Nah und Fern.
O Einbruch bei einem früheren Staatssekretär. In die Berliner Wohnung des ehemaligen Kölner Regierungspräsidenten, späteren Staatssekretärs für die besetzten Gebiete Dr. Philipp Brugger wurde ein schwerer Einbruch, bei dem die Täter SUbcr und Schmuck im Werte von etwa 10(100 Mark erbeuteten, verübt.
O Fleischvergiftungen in einem Oftscebadc. Unter Bcrgiftunascricheinnngcn erkrankten im Ostscebadc Harst etwa 50 Personen, darunter auch Badegäste. Man vermutet, daß eine Fleischvergiftung vorlic^t. Das gesundheitsschädliche Fleisch soll von einer Fleischerei in Treptow an der Rega geliefert worden sein. Lebensgefahr besteht für die 'Erkranken nicht. Die Untersuchung ist eiugelcitct.
Ö Mord in Fürth. In der Nacht zum Sonnabend wurde in Fürth die Gastwirtswitwe Stärker ermordet. Die Tat wurde erst am Morgen bemerkt, als das außer dem Hause wohnende Dienstmädchen die Wohnung betreten" wollte. Die Ermordete lag blutüberströmt in ihrem Bette. Es ist anzunchmen, daß sie mit einem Messer getötet worden ist. Als Täter vermutet man einen Mann aus der Heimat der Ermordeten, der am Abend vor der Mordnacht bei ihr gesehen wurde.
0 Eine Aulobanditin. In Kansas-City überfiel ein junges Mädchen einen Autobcsitzcr auf offener Straße und zwang ihn mit vorgehaltcnem Revolver, nach der 75 Meilen entfernten Stadt Topeca zu fahren. Dort ließ sic ^cn Wagen vor dem Kassenraum einer Dcrsichcrungs- ocscllschast halten, drang in den Raum ein und raubte, indem sie den Kassierer mit dem Revolver bedrohte, 14 000 Dollar Lohngelder. Als sic das Gebäude verließ, hatte der Autobesitzer das Weite gesucht. Das Mädchen entkam.
O Selbstmord während der Kasscnrcvision. Beim Rendanten der Spar- und Darlehnskasse in Allrath, dem -Schrcinermcister Berhagen, sollte eine Kassenprüfung vor- genommcn werden. Als schon einige Beauftragte in der Wohnung des Rendanten anwesend waren, entfernte sich dieser angeblich für kurze Zeit. Da er nicht zurück- kchrte, suchte man ihn und fand ihn in einer benachbarten Scheune erhängt auf.
Bunte Tageschronik
Berlin In Berlin-Weißcnscc wurde die Händlerin und Hausbesitzerin Senger in ihrer Wohnung ermordet auf- gesunden. Sämtliche Behältnisse in der Wohnung waren aufgerissen, die Ladenkasse war ansgeräumt.
Paris. Bei einem Gruppenübungsslug in der Nähe von Reims stürzte ein französisches Militärflugzeug ab. Die Insassen, ein Offizier und ein Unteroffizier, fanden den Tod. Dingnpore. Das Flugzeug »Southern Erost" ist Sonnabend zur Fortsetzung seines Europafluges gestartet.
Weimar. Die Jenaer Staatsanwaltschaft wird wegen des tödlichen Ausganges einer Schlägermensur im Vorort Winzerla, der ein Student der Naturwissenschaft zum Opfer fiel, Anklage erheben.
I Saarbrücken. In der Nähe des lothringischen Ortes Wal- ; scheid kam es zwischen einigen Mähern zu einer Schlägerei, ' die mit Sensen und Messern ausgetragen wurde. Drei Mäher , wurden schwer verletzt.
London. Im Verlaufe eines Übungsfluges stürzte auf dem Flugplatz in Hendon ein Militärflugzeug ab, wobei der Pilot getötet wurde.
