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Nr. 168 — 1927
Fulda, Donnestag, 21. Juli
4. Jahrganx
Kleine Zeitung für eilrgc Leser.
* Der deutsch-japanische Handelsvertrag, der für die AuZ- fuhr deutscher Waren nach Japan wesentliche Vorteile dringt, ist in Tokio unterzeichnet worden.
* Der Außenhandel des Deutschen Reiches weift für den Monat Juni eine Unicrbilan; von 449 Millionen aus. ,
* Die Todesopfer der letzten Wiener Unruhen sind am Mittwoch nachmittag bcigcsetzt worden.
* König Ferdinand von Rumänien Ist im Alter von 62 Jahren in seinem Sommerschloß Sinaia gestorben. ,■ ;
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Dunkle Kanäle.
Der belgische Wehrminister hatte Delttschland mehrfach beschuldigt, sich nicht an die Entwaffnungsbestim- mungen des Versailler Vertrages zu halten, sondern bei der Reichswehr einen weit schnelleren Mannschaftswechsel stättsinden zu lassen, als es erlaubt fei; muh der Wehretat Deutschlands sei so hoch, daß er nur durch heimliche Rüstungen erklärt werden könne. Leider hat.es die deutsche Außenpolitik versäumt, gleich beim erstenmal gegen die Anschuldigungen zu protestieren. Als sie zum zweitenmal erfolgten, wurde Protest erhoben. Ein belgisches Memorandum vom 14. Juli erhält die Vorwürfe ausrccht, bezieht sich aber dabei auf sehr zweifelhaftes Material. Die Nachrichten stammen „aus verschiedenen glaubwürdigen Quellen" — ohne daß aber diese „sicheren Quellen" oder diese „glaubwürdigen Nachrichten" näher angegeben werden. Nachprüfbar sind nur drei derartige Quellen, nämlich die im Reichstag gehaltenen Reden Geßlers und des demokratischen Abgeordneten Röuneburg; und schließlich der Etat, aus dem Belgien uns vorrechnen will, daß unsere kleine Wqjhrmacht so kostspielig sei, daß jene „Nachrichten" durchaus glaubwürdig seien.
Die deutsche Regierung hat in einer ausführlichen Note dahingehend geantwortet, daß ja am 31. Januar 1927 eine Kollektivnvie der, Alliierten alle noch „ausstehenden" Punkte der Entwaffnungsfrage bis auf die paar bekannten als geregelt erklärte, speziell -^ MWâ der Mästungen in &ti^ mals hat Herr de Broqueville keinerlei Gegenteiliges vor- gcbracht. Tatsächlich sind seit Jahren weniger entlassen worden, als es uns gestattet war. Bei der Starke wurde - alles entlassen, was die zwölfjährige Dienstzeit hinter sich hatte. Und nicht 15 000 Mann wurden bei der Reichswehr in einem Jahr entlassen, sondern soviel Entlassene gab es, die auf Anstellung in Zivilberufen warteten. Das und nichts anderes hat der Abgeordnete Rönneburg gesagt' ,
Ebenso hinfällig ist alles, was über angebliche Nichterfüllung der Entwaffnungsverpsttchtungen behauptet wird. Daß die Reichswehr so kostspielig ist, liegt daran, daß die befohlene- zwölfjährige Dienstzeit sehr viel höhere Kosten für Unterhalt und Ausbildung der Mannschaften verlangt. Nur wenige Fabriken, zwischen denen jede P r e i s d r ü ck e n d e K 0 n k n r r e n z aus - ge schaltet ist und die erst neu errichtet sind, außerdem nicht exportieren dürfen, stellen das für die Bewaffnung und Ausrüstung der Reichswehr nötige, daher sehr kostspielige Material her. Die allgemeine Geldentwertung tut ein übriges. Unwahr ist schließlich, daß das Verhältnis der Ausgaben für die 100 000 Mann zählende Reichswehr gegenüber dem Heeresetat ein unerklärlich hohes sei. Die Zahlen, die der belgische Wehrminister angibt, sind nämlich einfach nicht richtig.
