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Iul-aer Mzeiger

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Nr. 177 1929

Fulda, Mittwoch, 31. Juli

6. Jahrgang

Bor der Reparationskonferenz.

Amerikas Sesbachier im Haag.

Die Vorbereitungen Deutschlands.

Über den Termin des Beginns der politischen Konferenz im Haag herrscht noch immer Ungewißheit. Während man in deutschen politischen Kreisen fest damit rechnet, daß die Konferenz am 6. oder wenigstens am 8. August beginnen wird, verlautet aus unterrichteten holländischen Kreisen, daß mit dem Anfang der Konferenz erst zwischen dem 10. und 13. August gerechnet werden kann. Die endgültige Entscheidung dürfte in der Mitt- wochsitznng der Pariser Kammer fallen. Über die Zu­sammenberufung und den Vorsitz der Konferenz kann Tat­sächliches daher noch nicht gesagt werden

Die Vorbereitungen von deutscher Seite gehen weiter. Nachdem die Meisten Reichsminister aus dem Urlaub zurückgekehrt sind, werden die Minister- besprechungen zur Vorbereitung der Haager Konferenz sofort beginnen. Wie verlautet, werden mit Dr. Strese­mann die Reichsminister Dr. Curtius, Dr. Hilfer­ding und Dr. Wirth der Delegation angehören. Von den Staatssekretären voraussichtlich Dr. Pünder und Dr. v. ' r t

? : â und in S ch e v e N i N g e N haben die DeMar^nen D e n t s ch l a n d s, E n g l a n d s, F r a n k re ichs, Belgiens, Italiens, Japans, Polens, Rumäniens und Griechenlands be­reits zum größten Teil Unterkunft in den Hotels ge­

politische Nundschau

Deutsches Reich

liegen Glücksspielbetriebe in Deutschland.

Die Konferenz deutscher evangelischer Arbeitsorgani­sationen erläßt folgende Erklärung:Zeitungsnachrichten zufolge besteht in gewissen Kreisen der Plan, die wirt­schaftliche Lage der im besetzten Gebiet liegenden Bäder dadurch zu heben, daß dort die Einführung von Glücks­spielbetrieben in irgendeiner Form zugelassen wird. Als Orte, die etwa in Betracht kommen könnten, werden z. B. Wiesbaden.Homburg v. d. Höhe, Aachen, ja, außerhalb des besetzten Gebietes auch Baden- Baden genannt. Die unterzeichnete Konferenz und die ihr angeschlossenen Organisationen erheben gegen die Ein­führung von Glücksspielen in deutschen Orten schärfsten Protest."

Regelung der badischen Milchwirtschaft.

Der Reichsminister für Ernährung und Landwirt­schaft, Dr. Dietrich, verhandelte in Glotterbad in An­wesenheit eines Vertreters des badischen Innenministe­riums mit Vertretern der Landwirtschaft, der Städte und des Handels über die Regelung der b a d i s ch e n Milch- Verhältnisse. In der Besprechung wurde weit­gehendes Einverständnis zwischen Land, Stadt und Handel erzielt, so daß nunmehr die sichere Hoffnung auf eine durchgreifende Regelung besteht. Der Reichsminister sagte weitgehende Unterstützung durch namhafte Zuschüsse und Darlehen aus dem von ihm geschaffenen großen Pro- duktionssörderungsprogramm sowie durch Gewähruna von Zinsverbilligungszuschüssen zu.

Frankreich.

Ministerpräsident Briands zwölftes Kabinett.

Der neue französische Ministerpräsident Briand wird am Mittwoch sein Kabinett dem Parlament vor­stellen. Es handelt sich hierbei allerdings nur um eine rein formale Angelegenheit, denn die Minister Briands sind dieselben, die dem Kabinett Poincars angehört haben. Zur Einführung seines nunmehr zwölften Kabinetts wird Briand eine Regierungserklärung abgeben, die sich vor allem mit den wichtigen Fragen der Außenpolitik befassen wird.