Aus dem Genchtssaal
§ Ter Waldenburger Finanzskandal. Das Große Schösscn- -cridn Berlin-Mitte verhandelt über den Finanzskandal der- Stadt Waldenburg, in dem der Berliner Sanfter Rathke, früherer Direktor der Raiffeisen-Bank, wegen Betruges und Vergehens gegen das Bankdepotgesetz angcklagt ist. Man wirft Rathke vor, daß er sich bei einem Lombardgeschäsl, das er für die Stadt Waldenburg geführt hat, um 200 000 Mark bereichert habe. Neben Rathke ist bekanntlich auch der Oberbürgermeister von Waldenburg, Dr. Wiesner, gewisser Unregelmäßigkeiten angeschuldigt: er soll Geschäfte von Rathke : ^"günstiqt haben. Es wurde deshalb ein Diszipltnarverfahrc" , -egen ihn cingelcitet, das mit seiner vorläufigen Suspendierung und einer Geldstrafe endete. Wiesner hat die Rcvi- ' dierung dieses Urteils verlangt.
Kauft deutsche Erzeugnisse!
Vermischtes.
w. Dichtertrngodic. Im 1. Juli jährt sich zum sünszigs! mal der Tag, an welchem in der JrrenhcilaustaU Burghülz. bei Zürich nach langem Siechtum der lressliche Minis er Heinrich Leuthold gestorben ist. Leuthold, Schweizer von Geburt, gehörte dem Dichlerkreise an, der sich in München um Emanuel Geibel und Paul Heyse geschart hatte. Seine Gedichte zeichnen sich durch Formvollendung und Gedanken- reichlum aus. Außer seinen eigenen Dichtungen hat er mit Geibel in ausgezeichneter Übersetzung „Fünf Bücher französischer Minis" herausgegeben. Auch aus dein Griechischen, den, Englischen und dem Italienische» hat er übersetzt. Schon früh zeigten sich bei dem Dichter, der anfänglich Lehrer, dann an verschiedenen süddeutschen Blättern Redaklenr gewesen war, Spuren des Wahnsinns, wie das einst auch bei Nikolaus Lenau und bei Hölderlin der Fall gewesen war. Daß er sein tragisches Schicksal schon früh erkannte, beweisen die crschüt- Igruden Verse:
„Wohl, wem früh schon der Befreier Tod sich naht, Wein — Hölderlin Oder Lenau gleich — die Schleier Sanfter Nacht den Geist nmzichür."
w. Vom Schauspieler zum Landwirt. Am 30. Juni vollendete Ru d o lf Rittner, einst eine Zierde der deutschen Bühne, das 60. Lebensjahr. Vor 22 Jahren schon hat er sich vom Theater zurückgezogen, um in seiner schlesischen Heimat, auf seinem kleinen Gute Weißbach, als Landwirt zu leben. Er ist seither nicht wieder aus den weltbedentenden Brettern erschienen. Sittner, der eineinhalb Jahrzehnte in Berlin tätig war, hat besonders in Hauptmanns Dramen („Fuhrmann Henschel", „Florian Geyer" usw.) Hervorragendes geleistet.
w. Die Ergebnisse der Bhrdschcn Südpolarcxpcdilioii. Kon<. manber Bürd hat über seine Flugzeugerpedition nach dem Südpolargebiet einen Bericht erstattet, in dem er it. a. mitteilt, daß es bèi den Flügen gelungen ist, etwa 200 000 Quadratmeilen bisher unbekannten Landes zu entdecken. Der Bericht beschäftigt sich weiterhin mit der Entdeckung und der topographischen Bearbeitung des Rockefeller-Gebirges. Der Eintritt der Polarnacht hat vorläufig ein weiteres Arbeiten der Expedition unmöglich gemacht.
— Eine schwierige Herzoperation. In Rakos-Palota in Ungarn hatte sich der 24jährige Student Andreas Havas ein Messer ins Herz gestoßen. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort stellte man fest, daß das Messer zwischen der dritten und der vierten Rippe in die Brusthöhle ein- gedrungen war und den Herzbeutel und das Herz selbst verletzt hatte. Der ganze Herzbeutel war mit Blut gefüllt. Die Ärzte führten nun an Havas eine gewagte Operation aus. Sic legten, nachdem der Brustkorb zwischen bet dritten und vierten Rippe geöffnet worden war, den Hep>_. beutel frei, hoben das Herz aus dem Brustkorb heraus, entfernten das Blut aus dem Herzbeutel, nähten das durch den Stich verletzte Herz zusammen, legten das Herz zurück und nähten dann auch den verletzten Herzbeutel zu. Während der Operation kehrte der Pulsschlag zurück, und das Herz arbeitete wieder. Der Patient befindet sich verhältnismäßig wohl.
