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Zul-aer /lnzeiger

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Tageblatt für Rhön und Vogelsberg §ulâa- und Haunetal «Zul-aer Kreisblatt

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Str. 155 1929

Fulda, Freitag» 5. Juli

6. Jahrgang

Um den 11. August.

Keichsregierung und Verfaffuagsfrier

Einspruch der Opposition.

Die Reichsregierung hat zum 11. August, an dem sich die Annahme der Weimarer Verfassung zum zehnte« Male jährt, umfangreiche Richtlinien ausgestellt, nach denen die Feiern am Verfassungstage abgewickelt werden sollen. Zunächst ist ein allgemeiner Erlaß zum Flaggen «usgegebc» worden. Die Reichsbehörden sollen sich mit den Landest und Gemeindebehörden über Feiern an den einzelnen Orten ins Benehmen setzen. In den Schulen soll des Tages in einer besonderen Feier gedacht werden. Eine Festschrift wird als Prämie zur Ber­teilung kommen.

Diese Schrift, die den Titel »Deutsche Einheit, deutsch-. Freiheit" führen wird, wird mit einem Geleitwort des Reichs­präsidenten v. Hindenburg und einem Borwort des Reichs- tanzlers verbunden sein und soll Briefe, Reden, Schriften, Ge­dichte und Dokumente aus den historischen und geistigen Ent« Wicklungslinien des 19. Jahrhunderts enthalten, die auf bes jetzigen Staat hinführen. Außerdem werden Schriftsteller und Politiker von der Sozialdemokratie bis zu den Deutsclmatioo nalen in dem Werk zu Worte kommen. Auch kirchliche Feier« werden am 11. August abgehaltcn werden. Der Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchenausschnsses hat, auf Anregung les Reichstninisters des Innern, den Landeskirchen empfohlen, )en Berfassungsteg nach ihren kirchlichen Verhältnissen zu be­

Der Einheiisverband lalldivirsichafilicher Genoffeuschafieo.

G r c n z l a u d O st p r e u tz e n.

Ans dem 4 2. Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaftstag in Königsberg ergriff nach einer Begrüßungsansprache des Vorsitzenden, Landesökonomierat Dr. Johannssen. namens der Reichsregierung der Reichs- ernährungsministek Dietrich das Wort. Er führte aus, daß die große Streitfrage, ob die Rot der Landwirtschaft durch hativels - und zollpolitische Maßnahmen oder durch Ätaßnahmen organisatorischer Art zu beheben sei, vollkommen müßig wäre. Denn in der praktischen Politik lägen die Dinge so, daß

beide Maßnahmen sich gegenseitig ergänzen müßten, um einen Erfolg zu erzielen. Der Minister kam dann ein- gehend aus die besondere Notlage Ostpreußens und auf die bekannten Hilfsmaßnahmen zu sprechen, die von Reich und Staat ergriffen worden seien. Er habe kürzlich im Reichsrat gesagt, daß man nicht willens sei, eine Politik zu betreiben, bei der eines Tages

die Reichsgrenzen an die Oder zurückverlegt

50 Jahre Reichsdruckerei.

Eine Kundgebung des Reichspräsidenten.

Aus Anlaß des 50jährigen Bestehens der Reichs­druckerei fand im ehemaligen Herrenhause zu Berlin eine Gedenkfeier statt, mit der eine Ausstellung aus­gewählter Druckerzeugnisse verbunden war.

Der Reichspräsident hat anläßlich der Feier der Reichsdruckerei eine Kundgebung zugehen lassen, worin er ihr seinen Glückwunsch und seine Anerkennung für ihre hervorragenden Leistungen ausspricht. Namens der Reichsregierung gratulierte der Reichskanzler.

Reichspostminister Dr. Schätzel, dem die Reichs­druckerei untersteht, schloß sich diesem Glückwunsch an. Er stellte mit besonderer Anerkennung fest, daß es der Reichs­druckerei in der verflossenen Zeit gelungen ist, ihrer wich­tigen Aufgabe gerecht zu werden. Besonders erkannte er die Leistungen des Personals an, das sich auch in den schwersten Zeiten in allen seinen Gruppen als pflichttreu gegenüber dem deutschen Volke erwiesen habe. Zum Schluß gab der Reichspostminister der Zuversicht Aus­druck, daß die Reichsdruckerei auch ferner auf dem ihr zu­gewiesenen wichtigen, verantwortungsvollen Gebiete eine Musteranstalt und eine Stütze des Reiches bleiben werde.