Aus In- und Ausland

München. Geheimrat Professor Dr. Kerschensteiner, be*- seinen 75. Geburtstag feierte, hat aus beut In- und Auslande zahllose Glückwünsche und Ehrengaben erhalten. Seine Hörer brachten ihm einen Fackelzug dar. Unter den Gratulanten sind die meisten deutschen Kultusminister, aber auch aus­ländische Unterrichtsverwaltungen.

Darmstadt, 30. Juli. (Staatspräsident Adelung gratuliert Professor Kerschensteiner.) Staatspräsident und Kultusminister Dr. Adelung hat an Professor Georg Kerschensteiner, den richtungweisenden pädagogischen Führer und warmherzigen Freund der Jugend" anläßlich seines 75. Geburtstages ein herz­liches Begrüßungstelegramm gesandt.

Straßburg. Das Strafgericht hat wegen angeblicher Spio­nage die Deutschen Reuharv und Lorentz, die versucht haben sollen, sich das Modell einer neuen Schneüfeuerwasfe zu be­schaffen, zu je zwei Jahren Gefängnis, 500 Frank Geldstrafe und fünf Jahren Aufenthaltsverbot verurteilt.

Paris. über den Gesundheitszustand Poincarès verlautet, daß die Besserung des allgemeinen Befindens anhält, so daß mit einem günstigen Verlauf der Operation gerechnet werden kann. Der erste Eingriff wird wahrscheinlich am 1. August vorgenommen werden.

Washington. Der amerikanische Kriegsminister Good hat den Generalstab angewiesen, die Organisation des Kriegs- ministeriums einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Der Auftrag erfolgt in Durchführung der Wünsche des Präsidenten Hoover, eine wesentliche Verminderung der Ausgaben für die Armee herbeizuführen.

funden. Unter den Konferenzteilnehmern, für die bereits persönlich Hotelzimmer belegt worden sind, befinden sich der amerikanische Militärattache in Brüssel, Major Watson, der

als Beobachter der Bereinigten Staaten an der Konferenz teilnehmen soll, ferner Ministerpräsident Briand, für den mehrere größere Zimmer reserviert wurden, sowie der polnische Ministerpräsident.

Die niederländische Regierung ist jetzt offiziell von der Wahl des Haags zum Konferenzort in Kenntnis gesetzt worden.

Ob Macdonald sogleich an der Eröffnung der Reparationskonferenz teilnehmen wird, ist zweifelhaft ge­worden, da sein Gesundheitszustand vorher einen kurzen Erholungsurlaub erfordert. Dagegen wird Handels­minister Graham neben Snowden und H en­de r s 0 n als einer der britischen Hauptdelegierten an den Verhandlungen teilnelnnen.

Die französische Delegation reisefertig.

Die französische Delegation für die diplomatische Kon- »sercnz im Haag wird, wieJntransigeant" mitteilt, an' Montag vormittag Paris verlassen. Dieselbe Zeitung sagt, die Frage dèr Unterbringung der Delegierten und Sachverständiger sämtlicher Staaten im Haag sei dank der Vermittlung der holländischen Regierung bereits in zu­friedenstellender Weise gelöst, so daß dem Beginn der Konferenz am 6. August nichts mehr im Wege stehe.

' Die große Fahrt desGras Leppe in".

Beginn in der Nacht zum Donnerstag.

! Nach dem erfolgreichen Abschluß der Probefahrten des ' LuftschiffesGraf Zeppelin" ist man aus der Friedrichs- i Hafener Werft eifrig beschäftigt, das Luftschiff für tue ! Fahrt nach Amerika auszurüsten. Da die Ma- ! schincnanlage während der Probefahrten den an sie gestell­ten Anforderungen durchaus genügte, trug man sich im Luftschiffbau mit der Absicht, die neue Ozeanfahrt unter Umständen bereits in der Nacht zum Mittwoch anzutreten. Da aber noch nicht alle Fahrgäste in Friedrichshafen ein- getroffen sind, beschlos? man schließlich, die Fahrt erst i n der Nacht zum Donnerstag zu beginnen. Wie es heißt, soll der Aufstieg etwa in der Zeit zwischen 2 und 3 Uhr morgens erfolgen. Wie für die an die Ozeanüber querung sich anschließende Weltreise sind nun auch alle Passagierplätze der Amerikafahrt belegt.

