Zul-aer Anzeiger
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Nr. 54 — 1929
Fulda, Dienstag, 5. März
6. Jahrgang
Neue Sensationen um Utrecht
Die Verhaftung des angeblichen Sokumenlenfälschers.
Der Lebensroman eines Abenteurers.
Auf dem Brüsseler Hauptbahnhof ist der Belgier Albert Frank-Heine verhaftet worden, der im Verdacht steht, d'e vom „Utrechter Tageblatt" veröffentlichten Doku- mente über ein französisch-belgisches Militärabkommen gefälscht zu haben. Die Festnahme erfolgte in dem Augenblick, als Heine aus dem Amsterdamer Schnellzug stieg Die Fra« Heines, die ihn auf dem Bahnhof erwartete, würd» ebenfalls festgcnommen, später aber wieder auf freien Fuß gesetzt Frank-Heine soll die Fälschungen zugegeben haben. Gleichzeitig mit ihm sind auch zwei Pamensührcr festgenommen worden.
Frank-Heine wurde sofort nach seiner Verhaftung einem eingehenden Verhör unterworfen. Nach anfänglichem Leugnen legte er folgendes Geständnis ab: Er habe das Dokument nicht an eine holländische Gruppe, sondern an einen französischen Journalisten verkauft, der es dem „Utrechter Tageblatt" weitergab. Das Dokument sei in allen Teilen gefälscht. Er habe sich dazu eines alten Vertrages bedient, den zwei Staaten, zu denen aber weder Belgien noch Frankreich gehörten, vor dem Kriege abgeschlossen hätten. Er habe im alten Text nur gering- tägige Änderungen vorgenommen und ihn so auf den Fall Belgien-Frankreich zurechtgestuyt. Die Protokolle über die Generalstabsverhandlungen habe er im 'Anhang zu diesem alten Vertrag gesunden.
Der Verhaftete hat, wie das Pariser „Journal' zu melden weiß ein sehr bewegtes Vorleben. Im Jahre 1914 trat er in die deutsche Marine ein, desertierte in Buenos Aires und begab sich nach England. Nachdem er dort sechs Monate Gefängnis wegen Diebstahls verbüßt hatte, wurde er ausgewiesen und er kehrte nach Belgien zurück. Er wuE4^âoMzier im belgischen Heere, späte. über als Deutscher entlarvt und interniert. In Frankreich wurde er wegen Fälschung und Betrugs bestraft und reiste darauf nach England. Nach Verbüßung einer weiteren Gefänq- nisstrafe wurde er zum zweiten Male ausgewiesen. Nach zahlreichen anderen Abenteuern wurde er von der Antwerpener Zeitung „Neptuna' angestellt. In Antwerpen habe er das Wohlwollen eines kürzlich verstorbenen Generals gewonnen, bei dem er sich die Papiere habe verschaffen können, die ihm später die Herstellung der gefälschten Dokumente ermöglichten.
I sondern die späteren Abmachungen. Und dann — die Enthüllung und restlose Klärung derartiger politischer Skandale ist immer ober sehr oft mehr als zweideutig; man lobt vielleicht die Tat aber verurteilt ben Täter -— ober auch das nicht. So mag man sich daran erinnern, daß nichts darüber in die Öffentlichkeit gedrungen ist ob z. P. die an dem Bekanntwerden des englisch-französischen Marineabkommens angeblich ober wirklich Schuldigen je bestraft worden sind. Nach dieser Richtung hin sind vom Alterimn bis in die neueste Zeit die seltsamsten Dinge geschehen
In Deutschland hat man übrigens überwiegend auch an die Echtheit der Dokumente geglaubt, die im Utrechter Tageblatt veröffentlicht wurden hât sich aber dann, wenigstens amtlichcrseits, mit den offiziellen Dementis der drei in Frage kommenden Regierungen zufrieden gegeben. Trotz dieser zweiten Sensation ist das deutsche Mißtrauen längst noch nicht beseitigt, da ja — was man nicht ver» gossen bars — ein Teil der in den Dokumenten gemachten militärischen Vorschläge bereits nusgefübrt ist, so vor allem Eisenbabnbauren, gemeinsame Manöver usw. Und man sann dieses Mißtrauen objektiv auch verstehen, wenn einer
Rheinlandräumung selbst zu den vertraglich festgesetzten Terminen immer neue Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Fälschungen von Dokumenten sind das Unoriginellste in der Geschichte-, denn ihre Zahl ist Segionr und oft haben sie sich so lange als ..Wahrheiten' behauptet,
bis der mit der Vas für einen
Fälschung beabsichtigte Hweck erfüllt war. politischen Zweck aber diese wirklichen oder
angeblichen Fälschungen neuesten Tatums eigentlich haben sollen, ist vorläufig gar nicht zu verstehen. Das sollte erst die Untersuchung ans Tageslicht fördern. Wenn nicht ein rein materieller Zweck dabei besteht.
