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Iulöaer Anzeiger

Erscheint seöen Wecktag. Bezugspreis: monat. ltch S Mark. Bei Lieferungsbehmüenlngen durch Höhere Gewalten", Streiks, Aussperrungen, Bahnsperre usw. erwachsen ö°em Bezieher keine Ansprüche. Verlag Friedrich Threnklau, Fulda, Mitglied des Vereins Deutscher Zeitungsver- leger. Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 160S9

Nr775^^29

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg

Zulöa- und Haunetal «Zulöaer Kreisblatt

ReSaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 §ernsprech-flnschluß Nr-HS-

NachSruck 6« mit * versehenen Artikel nur mit Mellrnangab« »ZulSaer Anzriger'grstaSet.

Tiazelgenprels: Für BehSröen, Graoffensihasi- ten,Banken usw. beträgt die Aleinzeil» 0.30011, für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk., für 6h Reklamezelle 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk^ Reklamezelle 0.60 Mark Sei Rechnungsstel­lung hat Zahlung innerhalb 8 Tagen zu erfol­gen Tag- und Platzvorschristen unverdinüllch.

Fulda, Samstag, 30. März

6. Jahrgang

ItiMiis %|tttlin»«iWwi

Vorschläge in der Sachverständigenkonserenz.

In der letzten Vollsitzung der Reparationskonferenz vor Ostern haben die Delegierten der vier Hauptgläubiger- länder Frankreich, England, Belgien und Italien eine formulierte Erklärung über ihre Ansprüche vorgebracht, desgleichen der Vorsitzende der Konferenz, Owen Young, aber nur in seiner Eigenschaft als Vor­sitzender und nicht als amerikanischer Delegierter. Diese beiden Vorschläge enthalten, wie ausdrücklich betont wird, teilte Zahlen, sondern sind lediglich grundsätzliche Ausführungen, aus welchem Wege man am besten zur Diskussion über die Höhe der Reparationsverpflich­tungen nach Ostern gelangen kann. Beide Vorschläge wurden schriftlich formuliert sämtlichen Delegierten über- mittelt, damit sie Gelegenheit haben, sie während der Ofterpause zu prüfen. Die nächste Sitzung der Konferenz findet am Donnerstag, den 4. April, statt.

DerMatin" weiß über die Vollsitzung der Sachver­ständigen beratung noch zu berichten, daß der Vorsitzende der Konferenz, Owen Young, Schacht nicht gebeten habe, irgendeine Zahl zu nennen, ihn aber aufgefordert habe, dem Ausschuß mitzuteilen, ob er bereit sei, die deutschen Angebote aus der Grundlage der alliierten Forderungen (Deckung der Schulden und Ersatz der Kriegsschäden) auszubauen. Falls dies nickst der Fall sei, so habe Owen Young hinzngefügt, müsse die Konferenz fristlos vertagt werden. Schacht habe in seiner Antwort auf die deutsche Leistungsfähigkeit zurückkommen wollen, woraus ihn Owen Young jedoch mit den Worten unterbrochen habe: Keine Zahlen, sagen Eie uns, ob Sic unsere Verhand- lungsgrundiage annehmen." Über die Antwort Dr. Schachts werde das größte Stillschweigen bewahrt.

Die Pariser Presse berichter, zum Teil in offenbar tendenziöser Weise, über den Verlauf der letzten Vollsitzung des Reparationsausschusses und sucht, wie der è^W^M'U, in de« Ein­druck zu erwecken, als sei die deutsche Delegation vor das Ultimatum gestellt worden, bis kommenden Donnerstag mit Zahlen belegte Vorschläge zu unterbreiten. Davon kann keine Rede sein, vielmehr hat man nur versucht, eine neue Verhandlungsmethode aufzustellen, durch die man eine Basis für die Diskussion über die Höhe der Reparationsverpflichtungen baldigst gewinnen zu können glaubt. In den Memoranden, so schreibt derPetit Paristen", werde Dr. Schacht gezeigt, daß der alliierte Block, den er durch geschickte Manöver spren­gen zu können gehofft habe, und der sich tatsächlich ein wenig gelockert hat, jetzt seine Einheii wiedcrgefunden habe Tas Verdienst hierfür falle zu einem großen Teil Owen Young zu, der zuerst gewisse Argumente der euro­päischen Gläubiger Deutschlands, namentlich hinsichtlich des Schadensersatzes, abgelehnt, aber schließlich zu- gcsianden habe, daß sie begründet seien, so daß er sich ihnen im weitestem Maße angeschlossen habe. Diese Solidarität des ersten amerikanischen Delegierten mit seinen europäischen Kollegen, die sich eindrucksvoll gezeigt habe, müsse den heilsamsten Einfluß auf die spätere Hal- jung der Deutschen ausüben.