Zu der Luftfracht, die bei der im Mai abgebrochenen Amerikafahrt mitgeführt wurde und seither in Friedrichs­hafen lagert es befand sich darunter ein Bcchstcinflugel, ein Rnbcnsgemälde und das Gorillaweibchcn Susi sind in der Zwischenzeit neben einer großen Zahl anderer Gegenstände noch zur Beförderung angemüdet worden ein Schimpanse und 600 Kanarienvögel.

Ein Berliner Bildhauer läßt eine Büste des verstorbenen Ozeanfliegers von Hünefeld auf dem Luft- wege nach Lakehurst befördern. Die gesamte Fracht hat ein Gewicht von etwa 2000 Kilogramm.

Zu den für die letzte Amerikafahrt cingctroffenen und immer noch beim Friedrichshafener Postamt aufgestapel­ten Luftpostbriefen und -karten im Gesamtgewicht von an­nähernd 350 Kilogramm werden noch einige Säcke neu hinzukommen. An der Fahrt werden auch die Passagiere der vor zwei Monaten unterbrochenen Reise wieder teil-

Chilenischer Besuch in Oeuischland.

General Diaz, der Generalinspekteur der chilenischen Armee, traf am 29. Juli an Bord des LloyddampfersStuttgart" in Bremerhaven ein, wo er vom Chef der deutschen Heeresleitung, General Heye, begrüßt wurde. Sein Besuch, der auf Ein­ladung des Reichswehrministeriums erfolgt, geschieht in Er- widerung des Besuches, den General Heve auf Einladung der chilenischen Regierung im letzten Frühiahr in Chile machte. Von links: General Heue, Kapitän Winter vom Dampfer Stuttgart", General Diaz, Generaldirektor Stimming vom Norddeutschen Llovd.

Der Ring um Deutschland.

Wieder jährt sich der Tag, in dessen Gefolge so un­endliches Leid über Deutschland Hereinbrechen sollte. Ein Tag aber auch, der unsere stolzeste Erinnerung das deutsche Volk in geeinter Entschlossenheit sah. Einig in seinen Stämmen von der Nordseeküste bis zu den Alpen, einig von der Maas bis an den Njemen; einig auch in seinen Parteien, als esnur noch Deutsche gab". Weil wir alle wußten, daß ein uns alle treffender Kampf um Deutschlands Freiheit anhob.

An dem Tage, da sich wieder der Ausbruch des Weltkrieges jährt, soll festgestellt werden, daß einzig und allein Deutschland es war, das in diesen Kampf hin­einging ohne jedesKriegsziel". Was England erreichte, hatte es in mehr als zehnjähriger diplomatischer Arbeit vorbereitet, hatte den Ring um Deutschland geschlossen, fest geschmiedet. Was Frankreich erstrebte, weiß die Welt und hat kürzlich erst wieder der Leiter der französischen Politik, der vor fünfzehn Jahren als Präsident der Republik Frankreich gerade noch von de: alles entschei­denden Reise nach Petersburg zurückgekommen war, in seinenErinnerungen" deutlich genug erklärt: Elsaß- Lothringen und die 1870 eingebüßte Hegemonie in Europa. Die verzweifeltsten Anstrengungen sind von der deutschen Diplomatie der Vorkriegszeit gemacht worden, um den Ring zu sprengen; sie hat nach Paris immer wieder die Versöhnungshand ausgestreckt, hat gewiß es manchmal an Ungeschicklichkeiten nicht fehlen lassen aber der von uns so oft zum Ausdruck gebrachte Friedenswille war Tatsache, war ernsthaft gemeint. Das wußten auch die anderen. Denn immer, sei es um die Jahrhundertwende, als England in schwerer Not war, sei es 1904 und 1905, als Rußland und Japan miteinander rangen, danach das Zaren­reich infolge innerer Unruhen machtlos war, und selbst noch im Balkankrieg immer blieb Deutschland mit Ge­wehr bei Fuß stehen, ließ jede günstigeGelegenheit" un­benutzt, den uns immer enger umschnürenden Ring zu sprengen, ehe es zu spät war.