Der Direktor der Reichsdruckerei, Helmberger, dankte für die der Reichsdruckerei uud ihrem Personal er- loieseuen Ehrungen und gab dann einen Überblick über die Geschichte imb Entwicklung der Reichsdruckerei. Die Feier wurde von musikalischen Darbietungen würdig umrahmt.

Vorbereitungen zur Weltreise des Zeppelin.

Abfahrt am 10. A u g u st.

Dr. Eckener hat in Berlin eine Reihe wichtiger Ver­handlungen geführt, die der Vorbereitung der Welt­reise desGraf Z e p p e l i n" galten. Dr. Eckener verhandelte u. a. mit dem Reichsverkehrsministerium, der russischen und der japanischen Botschaft und mit Vcr freiern der Hamburger Seewarte. Auf Anfrage mirb uns bestätigt, daß die Wettfahrt etwa am l 0. A u g u st b( ginnen soll. Alle verfügbaren Plätze im Luftschiff sind für diese Reise bereits verkauft. Die Vorbereitnn gen für die Fahrt sind bereits sehr weit gediehen, so ist u. a. auch das Triebgas abgeschickt worden, mit dem derGraf Zeppelin" in Japan nachgesüllt werden soll.

gehen, ebenso liegen Anregungen für die katholische Geistlich­keit und für die israelitischen Religionsgemeiuschaften vor.

Bei den Oppositionsparteien stoßen die Anordnungen für den 11. August indessen auf Widerspruch. Die Mit­glieder der volksparteilichen Fraktion des Preußischen Landtags nehmen in einer Kleinen Anfrage auf die An­ordnung des Berliner Provinzialschulkollegiums Bezug, wonach am 11. August die Schulfeiern in Form einer Demonstration unter freiem Himmel stattfinden und die Kinder in geschlossenem Zuge aus den Schulen zu den Demonstrationsplätzen hingesührt werden sollen. In der Anfrage heißt cs, daß das Recht der Schulbehörde, Schul­feiern anzuordnen, durchaus anerkannt werde, daß aber die hier geplanten Auszüge und Demonstrationen weit über diesen Rahinen hinausgingen. Es wird daher ge­fragt, ob das preußische Staatsministerium aus Grund der allgemeinen Schulpflicht die Eltern für gebunden hatte, ihre Kinder an diesen Veranstaltungen teilnehmen zu lassen, und welche Sicherungen den Eltern gewährt würden, damit die Kinder nicht bei etwaigen Gegen­demonstrationen zu Schaden kommen.

Auch in der Oppositionsprcssc wird Widerspruch gegen die Anordnung der Reichsregierung laut und man weist daraus hin, daß die Vorbereitungen zu dem 11. August nicht in Einklang gebracht werden können, mit den schweren Sorgen, die das deutsche Volk heute drücken.

würden. Er werde auch weiterhin alles aufbieten, um eine solche Gefahr zu beseitigen. Es sei zu hoffen, daß die Zu­stände in Europa sich so besserten und die deutsche Wirtschaft sich so entwickeln werde, daß auch das ungünstig gelegene Ost­preußen langsam, aber sicher aus seinen Schwierigkeiten her­auskäme.

Ferner sprach der Präsivent der Preußischen Zentral- c'losscuschas.stasse, Klepper: Ein Rückblick zeige, daß die Genossenschaften durchaus vorwärtsgekomnien seien.. Bel der Frage, wohin man gehen werde, käme man

an dem Einheitsverbande nicht vorbei.

Das Ziel müsse eine Vereinheitlichung durch Zusammen­fassung der Kräfte fein. Dies sei aber nur dann möglich, wenn aus freiem Entschluß gehandelt würde. Die Preußenkasse sei bereit, die Hand zur gemeinsamen Arbeit zu reichen. Eine Selbstverantwortung und Selbstverwaltung wie die Genossen­schaften sie forderten, sei durchaus anzuerkennen. Man wolle keinesfalls-unter dem Druck verhandeln, sondern

mit Männern eines freien Entschlusses.

Darin liege, so schloß er, die Gewißheit des endgültigen Erfolges.

Der Generaldirektor der Deutschen Raiffeisen-Genosseu- St, Freiherr von Braun, mahnte in seiner Be- ungsansprache zur Einigkeit, betonte dabei aber, daß eine solche Schall und Ranch sei, wenn nicht Männer mit Rückgrat auf beiden Seiten ständen.

Lloyd George für Rheènlandraumung

Abrüstung nach deutschem M u st e r.

