M-aer Anzeiger
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Nr. 3 — 1929
Fulda, Freitag, 4. Januar
6. Jahrgang
Winterstürme überall.
Der Tod im Ltngewüier.
87 Tote in Japan.
Die Nordwcstküste von Japan wurde von einen» Ctiatt und einer dadurch hervorgerufenen Springflut heirngesucht. In den KüstenstSdten des Bezirkes Niigata wurden Hunderte von Häusern zerstört und sortoe- schwemmt. 56 Personen kamen ums Leben, viele sind verletzt. Die telegraphischen und telephonischen Verbindungen sind unterbrochen. Der Dampfer „Toyotomi Marn* ist untergegangen. 31 Mann seiner Besatzung sind ertrunken oder wurden erfroren aus dem Meere aufaefischt. Vier Mann konnten lebend geborgen werden. [ '
Der Vulkan Asosan im Mittelpunkt der Insel Kiuschiu der vielleicht der größte Feuerberg der Welt ist, hat Zeichen einer neuen Tätigkeit gegeben. Es wurde ein starkes Erdbeben auf der ganzen Insel gespürt, dessen Zentrum 40 Kilometer nördlich von dem Asosan lag.
Von der Eisscholle gereifte
Sämtliche auf einer Eisscholle in den Peipussee ge» irreLenen Fischer sind geretet worden. Sie haben nur durch die Einwirkung der Kälte gelitten.
Schnee über Österreich
Der in ganz Österreich fast ununterbrochen anhaltende «Schneefall ries im südlichen Teil des Landes bereits «le»» zügerungen im Zugverkehr hervor. Im Wiener Stadtverkehr ergaben sich vorübergehend Schwierigkeiten besonders durch mehrfache Entgleisungen von Straßen. &K™n- Auch erlitt eine größere Anzahl von Passanten nnsMe.
Zwei Todesopfer der Gchneeböe.
. ^" ^ holsteinischen Ostseeküste bei Dahme hat sich ein schweres Bootsunglück ereignet, dem zwei Fischer 3um C p f e r fielen. Die Besatzung eines Fischer- bootes war damit beschäftigt, die vom Sturm abgetriebe- »e$eye zu bergen, als das Boot etwa 200 Meter von.- r entfernt in einer heftigen Schneeböe kenterte Zwei der Insassen konnten sich so lange an dem umgeschlagenen Boot festhalten, bis Rettung kam, während die Fischer Höppner und Max Vogt in den Fluten den Tod fanden
Sachverständige W Reparations- : konferenz.
Deutsche Vertreter.
Dem Vernehmen nach sind für die im Februar bevorstehende Reparationskonferenz als deutsche Hauptvertreter vorläufig in Aussicht genommen: Reichsbankpräsident Schacht und der Mitinhaber des Hamburger Bankhauses Marburg, Melchior, als ihre Ersatzmänner Staatssekretär a. D Bergmann, jetzt Mitinhaber des Frankfurter Bankhauses Speyer, Elliffen u. Co., und der Generaldirektor der Vereinigten Stahlwerke, Sögeler. Daneben sollen für Einzelfragen besondere Sachverständige ernannt werden. Von der Bildung einer allzu umfangreichen Kommission will man absehen.
Die französischen Sachverständigen sind jetzt amtlich ernannt worden. Die Wahl ist auf den Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau, und den ehe-- maligen Ministerialdirektor im Finanzministerium, Parmentier, gefallen, der an der Konferenz über den Dawes-Plan im Jahre 1924 teilgenommen hat.
Über das Ausmaß und die Nominierung der amerikanischen Beteiligung an der Konferenz wird voraus- Pchtlich bei der Zusamnienkunft des jetzt in Amerika ein» getroffenen Reparalionsagenten Parker Gilbert mit dem neuen Präsidenten Hoover und mit Coolidge entschieden werden.
Das Handelsamt der Vereinigten Staaten veröffentlicht den Bericht des Handelsattaches des amerikanischen Generalkonsulats in Berlin über die deutsche Wirtschaftslage im zweiten Halbjahr 1928. Dieser Bericht ist weit weniger optimistisch gehalten als der Bericht Parker Gilberts. ■
Aman Wahs Bebrängmffr.
Zugeständnisse an die Aufständischen.