Den schwärze sten Undank erntete Deutsch­lands Haltung aber doch aus Rußland. Das Testament Peters des Großen reizte und lockte: auf der Hagia Sophia in Konstantinopel das russische Kreuz aufzupflanzen. Die Schuldigen dort an der Newa, ein Ssuchomlinow, ein Ssassonow, dann der russische Generalstabschef haben ja später Kunde genug über die Art gebracht, wie in St. Petersburg der Kriegsgott die Brand­fackel des Weltkrieges entzündete. Wie der panslawistische Wahn den schwachen Widerstand dessen hinwegschwemmte, der der Letzte auf dem Thron Peters des Großen sein sollte.

Wir hatten keinKriegsziel" in dem Sinne unserer Gegner, als wir vor fünfzehn Jahren das Schwert ziehen mußten. Und alles, was später alsKriegsziele" ge­fordert wurde, berührte nicht die Seele dessen, was in West und Ost, auf dem Meer und bald auch unter dem Meeresspiegel an der Front stand. Nur von dem helleren oder dunkleren Bewußtsein erfüllt: Es geht u m die Freiheit Deutschlands, um die Freiheit unseres Daseins als Volk! zog Deutschlands Mannschaft hinaus, strömten vor fünfzehn Jahren die vielen Hunderttausende von Freiwilligen heran. Schlug Deutschlands Wehrkraft und Wehrwille empor zu einer ricsenhohen, alles Einzel­schicksal in sich verzehrenden und läuternden Flamme.

Das war das Schicksalhafte des 1. August 1914. Und ist es geblieben trotz des Ausgangs, den dieses Ringen nahm. Nie wieder, bei all der furchtbaren Not, die in nur wenig gemildertem Ausmaß auch die Nachkriegszeit über Deutschland verhängt hat, konnte unser Volk sich in einer so geschlossenen Einheit finden wie an jenem Tage, der nun zum fünfzehnten Male lviedcrkehrt. Was ihn zum Tag der Trauer macht, ist nicht bloß das eine, daß mit ihm das große Opfernmüssen des deutschen Volkes anhob. Ist nicht bloß das schmerzvolle Bewußt­sein, daß dieses Opfernmüssen letzten Endes vergeblich gewesen ist. Nicht minder stark muß die Trauer darüber sein, daß sich trotz der furchtbarsten Schicksalsschläge das deutsche Volk niemals wieder so fest in einheitlichem Wollen und Denken, aber auch in einheitlichem Entschluß und Handeln zusammengefunden hat wie vor fünfzehn Jahren, wie am 1. August 1914.

9er Verfaffungstag und das Winfaiib

E i n Aufruf zum 11. A u g u st.

Im Rheinland wird zum Verfassungstag ein Aufruf verbreitet, der darauf hinweist, daß trotz der Ent­behrungen und Schmerzen, an denen cs den Werdejahren der Deutschen Republik nicht gefehlt hat, und trotz der dunk­len Wolken, die noch am Horizont drohen, es undankbar wäre, nicht auch das Errungene der wiederaufbanenden Arbeit anzuerkennen. Der Aufruf fordert dazu auf, das Trennende beiseite zu setzen, die geplanten Veranstaltun­gen zahlreich zu besuchen und den zehnten Geburtstag des deutschen Volksstaates an allen Orten in einmütiger, vaterländischer Gesinnung zu begehen.

Der Aufruf trägt die folgenden Unterschriften: Dr. h. c. Adenauer, Präsident des Preußischen Staatsrates. Dr. v 0 N B r andt, Präsident des Landesfinanzamtes. Elfgen, Regierungspräsident. Groß, Präsident des Strafvollzugsamtes. von G u srard. Präsident der Reichsbahndirektion. Hepke, Generalstaatsanwalt. Kraig er, Präsident der Oberpostdirektion. Missong, Präsident des Landesarbeitsamtes Rhein­land. Reichart, Präsident des Oberlandesgerichts. Schulze-Schuchardt, Reichsbankdirektor.