Nr. 17Ü Fulda, 23. Juli 1927
Das Herz.
; Sprüche Sal. 4, 23: Behüte dein . „ Herz mit allem Fleiß.
< Auf einem Gelehrtenkongreß ist kiirzlich die Meinung vertreten worden, daß in unserem Blutumlauf das Herz nicht das Hauptorgan sei. Wir horchen auf: jahrtausendealte Anschauungen werden da erschüttert. Doch es läßt uns ruhig. Was ernste Forschung im Bau unseres Körpers feststellt, ob das Herz das Zentrum ist oder nicht, wird unserem Körpcrleben nicht schaden. Viel ernster ist, was weniger beachtet wird, daß auch in unserem geistigen Leben das „Herz" nicht mehr die Herrschaft haben soll. Einst holte man aus dem Herzen die besten Gedanken; im Herzen suchte man Liebe und Haß, Stolz und Demut, Freude und Weh, Gutsein und Sünde. Das alles war Herzenssache — wobei das Herz war, das galt als echt und tief. Das ist jetzt anders. Aus der Herzenssache ist die Magenfrage, die Geldfrage, der Rekord das geworden, wonach man den Wert des Menfchen, wonach so viele den Wert ihres eigenen Lebens beurteilen. Nicht mehr das Herz gibt den Maßstab ab, sondern der Magen, der Muskel, der Kopf. Gewiß haben die auch ihr Recht, aber doch nur ihr Recht. Wenn sie aber alles Recht für sich fordern, dann ist es schlimm. Was die ernste Forschung auf dem Gèbiet des Körpers versucht, das Herz geringer einzuordnen, wird praktisch kaum Gefahr, schließlich sogar sicher Gewinn bringen. Wenn auf geistigem Gebiet unedlere Beweggründe und mißverstandene Übertreibungen das Herz, d. h. die tiefe, feine Innerlichkeit, das Charaktervolle, Echte entthronen, dann bringt das unendlichen Schaden. Es hebt uns Menschen nicht empor, dem Göttlichen näher, sondern es drängt uns herunter, dem Tierischen zu. Wer Augen hat, zu sehen, der sieht es; wer Ohren hat, zu hören, der Höre: Deutsches Volk, behüte dein Herz mit allem Fleiß! P. H. P.
Gesundheitswert der Sauermilch.
Die Ueberführung des Milchzuckers in Milchsäure wird beim Stehenlassen der Milch durch die Milchsäurebakterien bewirkt. Das Sauerwerden der Milch ist also nichts weiter als die Folge einer Milchsäuregärung. Der Milchzucker wird zu freier Milchsäure vergoren. Setzt man bestimmte Milchsäure- bakterien zur Milch zu, so erhall man die bekannten Getränke Poghurt und Kefir. Poghurt ist ein rein milchsaures, nicht gärendes Getränk, das ähnlich wie saure Milch schmeckt, jedoch ganz andere, bei hoher Temperatur (30—35 Grad C.) wachsende Milchsäure enthält. Man kann die in der Milch gleichmäßig verteilten Poghurtpilze ohne Mikroskop nicht sehen, während die zusammcngeballten Kefirpilze haselnußgroße, blumenkohlähnliche Massen bilden. Der Kesir ist sauer und gärt (moussiert), weil neben den eigentlichen Kefir- und Milchsäurebakterien stets noch Hefen vorhanden sind. Kefir und Poghurt sind' leicht verdauliche und wohlschmeckende Erfrischungs- und Stärklingsgetränke. Die Aerzte verordnen Poghurt oder Kefir als Abwechslung bei Milchkuren für magere Kranke, Poghurt aber vor allem den an Magen- oder Darmstörungen Leidenden, 3. N bei Katarrh, Verstopfung, Blähung, Blinddarmreizung uuo ben Metonoaleszenien, forme Bazulemräger nach Typhus, Ruhr und Cholera. Manche Aerzte haben sehr beachtenswerte Erfolge der Poghurtkultur (täglich mehrere Löffel voll) bei den gefährlichen Säuglings-Darmkatarrhen erzielt.
