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Nr. 77 — 1929
Fulda, lvtittwoch, 3. April
6. Jahrgang
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Neichsbankpräsideni Dr. Schacht veröfsemlrchi eine Auslassung über die Reparationskonfercnz in Paris, in der er tzcu verbreiteten pessimistischen Anschauungen über den Verlaus der Konferenz cntgegenlritl.
* Der Reichsinnenminister Hai dem Neichsrag die cin- ^cftrdcrle Deukschrtfl über die Nöte und Wünsche der be- f^ten Gebiete zugehen lassen
* In fast ganz Deutschland brachten die Osterfetcrlage einen profeen Wettersturz mit Schnee, Kälte, Winterstürmen und Winlergewitlern.
* 4ln den Ostcrfeicrtagcn ereignete sich eine erschreckend große Anzahl von tödlichen Unglücksfällen und schweren Bluttaten.
Der Wahlkampf in England
eit und die innern
In England brodelt der Wahlkampf nun doch schon höher auf — aber das eine Gemeiusame läßt sich für die Taktik der drei Parteien sagen: die Außenpolitik Englands übt auf den Wahlkampf von heute nicht den geringsten Einfluß aus. Das war beim letztenmal noch beträchtlich anders und erklärte den Sieg der Konservativen _ aber fünf Jahre sind eine lange Z ' . :_______ politischen Erfolge der Konservativen seit den letzten Wahlen sind nicht derart, daß man jetzt damit prunken kann. Vielmehr werden auch von den Konservativen in größtem Umfang „Wechsel auf die Zukunft" ausgestellt.
Das zieht aber beim englischen Wähler in der Reger nur dann, wenn sich die Opposition dieser Taktik bedient.
Denn die regierende Partei, so sagt er sich, hätte ja längst Zeit und Möglichkeit gehabt, ihre jetzigen Verheißungen und Versprechungen in die Wirklichkeit umzusetzen. So haben denn bisher die Resultate der Nachwahlen namentlich in allerletzter Zeit eine recht herbeVerurteilung Ler Kabinettspolitik gebracht, sind die Stimm- zisfern der Arbeiterpartei erheblich angeschwollen aus Kosten der Konservativen.
Denn Macdonald, der Führer dieser Partei, denkt auch nicht daran, irgendwelche außenpolitische Gesichts- rt^.beim Wahlkampf zu berMchüg^ mchts davon, daß er z. B. das immer noch recht heiße Eisen der englisch-russischen Beziehungen auch nur angetippt hat; denn so ganz genau weiß er es selbst noch nicht, ob der berühmte Sinowjew-Brief, der der „Labour- Party" so viel politisches Herzeleid schuf, nun eigentlich echt oder gefälscht ist. Der Brief oder die Fälschung trug in zu einem großen Teil dazu bei, daß die Konservativen einen schier überwältigenden Sieg erringen konnten.
Jetzt aber steckt man auch in England sehr tief in allerhand Wirtschaftsnöten, hat im eigenen Hause mehr als genug zu tun, als daß man die Blicke allzusehr nach außen wendet. Alle Welt, auch die Konservativen, reden von einem bevorstehenden Erfolg der Arbeiterpartei — und diese quittiert dankbar für diese ihr so günstige Wahlpsychose.
Immerhin scheint sich aber dem Andrängen der Arbeiterpartei gegenüber eine Artck onservativ-libe- raler Abwehrfront herauszubilden — wobei man freilich über die Politik des Führers der Liberalen, Lloyd George, zurzeit nur recht Unbestimmtes weiß. Er selbst wird allerdings auch kaum Bestimmtes wissen; denn die Liberale Partei ist politisch in dem Augenblick bedeutungslos, wenn eine der beiden anderen sie nicht mehr braucht. Jnfolgedessen hatte sie in der Regierungszeit Macdonalds ebensowenig zu sagen wie in der Baldwins. Nicht wie stark sie wird, ist für sie und Lloyd George das Entscheidende, sondern wie stark bzw. wie schwach die Konservativen auf der einen, die Arbeiterpartei auf der anderen Seite werden. Um dann vielleicht das Zünglein an der Wage darstellen zu können. Was eine parteipolitisch ausgeprägte neue Regierung nur noch mehr verhindern würde.