Um eines jedenfalls, ob Fälschung oder nicht, ist die Welt aber „bereichert' worden: um eine geradezu .erstklassige' politische Sensation.
Eine Erklärung des »Lltreckier Tageblattes'-
Das „Utrechter Tageblatt" veröffentlicht eine Erklärung. derzufolge weder die Direktion noch irgendein Mitglied der Redaktion oder des Personals des Blattes jemals unmittelbar oder mittelbar irgendwelche Verbindung mit einer der in Brüsiel in der Angelegenheit der von dem Blatt veröffentlichten Geheimdokumente verhafteten Personen gehabt hat. Das „Utrechter Tageblatt" habe außerdem, wie von anderer Seite behauptet wurde, für diese Dokumente niemals auch nur einen Cent bezahlt.
Die Eröffnung der Genfer Ratstagung
Erste Fühlungnahme in Genf.
Die Frage bi Minderheiten.
Mit einer vertraulichen Sitzung begann Montag die 54. Tagung des BölkerbundrateS in Genf. In dieser Sitzung wurde beschlossen, dem Antrag Rumäniens und Ungarns auf Vertagung des zwischen den beiden Regierungen entstandenen Optantenstreitfalles ftattzim he«. Zu dem l i t a u i s chen Antrag aufHinzuziehung zu bet grundsätzlichen Erörterung deS Minderheitenproblems wurde der Beschluß gefaßt, ein kleines Juristen» k 0 m i t e e einzusetzcn, das die von Litauen aufgeworfene Frage einer Vorprüfung unterziehen soll. Der litauische Vertreter Zaunius wird die Forderung seiner Reg erung vor diesem Komitee begründen. Aus südslawischer Seite besteht ein in gleicher Richtung gehender Wunsch. Die Stellungnahme des Juristenkomitees dürste bald bekanntgegeben werden, so daß unter Umständen mit der allgemeinen Aussprache über das Minderheitenproblem auf Grund des kanadischen und des deutschen Antrages
Kälschung oder nicht?
Igisch-französischen dings nur, soweit
Nun soll alles, was über den bett
Kriegspakt veröffentlicht wurde — allerd „ . .
es sich dabei um Vereinbarungen der beiderseitigen Generalstäbe einschließlich der Mitwirkung eines englischen Militärbevollmächtigten handelt — von Anfang bis zu Ende eine große, grobe Fälschung sein und der Täter sei verhaftet? Man weiß nicht welche Sensation
größer ist, die jetzige oder jene wie eine Bombe einschlagen- den Veröffentlichungen im „Utrechter Tageblatt". In Holland jedenfalls, aber auch in Deutschland und sonst in den meisten Ländern — außerhalb Englands, Frankreichs und Belgiens natürlich — glaubte jedermann an die Echtheit dieser Dokumente. Trotz aller amtlichen Dementis, die von der Londoner, Pariser, Brüsseler Re- Mcrnng losgelassen wurden, weil man schon allzuoft die Erfahrung gemacht hat, daß amtliche Dementis — kurze Beine haben.