Demgegenüber ist festzustellen, daß Owen Young lediglich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Kon­ferenz und nicht als amerikanischer Delegierter ge­

Seschlüffe derLhrisilichen Gewerkschaften.

Arbeitsgerichte, Sozialpolitik, Krankenkassen.

An KönigSwinter am Rhein tagte am 26. und 27. März b. & der Ausschuß des Gesamtverbandes der Christlichen Ge« wirtschaften. Der Ausschuß faßte mehrere Entschließungen, ui denen es u. a. heißt:

Die ordnungsmäßige Vertretung der Parteien vor den Arbeitsgerichtsbehörden ist eine wichtige Voraus­setzung für das Funktionieren einer brauchbaren sozialen Ge­richtsbarkeit. Das Arbeitsgerichtsgesetz ist in dieser Hinsicht neue Wege gegangen und diese haben sich, wie der am 26. und März 1929 in Königswinter tagende Ausschuß des Gesamt­verbandes der christlichen Gewerkschaften Deutschlands aner­kennt, durchaus bewährt Auf das schärfste wendet der Aus- Ichuß sich gegen alle Versuche, die Vertretungsbefugnis der Rechtsanwälte noch mehr auszudehnen. Sollten aber die gesetzgebenden Körperschaften den Wünschen der Rechtsanwälte Rechnung tragen, so verlangt der Ausschuß, daß dann jedes VertretungsMonopol beseitigt und jedem Staats­bürger die Freiheit gegeben wird, sich vor allen deutschen Gerichten selbst zu vertreten oder sich durch eine von ihm frei gewählte Person vertreten zu lassen.

Schärfster Einspruch wird erhoben gegen die systematisch betriebene Herabwürdigung nnb Bekämpfung der Sozial­gesetzgebung Ihre Bekämpfung durch Interessengruppen hemmt die Einführung und den weiteren Ausbau der Sozial­gesetzgebung in den Ländern, mit denen Deutschland aus dem Weltmarkt konkurrieren muß. Die Beiträge zur Sozialversiche­rung sind vorenthgltene Lohntcile, feinesoziale Last". Da über 70 Prozent aller Arbeiter den unzureichenden Wochen- lohu bis zu 36 Mark beziehen, ist die Forderung nach Beseiti­gung der Sozialversicherung unb Einführung eines Spar­zwanges entschieden zurückziiweisen. Der Anspruch aus eine gesicherte Existenz darf den Arbeitern ebensowenig abgesprochen toerben wie den anderen Ständen.

Der Ausschuß fordert Schutz der bestehenden Kranken­kassen gegen die Bestrebungen auf Errichtung leislungs- schwacher Jnnunaskrankenkassen, Anpassung der Invalidenver­sicherung an die Angestclltenversichcrung, weitestgehenden Aus­bau der Selbstverwaltung in der gesamten Sozialversicherung und geeignete Maßnahmen zur Verhütnirg einer Ausnutzung der Versicherungseinrichtungen durch Interessengruppen.

sprochen hebe. Man kann annehmen, daß die amerika­nischen Delegierten, die bis jetzt eine Meinung in der Zah­lenangelegenheit noch nicht geäußert haben, vorläufig diesen Standpunkt beibehalten werden.

Echo de Paris" über die Reparationsverhandlungco.

wtb. Paris, 30. März. Ueber die Stellungnahme des Vorsitzenden der Reparations-Sachverständigen-Konferenz, Owen D'Young,' in der Schlußsitzung vor den Osterferien schreibtEcho de Paris", Owen D'Young habe es zwar crb- gelehnt, in der Debatte endgültig Stellung zu nehmen und sich wie eine Art Schiedsrichter feine Handlungsfrei­heit vorbehalten, aber er habe es sich doch angelegen sein lassen, einige Ziffern zu nennen, die den merklichen Ab­stand zwischen dem interalliierten Höchstbetrag und einem amerikanischen Mindestbetrag, unter den man bei den Ver­handlungen nicht werde heruntergehen dürfen, skizzieren. Das sei ein bizarres und recht wenig geeignetes Verfah­ren, um die Börse des Schuldners zu öffnen. Es fei klar, daß Dr. Schacht sich anschicken werde, mit dem amerikani­schen Betrage zu manövrieren und daß er sich mit dem in­teralliierten Höchstbetraoe nicht mehr als mit dem blauen Himmel beschäftigen werde. Man müsse jedoch feftstellen, daß eine Verständigung nur erzielt werden könne, wenn die Deutschen sehr bedeutend über das Minimum Owen D'Poungs hinausgingen. Owen D'Young habe nicht ver­fehlt, ihnen das mitzuteilen.