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Börse und Handel.
Frankfurter Börsenbericht vom 29. Juni 1929. Zum Wochenschluß eröffnete die Börse in sehr stiller Haltung. Anregungen lagen nicht vor; die Tendenz war nicht unfreundlich, bodj- trat infolge der Orderlosigkeit keine Geschäftsbelebung ein. Die wieder feste gestrige Newyorker Börse machte jedoch einen günstigen Eindruck, auch über die gestrige Rede des Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht war man befriedigt. Gegenüber der gestrigen Abendbörse waren die Kursveränderungen gering und verteilten sich gleichmäßig nach beiden Seiten. Am Elektromarkt eröfneten AEG., Chade und Elektr. Lieferungen leicht gedrückt, während Felten und Siemens gut behauptet, sogar eine Kleinigkeit gebessert waren. I. G. Farben lagen knapp behauptet) Rütgerswerke etwas fester. Montanwerte fast geschäftslos, die wenig zustande gekommenen Werte zur ersten Notiz lagen doch etwas höher. Bauunternehmungen etwas gefragter, aber wenig verändert. Glanzstoff eher angeboten und 2 % niedriger. Renten still. Auch im Verlaufe litt das Geschäft unter dem bestehenden Ordermangel, und die Kurse brök- kelten weiter leicht ab. Am Geldmarkt war Tagesgeld mit 8%’ % unverändert. Am Devisenmarkt konnten sich Devisen etwas erholen. Man nannte Mark gegen Dollar 4.1955, gegen Pfunde 20.3450, London—Kabel 4.8495, Paris 123.89, Mailand 92.69, Madrid ca. 34.25, Holland 12.0775.
Frankfurter Eiermarkt. Das Geschäft am Frankfurter Eiermarkt war gegen Monatsende ruhiger. Bei stetiger Tendenz notierten in Pfennigen: Bulgarische 9,6—9,8, Holländische 8,7— 12,5, Jugoslawische 9,75—10, Polnische 7,8—8,5, Russische 9—10, Dänische 10—12,75, Belgische 10,3—19,8, Französische 10,4—11,2,
I Sch.'sischc 10,25—10,50, Bayerische 10—11,25, Norddeutsch« I 10,14—11, Rumänische 9,5—9,7. (Auslandseicr unverzollt ab ; Grenzstation, dentsche ab Station.)
Frankfurter Schlachtvichmarkt vom 1. Juli. (Richt amtlich.) Rinder: Ochsen: a 1. 60—63, 2. 58—60, 0 1. 51—56; Bullen : a 56—60, b 50—54; Kühe: a 48—52, b 43—48, c 35—41, d 25—34; Färsen: (Kalbinnen, Jungrinder) a 60—63, b 57—60, c 50—55. Kälber: b 77—81, c 70—76, d 62—70. Schweine: b, c und d 89—90, e 86—88. Aufgctrieben waren: Rinder 1435 Stück darunter: Ochsen 250, Bullen 96, Kühe 668, Färsen 421, Kälber 461, Schafe 26, Schweine 3407. Marktverkauf: Rinder mäßig rege nahezu ausverfauft, Kälber lebhaft, geräumt. Schweine lebhaft, ausverkauft.
Amtliche Berliner Notierungen vom 2.1. Juni.
* Börsenbericht. Tendenz: Lustlos. Die Börse war am Wochenschlnß mangels nennenswerter Auslandsorders und mangels jeglicher heimischer Beteiligung vollkommen auf sich allein gestellt, so daß das Geschäft noch geringer war als an den Vorlagen. Ein großer Teil der Erstnotierunaen fiel aus. Die Tendenz war jedoch gut gehalten. Die günstige Verfassung am hiesigen Geldmarkt befriedigte, yiuregungcn lagen sonst in keiner Weise vor. Am Geldmarkt erforderte Tagesgeld 9—11 und Monatsgeld 9,50—10,50 Prozent. Nach Festsetzung der ersten Kurse hielt Die Gcschäftsstille an und das Kurs- nibcau bröckelte leicht ab. Der anhaltende Orderinangel drückt Weiter auf Die .Kurse.
