Zulöaer Anzeiger
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Tageblatt für Rhön und Vogelsbergs
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Nr. 143 — 1929
Fulda, Freitag, 21. Juni
6. Jahrgang
Harte Nüsse.
Neuer Streit im Negienugslager.
Gctreidemonopol und Arbeitslosenversicherung.
Innerhalb der Regierungskoalition im Reiche ist eine neue starke Meinungsverschiedenheit anfgetaucht, die, wenn man den Meinungsäußerungen verschiedener führender Koalitionsblätter Glauben schenken darf, den Bestand der Großen Koalition aufs neue bedrohen soll. Es handele sich hierbei um Pläne zur Einführung eines Gc treidemonopols für Roggen und für Weizen, das eine Neuregelung der Getreidewirtschaft vorsieht, über dieses Monopolgesetz finden seit einiger Zeit Beratungen in einem eigens hierfür gebildeten Sachverständigenaus- fchuß statt, der unter Ausschluß der Öffentlichkeit tagt. Den Beratungen des Ausschusses liegt ein Entwurf des sozialdemokratischen Agrartheoretikers Dr. Baade zugrunde und nach in die Öffentlichkeit gedrungenen Nachrichten sollen sich besonders die sozialdemokratischen wie die deutschnationalen Vertreter des Ausschusses über ein Monopolgesetz geeinigt haben. Allerdings ist der Ausschuß nicht entsprechend der Fraktionsstärke der Reichstagsparteien zusammengesetzt, so daß es im Plenum noch Überraschungen geben könnte. Ein Teil der Regierungspresse weist darauf hin, daß der um das Monopolgesetz entbrannte wirtschaftspolitische Streit noch bedenkliche Folgen nach sich ziehen könnte, und man spricht auch davon, daß der Beschluß auf Einführung des Getreidemonopols innerhalb der Regie- rungskoalition wie eine Sprengbombe wirken könne. Der Reichsernährungsminister Dr. Dietrich soll unter keinen Umständen bereit sein, im Kabinett einen Regierungsentwurf auf Einführung des Getreidemonopols zu empfehlen.
Daneben scheint noch immer die Frage der Reform der Arbeitslosenversicherung nicht geklärt, die das Reèchs- kabinett gern erst im Spätherbst geregelt hätte. Der dies- bezügliche Beschluß des Reichskabinetts hat bei den Ver-
Dr. Stresemann in Berlin.
Vortrag im Reichskabinett.
Reichsaußenminister Dr. Stresemann ist am Donnerstag abend in Berlin eingetroffen. Für Freitag war ein Kabinettsrat geplant, in dem Dr. Stresemann den Mitgliedern des Reichskabinetts über die Tagung in Madrid und über seine Besprechung mit Briand und Poincarè Bericht erstatten sollte.
Über die Unterredung zwischen dem deutschen Außenminister und Poincarë und Briand teilt das französische Rachrichtenburean Havas offiziell folgendes mit:
Die Unterredung bezog sich im wesentlichen auf den Bericht der Sachverständigen. Die französischen Minister haben dem Vertreter Deutschlands erklärt, daß die französische Regierung, nachdem sie bereits als erste vorbehaltlos die Empfehlungen der Sachverständigen gebilligt hat, deren Inkraftsetzung zu beschleunigen gedenke, um möglichst früh die vollständige und endgültige Regelung des Reparationsproblems sicherzustelleu. Es scheint eine grundsätzliche Verständigung über das zur Erreichung dieses Zieles einzuschlagende Verfahren herbeigeführt worden zu sein. Eine Konferenz, auf der die Regierungen Englands, Deutschlans, Belgiens, Frankreichs, Italiens und Japans vertreten sein würden, dürste zusammentreten, und zwar in einem neutralen Lande, etwa in der Schweiz, und, wenn möglich, in der zweiten Hälfte des Monats Juli. Sobald Dr. Stresemann mit seinen Ministerkollegen Fühlung genommen hat, dürften die Minister für auswärtige Angelegenheiten Frankreichs und Deutschlands gleichzeitig den übrigen interessierten Mächten einen entsprechenden Vorschlag unterbreiten. Es ist wahrscheinlich, daß Frankreich auf dieser Konferenz durch Poincars und Briand vertreten sein wird.