Nach Ansicht von Metschnikoff siedeln sich die Poghurtsbak- tericn, bd sie sehr kräftige Milchsäurebildner sind und Blut- temperatur gut vertragen, im Darm an und bekämpfen durch ihre Säurebildung die die Lebensdauer abkürzenden Darmbakterien. Das Erreichen eines sehr hohen Alters vieler Menschen in Bulgarien und Serbien soll vor allem auf den dort üblichen täglichen Poghurtgenuß zurückgefllhrt werden können. Wird dies von anderer Seite auch als übertrieben und unrichtig angesehen, so bleibt doch der hohe Wert des Poghurt bestehen.
Poghurt wird aus abgekochter (im Orient vielfach eingekochter), also hygienisch stets einwandfreier Milch hergestellt. Da man Poghurt-Milchsäurebakterien einsät, so läßt sich Poghurt zu jeder Jahreszeit in kurzer Zeit (einigen Stunden) ohne Mühe herstellen, während gewöhnliche selbstbereitete Sauermilch erfahrungsgemäß nur an nicht zu warmen Sommertagen und auch dann durchaus nicht immer in gewünschter Weise (z. B. Gewitter-Einfluß) gelingt. Der Poghurt kann, ohne daß fremde Pilze auftommen, beliebig sauer hergestellt werden, was bei gewöhnlicher Sauermilch nicht der Fall ist. Mit Rein- kuliur und aus pasteurisierter Milch bereitete Sauermilch läßt sich dagegen nicht in so kurzer Zeit, nicht leicht in so reinem Zustande und nicht so beliebig schwach oder stark sauer gewinnen. Die hierbei benutzten Milchsäurebakterien sind infolge ihrer schwächeren Säuerungskrast ganz sicher keine kräftigen Gegner der Darmschädlinge und also nach Metschnikoffs Ansicht keine
SSlM8mMmB!m9miiB!l^^
Münchener Grmöi.
^Ausländer" an der Isar. — Außerordentliche Saison- ^uden. — Das „soziale" Hofbränhaus. — Ärgernisse
V , beim Blmdesschiesrcn.
/ München, im Juli.
1 Der Fremdenverkehr in München hat mit Beginn der Norddeutschen Ferien seinen Höhepunkt erreicht. Der achte Deil der Berliner Bevölkerung hat die Bahnhöfe ge- rurmt, um die Sondcrzüge zu erreichen. Das merkte man w München in den ersten Juli tagen und als dann die wachsen, Rheinländer und Hamburger tarnen, da hörte man in den Restaurants, Kaffeehäusern und auf der Straße kaum noch ein bayerisches Wort, nur „a uslän- b l s ch" wurde g e f p r 0 ch e n. — Die schöne Stadt an b"r Isar hat sich aber auch gewaltig angestrengt, um sich fremden Herrschaften in ihrem Glanz zu zeigen. Eigentlich gibt es ja „Sehenswürdigkeiten" in München sionug, aber sie scheinen nicht auszurcichen, um die Frcm- anzulocken, und so mr.fi man denn noch einige -^ a i s 0 n f r e u d c n extra auftischen.
• Da gab es zunächst also die große Ausstellung .Bayerisches Handwerk", die sich eines ununterbrochenen riesigen Besuches erfreut, nicht zum mindesten auch deshalb, weil jeder gern der hunderttausendste Besucher sein sollte, der eine Reise an die Nordsee gewinnen konnte, vvcr der fünfzigtausendste, der gratis und franko auf den ä&eubelftem fahren durfte. — Was an dieser Ausstellung lubsth und belustigend ist, ist die Vorführung der Handwerker bei ihrer Arbeit, wie wir es jonst nur kannten, wenn uns Inder, Aschantineger oder ^tlmos gezeigt wurden. In unserem Zeitalter 8er Ma- j^üpe dürfen wir uns nicht wundern, wenn selbst im nteinbetrleo die Hand möglichst durch die Maschine er-
^J1?' "Pd die Zuschauer staunten, wenn sie sahen, wieviel so eine Maschine zu leisten vermag. — Neben
spezifischen Verlängerer der Lebensdauer. Wenn es auch nach unserer Erfahrung richtig ist, daß jeder Milchgenuß die Darmfäulnis mehr oder weniger ve l ndern kann, weil im Körper immer säurebildende Pilze zugegen sind, so ist für viele Erwachsene und viele Kranke vor allem Poghurt wegen seiner Bekömmlichkeit und leichten Verdaulichkeit empfehlenswerter als Milch.