♦ Devisenbörse. Dollar 4,19—4,20; ciigl. Pfund 20,32 bis 20,36; Hollj Gulden 168,28-168,62; Danz. 81,34—81,50; franz. Frank 16,40—16,44; schwciz 80,64-80,80; Belg. 58,23—58,35; Italien 21,94—21,98; schwcd. Krone 112,32—112,54; ban. 111,66 bis 111,88: vorweg. 111,68—111,90; tschech. 12,41-12,43; öfterr. Schilling 58,89-59,01; poln. Zloty (nichtamtlich) 46,97—47,17; Argentinien 1,75—1,76; Spanien 59,46—59,58.
♦ Produktenbörse. Ungünstigere kanadische Ernteschätzun- gcn als erwartet verursachten merklich erhöhte Cisforderungen von Überseeweizen. Auch hier stellten die Verkäufer beachtlich gesteigerte Preissorderungen. Die Nachfrage besteht von Provinzseite ziemlich lebhaft, der nur mäßige Zufuhren gegenüberstchcu. Die Unsicherheit über die Auswirkung der neuen VcrmaHlungsvorfchriflen hindert die Entwicklung des Mehlgeschästes. Hafer ebenfalls teurer.
Getreide und Olfaaten per 1000 Kilogramm, sonst per 100 Kilogramm in Reichsmark.
29. 6.
28. 6.
29. 6.
28. 6.
Wciz., märt.
230-231
226-227
Weizkl f.Bln.
11,5-11,7
11,5-11,7
pommcrsch.
—
—
Sogst i Sin
11,5-12,0
11,5-12,0
Sogg., märk
200-202
191-196
Raps
—
—
Pommersch.
—
—
Leinsaat
—
——
westpreuß.
—
—
Vikt.-Erbsen
40,0-48,0
40,048,0
Braugerste
—
—
n.®petfeerbf.
28,0-34,0
28,034,0
Fuklergerste
176-182
176-182
Fnncrerbscn
21,0-23,0
21,023,0
Hafer., märf.
180-190
178-188
Peluschken
25,0-26,0
25,026,0
bommerfd).
—.
—
Ackerbohnen
21,0-23,0
21,023,0
weftpreuf; Weizeumcbl P. 100 kn fr.
—
—
Wicken
Lupin., blaue
Lupin., gelbe
27.0-30,0
18,5-19,5
27.5-29,5
27,030,0
18,5-19,5
27,5-29,5
Sri. br. inkl. Sack (feinst
Seradella Rapskuchen
18,5
18,5
Mrk. ü. Nol. Soggenmehl p. 100 kg fr. Berlin br.
26,7-30,5
26,2-30,0
Leinkuchen Trockenschtzl. Soya-Schroi Dorfnil. 30/70
21,5-21,9
10,5 19,2-19,9
21,5-21,9
10,5 19,019,7
inkl. Sack
27,2-29,5
26,7-29,0
Kariofsclflck.
15,8-16,4
15,8-16,4
♦ Berliner Butternotierungen. (Preisfestsetzung der Berliner SutternotierungSfommiffion vom 29. Juni 1929. Fracht und Gebinde zu Lasten des Käufers.) 1. Qualität 163. 2. Qualität 150, abfallende Butter 134 Mark pro Zentner. Tendenz: Leicht befestigt.
* Die Reichsindexzifsrr für die Lebenshaltungskosten (Ernährung, Wohnung, Heizung, Beleuchtung, Bekleidung und „Sonstiger Bedarf") ist nach den Feststellungen des Statistischen Reichsamls für den Durchschnitt des Monats Juni mit 153,4 gegenüber 153,5 im Vormonat nahezu unverändert geblieben, Die Indexziffern für die einzelnen Gruppen betragen (1913/14 — 100): für Ernährung 154,0, für Wohnung 126,0, für. Heizung und Beleuchtung 148,9, für Bekleidung 172,4, für den „Sonstigen Bedarf" einschließlich Verkehr 191,8.
Heiteres.
Armut ist keine Schande. Ein Maler kommt zum Kunsthändler, um sein letztes Erzeugnis loszuschlagen. Der Künstler sagt: „Mein Talent ist mein einziger Reichtum!" — Worauf der Händler meint: „Na ja, Armut ist ja feine Schande!"
Belehrung. Sohn: „Papa, woher wissen denn eigentlich die Geehrten, wenn Sonnen- nnb Mondfinsternisse eln- treten?" — Vater: „Dummer Bengel, meinst du denn, die Gelehrten lesen nicht auch die Zeitungen!"