Die vielfachen Siegesmeldungen aus Kabul müssen immerhin noch mit vieler Vorsicht ausgenommen werden, und von einer Unterwerfung der Aufständischen unter bett Willen des Königs kann kaum die Rede sein. Die Mutter des Königs Aman Ullah ist aus Kandahar nach Kabul zurüügckchrt. Sic erstattete ihrem Sohne Bericht über ihre Verhandlungen mit den Führern der Aufständischen, die einen Frieden mit ihrem Sohn abgelehnt haben. Do- mü ist zu erwarten, daß die Kämpfe bald wieder ausgenommen werden.
In Allahabad hat das plötzliche Verschwinden des Prinzen Mohammed Omar Khan, eines Mitgliedes der , afghanischen Königsfamilie und Rivalen Aman Ullays, großes Aussehen hervorgerufen. Der Prinz befand sich unter Bewachung auf britischem Gebiet und hatte nicht die Erlaubnis, die Stadt zu verlassen.
Der König soll den Aufständischen folgende Zugeständnisse gemacht haben: Schließung der Mädchenschule in Kabul die von den Gegnern der Frauenausbildung als schwerer Anstoß empfunden wurde. Wiederherstellung des Freitags als Ruhetag in Übereinstimmung mit dem mohammedanischen Glauben, ausreichende Vertretung der Mullahs und der Stammeschefs sowie der Militär- gouverneure in einer neuzuschassenden gesetzgebenden Versammlung.
Wölfe und Unwetter in Spanien.
Über Saragossa ist ein schweres Unwetter niedergegangen. Telegraphen- und Telephonverbindungen sind unterbrochen, die elektrischen Leitungen zerstört. Infolge zahlreicher Kurzschlüsse erlitten mehrere Personen Brandwunden. Ein zwölfjähriges Mädchen wurde durch einen elektrischen Schlag getötet.
In diesem Jahre ist die Wolfsplage in den nördlichen Gebirgszügen besonders groß. Rudelweise brechen die Tiere nachts in die Dörfer ein und richten großen Schaden unter dem Kleinviehbestand an.
Frankreich im Schnee
Aus zahlreichen Gegenden Frankreichs werden starke Schneefälle gemeldet, die in den Pyrenäen zu einer 50 Zentimeter dicken Schneedecke geführt haben. Der Verkehr auf den großen Landstraßen ist dadurch stark behindert. Von zahlreichen Orten werden Schäden an elektrischen und telegraphischen Leitungsnetzen berichtet. Die Küste ist von schweren Unwettern heimgesucht worden, die schon zahlreiche Schiffsunfälle verursacht haben.
Platzregen und Hagel in Italien.
Während in Norditalien, dem Apennin und den Abruzzen starker Schneefall herrscht, wurde Mittelitalien von einem wahren Platzregen heimgesucht, über Rom ging ein schweres Gewitter mit H a g e l s ch l a g nieder. In Pisa fiel der Hagel so dicht, daß er auf den Straßen mehrere Zentimeter hoch liegenblieb. Tie Hagelkörner waren teilweise nußgroß. Die starken Niederschläge hatten ein bedeutendes Steigen der Flüsse zur Folge. Der Tiber erreichte einen Wasserstand von dreizehn Metern, so daß unterhalb Roms alles überschwemmt ist.
In den Banden des Frostes.
In Dänemark ist strenge Kälte eingetreten. In Nordschleswig ist das Thermometer am tiefsten in Herning gefallen, das 10 Grad Kälte zu verzeichnen hat. Diese niedrigen Temperaturen werden durch den Rordostwino bedingt, der kalte Luftmassen aus Mittelschweden mit sich bringt. In Sarne in Mittelschweden wurden 21 Grad unter Null gemessen. Nach Meldungen aus Oslo bat auch in Norwegen starke Kälte eingesetzt.
Landesverrat und Ae chsre^i.
EineDenkschristdesReichsjustizministcrS.