Pertinax" über die Pariser Aeparationsoerhandlungen. wtb. London, 30. März.

Pertinax" meldet demDaily Telegraph" aus Paris, daß in der Sitzung des Ausschusses der Reparationssach­verständigen am Donnerstag die Delegierten Großbritan­niens, Frankreichs, Belgiens, Italiens und Japans Dr. Schacht ein gemeinsames Memorandum mit ihren Vor­schlägen übergeben hätten. Darin bestünden sie darauf, oaß die deutschen Zahlungen ihre sämtlichen Schulden an Amerika decken und einen Ueberschuß für Reparationen und verschiedene andere Zwecke übriglasten müßten. Sie seien der Ansicht, daß die deutsche Annuität aus einem verän­derlichen Teil bestehen müsse, der den Summen parallel ist, die nach Amerika transferiert werden müssen und einen feststehenden Teil für Reparationen. Pertinax erklärt, der von den Delegierten unterbreitete Plan entspreche wahrscheinlich einem Betrage, der etwas niedriger sei als die augenblickliche Dawes-Annuität. Es heiße, daß die Alliierten bereit seien, Gegenvorschläge zu erörtern. Außer­dem habe Owen D'Young, der als eine Art von Schieds­richter handele, mündliche Vorschläge über die Beträge gemacht, die an die verschiedenen Mächte außer den Sum­men, die vom amerikanischen Gläubiger gefordert würden, gezahlt werden sollten. Die von ihm angegebenen Sum­men müßten jedoch als Minima angesehen werden. Es sei z. B. klar, daß der Betrag, den er für Frank­reich angegeben habe, von der französischen Delegation nicht angenommen werden würde. Pertinax meint, die Deutschen würden ihre Gegenvorschläge nächste Woche na­türlich eher auf die amerikanischen als auf die alliierten Vorschläge gründen.

Zwei Schüsse m Zannowitz.

Plötzliche Erkrankung des Untersuchungsrichters.

Der zu den Ermittlungen in Fannowitz hinzugezogene Berliner Schießsachverständige, der eine anerkannte Auto­rität ist, ist zu dem Schluß gekommen, daß in der fraglichen Nacht nicht nur ein, sondern zwei Schüsse abge­geben worden seien, und daß die aufgesundene Kugel nicht das todbringende Geschoß gewesen sei, sondern daß ein zweiter Schuß abgefeuert worden sein müsse. Träfe das Sachverständigengutachten zu, dann läge nicht fahr­lässige Tötung, sondern wahrscheinlich Totschlag vor, der im Anschluß an eine voraufgegangene Auseinandersetzung erfolgt sein müßte. Gerichtschcmiler Universitätsprofestor Dr. Brüning ist aus Berlin nach Jannnowitz berufen worden.

Gräfin Erika, die Mutter des Verhafteten, und die Komteß Antonie wurden wieder eingehend verhört namentlich wegen der B r i e f e bie ü. der M or d n a ch t verbrannt worden sind. Die KrunmalpoUzel ist zu der Ansicht gelangt, daß die vernichteten Briefe durchaus harmloser Natur gewesen seien. Weiter hat die Ver- nehmuna der Gattin des ermordeten Grafen Eberhard und der ältesten Schwester des verhafteten Grafen Christian, der Gräfin Antonie, ergeben, daß Graf Christian sich ihnen in der Mordnacht nicht, wie es verschiedene Gerüchte be­haupteten, anvertraut hat. Gras Christian hat vor dem Untersuchungsrichter eine neue Darstellung der Umstande gegeben, unter denen der Schuh losgegangen sei. Diew Erklärung soll den Zweck gehabt haben, den Hergang deutlicher und verständlicher zu machen. Sie soll von seinen früheren Aussagen in mancher Beziehung abweichen und wird bei der weiteren Entwicklung der Untersuchung unter Umständen noch eine sehr wichtige Rolle spielen.

Landgerichtsrat Thomas, der Untersuchungsrichter in der Jannowitzcr Mordangelegenheit, mußte plötzlich in ein Sanatorium gebracht werden, wo er sich sofort einer Blinddarm operation unterziehen ließ. An seine Stelle tritt Landgerichtsrat Späthe, der früher Staats­anwalt am Hirschberger Landgericht war, als Letter der weiteren Untersuchung, die durch diesen Wechsel natürlich eine aewiste Verröaeruna erleiden dürfte.

Kmanzskandare.

Mecklenburgische Landwirte schwer geschädigt.