Im Englischen Unterhause ergriff bei der Debatte über die Thronrede der Führer der Liberalen, Lloyd George, das Wort. Zum Abrüstungsproblem äußerte er sich dahin, daß die Verhandlungen der Abrüstungskommission bis zum gegenwärtigen Augenblick nichts als eine Komödie gewesen wären. Es gäbe nur einen einzigen Weg zur Rüstungsvcrmindcrung, nämlich den, den man gegen­über Deutschland verfolgt habe: die Hecresstärke zu ver­mindern und das Kriegsmaterial auf den Schutthaufen zu werfen.

Zum Rheinlandsproblem übergehend, bedauerte Lloyd George, daß die Regierung die Frage der Räumung mit der der Reparationen in Zusammenhang gebracht habe, mit denen sic nichts zu tun habe. Nach dem Friedensvertrag sollte das Rheinland geräumt werden, sobald Deutschland die Bedingungen des Vertrages durch­geführt hat, und niemand kann sagen, so erklärte er, daß Deutschland nicht seit Jahren die Bedingungen des Ver­trages durchgeführt habe. Infolgedessen begrüße er die Erklärung der Regierung, daß Großbritannien die britischen Soldaten avbefördern und einen Druck a. die anderen Mächte ausüben werde, diesem Beispie» zu folgen.

Wie England die Arbeitslosigkeit bekämpfen will.

Im Englischen Unterhaus sprach Arbeitsminister Thomas im Namen der Regierung ausführlich über die von ihr geplanten Maßnahmen zur B e k ä m p f u n g der Arbeitslosigkeit. Er erklärte u. a er sei entschlossen, alle Maßnahmen zu erforschen, die dazu füh­ren könnten, daß an Stelle von Anslandswaren britische Erzeugnisse zum Verbrauch gelangten. Den Eisenbahngesellschaften sei eine Reihe von Plänen zur Begutachtung unterbreitet worden, in denen u. a. die Elektrifizierung der verschiedenen Linien, der Aus­bau des unterirdischen Netzes, die Verbesserung der An- liegestcllen in den Häfen und schließlich eine Gürteln bahn für Güterzüge vorsehen, die den Transport der Wagen durch London überflüssig machen. Die Regierung schlägt, wie Thomas weiter ausführte, vor, den Betrag von 9X- Millionen Psund für ein fünfjähriges Programm zum Ausbau der Straßen erster Ordnung und 28 Millionen Pfund für ein sechsjähriges Programm zum Ausbau der Straßen zweiter Ordnung bereitzustellen.

Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Der tschechisch-ungarische Eisenbahnkrieg droht sich weiter zuzuspitzen, da die Verhandlungen bisher ergebnislos waren.

* Im Englischen Unterhaus hielt Lloyd George eine auf« fehenerregende Rede, in der er auf die Erfüllung der Repara- tionsverpslichtungcn durch Deutschland hinwies und die so­fortige Räumung des Rheinlandes forderte.

* Bei der Feier des amerikanischen UnabhängigkeitstageS wurden durch Feuerwcrksköipcr mehrere große Brände ver­ursacht. In Omaha kamen bei einem Brande drei Personen ums Leben.

Russen in Deutschland.

Sensationsprozeß in Berlin: der Hauptangeklagte, 'nem Fälschung von Dokumenten und noch einiges andere vorgeivorfen wird, ist einst ein hoher Beamter im zari­stischen Rußland gewesen, der andere Altgeklagte war Offizier im Heer des Zaren. Hohe Offiziere des Rußland von gestern treten als Zeugen auf, im Gerichtssaal drängen sich die ausländischen Zeitungsberichterstatter, weil die Fälschungen ihre Wirkungen bis nach Amerika ausstrahltcn. Im Hintergrund die Sowjetregierung, der die Angeklagten angeblich in der Absicht, binter die Geheimnisse von Moskau zu kommen gleichfalls gedient haben. Man spricht von allerhand Beziehungen zu deutschen politischen Behörden, spürt etwas von der Gcgenarbeit der Moskauer Regierung mittels ihrer deutschen Anhänger kurz, einpolitischerProzeß sensationellster Bedeutung.

Und ein Prozeß, der auf das nicht immer erfreuliche Kapitel: Russen in Deutschland ein recht deutliches Licht wirst.