Dem Strafrechtsausschuß des Reichstages ist durch den Reichsjustizminister Koch- Weser eine bei der Reichsanwaltschaft bearbeitete Denkschrift über den Landesverrat in der Rechtsprechung des Reichsgerichts zugegangen. Die Denkschrift enthält die wichtigsten Reichsyerichtsentschei- dungcn zu den einzelnen Materien Es wird in ihr unter anderem das Verhältnis des Versailler Vertrages zu den Landesverratsdelikten untersucht. Die Denkschrift vernein, die Annahme, daß der Versailler Vertrag irgendwelche Veränderungen gegenüber dem Landesoerratsparagraphen des deutschen Strafgesetzbuches geschaffen habe, da das Recht der Selbstverteidigung Deutschlands im Notfälle unangetastet geblieben sei. Dieses Recht der Selbstverteidigung sei auch bei den Abmachungen von -Locarno 1925 und im Koblenzer Abkommen von 1916 nicht beschränkt worden.
Der letzte Retteroffizier von Vionville t»
Generalmajor Franz von Schmidt, der lerne Reiteroffizier aus der Attacke von Vionville (16 Anglist 1870), ist in BerliN- Zehlendorf kurz vor Vollendung des 87. Lebensjahres gestorben.
Kleine Zeitung für eilige Leser
* Das plötzlich mit Schnee und Stürmen einsetzende Winter« wctlcr hat besonders in Süd- und Westeuropa schwere Schäden und Verkehrsstörungen hcrvorMrufen.
* Freitag verhandelt das französische Kriegsgericht gegen die in der angeblichen Mainzer èplonageaffäre verhafteten deutschen Beamten.
* König Aman Ullah hat einen grossen Teil der von ihm angeorbneten Reformen in Afghanistan zurückgezogen, um mit den Aufständischen zu einer Verständigung kommen zu können.
* Die Nordwestknste Japans wurde twn einem Orkan und einer Springflut heimgesucht. 87 Per» men wurden getötet.
Gefahr im Verzüge.
Das Echo des Gilbert-Berichtes.
> Hoffentlich ahmt man in Deutschland nun nicht etwa Den Optimismus des Herrn Parker Gilbert nach, macht in ebenso rosenrotem Optimismus hinsichtlich der Weiterentwicklung der Revision des Dawes-Planes: daß wir dabei irgendwelches Entgegenkommen, irgendwelche Nachgiebigkeit von der anderen Seite her erfahren werden. Ob in Paris oder Brüssel, ob in London oder Washington — von überall hört man in lauten, ja schrillen Tönen, daß der Bericht Parker Gilberts einfach die Grundlage abzugeben hat für die Feststellung der Leistungsfähigkeit Deutschlands anläßlich der kommenden Sachverständigen- konferenz, daß Deutschland mit Leichtigkeit auch künftighin mindestens zwei Milliarden jährlich zahlen kann, daß nichts dementgegenstehe bei diesenIabreszablungenan den jetzigen 2,5 Milliarden festzuhalten. Ja, daß Deutschland — der Vorschlag einer ziemlich weit linksstehenden englischen Zeitung — sogar noch für die Zahlungsverpftichtuu- gen seiner früheren Bundesgenossen und Mitunterlegenen im Weltkrieg einspringen solle. Daß eigentlich nach dieser Beurteilung der wirtschaftlichen und finanziellen LeistungS- fähigfeit Deutschlands durch Parker Gilbert auch die Beauftragung der Sachverständigenkonferenz mit derselben Arbeit völlig überflüssig geworden sei. Mit Leichtigkeit, so klingt es aus der ganzen französisch-belgischen Presse, könne Deutschland die interalliierten Schulden an Amerika mit etwa 16 Milliarden Mark und außerdem die 13 Milliarden für den „Wiederaufbau der zerstörten Gebiete* übernehmen.