Die Bereitungsweise von Kefir und Poghurt ist u. a. durch das bakteriologische Institut der Preußischen Versuchs- und Forschungsanstalt Kiel zu erfragen. Auch kann man von dort Kefir- und Poghurtpilze in Reinkulturen beziehen.
Dr. Dibbern-Kiel.
Aus Hessen und Rachbargebieien.
□ Das Wetter der Woche. Die LnftdruckstörungM, die in der vorangehenden Woche dem Wetter den Stempel aufgedrückt hatten, hielten auch in der ersten Hälfte der letzten Woche an. Besonders am Sonntag und Montag kam es in Mitteldeutschland wieder zir bedeutenden Niederschlägen. Stellenweise, so in der Umgegend von Berlin und in der Provinz Sachsen sowie in Rheinhessen kam es sogar zu Wolkenbrüchen. Besonders katastrophal wirkten sich die Unwetter in Rheinhessen und im Freistaat Sachsen aus, wo es zu schweren Ü b e r - schwe m m u n g e n kam. Die Temperaturen, die zunächst noch ungefähr den Normalwert erreicht hatten, gingen Mitte der Woche infolge eines Kälteeinbruches vorübergehend stärker zurück. Am Donnerstag trat eine neue Besserung des Wetters ein, da die Tiefdruckwirbel, die bisher das Wetter beeinflußt hatten, ostwärts abgezogen waren. Allerdings darf man kaum annehmen, daß diese Besserung des Wetters lange anhält. Über dem Kanal und den Britischen Inseln liegt bereits ein neues umfangreiches Tiefdruckgebiet, bei dessen Herannahen mit neuer Trübung und neuen Niederschlägen zu rechnen ist.
Einweihung des TanttsnSerg-Nationaldenkmals.
Am 18. September wird auf dem Schlachtfelds von Tannenberg die Einweihung des Tannenberg-Nationaldenkmals im Beisein des Reichspräsidenten von Hindenburg stattfinden. Erwünscht ist die Teilnahme aller Bevölkerungsschichten aus allen deutschen Gauen, um den festen Zusammenhalt der abgeschnürten Provinz Ostpreußen mit dem Mutterland zum Ausdruck zu bringen. In der rings vom Slawentum umbrandeten Ostmark wird das Denkmal das Bewußtsein dafür schärfen, daß unser deutsches Volk nur dann angesehen und frei dastehen kann, wenn jeder Deutsche die Taten der Väter ehrt und selbst entschlossen ist, wie es die Helden von Tannenberg taten, zur Verteidigung der Heimat das Leben einzusetzen. Alle, die in diesem Sinne das Denkmal weihen wollen, sind zur Weihefeier willkommen. Besondere Einladungen an Vereine und Verbände era - hen nicht. Anmeldungen von Teilnehmern, die in Sander- zügen befördert werden sollen, sind an den Vorstand des Tannenberg-Nationüldenkmalvereins, Königsberg i. Pr., Henschestraße 10, zu richten, während weitere Spenden, die zum Ausbau noch dringend benötigt werden, an alle führenden Banken und Zeitungen oder an das Postscheckkonto Königsberg-Pr. 5891 des Werbeausschusses in Allenstein abgeführt werden können.
, Hindenburgs Ueberparteilichkeit.
Beim Empfang des Leiters der Hindenburgfpende, Ministerialrats Dr. Karstedt, beim Reichspräsidenten von Hindenburg bat dieser wiederholt und nachdrücklich, dafür einzutreten, daß alles, was unter dem Namen Hindenburgfpende geschieht, vom Geiste absoluter Ueberparteilichkeit getragen sei. Der Gedanke sei ihm unerträglich, daß sein Geburtstag etwa zu Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern der einzelnen politischen und sozialen Weltanschauungen Anlaß geben könnte.
