Italien 42 Millionen. Die Zahlungen für die Dawes-Annuitaten erfor­derten zunächst 90 Millionen, und nur der kleine verfügbare Rest solle für alle übrigen Mächte verbleiben.

Ebenso kritisierte er die Schlüsselung der Gesamtverteilung, die abweichend von dem Spa-Schlüssel für Frankreich 10,7 Mil­lionen, für Italien 36,8 Millionen, für Belgien 12,2 Millionen Fark mehr als früher vorsehe, wähärend England 48 Millionen Mark weniger erhalte. In diesem Zusammenhang bezeichnete er auch Amerika und die kleineren Mächte als benachteiligt. Bisher sei aber der Verteilungsschlüssel von 1920 niemals ge­ändert worden und die Sachverständigen hätten kein Recht ge­habt, ihn zu ändern. Der Artikel 237 des Versailler Vertrages lasse auch eine solche Aenderung gar nicht zu. England habe an Amerika Beträge bezahlt, die sich einschließlich Zinsen auf 200 Millionen Pfund belaufen, bevor es von seinen Schuldnern irgend etwas erhalten habe. Es habe außerdem mit wirt­schaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, wobei es auch mit einer scharfen Konkurrenz Deutschlands auf dem Weltmarkt zu rech­nen gehabt habe. England könne mit seinen Opfern nicht weiter gehen, als es gegangen sei. Es fei zwar, wie er namens der Regierung der Arbeiter-Partei und in Anlehnung an die Balfour-Note betonte, durchaus bereit, auf Reparationszah­lungen überhaupt zu verzichten, aber solange solche gezahlt wär- den, müsse ihre Verteilung gerecht erfolgen. Darüber seien sich alle englischen Parteien einig. Snowden schloß seinen etwa einstündigen Vortrag mit dem Hinweis darauf, daß die kleine­ren Diskussionspunkte unschwer erledigt werden dürften, daß er aber auch für die drei größeren hoffe, sie würden für die Konferenz keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bieten.

Anschließend verlas Jaspar den Entwurf eines Danktele- gramms der Konferenz an die Königin der Niederlande. Er beraumte die nächste Sitzung auf morgen 10 Uhr mit der TagesordnungFortsetzung der Generaldiskussion" an, für die sich bereits mehrere Delegierte zum Wort gemeldet haben. Den Vorsitz behält hierfür auf Vorschlag Briands Jaspar weiter bei.

Pariser Blätter zur Haager Rede Stresemanns.

wtb. Paris, 7. Aug. Zur Rede Stresemanns in der ersten Sitzung der Haager Konferenz äußern sich einige Blätter.

Ouvre" schreibt: Von der Intervention Stresemanns muß man sich merken die Erinnerung an die Enttäuschun­gen und an das lange Warten des deutschen Volkes, das seine volle Souveränität wieder haben will, die Forde­rung, daß das politische Problem, also die Rheinland- räumung, gleichzeitig mit dem finanziellen Problem vor der Konferenz aufgerollt werde, und die Zustimmung des Reichsaußenminlsters zu dem Plan Briands über die Schaffung eines Verbandes über die Staaten Europas.

Vollontë" sagt: Stresemann habe das Recht gehabt, derartige Worte zu sprechen, denn er habe sich in Deutsch­land an die Spitze der Bewegung derer gestellt, die den Frieden verwirklichen wollen.

Agence Economique et Financiers" äußert sich dahin: Die Rede Stresemanns und die Initiative Briands bezeu­gen das beiderseitige Vorhandensein eines aufbauenden Geistes, der gewiß dazu beitragen wird, die Vorurteile der englischen Delegierten zu zerstreuen.

Echo de Paris" erklärt: Durch die Ausführungen des Reichsaußenministers Stresemann wird Briand, der von einem Verbände der Staaten Europas sprach, auf seinem eigenen Gebiet hoch überboten. Die Friedensverträge haben nicht mehr den Wert und die Bedeutung, die man ihnen zulegt. Dies ist im großen und ganzen der Sinn der Rede Stresemanns, die in die Haager Versammlung eingeschmuggelt worden ist.

Figaro" bemerkt: Stresemann habe guten Grund zu der Annahme, daß er die Ergebnisse erlangen könne, die er wünsche. Was den Rest betreffe, so werde er Gegen­stand einer anderen Konferenz sein.