So^r, der Herr
Roman von Arno Franz.
Urheber-Rechtschuß durch Verlag O-kar Meister-Wehrdau Sa.
8) (Nachdruck verboten.)
Er erwachte mit wüstem Schädel.
Ananasbowle und Allasch fangen zwar beide mit A an, in einem Magen aber vertragen sie sich schlecht.
Claus hörte — entlassen aus Morpheus Armen — wie gerade draußen Mama Kuppke sagte:
„Den wär' ick mir foofen" und wußte sofort, daß mit „den" er selbst gemeint war.
Ihm war nicht gut zumute.
Er hörte aber auch, wie Ellis sagte: „Er hat mir lieb und wird mir heiraten. Du wirscht dich jar nischt koofen, wenn ick bitten dürfte. Det is allens hübsch meine Sache, Mama," und das tröstete ihn.
Unter der skeptischen Erwiderung feiner künftigen Schwiegermutter: „Der dir heiraten? Wenn de Glück hast!
— De kannst keen Häring kochen, jeschweige denn ne Guts- srau! Zu die jehört ville mehr," zog er sich an uyd Mama Kupple scheinbar zurück, denn es war still auf dem Flur und Claus hatte das Empfinden, daß das kein ganz korrekter Saß gewesen war, den Frau Berta Kuppke da draußen verbrochen hatte.
Die Stille auf dem Korridor tat wohl und noch wohler tat las liebe Stimmchen Ellis, das in diese Stille flüsterte:
„Clausimännecken" und noch einmal: „Clausimännecken! Liste schon wach? Ick bring dich'n Kaffee."
Und dann stand der Kaffee auf dem Tisch, und Ellis saß auf dem Sopha und man küßte sich und es war sehr schön.
Da schlug es neun! Mit einem Male! Urplötzlich! Mitten hinein ins Glück!
Aus!
Kolleg! Schon eine Stunde vorbei!
Claus raste fort! Die Treppe hinunter. Und stolperte nicht nur über feine Füße, sondern auch überfeine allerbesten Vorsätze, die er diese Nacht dort verloren hatte!
Und da sand er, daß es doch nicht schön war, .so schön es auch gewesen war.
5.
Im Gutshause von Finkenschlag waltete die stille Carla Sohr nachdenklichen Gesichtes und gesenkten Hauptes.
Alle sahen, daß sie ein Leid bedrückte, aber niemand wußte, daß es ein doppeltes.war. Sie litt um ihren Sohn und litt um ihren Mgvil-
Nein, Claus war nicht so, wie er fein sollte und Sohr war mehr, als er schien. Der wuchs in die Einsamkeit hinaus.
Ihm, dem immer Ringenden und Kämpfenden, hatte sie nnes Tunichtguts wegen zu einem ernsten Zwecke die Hilfe aerweigert.
Das bedauerte sie stündlich. Und fand, trotz des Bedauerns, aoch nicht den Weg zu ihm und den Mut zur Bitte.
Alles konnte sie ertragen und wollte sie tragen, nur eine Abweisung nicht. Don ihm nicht! Und die würde ihr werfen, das wußte sie, und wenn sie ihm das Herz auf den Händen entgegentrug.
Sie kannte ihn, der sich seine eigene Lebenspyllchophie ge- öildet hatte, sich nie verleugnete und sich immer gleich blieb. Sie kannte ihn, wie ihn niemand kannte, und würde im Leben nicht vergessen, daß er ihr einst gesagt hatte:
„Wir müssen wissen, was wir wollen und tun, was wir müssen. „Wenn" und „dann" dürfen für uns nicht existieren. Der Zufall narrt, die Hoffnung trügt, nur die uns innewohnende und uns bewußte Kraft enttäuscht uns nicht. Unser Leben basiert auf dem Geistig-Ethischen und nicht auf dem Physisch-Materiellen. Deshalb ist es gleich, ob zwischen Leben und Sterben der guten Tage viele oder wenige sind. Es ist aber nicht gleich, an was wir Körper und Seele fetzen. Die Aufgabe, die wir uns stellen, ist der Spiegel unseres Ichs." _ „ .
„Die Aufgabe ist der Spiegel unseres Ichs , das wiederholte sie immer wieder.