Neben diesem allgemeinen Chor, der übrigens die deutsche Kritik an dem Bericht Parker Gilberts mit einer Hondbewegung ablehnt, bleiben die paar Stimmen fast unhörbar, die jenen Bericht nicht so unbedingt als der Weisheit letzten Schluß und als mit einer Art päpstlicher Unfehlbarkeit umkleidet zu betrachten geneigt sind. Der amerikanische Handelsattache in Berlin z B stattet einen Bericht über die deutsche Wirtschafts- und Finanzlage ab, der in vielen, und zwar gerade den entscheidenden Punkten den Ausführungen Parker Gilberts scharf widerspricht. Hier und da tauchen denn auch Bedenken auf, ob man es wirklich als einen deutschen „Wohlstand* bezeichnen kann was ja doch nur aufgebaut ist auf bis Hereinnahmeriesiger Ausländsanleihen, d-e doch einmal wieder zurückgerahlt werden müssen Das Charakteristischste des Echos ist wohl der etwas bissige, aber durchaus richtige Satz einer amerikanischen Zeitung, Parker Gilbert würde, wenn er heute in Paris anwesend wäre bemerken können, daß er eine Art französischer Nationalheld geworden fei
Überblickt man die ausländischen Presseanßerunaen über den Gilbertschen Bericht, so gewinnt es fast den Anschein - was man besonders aus englischen Zeitungen heranslesen muß —, als habe sich Deutschland zu einem gefährlichen, unüberwindlichen Konkurrenten auf dem Weltmarkt entwickelt. Der Neparationsagent sagt's und die anderen beten es ihm nach, aber niemand, weder er noch jene denken — oder wollen nicht denken — an die immer Höber werdenden Zollmauern, die sich überall der Einfuhr deutscher Waren entgegcnfteöen. In feinen früheren Berichten ist Parker Gilbert daran nicht vorbeigegangen: diesmal verliert er kein Sterbenswörtchen darüber. Natürlich ist man in der Londoner City mit diesem Schweigen ganz besonders einverstanden. Und eine geradezu groteske Verkennung der Tatsachen ist es, wenn man in Amerika den Überraschten spielt, daß die deutsche Presse sich in der scharfen Kritik des Gilbert- Berichtes einig ist; Deutschland solle sich vielmehr über ihn freuen, denn er enthülle ja aller Welt die glänzende Wirtschaftslage und damit die Kreditwürdigkeit Deutschlands!
Das „Weihnachtsgeschenk* Parker Gilberts hat nun die deutsche Regierung vor eine überaus er n st eAuf- g a b e gestellt, eine Aufgabe freilich von einer fast unüberwindlichen Schwierigkeit. Theoretisch hat ja jede Regierung. auch die deutsche, das Recht, die Resultate der Arbeit der Sachverständigenkonfereuz mit einem Ja oder Nein zu beantworten. Aber das ist besonders dann graue Theorie, wenn sich die Gegenseite im Ja einig ist. Wird der Bericht Parker Gilberts wirklich zur Richtlinie für jene Arbeiten, die Anfang Februar beginnen sollen, dann gilt es inzwischen, mit aller Macht das Gegcnmaterial nicht bloß vorzubereiten, sondern mit allen Mitteln für weitestgehende Publikation noch vor Beginn der Konferenz zu sorgen. Keine Minute ist hierfür zu verlieren. Zum min- besten ist dafür zu sorgen, daß das ganze deutsche Volk aufgeklärt wird über den Ernst der Lage, sich Nar darüber wird, daß über sein Schicksal die Würfel fallen werden. Und darum endlich eines Sinnes werde.
Arbeiten des Neichswirtschaftsrates.
Der Vorläufige Reichswirtschaftsral veröffentlicht eine Übersicht über seine Arbeiten nach dem Stande vom 1. Januar 1929
Aus ihr ist zu entnehmen, daß sich der Wirtschafts« p 0 l i l i s ch e Ausschuß zurzeit u a mit einer Vorlage beschäftigt, die wichtige Fragen des binnenländischen Verkehrs vom standpunki des volkswirtschaftlichen Interesses aus behandel« Der Ausichuß bat für diese Angelegenheit bnt Arbeitsausschüsse eingesetzt. Diese werden auch alle tragen behandeln, die nicht unmittelbar mit Eisenbahn und Wasserstraßen jufammenbänaen so 5. B Fragen des Aulomobil« Verkehrs und der straßenverbefferung
Dem Sozialpolitischen Ausschuß liegt der Ent- wur, eines Berussausbildungsgesetzes vor Ein von ihm für diesen Zweck zunächst eingesetzter Arbeitsausschuß Hai seine Arbeiten beendet und eitlen schriftlichen Bericht vor- qelegl. der diirchgesprochen werden wird
Ter F i n a n ; p 0 l i l i s ch e Ausschuß hat sich mit einem Antrag zu beschäftigen, der die Anregung gibt, p r i • Vale Heilanstalten, die eine Gemeinnnyigkei«spraxis aus üben, in steuerlicher Hinsicht den öffentlichen Krankenhäusern aleiduufteUcn.