JmBayerischenLandtag nahm der bayerische Finanzminister Dr. Schmelzle das Wort zur Reparations- frage. Er erklärte hierbei, daß das Pariser Ergebnis weit hinter dem zurückbleibe, was das deutsche Volk, der deutsche Staat, die Wirtschaft und die Kultur an Erleichterungen von einer dauernden Lösung der Reparationsfrage erwarten mußten. Das Ergebnis dürfte nur als eine Etappe auf dem Leidensweg des deutschen Volkes zu werten sein. Diese Etappe bedeute immerhin eine Erleichterung von zunächst einmal 900 Millionen Mark für den Reichshaushalt.
Der neue Reich-ttedit abgeschloffen.
50 Millionen Dollar für ein halbes Jahr.
Der Abschluß der 50-Millionen-Dollar-Anleihe für das Reich wird nunmehr von interessierter Bankseite bestätigt Der Vertragspartner der drei deutschen Banken das Reich tritt bekanntlich nicht direkt als Anleihenehmer auf — ist eines der größten amerikanischen Bankhäuser. Die Laufzeit des Kredits, die ursprünglich sechs Monate betragen sollte, dürfte etwas darüber hm- ausgehen mit Rücksicht darauf, daß sonst der Ruckzahlungs- /-rmin mit dem Jahresultimo zusammengefallen wäre, Zoodurch sich für den Geldmarkt eine erhebliche Belastung ergeben hätte. Nähere Mitteilungen find in Kürze zu erwarten.
icyrevenen noaimonsparteten wenig Gegenliebe gefunden. So halten es die Demokraten für unbedingt erforderlich, daß die Abstellung der Mißstände bei dem Arbeitslosengesetz und die Regelung der Saisonarbeiterfürsorge noch vor dem Auseinandergehen des Reichstages vorgenommen werden. Die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei r^at einen längeren Antrag zur Reform der Arbeitslosen^ Versicherung eingebracht, dessen Grundideen dahin gehen, daß alle die aus der Versicherungspflicht ausscheiden sollen, bei denen von einem regelmäßigen ständigen Arbeitsverhältnis nicht gesprochen werden kann oder bei denen die Kontrolle des Beschäftigungsverhältnisses unmöglich ist. Eine volle Unterstützung soll nur der Versicherte erhalten, der mindestens 52 Beitragswochen nachweist, für weniger Beitragswochen sollen die Unterstützungsbeträge entsprechend gekürzt werden. Dieser Vorschlag der Deutschen Volkspartei hat das Zentrum und die Bayerische Volkspartei veranlaßt, gemeinsam einen Brief an den Reichskanzler zu richten, in dem an die Vereinbarungen erinnert wird, die bei der Bildung des neuen Kabinetts getroffen worden sind und die dahin lauten, daß wichtigere Anträge nicht ohne Zustimmung der anderen Parteien eingebracht werden sollen. Das Zentrum sieht in dem volksparteilichen Antrag einen Vorstoß gegen diese Abmachung.
Zum Schluß beantragt das Zentrum im Einvernehmen mit der Bayerischen Volkspartei, „unverzüglich eine Besprechung der Fraktionsführer unter Zuziehung der sozialpolitischen Sachverständigen der Fraktionen einzuberufen, mit dem Ziel, den Weg zu einem gemeinsamen Vorgehen der Regierungsparteien in der Arbeitslosen- versicherungsfrage noch vor der Sommerpause des Reichstages zu finden".
Man steht, daß die Reichsregierung noch manche harte Nuß zu knacken hat, bevor ihr die sommerliche Erholung vergönnt sein wird.
„Daily Herald" über die Politik der Regierung Macdonalds.
wtb. London, 21. Juni. In einem Aussatz über die Außenpolitik des Kabinetts Macdonald sagt der diplomatische Korrespondent des Arbeiterblattes „Daily Herold": Die Gerüchte, daß keine Schritte in der Frage der englisch-russischen Beziehungen unternommen werden sollen, bevor eine Vereinbarung mit Amerika erreicht ist, sind unbegründet. Die ersten Schritte zur Wiederaufnahme der Beziehungen mit der Sowjetunion werden so schnell wie möglich erfolgen. Eine „Anerkennung der Sowjetregierung" kommt nicht in Frage, denn diese ist bereits 1924 erfolgt und bleibt bestehen. Alles was zu tun bleibt, ist die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen In der Rhein- landfrage ist die Arbeiterpartei zur möglichst baldigen Zurückziehung der britischen Truppen verpflichtet. Da aber gute Aussichten bestehen, daß innerhalb der nächsten Wochen die Zurückziehung nicht nur der britischen sondern auch der französischen und der belgischen Truppen möglich wird, wird ein Ausschub von einigen Wochen der Mühe wert sein. Was die fakultative Schiedsgerichtsklausel betrifft, so wünscht die Regierung ihr sobald wie möglich zuzustimmen, wenn es auch zunächst notwendig sein wird, die Dominiens zu befragen.
