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ul-aer /lnzeiger

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Nr. 61 1929

r.

tZulda, Mittwoch, 13. März

6. Jahrgang

Schacht bei Hindenburg.

politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Die Reparationsbant.

Beratungen des Reichskabinetts.

Reichspräsident von Hindenburg empfing am Diens­tag den Präsidenten der Reichsbank, Dr. Schacht, der vor- mittags, von den Pariser Reparationsverhandlungen kommend, in Berlin cingetroffen war. Dr. Schacht be­richtete dem Reichspräsidenten über den Stand der Parise» Besprechungen und will alsbald nach Paris zurückkehren. Der Grund seiner kurzen Reise nach Berlin war eine familiäre Angelegenheit; seine Tochter verheiratete sich. Jedoch benutzte er den Aufenthalt, um auch eine Aus- spräche mit den Mitgliedern des Reichskabinetts herbei- zusühren, die in engeren Beziehungen zu der Sachver- Mudigenaussprache in Paris über dre Reparationen steht. In der Reichskanzlei wickelte sich eine mehrstündige Konferenz ab, an der außer dem Reichskanzler und dem Rcichsbankpräsidenten Reichssinanzminister Dr. Hilfer­ding und Reichswirtfchaflsministcr Dr. Curtius teil- nahmen.

Aus Amerika wird gemeldet, daß man in dortigen Bankkreisen der geplanten Internationalen Bank für Reparationszahlungen und zugleich einem Schieds ° g e r i ch t für Kriegsschuldzahlungen zustimme. Die Bank wird als ein weiteres Instrument des Weltfriedens an­gesehen. Der Plan, so ist der Wunsch, solle trotz dem ihm zurzeit entgegengebrachten Widerstande verwirklicht werden, und zwar so, daß die Reparationsbank gleichzeitig ein internationales Goldüberweisunashaus werden

Gesetz gegen die Landwirisnot. besondere Berücksichtigung Ostpreußens.

-Etz der letzten Sitzung des Retchskabinetts wurden die landwirtschastlichen Beratungen fortgesetzt. Die gemeinsamen Vorarbeiten der Reichsregierung und der preußischen Staatsregierung zur Behebung der besonderen Notlage in Ostpreußen stehen vor dem Abschluß, so daß mit baldiger Fertigstellung einer besonderen Gesetzes- Vorlage für diese Zwecke gerechnet werden kann.

*

Reichseinheitsorganisation der Landwirtschaft.

Im Verfolg der Beschlüsse der Kölner Bauerntagung vom 20. Februar 1929 und entsprechend den Kundgebun­gen in Westfalen faßten die Beauftragten der landwirt­schaftlichen Verbände von Rheinland und Westfalen (Bauernvereine und Landbünde) folgenden Beschluß:

Die Delegiertenkommission der Bauernvereine und Landbünde von Rheinland und Westfalen beschließt vor­behaltlich der Genehmigung der zuständigen Organe: In jeder der beiden Provinzen schließen sich Bauernverein und Landbund sofort zu einer provinziellen Einheits­organisation zusammen. Die Spitzenverbände in Berlin werden aufgefordert, alsbald sich zu einer E i n h e i t s - Organisation zu verschmelzen. Sollte bis $um 1. Oktober 1929 die geforderte Reichseinheitsorganisation nicht ins Leben getreten sein, so richten beide P r 0 v i n - zialeinheits 0 rganisationen unabhängig von den Spitzenverbänden an alle agrarpolitischen Vereini­gungen Deutschlands die Aufforderung, mit ihnen zwecks Gründung einer Reichseinheitsorganisation in Verbin­duna zu treten.

Gemer Achiffundeniao-Oebaite.

Das Washingtoner Abkommen.