. Angesichts all dieser Unklarheiten und Unbestimmbar- ^iten, die dem gegenwärtigen Wahlkampf in England nicht erspart geblieben sind, können sich die — Wettlustigen über den Ausgang der Wahl recht gründlich streiten. Noch iffä aber nicht ganz so weit, weil auch die Konser vativen den großen Erfolg verwerten, daß ihr letztes Budget einen ganz erheblichen Überschuß aufweist, man also die bisherige Defizitwirtschaft überwunden habe. ■Weicht wirkt das doch noch stärker zugunsten der Konser- baiiben, als es die Arbeiterpartei wahr haben will — aber der nüchterne Engländer achtet eben auch bei der r-bahl mehr ans Taten als auf Worte oder Programme, deren Verwirklichung noch der dunklen Zukunft überlassen wirb.
Englische Pressestimmen zur Unterredung Mussolutt-Chamberlain.
3ur Unterredung zwischen Mussolini und Chamberlain lot der römische Korrespondent dcs „Daily Telegraph": verlautet, daß die Frage der deutschen Reparationen zu eit erörterten Gegenständen gehörte, und daß die Auffas- wng beider Staatsmänner im allgemeinen übercinftimmte y Hee in, einem Punkte. Mussolini erklärte nämlich, wenn '^ deutschen Reparationen an Italien wesentlich herab; w würden, dann müsse auch Italiens Kriegsschuld an e Alliierten eine entsprechende Verminderung erfahren, r. ~ ct diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" 1 iieibt: Cs ist nicht notwendig, der Unterredung irgend besonders politische Bedeutung zuzüsâciben. Die Be- o e mug^,, âwischeu beiden Ländern sind unter Mussolini '^ freundlicher geworden, als unter seinen un* t cn Amtsvorgängern. Cs hat finj eine wirkliche acitr' zwischen beiden Regierungen entwickelt und die ^sprechung hat vielleicht dazu gedient, die leichte è um 119 ^1 offiziellen Beziehungen, die im vorigen wegen des englisch-französischen Marinekomprv- n -> eintrat, zu beseitigen.
Die Not im besetzten Gebiet.
Nie Leiden durch die Vefaßong.
Denkschrift an den Reichstag.
Der Reichsminister für die besetzten Gebiete, Severing, hat dem Reichstag die von diesem gewünschte Denkschrift über die besetzten Gebiete zugehen lassen, und zwar in der Form einer Zusammenstellung der Einzel- denkschriften, die von den fünf betroffenen Ländern Preußen, Bayern, Hessen, Baden und Oldenburg ausgearbeitet worden sind.
Die Ausarbeitungen der einzelnen Länder für den Reichstag sind außer denjenigen für Baden und Oldenburg bereits bekanntgeworden und bilden in ihrer Zusammenstellung in der großen, nunmehr dem Reichstag übersandten Denkschrift ein anschauliches Bild von den Leiden der betroffenen Gebiete unter der fremden Besetzung. Sie zählen die Wünsche und Erwartungen auf, welche die Bevölkerung zu ihrer Hilfe für notwendig erachtet und deren Erfüllung sie möglichst bald erhofft.
Oie Meinung der Regierung.
Ter Reichsminister für die besetzten Gebiete gibt zu der Denkschrift eine Erläuterung, die wie folgt lautet:
„Die Reichsregierung erkennt die wirtschaftliche und kulturelle Fürsorge wie für den Osten so auch für die notleidenden westlichen Grenzgebiete und für das besetzte Gebiet als eine besonders wichtige Ausgabe an die vom Reich in Gemeinschaft mit den beteiligten Ländern zu lösen ist. Wenn die Reichsregierung im gegenwärtigen Zeitpunkt davon absieht, das in den Denkschriften der fünf Länderregierungen zusammengetragene Material zu einem Hilfsprogramm von großem Ausmass für den W c st e n auszuwerien, so ist hierfür in erster Linie die Rücksicht auf die derzeitige
schwierige Lage der Reichsfinanzen ausschlaggebend, die eine gleichzeitige Einleitung umfassender jHttioneii in sämtlichen Grenzgebieten des Reiches verbietet. Dazu kommt aber, daß ein solches Programm vor allem auch aus die wirtschaftlichen Hauptprobleme der westlichen Grenzgebiete, wie z. B die künftige Wirtschaftsgestaltung im Aachener Jndustrierevier, an der Saar, in Rheinhessen und der Pfalz, die Lösung der Transportfrage usw. abgestellt sein muss und demgemäß noch eingehende Verhandlungen mit den verschiedensten amtlichen Stellen und die Anhörung von Sachverständigen erfordert Denn eine Verzettelung in unorganische Einzelmassnahmen oder eine reichsseitige Subventionerung zahlreicher mittlerer und kleinerer Projekte wäre unwirtschaftlich und würde den Noi- lvendigkeiten einer auf weite Sicht gestellten und durchgreifenden
Die Schlacht um Jiminez.