Kommentare zur Seeabrüstungsfrage.
wtb. London, 21. Juni. Wie Reuter aus Washington meldet, teilte der japanische Premierminister, Varon Tanaka, der amerikanischen Regierung durch die amerikanische Botschaft in Tokio mit, daß Japan bereit sei, jeden Schritt zur Verminderung der Rüstungen zu unterstützen. Japan wünsche den Frieden und setze seine Ausgaben für Rüstungszwecke herab. Der Korrespondent der „Times" in Tokio meldet, die Marinebehörden feien der Meinung, daß die Frage noch im Bereich der hohen Politik schwebe und daß die Regierungen allgemein dafür zuständig seien. Ein sehr hoher Beamter versicherte jedoch dem Korrespondenten, daß die Marine sich einer Herabsetzung der Rüstungsausgaben im Interesse der Steuerzahler nicht widersetzen werde. Der Beamte war auch der Meinung, daß die Herstellung des von General Dawes ins Auge gfaßten „Maßstabes" nicht unmöglich, aber sehr schwierig sei, weil sehr viele Faktoren bei der Berechnung der Kampfstärken auf Schätzungen beruhten und eine arithmetische oder algebraische Formel kaum ausreichen würde. Die Staatsmänner müßten über die Frage der Relativität entscheiden. Es sei ein Unterschied, ob man einen Millionär oder einen Armen auffordere, auf die Hälfte seines Vermögens zu verzichten.
Die Errichtung eines deutschen archäologischen Instituts in Athen.
wtb. Athen, 21. Juni. Die Regierung hat der Kammer einen Gesetzentwurf unterbreitet, nach welchem der deutschen archäologischen Vereinigung ein größeres Terrain zur Errichtung eines deutschen archäologischen Instituts in Athen überlassen werden soll.
Steuern! Steuern!
„Laßt alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr hier eintretet,' setzt Dante in seiner „Göttlichen Komödie" als Aufschrift über die Tür zur Hölle. Laßt alle Hoffnung fahren, lhr, die ihr geglaubt habt, daß es im kommenden Herbst oder Winter zu einer Steuersenkung kommen würde, weil ja durch die Annahme des Young-Planes eine Herabsetzung der diesjährigen deutschen Zahlungsverpflichtungen um etwa 450 bis 500 Millionen erfolgen soll. Wie ein Rauh, reif in der Frühlingsnacht legte sich auf diese schüchtern keimende Hoffnung die Rede des Reichsfinanzministers, der sich zwar „grundsätzlich" für eine Steuersenkung aus- sprach, aber eben nur „grundsätzlich" und auch frühestens für das nächste Jahr. Deutsche Finanzminister pflegen aber derartige „Grundsätze" sehr, bald zu vergessen und das dauert keineswegs ein Jahr.
Und so bleibt es ein frommer Wunsch, wenn im Reichstag der Volksparteiler Dr. Cremer fordert, daß die Herabsetzung der deutschen Zahlungsverpflichtungen durch die Pariser Verhandlungen sich auch in einer Steuer- senkung ausdrücken müßte. Gerade im Gegenteil spricht man nicht bloß von einer Steuerreform — entsprechende Gesetzentwürfe liegen übrigens schon seit vielen Monaten vor, — sondern ganz ungeniert auch von Steuerhöhungen. Wobei man gleich einschalten muß, daß ja der Deutsche aus langer Erfahrung die Gewißheit hat: Steuerreform bedeutet ja a u ch immer Steuer erhöhung. Denn ein deutscher Reichsfinanzminister von heute ist vielleicht mit einer Andersgruppierung der Steuern, aber niemals mit einer Herabsetzung der Gesamteinkünfte aus ihnen einverstanden. Das ist der erste und oberste Grundsatz, den jeder Reichsfinanzminister hat. Und an dem hält er mit einer ebenso eisernen wie für den Steuerzahler unerfreulichen Zähigkeit fest.