Nun ist ein irgend jemand, dessen Vorleben von ebenso bemerkenswerter Buntheit wie Vorbestraftheit ist, von den belgischen Behörden in einem Augenblick verhaftet Worden, da er doch eigentlich alle Ursache hätte, den belgischen Boden zu meiden. Und er erklärt, der Fälscher dieser Dokumente zu sein, die hernach in jenem Hollan- bischen Blatte veröffentlicht wurden. Er habe sie an ein -Wttglieb der flämischen Bewegung in Belgien verkauft — unn da möchte man mit Goethes „Faust' sagen: „Hier ich schon'. Der neuerwachte flämische Aktivismus mach» der Brüsseler Regierung einiges Kopfzerbrechen; wute . . .? und daß gerade der Redakteur des wichtigsten siamischen Blattes der Mittelsmann nach Utrecht hinüber gewesen sein soll, gibt auch allerhand z« denken und zu Bedenken. Daß bei dem „Geständnis' dieses Mannes mit überaus dunklen Vergangenheit auch eine angebliche putsche Spionagezentrale in Mülheim, der et die Doku-- mwe, allerdings vergeblich, gleichfalls angeboten haben gn. , genannt wird, hat die nicht anders zu erwartende „^klmg ansgelöst, daß nun die belgischen, französischen
Blätter übcrDeutschlandherfallen und es ficfi ^" eigentlich Schuldigen bei der ganzen Affäre bar« (Sion — obwohl ja dieser sogenannte Täter gerade das ^enteil aussagt.
manchem andern, was an Ausfälligern, an ^.„gezeichen bei dieser mysteriösen Geschichte besteht, kann dx011^ an der Seltsamkeit nicht vorübergehen, E r A r Entdeckung des'Täters wenige Stunden vorder ß,,’f‘nung der Versammlung des Völker- aps^ d r a t e s in Genf erfolgte, wo ja auch diese An- ^.^g^nheit nicht unerörtert geblieben wäre, wenn . . . U°^w°nn sie nicht auf alle Fälle, gleichgültig, ob bei der g.s^unhung etwas herauskommt oder nicht — politisch
begonnen werden könnte.
Der deutsche Außenminister Dr. Stresemann empfahl in einem kurzen Bericht dem Rat die Einberufung des beratenden Wirtschaftsausschusses des Völkerbundes zum 6. Mai d. I und verlas anschließend einen längeren Bericht über die internationale statistische Konferenz, die im Herbst des vorigen Jahres in Genf getagt batte. Zum Schluß berichtete der italienische Senator Scialosa über die Ratistkationen der Abkommen, die unter der Aufsicht des Völkerbundes abgeschlossen worden sind. Der I u r i st e n a u s s ch u tz, der den Antrag der litauischen Regierung auf Hinzuziehung zu den Minderheitenverhandlungen des Völkerbundrates prüfen soll, besteht aus folgenden Juristen: Sir Cecil
Hurst-England, Ito-Japan, Botella-Spanten, Ptlottt- Jtaliem
Stresemann und Briand.
Montag nachmittag oder Montag abend sollten die ersten privaten Besprechungen zwischen den Außenministern und Diplomaten der einzelnen Mächte beginnen. Zunächst sollen die deutschen und die englischen Abordnungen sich begegnen. Eine Unterrebnna zwischen Dr. Srre s e m a n n und Briand war in Betracht ge- zogen Man nahm an, daß dabei auch die Utrechter Enthüllungen über den angeblichen Geheimpakt Frankreich- Belgien zur Sprache kommen würden.
Unter dèn interessanten Gästen der Ratstagung be- sindet sich auch der polnische Politiker Korfanty, der bekanntlich die Verhaftung des Geschäftsführers des Deutschen Volksbundes U l i tz, verurteil» hat. Korfanty wohnt im Hotel der polnischen Delegation. Der japanische Nntcrgeneralsekretär Sugimuri veranstaltete einen Tee. an de^t Dr. Stresemann der spanische Botschafter Quinones de Leon und der finnländische Außenminister Proeope teilnahmen. Im Verlaufe einer Unterredung wird die Frage einer Ratstagung in Madrid im Juni zur Sprache gelangen.
worden sind. Der
Das Minderhettenproblem.
Es ist möglich, daß schon am Dienstag ein'- Mind-r- beitendebatle mit der Rede Stresemanns begmnt, wenn bis dahin der deutsche Außenminister mit Briand und Chamberlain Rücksprache hat nehmen können Es besteht der Eindruck, daß man sich auf deutscher Seite auf mündliche Darlegungen in bezug aus die Minderheiten beschränken will die mehr den Charakter einer öffentlichen Kundgebung tragen sollen.
in e^iT" tot und begraben ist. Theoretisch wäre sie es fint*f ? uur, wenn sich Frankreich-Belgien nun endlich 'chcyließen würden, den Geheimpakt des Jahres bei^uverö" ----- '
1 der aamen
f f e n t l i ch e n; Affäre gar nicht
; aber dieser Pakt war ja jt der ivrinaende Punkt.