;--------------- * '
Bebra, 22. Juli. (Drei Streckenarbeiter getötet.) Bei Kahla wurden heute früh drei Streckenarbeiter, die mit dem Vorrichten der Eleisstopfmaschine beschäftigt waren, im Nebel von einem Personenzug gefaßt und getötet.
Eschwege, 22. Juli. (Zwei Kinder tödlich verunglückt.) Auf der Werrabrllcke entglitt einem Mädchen ein Kinderwagen, in dem sich ein zweijähriges Kind befand und fuhr in immer schnellerer Fahrt talwärts gerade in ein Pferdegespann. Im nächsten Augenblick lag der Wagen mit seiner Begleiterin unter den Hufen der Pferde und wurde zertreten. Das ältere Mädchen und das kleine Kind starben nach kurzer Zeit an den erlittenen Verletzungen.
Homberg (Bezirk Kassel), 20. Juli. (Eine Eifersuchtsszene auf dem Baume.) Ein auf dem Rittergut Niederbeisheim (Kreis Homberg) beschäftigtes Mädchen bestieg bei anbrechender Dunkelheit einen Baum, um seinen ihm untreu gewordenen Geliebten besser beobachten zu können. Plötzlich brach der Ast, auf dem das Mädchen saß, ab und dieses stürzte so unglücklich zur Erde, daß es eine schwere Rippen- und Lungcnquetschung davontrug. Es mußte besinnungslos im Krankenhaus einge- liesert werden.
dieser Handwerksansstellung auf dem ständigen Ausstel- lungsgelände an der Theresienwiese übt natürlich, wie immer, die große Kunstausstellung im Glaspalast die alte Anziehungskraft auf die Fremden aus. Jeder will sich davon überzeugen, ob München als Kunststadt wirklich auf die schiefe Ebene gekommen ist, Sachverständige behaupten, daß die diesjährige Ausstellung alle diejenigen Lügen strafe, die vom Niedergang Münchens als Kunststadt reden. Alles sei eben nur Gerede und man beschuldigt die „Zentralisier:", die aber auch alles in Berlin yaben möchten, daß sie München um jeden Preis auch als Kunststadt zur Provinzstadt machen wollen. — Um su zeigen, daß and) p r ä ch t i g e B l u m e n inBavern gedeihen, hatte die Bayerische Gartenbaugesellschaft eine prachtvolle Rosettschau veranstaltet. Der Blumen- luxus oder, besser gesagt, die Freude an den Blumen hat sich in den letzten Jahren ganz sichtlich gehoben. Man sieht an vielen neuen Hausern jetzt auch Balkons an der Vorderseite, die mit Blumen geschmückt sind. Es ist eigentlich sehr merkwürdig, daß der Balkon, der jedes bayerische Bauernhaus ziert und der mit Pelargonien und Hängenelken bedeckt ist, seinerzeit nicht in die Stadt verpflanzt worden ist. Die Freude an den Blumen ist also eigentlich in Oberbayern zu Hause.