Im Vcrwalwngsrat des Internationalen Arbeitsamtes M Genf übte der französische Gewerkschaftsführer Jouhaux in schärferer Weise als vorher der englische Gewerkschafts- mbrer Poulton Kritik an den englischen Anregungen auf Ein- «räIung, indem er wiederholt daraus hinwies, daß schon Üuicrzeit das Washingtoner Mkommen über den Achtstunden- w' der vorliegenden Form von der gesamten Arbeiterschaft och die Mindestleistung betrachtet worden war

Der deutsche ReichSarbcitsministcr Wiffell

'orte aus, Deutschland sei daran interessiert, daß das Abkom- wen möglichst klar gefaßt und in allen Ländern gleichmäßig ousgelegs und vurchgcsühri werde Deutschland habe seine Gc- Ui eedung den Anforderungen des Abkommens angepaßt und u> der setzten Zeit dem Reichstag den Arbeitsschutzgesetzentwurf Vorgelege per die letzten Hindernisse beseitigen soll. Wenn nach "'!! britischen Antrag die Revision eingeleitet werde, so wür- arau der deutschen Gesegebung große Schwierigkeiten er« 0 u Rao, den britischen Anträgen seien fast alle wichtigen .i.ugen des Abkommens neu zu untersuchen. Wenn ^U' ' äste Untersuchung zu einer Verringerung des sozialen Zolles führe, so wurde die deutsche Regierung einen solchen

. i11 aufrichtig bedauern Es genüge nicht, eine möfl» vollkommene Form des Abkommens zu haben, sondern es in erster Linie darauf an, daß es überall gelte. Unter '-ch n.den müsse der Haager Internationale Gerichtshof ent- ' beiden

Der deutsche Gewerkschaftsführer Müller

wies bei der Fortsetzung der Debatte am Dienstag darauf hin, 4, '?u»r sich mit Wissest nicht einverstanden Erklären. Der ^ 'Uge Aueroeg aus der schwierigen Lage sei die Ablehnung "lglUchen Antrages Dagegen schlug der polnische Regie- 'ch -rireier, Sokal, die Einsetzung eines Ausschusses des ,<mngèralcs vor. der den englischen Antrag über die ; J;- Uebe Frage der Änderung des internationalen ,ch,! kommens prüfen solle Der französische Arbeitgeber- f'-r, Lambert RiP 0 t. schlug die Einsetzung eines Ans- der internationalen Arbeilskonferenz vor, der eine A-f'^süchen soll. Der italienische Regierwngsvertreter <: lehnte den englischen Vorschlag ab.

könnte, woran die Zentralbanken der in Frage komtnenden Länder beteiligt sind, so daß die Verschickung von GoG in Zukunft überflüssig würde.

Internationale Währung?

InEngland steht man bekanntlich dem Plan einer Reparationsbank vorläufig noch ziemlich abwartend und auch etwas mißtrauisch gegenüber. So schreibt die Corning Post", finanzielle Kreise erwarteten die Be­kanntgabe näherer Einzelheiten. Die Veröffentlichung des Planes selbst sei erforderlich, wenn man begreifen solle, was eigentlich gemeint sei. Der Gedanke einer Art 6 b e r z e n t r a l b a n k, die für die Zentralbanken der einzelnen Länder ihrerseits als Bankier funktionieren würde, werfe einige sehr wichtige Fragen hinsichtlich der internationalen Regulierung der Geldwerte auf, denn die Machtbefugnisse und Funktionen einer derartigen Bank schienen ungefähr zu den gleichen Erwägungen zu nötigen, die sich an den Gedanken einer internationalen Währung knüpfen würden.

Vertrauensvoller ist man in Frankreich. Der halbamtlichePetit Parisien" wendet sich gegen die pessi­mistischen Auslassungen über den Stand der Konferenz­verhandlungen und schreibt, diese Gerüchte scheinen nach Auskunft aus bestunterrichteter Quelle nicht begründet zu sein. Die Sachverständigen setzten ihre Arbeit in der gleichen Atmosphäre der Sympathie fort wie zu,Beginn der Verhandlungen. Die Schwierigkeiten, die sich aus einem Mißerfolg ergeben würden, würden gewiß viel größer sein als die, die zu überwinden seien.

Noisiagung in Berlin?

Der Völkerbund auf Reisen.

Ein Pariser Blatt glaubt mitteilen zu können, de" bekanntlich im Juni in Madrid tagende Völkerbund!»», werde von jetzt ab jährlich mindestens eine Tagung außerhalb von Genf stattfinden lassen. Es stehe schon fast fest, daß der Völkerbundrat sofort nach der Erledigung ^er Reparationsfrage eine Tagung in Berlin abhallen soürbe. Später würde er dann in Prag oder einer andern Hauptstadt der Kleinen Entente tagen. Frankreich habe ersucht, den Völkerbundrat im Jahre 1930, bei de*- Jahrhundertfeier der Eroberung Algeriens, mit den» Völkerbund nach Algier einladen zu dürfen.