Sieges nachrichten von beiden Seiten.
Die Kämpfe in Mexiko dauern nach den einlaufendcn Berichten mit unvermindeter Heftigkeit an. Um die Stadt Jiminez, in der die Aufständischen sich verschanzt haben, soll eine wütende Schlacht toben. Der Führer der Regie- rungstruppcn, General Calles, berichtet, die Kampffront betrage zwei Meilen. Der Hauptkamps finde eine Meile südlich von Jiminez statt. Der linke Flügel Der feindlichen Truppen sei bereits in die Stadt zurückgedrängt, wo es zu einem Straßenkampf gekommen sei.
Von dem Hauptquartier der mexikanischen Aufständischen wird ergänzend befanntgegeben, daß die Armee der Aufständischen die Streitkräfte General Calles' in der Nähe von Eskalon nach zehnstündigem Kampf vollständig geschlagen hat. 400 Mann Regierungstruppen sollen getötet und 1500 Mann gefangengenommen worden sein. Unter den Gefangenen sollen sich,auch zwei Generale der Negierungstruppen befinden. An den Operationen waren 15 Flugzeuge beteiligt.
Mr Erkrankung des Reichskanzlers.
Berlin. Die Gallcnaffeklio», an welcher Der Reichs tangier leidet, wird ihn nach der Ansicht der Ärzte noch zwingen, bis zum Ende dieser Woche das Bett zu hüten.
Waldecks Anschluß an Preußen
würbe am Ostermontag in Arolsen, »er Hauptstadt des kleinen Freistaates, feierlich vollzogen. Unser Bild zeigt die .Reilschen- menac vor dem Behördenhaus wahrend des Hissens der preußischen schwarz-weißen Flagge. Auf der anderen ^cttc des Gebäudes die Flagge Waldecks.
Grenzpoliti!
in keiner Weise entsprechen. Die Reichsiegierung wird in den nächsten Monaten die Vorarbeiten an der Ausstellung eines einheitlichen Hilfsprogramms sur den Westen forlsetzen und behält sich ihre Entschliessung über die etwaige Einbringung einer besonderen Gesetzesvorlage bis nach Abschluss der Verhandlungen und für einen finanzpolitisch geeigneten Zeitpunkt vor."
Muß hiernach die Frage der Einleitung einer neuen großen Hilfsaktion für den Westen einstweilen zurückgestellt werden, so soll die laufende Betreuung der bedrängten westlichen Grenzgebiete und des besetzten Gebiets in dem bisherigen Rahmen auch weiterhin selbstverständlich fortgesetzt werben.
Die Reichsregierung hat zu diesem Zwecke ausreichende, zum Teil gegenüber dem Vorjahr erhöhte Beträge in den Entwurf des Haushaltsplans des Reichs für das Rechnungsjahr 1929 eingesetzt. Die von der Reichsregierung aus den Grenzf-mds I und II im engeren Grenzgürtel an der Westgrenze und in Baden geförderten Hilfsmaßnahmen sind in der Durchführung begriffen und wer den voraussichtlich im Laufe des Rechnungsjahres 1928 zum Abschluß kommen.