Den Bewohner der „Bierstadt" München interessiert die Kunst- und Ausstellungsfrage natürlich nicht, sein Tagesgespräch war in der letzten Zeit die große Aussprache im Bayerischen Landtage über das H 0 f b r ä u - ha u s. Man hatte den Vorschlag gemacht, daß das staatliche Hofbräuhaus aus dem Bräuerbuno auStreten solle, damit es nicht an die festgesetzten Preise gebunden sei. Das Höfbräühâus als staatliche Einrichtung hätte soziale Aufgaben zu erfüllen und eine der wichtigsten sozialen Aufgaben sei die Verbilligung des „flüssigen Brotes". Es scheint aber, daß das Finanzministerium wenig für solche sozialen Fragen stbrja bat. pnp das einzige Zugeständnis an die Ver
Kassel, 20. Juli. (Der hineingefallene Kleptomane.) Ein hiesiger sehr wohlhabender und angesehener Mann pflegte seit Jahren in einem Zigarrengeschäft in 8er Oberen Königsstraße sein Rauchmaterial zu kaufen. Dem Geschäftsführer fiel aus, daß ihm seit Jahren Zigarren fehlten, ohne daß es ihm möglich war, den Dieb zu erwischen. Auf den Gedanken, daß der vornehme Kunde der Dieb sein könnte, kam er nicht, bis sich eines Tages bet Verdacht doch bei ihm regte, da der Betreffende nur dann zu kommen pflegte, wenn der Laden leer war. Als er jetzt wieder erschien, ging der Verkäufer in ein Nebenzimmer, tat, als schrieb er und beobachtete dabei durch einen Spiegel, wie sich der Mann die Taschen voll Zigarren stopfte. Er verriegelte die Tür und forderte die geklauten Zigarren zurück, die der Dieb — es waren 16 Stück — auch wieder herausrückte. Der Geschäftsführer sagte dann dem Ertappten die jahrelangen Diebstähle aus den Kopf zu und erhielt auch die Bestätigung mit der Bitte, keine Strafanzeige zu erstatten. Darauf machte dieser rasch einen Ueberschlag des Verlustes und verlangte 3000 Zt für die gestohlenen Zigarren sowie Zahlung einer Buße von 3000dl an das Rote Kreuz. Wohl oder übel musste der Dieb zahlen, dasein guter Ruf auf dem Spiele stand.
Göttingen, 22. Juli. (Selbstmord im Zuge.) Während der Fahrt nach Hannover erschoß sich in einem Waschraum des Hamburger Zuges der Reisende Hermann Neü- bert jun. aus Nienburg a. d. W.
Wetzlar, 21. Juli. (Maulwurssplage.) Der Regie- rungsperäsident von Koblenz hat eine Polizeiverordnung erlassen, nach welcher der Landrat und die Bürgermeistereien des Kreises Wetzlar ermächtigt werden, aus Antrag den Fang und das Töten von Maulwürfen auf eigenem Grundstück zu gestatten. Die Maulwürfe sind infolge einer langjährigen Schonzeit neuerdings zu einer sehr unangenehm empfundenen Plage für die Landwirtschaft geworden.
Wetzlar, 21. Juli. (Gründlich verflogen.) Wohin oft Brieftauben verschlagen werden, beweist ein Fall, der sich im Kreis Wetzlar zugetragen hat. Am Abend des 14. Juli griff ein Schmied in Erda, Kreis Wetzlar, eine flügellahme, blutende Brieftaube auf, die nach einem in französischer Sprache gehaltenen Zettel am Fuße am gleichen Tage Mittags in Lomme, Departement Nord, Arrondissement Lille, ausgelassen war. Das Tierchen hat die mehrere hundert Kilometer weite Strecke in wenigen Stunden zurückgelegt.
Friedberg, 22. Juli. (Hochzeit im Zuchthaus.) Dem „Oberhess. Anzeiger" zufolge hat dieser Tage im Landeszuchthalls Marienschloß eine Hochzeit stattgefunden. Der wegen Spionage zu Zuchthaus verurteilte K. war vor feiner Verhaftung nur standesamtlich getraut. Hinter den festen Mauern seiner jetzigen Welt kam ihm nun der Gedanke, den Ehebund auch kirchlich zu schließen. Er bat deshalb um die diesbezügliche ministerielle Genehmigung, die ihm auch erteilt wurde. Am 20. Juli fand nun diè Trauung in der Kirche des Landeszuchthauses statt.