General Moiors kaufen Opel.

Massenproduktion von Kleinautos.

In den Opel-Werken in Rüsselsheim weilt seit einigen Tagen der Generaldirektor der amerikanischen General Motors Corporation mit einem Stab von Sachverständigen, um eingehende Untersuchungen und Prüfungen in dem Werk vorzunehmen. Jetzt lomm< die Nachricht, daß die notarielle Festlegung des Verkaufs' oer Opel A.-G. an die General Motors erfolgt sei. Mari nennt eine Kaufsumme von 125 Millionen Mark. Damit

Die Opel-Werke in Rüsselsheim, vom Flugzeug aus ausgenommen.

würde der Übergang der größten deutschen Automobilfabrik an das größte amerika- Nische Kraftfahrwerk vollzogen sein. Wie weiter verlautet, soll nach der Umstellung hauptsächlich die Massenherstellung des Opel-4-?8-Wageus betrieben wer- den, der nach einigen Verbesserungen und Umänderungen zu einem herabgesetzten Preise von 1800 Mark als das Kleinauto des deutschen und europäischen Automobil­marktes herausgebracht werden soll.

Wie von anderer Seite verlautet, sind die Verhand­lungen nochnichtvölligabgeschlossen, sondern bedürfen noch der Bestätigung des Präsidenten der General Motors, die aber demnächst erfolgen dürste.

Kleine Zeitung für eilige Leser

* Der von der Pariser Reparalionskonserenz vorübergehend nach Berlin zurückgekchrle Rciebsbankpräsideni Dr. Schacht er­stattete dem Reichspräsidenten und dem Rcichskabinett Bericht

* Wie gemeldet wird, soll der Plan bestehen, demnächst eine Tagung des Pölkerbundrales in Berlin abznhal'en.

* In England gehl man mit dem Plan um, den Prinzen von Wales als einzigen Regenten an Stelle des kranken Königs einzusetzen.

Fälscher Orlow wird ausgewiesen.

Das Berliner Polizeipräsidium teilt mit, daß der Vertreter des russischen Staatsrates Orlow, der die gegen Rußland gerichteten politischen Dokumente gefälscht hat, den Antrag gestellt hatte, Orlow aus der Haft zu ent­lassen oder ihn dem Richter vorzuführen. Daraufhin ist Orlow mitgeteilt worden, daß er ausgewiesen und nötigenfalls auf dem Wege des Zwangstranspories an die Grenze gebracht werden wird. Orlow hat die Mög­lichkeit, dagegen Beschwerde einzulegen, bleibt aber vor­läufig in Haft. Gleichzeitig soll dem Staatsrat Orlow eröffnet worden sein, daß er sich innerhalb der Frist von einer Woche um ein Visum zur Einreise in ein anderes Land bemühen solle. Wenn es ihm nicht gelinge, ein der­artiges Visum zu erhalten, so stehe die Ausweisung bevor.

Großbritannien.

Der Prinz von Wales Regent?

Tas englische Kabinett prüft die Frage, ob der Regentschaftsrat, der seit der Erkrankung des Königs die Funktionen des Monarchen ausübt, durch den Prinzen von Wales als persönlichen Regenten ersetzt werden soll. Diese Umwandlung der Regentschaft wird befürwortet, weil die Ärzte die völlige Schonung des Königs auf ein halbes Jahr verlangen, und dann, weil der Regentschafts­rat in der Person des Premierministers ein politisches Mitglied besitzt, das durch Wahlen und Regierungsnieder­lage außer Funktion treten könnte.

Aus In- und Ausland

Berlin. Der Gesetzentwurf über die Gründung einer Hafengemeinschafl zwischen Hamburg und Preußen mit dem dazugehörigen Siaatsvertrag ist dem Staatsrat zur gutachtlichen Äußerung zugegangen.

Berlin. Der evangelische Oberkirchenrat wendet sich in einem Schreiben an den preußischen Ministerpräsidenten da­gegen, daß die Regierung die Konkordatsverhand­lung e u mit Rom fortsetze, die Verhandlungen mit der evan­gelischen Kirche dagegen nicht fonführc.