Die Massen des russischen Adels, der Bourgeoisie, der Offiziere des Zarenbceres vor den Bolschewiken flüchtend ergossen sich ja in alle Länder der Welt. Frankreich und Deutschland beherbergen große Teile dieser Emigranten- flut und namentlich in Berlin gibt es ein ganzes Stadt­viertel, das ein sehr starkes russisches Gepräge trägt, wo es zahlreiche russische Bnchbandlunacn und Gaststätten gibt. Wenn auch die meisten dieser Emigranten lediglich be­strebt sind, durch intensive Arbeit sich ein neues Leben auf» zubaucn natürlich unter großen Schwierigkeiten, so gibt es unter ihnen auch allerhand unerfreuliche Elemente, diein Politik machen", selbstverständlich in antibolsche- wistischer Politik. Denn sic haben natürlich die Hoff­nung immer noch nicht ausgegebcn, daß ein großer Um- schwung in Rußland sie wieder in die Heimat zurück» führen wird. Daß hierdurch der amtlichen deutschen Politik gewisse Schwierigkeiten in unseren korrekten Be- zielumgen zur Moskauer Regierung gemacht werden, liegt auf der Hand. Nicht bloß, wenn, wie vor einigen Jabren in der Berliner Philharmonie bei dem Vortrag eines emigrierten russischen Politikers, die Revolverschüsse knallten und zwei Opfer niederstreckten.

Idealismus antibolschewistischer Einstellung aus Liebe zuni früheren, zum heiligen Rußland, Heimatsehn­sucht und politische Betätigung aus finanziellem In­teresse geben hier durcheinander. Dunkel und das Licht der Öffentlichkeit ängstlich scheuend sind die Quellen, aus denen so manche dieser politisierenden Elemente ihren oft reichlich bemessenen Lebensunterhalt beziehen.Sie säen nicht, sie ernten nicht" aber zwar nichtder bimmlische Pater", sondern sehr irdische ernähren sie doch. Ebenso dunkel bleibt die Lebensbasis anderer Elemente, die in diese Kreise nun durch die Moskauer Reaieruna bin-in- bugüert worden sind und die da a l s S p i tz e l arbei­ten. Oft geborene Teutsche, die aber etwa als ehe­malige Kriegsgefangene dem revolutionären Rußland ihre gern angenommenen Dienste angebolen haben. Be­steht doch in Mockau ein amtliches Institut, das die Aus­bildung solcher Männer und Frauen für die Verwendung im Ausland, speziell für die Überwachung derKonter­revolutionäre" zum Ziel bat. Eine an sich verständliche Gegenaktion der bolschewistischen Sowictregierung, aber natürlich auch nicht angenehm für die Regierungen jener Slaatcn, in denen sich diese Agenten und Agentinnen Rußlands betätigen.

Leicht ist es natürlich für die deutschen politischen Be­hörden nicht, dieses unter der Oberfläche vor sich gebende Treiben aucki nur einigermaßen zu überwachen, wie es ja selbstverständliche Pflicht ist, und allzu wählerisch bei der Verwendung Der hierfür notwendigen Mittel werden sie nicht sein dürfen, denn die Gegenseite ist darin völlig skrupellos. Immerhin bestehest bei uns nicht die Schwierigkeiten wie z. B. in Polen, wo eS mit der Sowjet- regierung wegen der Emigrantensrage zu sehr heftigen Auseinandersetzungen gekommen ist, als auch dort in Warschau die Revolver losgingen. Oder als in Frank- reich der ehemalige Kosakenhctman Petljura der Kugel eines Russen zum Opfer fiel.

Gewiß ist das Schicksal vieler Emigranten ein über­aus trauriges: sic haben alles verloren und retteten nur das nackte Leben. In die Heimat zurückzukehren ist ihnen versagt und die Hoffnung auf einen politischen Nm- schwung in Rußland bleibt unerfüllte Sehnsucht. Wenn man dies in den Ländern, von denen die Emigranten als Gäste ausgenommen wurden, berücksichtiat. so erwachsen ans dem Asylrecht auch P f l i ch t e n d e r G ü st e. Pflichten gegen den Staat, der ihnen zur zweiten Heimat wurde und auf dessen Rücken sie den Kampf gegen die russischen Machthaber von heute nicht austraaen dürfen. Das ist Verletzung selbstverständlicher Gastpslichten. Aber anderer­seits hat auch die Moskauer Regierung durch die Methoden ihrer unterirdischen politischen Agitation schon genug Ver- anlaflung zu heftigen Beschwerden der von ihr betroffenen Länder gegeben. Rach beiden Seiten hin also ist so manches Mal recht unerfreulich dieses Kapitel: Russen in Deutschland.