Zu einer aufsehenerregenden Skandalaffäre entwickelt sich die Geschästskrise in dem weit über Mecklenburgs Grenzen hinaus bekannten Getreidehandels­haus H. Josep hy (Rostock, Güstrow und Bützow), dessen Seniorchef, der Kaufmann HeinrichJoscphv, sich im Laufe der vorigen Woche erschoß Ans best» unterrichteten und beteiligten Kreisen erfährt der Berliner Lokalanzeiger über die Geschäftspraktiken der Firma (folgende Einzelheiten:

Durch umfangreiche K r e d i t g c w ä h r u n g e n an Kreye der mecklenburgischen Landwirtschaft hat sich die Handelsgesellschaft einen großen Kundenkreis zu er. werben gewußt und zum Teil durch Verträge gebunden, seinen gesamten Bedarf an Kunstdünger und dergleichen bei ihr zu beziehen. Schon feit längerer Zeit war cs ver­schiedenen Landwirten aufgefallen, daß h ü h c r e P r e i f e für Kali in Rechnung gestellt wurden, als der tatfädilicue I Wert der Sendung betrug. Durch diese unlauteren Machenschaften hatte Josephy bei jedem gelieferten Waggon einen Reingewinn von etwa 100 bis 150 Mark. Der Jahresumsatz betrug 400 bis 500 Waggons.

Vor kurzem hatte sich Heinrich Joscphy deswegen vor dem Schiedsgericht des Kalisyndikats zu verantworten, das über ihn eine Konventionalstrafe von 50 000 Mark verhängte und ihn außerdem verurteilte, den geschädigten Landwirten den entstandenen Schaden mit Zins unb Zinseszins zu vergüten. Nach seiner Rückkehr aus Berlin machte Josephy vermutlich in der Überzeugung bou der Unerfüllbarkeit dieser Forderungen seinem Leben ein Ende. Für die mecklenburgische Landwirtschaft ist der Zusammenbruch der Getreidefirma Josephy von unab­sehbaren Folgen, hat sich doch die Handelsgesell­schaft die von ihr erteilten Kredite hypothekarisch und auch durch Wechselsorderungen gesichert.

übereilter Selbstmord eines Bankiers.

Der Selbstmord des Inhabers des Bankhauses Scheer in Kehl, Georg Scheex, soll nach den bis­herigen Feststellungen im Zusammenhang stehen mit dem vor einigen Wochen erfolgten Ableben des im Ketzler Bezirk als Großkaufmann bekannten und fälschlich als Millionär angesehenen Ernst Kiefer. Scheer und Kiefer standen in Geschäftsverbindung. Bei der Regelung des Kieferschen Nachlasses ergaben sich wegen der An­sprüche der Erben finanzielle Schwierigkeiten beim Bankhaiise Scheer, die den Inhaber schließlich zum Selbstmord veranlaßten. Den Ansgang der zur Regelung der Angelegenheit mit Geschäftsfreunden angefnüpften Verhandlungen wartete Scheer nicht ab. Zwei Slundcn nach seinem Tode traf die Meldung ein, daß die Mittel zur Regelung der Angelegenheit zur Verfügung gestellt würden.

Beraubung eines Zeppeün-Posssackes?

Polarflug im März 19 3 0.

Ein wasserdichter Leinenpostsack mit einer 2 Meter langen rot-weitz-roten Schleife und einem kleinen Fähn­chen in den Farben schwarz-rot-gold mit aufgeklebtem Posthorn ist auf einem Acker außerhalb eines der östlichen Vororte Wiens, ausgeschnitten und leer, vorgefunden worden. Offenbar handelt es sich um einen vom Luft­schiffGraf Zeppelin" abgeworfenen Postsack, der nach dem Abwurf seines Inhalts beraubt worden ist.

Wie dieWiener Allgemeine Zeitung" ergänzend meldet, fand eine Gärtnersfrau in ihrem Garten in SimmerinL ein Postpaket, in dem sich ein Schreiben deS

Die Miuetmecrsahrt desGras Zeppelin".

deutschen Reichstagsprästdenten an den Bürgermeister Seitz befand. Es wird untersucht, ob das Postpaket aus dem ausgeschnittenen Postsack des LuftschiffsGras Zeppelin" stammt.

Bei dem Postsack soll es sich nach den letzten Meldungen um eine private Briefsendung aus dem Zeppelin ge­handelt haben.

Wie aus Moskau gemeldet wird, hat die Internatio­nale Gesellschaft zur Erforschung der Arktis de« Polar- flug mit demGraf Zeppelin" auf den März 1930 fest- gesetzt.Graf Zeppelin" soll in Leningrad starten und über die Arktis nach Nordamerika fliegen. Unweit Lenn» grads werden Werkstätten, ein Breurrstofflager unb et» Ankermast errichtet werden.