Hamburg. Mit Rücksicht auf die wegen der Ereigniss« in Wöhrden erlassenen Versammlungsverbote hat sich der Senat entschlossen, auch sür das hamburgische Staatsgebiet alle Versammlungen und Umzüge unter freiem Himmel sowohl der Nationalsozialisten als auch der Kommunisten bis auf weiteres zu verbieten.

Genf. Die 27. Internationale Friedenskonferenz wird vom 26. September bis 3. Oktober d. I. in Athen ftatt- finden.

Brüssel. Das Antwerpener Gericht verurteilte den durch die Utrechter Kriegspaklenthüllungen bekanntgewordenen Frank-Heine und die ZeitungNeptune" zu gemeinsamem Schadenersatz von 1000 Frank. Frank-Heine hat in diesem Blatt einen Roman von Conan Doyle plagiiert, wogegen dieser Klage erhoben hatte.

Paris. Der Pariser Universttätsprosessor und Politiker Ferdinand Bouisson, der Träger des Friedensnobel­preises, hat den Betrag von etwa 50 000 Mark dem Französischen Staat überwiesen. Dieser gründet eineStiftung Ferdinand Bouisson", aus der besonders Schulen unterstützt werden sollen, um das Volk mit der Tätigkeit des Völkerbundes be» tanntzumachen

Rom. Das Amtsblatt veröffentlicht eine Verordnung, durch die einige Haager Konventionen über die Frage bei internationalen Privalrechts, die zwischen Italien und Deutschland abgeschlossen wurden, in Kraft gesetzt werden.

Belgrad. Das lugoslawische Jnuenministerlum hat die Auflösung der OrganisationenOrjuna",Srnao" und Hanao", d. h. der lugoslawischen, serbischen und kroatischen nationalen Jugendorganisationen ungeordnet In Belgrad wurden die Vereinslokale der Orjuna und der Srnao von der Polizei gesperrt und die Archive beschlagnahmt

Newyork. Aus Washington wird gemeldet, daß man bort in politischen Kreisen der Ansicht ist, daß der Beitritt der Ver­einigten Staaten zum Weltgerichtshos unter Bedingun­gen. die der amerikanischen Auffassung entgegenkommen, nur noch die Frage weniger Monate ist.

Peking. In der Provinz Kansu ist ein mohammedanischer A u s st a n d ausgebrocken. Die Vertreter der Nanlingregierung sind mit dem Generalgouverneur Li gestürzt.

Der Vorsitz im Wirtschaftsenqlle teausschutz.

Berlin. Nachdem Rechtsanwalt Klemens LammerS des Vorsitz ves Ausschusses zur Untersuchung der ErzeugungS- und Absatzbedingungen der deutschen Wfttschast niedergelegt hat. hat die Reichsregierung beschlossen, Reichsminister a. D. Dr. Dernburg zum Vorsitzenden des Ausschusses zu bestellen. Minister a D. Dernburg hat sich grundsätzlich zur übernahm^ dieses Amtes bereit erklärt, aber den Wunsch ausgesprochen, vor seiner endgültigen Entschließung noch wegen deS Programms für die Beendigung der Arbeiten mit dem Aus­schuß ins Benehmen treten zu können. Der Reichswirtschafts­minister Hai daher nach erfolgter Fühlungnahme mit dem er­weiterten Präsidium des Ausschusses Minister a. D. Dernburg naniens der Reichsregierung zunächst mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Vorsitzenden betraut.

Vier Personen vom Else erdrückt.

Amsterdam. In der Gemeinde Wäret am Waal ereig­nete sich beim EiStreibcn ein schweres Unglück. Die Nachricht, daß das Eis in Bewegung käme, hatte die Bewohner mehrerer Dörfer nach dem Fluß gelockt. Hunderte standen auf dem Damm und sahen zu, wie der Eisbrecher dis Eisdecke durch­brach. Plötzlich erscholl Angstgeschrei. Die Menge drängte zu-« rück. Ein riesiger Block hatie sich über den Daniin geschoven.' Eine ganze Familie, eine 68jährige Frau mit ihren beiden Kindern und ein Kaufmann, wurden von den EiSmaffen mit« gerissen. Drei Leichen wurden geborgen. Sie hatten schwere Verwundungen am Kops und sind wahrscheinlich vom EiS er­drückt worden. Das vierte Opfer hatte der Strom mitgerisse».