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Merkwürdigerweise macht man im Reichstag immer noch den von der Wissenschaft und von der Praris längst als irreführend erkannten Unterschied zwischen Besitz- und Massensteuern. Eine hohe Gewerbesteuer z. B., also eine unzweideutige Besitzsteuer, wirkt sich einfach als Massensteuer aus, weil sie aus den Preis des gewerblichen Erzeugnisses draufgeschlagen, d. h. vom Konsumenten getragen wird. Ob abwälzbar oder nicht — darauf kommt es an. Und darum führt auch eine allzu hohe Belastung z. B auch des Kapitalbesitzes einfach zur Auswanderung des Kapitals in offener oder versteckter Form. Natürlich übrigens auch zur weitestmöglichen Steuerhinterziehung. Man hat als Heil- und Hilfsmittel dagegen die Auslegung von Steuerlisten gefordert, damit jeder sozusagen vom lieben Nachbar daraufhin kontrolliert werden kann, ob nicht etwa ein großer Lebensaufwand in allzu merkwürdigem Gegensatz zu außerordentlich „zurückhaltenden" Steuererklärungen über die Höhe des Einkommens steht. Ein derartiger Vorschlag — er wurde jetzt auch im Reichstag wieder gemacht und verdichtete sich zu dem Antrag an die Neichsregierung, sie solle einmal eine Denkschrift darüber vorlegen, welche Erfahrungen andere Länder mit dieser Auflegung der Steuerlisten gemacht haben — hat natürlich manches für sich, aber auch insofern manches Bedenkliche, als das bisherige „Steuergeheimnis' „a verletzen oder verletzen zu lassen nach Ansicht weiter Kreise mitunter eine schwere geschäftliche Schädigung bedeuten kann.
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Als Gegenmaßnahme fordern wirtschaftliche Kreise für die breitere Öffentlichkeit auch mehr Einsicht in das Finanzgebaren, vor allem in das der Kommunen, also in die städtischen Etats. Ein besonderer Teil vor allem der städtischen Einnahmen, darüber hinaus aber auch im Reich und in den Ländern, soll ja jetzt, wie der Reichstag es wünscht, einmal gründlich in bezug auf seine Wirtschaftlichkeit überprüft werden, nämlich sämtliche Betriebe der „öffentlichen Hand". Die Absicht, bei ihnen die steuerliche Bevorzugung zu beseitigen und sie dieselbe Steuerlast tragen zu lassen wie die Privatbetriebe, hat entschieden parlamentarisch an Boden gewonnen und man rechnet hierbei auf neue Steuereinkünfte von mindestens 200 Millionen. Aber diese Sache hat nicht bloß ihre zwei, sondern noch bedeutend mehr Seiten, und nicht die letzte dabei ist die, daß sich diese steuerliche Vollbelastung der Betriebe auswirken würde zu einer Abwälzung auf den Massenkonsum für Gas, Wasser, Verkehrsmittel usw.
Die steuerlichen Lasten, die heute auf den Schultern des deutschen Volkes ruhen, sind dreimal so groß wie vor dem Kriege; weit größere Teile des Volkseinkommens wandern den Weg in die Steuerkassen als damals. Daher kann es zu einer Steuersenkung auch nur kommen, wenn die Ausgaben von Reich, Ländern und Gemeinden heruntergedrückt werden, „Vater Staat" sich also zu einer möglichst weitgehenden Ersparnispolitik entschließt. ___,
Oie „grüne Krönt".
Ein „Grüner Ausschuß" im Bayerischen Landtag. '
Zur Behandlung alLr landwirtschaftlichen Fragen, die im Bayerischen Landtag zur Sprache kommen, hat sich ein sogenannter „Grüner Ausschuß" des bayerischen Landtags konstituiert, in den jede der drei Fraktionen der Koalition drei Vertreter entsendet. Der Zweck des Ausschusses ist es, zu ermöglichen, daß in allen Landwirb- schaftsfragen, ehe sie zur Behandlung an den zuständigem ^andtagsausschuß gelangen, durch Vorbesprechung gen innerhalb des Kreises der bäuerlichen Abgeordneten die Möglichkeit gegeben wird, in diesen Fragen eine geschlossene „grüne Front" herzustellen. — • u