Sie erkannte die Nichtigkeit der Aufgabe, die sie sich gestellt, als sie ihn abwies. Und sie schämte sich.
Da ließ sie ganz unvermittelt stehen und liegen, was um sie war, lief hinaus und hinüber nach Großsteinau, wo sie den wußte, dem sie bitter wehgetan zu haben glaubte.
Er war ja immer in Großsteinau nach Feierabend.
* *
*
Das war nun schon das zweitemal innerhalb ganz kurzer Zeit, daß sie das tat.
Auch Sohr kannte seine Frau. Ihn verwunderte ihr Kommen.
„Ich wollte nur in deiner Nähe sein, Fritz," sagte sie und fetzte sich abseits unter einen Holunderbaum, von wo aus -sie ihm wieben konnte.
Er hatte den Dreijährigen — „Ajax" hieß er — wieder an Der Longe und ließ ihn galoppieren. Diesmal schon mit au^ gelegtem Sattel. Auch niedrige Hürden ließ er ihn nehme»' rpd einen erst srischgezogenen Graben. Es ging schon ohn« Locken im absolut gleichmäßigen Tempo. Mit seiner Arbeil var er zufrieden, mit seinem Pferde auch.
Für heute konnte er Schluß machen.
Der Reitknecht nahm ihm das Fohlen ab. Er selbst setzt« sich au Carla.
"„Die Gäule sind wie die Kinder. Man hat allerhanh Arbeit mit ihnen," sagte er und Carla erwiderte:
„Ja, wie die Kinder. Nur folgen sie besser."
„Nicht immer," meinte er. „Es ist bei Mensch und Tiei das gleiche. Was wir aus der Hand lassen, das entschwind« uns. Was unserm Einfluß entzogen ist, gehört uns nich! mehr."
Wie recht er hatte!
' Sie seufzte.
; „Was ist dir?" fragte er ~ r
„Ich denke an unsern Jungen, Sohr. Den haben wir auch pus der Hand gelassen. — Ob es doch nicht besser wäre, wenn mir ihn um uns hätten?" . _ ... . „r.
f „Wohl schon! Aber zwingen — nein. Er muß sich selbst zu uns finden."
i »Das wird er kaum tun, fürchte ich.
l „Wer weiß." , _
' Carla sah in das sinnende Gesicht ihres Mannes.
[ „Du hoffst, Sohr?", fragte sie. „Auf was hin?
' Sohr beugte den Körper zurück und stemmte sich auf oi< Hände. So sah er in den Himmel, der sich blau und klar über ihm wölbte.
[ „Worte wecken selten, Carla," antwortete er, „Ermahnungen fruchten wenig, aber das Ereignis rüttelt auf und die Tat prägt sich ein. Je größer sie ist, desto tiefer.
- „An was denkst du bei diesen Worten? .
lf „Wenn sich die Oeffentlichkeit damit beschäftigen wird,.daß man in Finkenschlag Land verschenkt — und das wird sie jun —, wenn er hören wird, wie man den anfetnoet, der sich Hessen unterfängt — und das wird geschehen —, ®e”n 51 trfobren wird, unter welchen Umständen das zu verschenkende »der verschenkte Land erworben wurde und endlich, wenn et lrkennen wird, daß alles für ihn geschah, dann sollte er — meine ich — aufsehen müssen und den Weg zu seinen Elter« slnden."
„Sollte — l" sagte Carla zweifelnd. „Ob er es könne« wird? Ob ihn nicht doch zuviel hält?"
„Er ist dein Sohn! Seinen Vater kannte ich leider nicht. Wenn der aber war wie Schwager Harro, dann ist anzunehmen, daß sich dem Claus von euerm Pflicht- und Berant, Wortungsgefühl ein Funke wenigstens vererbt hat.
„Mir ist trotzdem bange," gab Carla besorgt zurück.
lebt in Berlin. Dort wohnt auch die Kuppke. Man sollte ihn wenigstens öfter nach hier kommen lassen.
„Versuche es. Es sollte mich freuen, wenn es dir glückte.
1 Carla sann eine Weile vor sich hin. Angestrengt! war, als ob sie in sich hineinhöre.
r Plötzlich fragte sie:
„Habe ich deine Unterstützung, Sohr?
(Fortsetzung folgt.), /