Frankfurt a. M., 21. Juli. (Die Bürgschaftssumme aufgebraucht.) Der Regensommer spielt auch in der Jntera- tionalen Musikwoche naturgemäß übel mit. Wenn auch der Besuch ein recht guter ist, so entspricht er doch infolge des schlechten Wetters nicht ganz den Erwartungen. Die Folge ist, daß der Magistrat bezw. die Leitung der Musikausstellung sich an die Stadtverordnetenversammlung um Erhöhung der Betriebsmittel für die Ausstellung wendet. Welche Summe der Magistrat anfordert, ist bisher nicht bekannt geworden. Darüber wird in der noch in dieser Woche statfiNdenden Aeltestenausschllßsttzung der Stadtverordnetenversammlung entschieden. Die Stadt hatte im Frühling der Musikausstellung eine Bürgfchafts- summe von 1,3 Millionen R^l zur Verfügung gestellt, die jetzt anscheinend aufgebraucht sind. Weiteste Kreise der Bürgschaft sind der Auffassung, als ob von Anfang her etwas zu sehr aus dem Vollen von der Direktion gewirtschaftet wurde. Die Schlag um Schlag einander folgenden großen und prunkvollen Festessen, an denen stets mehrere hundert Personen teilnahmen, finden vor allem scharfe Kritik.
Frankfurt a. M., 22. Juli. (Erhöhung der Vürgschafts- summe für Musikausftellung.) Der Aeltestenausschuß, der während der Ferien die Stadtverordnetenversammlung vertritt, trat heute dem Antrag des Magistrats auf Erhöhung der Bürgschaftssumme für die Internationale Musikausftellung um weitere 800 000 91 di bei. Man war einstimmig der Auffassung, daß die großzügig angelegte Ausstellung ein ausgezeichnetes Werbemittel für Frankfurt im Auslande auf viele Jahre sei. Aus dem Grunde müsse man alles aufbieten, die Ausstellung bis zum Schluß in vollem Glanze zu zeigen.
Offenbach, M., 21. Juli. Am Samstag, den 30. ds Ms. abends 8.15 Uhr, wirkt am Frankfurter Sender im bunten Abend wieder August Zimmer, Offenbach Main, als Rezitator in Oberhessischer Mundart mit. Als geborener Oberhesse (Groß Eichen) beherrscht er die Heimatsprache voll und ganz. Seine seitherigen Vorträge haben großen Anklang gefunden.
fechter des billigen Bieres bleibt nach wie vor der um zwei Pfennige billigere Bierpreis in der Schwemme des „Königlichen" Hofbräuhauses, wie es immer noch heißt. Nun, wir können uns hier ja immer noch damit trösten, daß das Bier bei uns noch wesentlich billiger ist als in Berlin. In der Schwemme des Hofbrüuhauses kostet das Liter Exportbier 56 Pfennige, während man für das gleiche Gemäß im Berliner Hofbräuhausausschank 1,40 Mark bezahlt, soviel hier, bekanntgeworden ist. — Und trotzdem hat neulich ein Statistiker festgestellt, daß in Berlin, auf den Kopf der Bevölkerung berechnet, mehr Bier getrunken wird als in München. „Da sieht man wieder einmal, wieviel mehr Geld die „Nordlichter" zu verzehren haben," meinte neulich ein Mann, den sein Geldbeutel zwang, nach der vierten Maß heimzttgeben.
Mehr als die Kunst interessiert den echten Münchener das neueste große Fremdenverkehrsunternehmen, düs Große Deutsche Bundesschießen, das in München nach Jahrzehnten wieder stattfand. Die Schießerei war hier von jeher beliebt und Wohl nirgends gibt es so viele Schützenvereine wie in Bayern. — Unwillen erregt nur, daß man auf dem Festplatz mit den Vergnügungsbuden Eintrittsgeld bezahlen muß. Man ist gewohnt, vom Oktobcrfest her, daß die „Wiese" Gern c i n g tt t aller ist, und empfindet es als eine Beschränkung persönlicher Freiheit, daß man sich die Buden nicht einmal von außen umsonst ansehen darf. — Das Bundesschießen hat natürlich die Völkerwanderung in der Münchener Stadt noch erheblich anwachsen lassen. Ich aber bin jetzt nach den Anstrengungen der letzten Tage in den Chiemgarr geeilt, sehe auf den Hochselln, wie sein Gipfel sich entschleiert; das Kloster Maria Eck liegt im herrlichsten Sonnenlicht da, das Sonntagshorn und bist Rauschberg, der Zwiesel und der Staufen grüßen mich und wundervolle Ruhe atmet die ganze Landschaft.
ii -" • V. Wassertreter,
~ 1 ^ _ —------ ,