Die Pariser Besprechungen.
Paris. Der Ausschuß der ReparalionssachvcrstLndigen hat am Montag eine Sitzung abgehalten. in der im Namen der Unterausschüsse Lord Rewelstoke (England) über das Problem der Kommerzialisierung und Mobilisierung und Str Fosia Stamp (England) über die Arbeiten des Trans»er- ausschusses und Perkins (Amerika) über das SachlieferungS- problem Bericht erstatteten. Eine eigentliche Debatte über diese Berichte fand nicht statt. - Die nächste Vollsitzung deS Sachverständigenausschuffes ist auf Mittwoch anberaumt. Die drei Unterausschüsse haben den Auftrag erhalten, rn- ewischcn zu prüfen, inwieweit die von ihnen ins Auge gefaßten Organisationen in einer einzigen Organisation zu- sammcngefaßt werden können.
Kleine Zeitung für eisige Leser
♦ Die 54. Tagung ves VölkerbundratS wurde Montag in Genf mit einer geheimen Sitzung eröffnet.
* In Brüssel wurde der Belgier Frank-Heine verhaft««. Er soll die vom ,Utrechter Tageblatt' veröffentlichten Dokumente angeblich gesälfchi haben.
* Der neugewählle Präsident der Bereinigten Staaten, fi>oover, übernahm am Montag unter großen Feierlichkeiten ein Amt.
* In Mexiko ist abermals eine Revolution auSgebroche«, die anscheinend weite Ausdehnung gewinnt und überall ernsthaft aufgefaßl wird
Kosver übernimmt die Präsidentschaft.
Jubel tn Washington.
Montag mittag 12 Uhr (6 Uhr abends mitteleuro- " ' ' gewählte Präsident der
a, Hoover, sein Amt.
Montag mittag ui
päischer Zeit) übernahm der neug. Vereinigten Staaten von Amerikl., „----- Der Kongreß der Union versammelte sich im Sitzungssaal des Senats im Gegenwart des scheidenden bisherigen Präsidenten Coolidge und des neuen obersten Beamten Hoover, des gesamten Kabinetts und des Diplomatischen Korps. Die Übernahme des hohen Amtes erfolgte unter den üblichen Zeremonien und entsprechenden Rede« der
beteiligten Politiker. , _.
Die Vereidigung Hoovers erfolgte vor dem Eingang zum Parlament im Angesicht der zahllosen Zuschauer durch den früheren Präsidenten Taft. Hoover fuhr mit feiner Frau nach der Vereidigung ins Weiße Haus. Ex- präsident Coolidge reifte alsbald mit Familie nach Rort- Hampton (Massachusetts) ab. Truppenaufmärsche, ofsent- liche Konzerte, Feuerwerk und sonstige festliche Veran- staltungen schlossen den Tag ab. Die Stadt war reich beflaggt und Hallie wrdèr vom Jubel der herbergestromteu Menschenmassen.
Russische Dokumentenfälscher in Berlin verhaftet.
Die Berliner Polizei hat eine Anzahl Leute verhaftet, die eine g e g e n die Sowjetregierung arbeitende Fälscher- zentrale eingerichtet hatten und falsche politische Aktenstücke herstellten, die im wesentlichen erfundene Behauptungen über die Sowjetregierung enthielten. Das Oberhaupt war ein früherer russischer Staatsrat namens WladimirOrlow; ihm unterstanden ein früherer Angestellter der ukrainischen Sowjetvertretung in Berlin namens Sumarokow, ein Baron Serjij Küster und ein junges Mädchen aus Berlin als Stenotypistin. Ein amerikanischer Juornalist namens Knickerbocker, dem gefälschte Papiere angeboten wurden, überlistete die Falscher und erstattete Anzeige bei der Polizei, so daß sie die obengenannten Personen verhaften konnte. Das junge Mädchen wurde wieder entlassen .
Die Fälscher wußten vor einem Jahre unechte Doku mente in der amerikanischen Öffentlichkeit zu verbreiten, nach denen die Senatoren Borah und Norris angeb lich für Durchführung einer sowjetfreundlichen Propa aanda in Amerika jeder 100 000 Dollar erhalten und darüber quittiert hätten. Jetzt sollten ähnliwe Manipulationen versucht werden. Dabei erfolgte die Grttlarvnng «nd Verhaftung.