*
Unsichtbare Schäden
Ergänzend wird mitgeteilt, daß die Vorarbeiten für die Ausstellung eines einheitlichen Hilfsprogramms voraussichtlich im Laufe des Sommers soweit fertiggestellt werden können, daß die von dem Reichsminister für die besetzten Gebiete angekündigte besondere Gesetzesvorlage im H c r b st eingebracht werden dürfte. Alle unsichtbaren Schäden lassen sich nicht in Zahlen fassen und können deshalb auch nicht durch die Entschädigungen des Reiches ausgeglichen werden. Diese Schäden werden ver- ursacht einmal durch die allgemeinen Auswirkungen des Versailler Diktats, zweitens durch die Besetzung an sich, drittens durch die sogenannte „blutende Grenze", unter der der Westen durch den Verlust von Eupen und M a l m e d y , die Aushebung der Zollunion mit Luxemburg, die Abtrennung des Saargebiets und andere Umstände ähnlich schwer leidet wie der deutsche O st e n, und viertens durch die Entmilitarisierung des linken Rheinufers und der 50-Kilometer-Zone aus der rechten Seite des Rheines, weil durch die Kontrollbestimmungen die wirtschaftliche und namentlich die verkehrsmäßige Entwicklung dieser Gebiete ungemein gehemmt wird. Die Reichsregierung wird diesen Schäden, wie es in dem Schreiben des Ministers Severing zum Ausdruck kommt, auch in Zukunft ihre Aufmerksamkeit widmen.
Pottiische Rundschau.
Lstoberschlesische Schulsragen.
Wie aus Gens gemeldet wird, werden die deutsch- polnischen Verhandlungen über verschiedene oberschlesische Schulsragen, die unter Dem Vorsitze des japanischen Gesandten Ädatschi, der sie in seiner Eigenschaft als Bericht- erstattet über diese Fragen vor Dem Völkerhund leitet, in Der letzten Woche in Paris begonnen und während der Osterferien unterbrochen worden waren, noch in dieser Woche wieder ausgenommen werden. Die Meldung bezeichnet die Aussichten der Verhandlungen als günstig.
Belgien.
Hungersnot im belgischen Mandatsgebiet.
Ter britische Missionar Dr. Church hat einen Appell zur Linderung Der grauenhaften Zustände im belgischen Mandatsgebiet von Ruanda veröffentlicht, das er „ein Land lebender Skelette" nennt. Er berichtet, dass Tausende von Eingeborenen aus den mit Leichen besäten Wegen durch ein Land, das von Fieber und Löwen heimgesucht wird, nach Uganda strömen Frauen und Kinder brechen erschöpft zusammen und fallen Den Hyänen zum Opfer. Die belgische Regierung habe den Transportdienst ver- stärkt und gebe viele Tausende von Pfund für die Lebens- miitelvcrtcUung aus; allerdings kämen diese Hilfsmatz, nahmen zu spät. — Die Mandatsgebiete sind frühere deutsche Kolonien, die nach dem Kriege unter die Ententemächte verteilt wurden.
Aegypten.
Dank des Königs an Dr. Eckener.
König Fuad von Ägypten hat durch seinen Minister- Präsidenten ein Danttelegrawm an Tr. Eckener auf dessen Telegramm an den König von Bord des „Graf Zeppelin" gerichtet. Ter ägyptische Ministerpräsident depeschierte an Dr. Eckener: „Ich bin von Seiner Majestät beauftragt. Ihnen, Der Besatzung und Den Passagieren des „Gras Zeppelin" den herzlichsten Tank für Ihre freundlichen Grütze und Glückwünsche zum Geburtstage _ Seiner Majestät zu übermitteln. Seine Majestät der König beauftragte mich ferner, Ihnen Die besten Wünsche für Ihren glücklichen Flug hinzuzusüqcn. Alles dies hofft jedoch Seme Mejcstüt, Ihnen selbst bei seinem kommenden Besuch, dein er mit Vergnügen entgegensicht, inittcilcn zu können."
Gautag des Dcutschnationalcn Handlungsgrhilfcn-Verbandes.
Die int Gau Main-Weser zufammengejchlossenen Kaufmannsgehilfen veranftalien am 4 und 5. Mai in Pas Kreuznach ihren diesjährigen orbemlidien Sautag, auf Dem auch zu den ftandes polilijchcn Fragen Stellung genommen wird. Auf einem Bc grüßuugsabend. Der unter Dem Mono „Grenzlandtreue" steht, wird Der Reichsiagsabgecrdncre Lambach sprechen, während für den Sautag Referaie von Eauvorfteher Auerbach und Vcrwal- tungsmilglfed Mittzow vorgesehen find.