Aber man braucht auf weitere Einzelheiten nicht ein- zugehen; alles dies sind Verdächtigungen, die der Grundlage entbehren und in direktem Widerspruch zu bett Feststellungen der Botschafterkonferenz unb der Kontrollkommission stehen. „Die deutsche Regierung muß es auf das lebhafteste bedauern, daß Herr de Broqueville sie trotzdem vssentlich vor dem belgischen Parlament verwertet und damit ganz allgemein schwere Verdächtigungen Deutschlands verbunden hat." Unser Protest sei um 1°. schärfer, weil die Anschuldigungen seitens des Wehr- MlNlstèrs eines Staates erfolgten, mit dem wir durch Locarno und den Völkerbund „auf die Grundlage« des Friedens und der vertrauensvollen Verständigung gestellt" sind,
Helfen wird uns das alles nichts. Schon kommt die belgische Antwort die alles aufrechterhält, die es aber aalchnt, die „anderen Informationsquellen" anzugeben. Jean kennt aber in Deutschland nur zu gut diese d u n k - 1 c n K anäle , die freilich nur Schmutz und Schlimmeres ins Ausland führen, wo allerdings derartiges all- »ugern in Empfang genommen und vor allem verwertet wird. Das Damoklesschwert einer Entwaffnungskontrolle
nach wie vor über Deutschland Hängenbleiben und um die Stimmung der Welt dafür geneigt zu erhalten, venutzt man jedes, auch das schmutzigste Mittel. Das sind uur gewohnt und trotz Locarno und Völkerbund wird cs io in absehbarer Zeit nicht anders werden.
äffetzrmg öer Todesopfer in Wien.
Was wird aus dem I u st i z p a l a st ?
Der grösste Teil der Todesopfer des Aufstandes in Sen kst am Mlttwvch nachmittag feierlich beigesetzt wor- yen Auf dem großen halbrunden Platz vor dem Haupt- Pomal des Zentralsriedhofes fand die von der Gemeinde veranstaltete Trauerfeier statt. Bürgermeister Seitz ^^.^^aldemokratifche Abgeordnete Dr. Ellenbogen RK? Gedächtnisreden Alle Schulgebäude, AmtShâUser, “■' -"'' - tthrtsgnNEâ usw, trugen anläßlich h-p Trauer»
Der Tod des Königs von Rumänien.
Ferdinand von Rumänien t.
„ Nach langem schweren Leiden. ^-
z Der rumänische König ist in Sinaia im 62. LeLèas- fahre gestorben. Schon seit dem Herbst des vorige» Jahres galt er als ein vom Tode Gezeichnetere Er litt an einem Darmkrebs, der bereits sehr weit fortgeschritten war, als er erkannt wurde. Innerhalb kurzer Zeit mutzte sich der König drei schweren Operattoneu unterziehen, aber sie brachten nur scheinbare Besserung. Auch eine Radimn- kur trug nur wenig zur Linderung des Leidens bei und die ausländischen Ärzte, die zur Behandlung hinzugezogen wurde«, gaben nur wenig Anssicht ans Heilung. Am Sterbelager des Königs befanden sich die Königin und, mit Ausnahme des ehemaligen Kronprinzen Carol, der in freiwilliger oder erzwungener Verbannung lebt, alle Kinder des Königspaares. Der König war bis zum letzten Augenblick bei vollem Bewußtsein und hatte einen sanften Tod.
Die Nachricht vom Tode des Königs hcch da sie naht unerwartet kam, im Lande keine Aufregung hervorgerufen. Es wird versichert, daß in Bukarest und im ganzen Lande vollkommene Ruhe herrsche. T« Regierung soll ttotzdem die Grenzen des Landes gesperrt und den Kriegszustand erklärt haben. Die Prege ist
unter Zensur gestellt. Ministerpräsident BckMMMâ hatte schon vor mehreren Tagen weitgehende mrkktkirffch^ und polizeiliche Maßnahmen getroffen, um für den Fall des Ablebens des Königs gegen jede Eventualität gerüstet zu sein. Der für den Fall des Todes des Königs vorgesehene • t ■ ab.«!».;
• Regentfchastsrat, der seinerzeit eingesetzt wurde, weil der ru AusW^lge-' nomntene Thronfolger, der Sohn des ehemalige» Kwn- prinzen Carol, minderjährig ist, hat beretts sein Amt angetreten. Der Rat besteht aus dem Pattiarchen von Bukarest, dem Präsidenten des Kassattonshofes und dem Prinzen Nikolaus, des Königs zweitem Sohne. Die Leiche des Königs wird in das königliche Schloß Cottoceni übergeführt und dort aufgebahrt, um dann in der Gruft der rumänischen Könige im Kloster Curtea de Arges beigesetzt zu werden.
Reichspräsidentvon Hindenburg hat in der rumänischen Gesandtschaft in Berlin sein Beileid zum Ableben des Königs aussprechen lassen. NamenS bei
feier schwarze Fahnen. Zum Zeichen der Trauer für die Opfer ruhte in allen Betrieben die Arbeit vv-l 2 Uhr nach- nrittags an eine Viertelstnnde lang. Rrrr Straßenbahnen und Eisenbahn verkehrten ohne Unterbrechung. Der Republikanische Schutzbund hatte umfassende Vorkehrungen getroffen, um neue Unruhen sofort im Keime ersticken zu können. Inzwischen hat sich die Zahl der Todesopfer auf 99 erhöht, und es muß bamit gerechnet werden, daß auch diese Zahl noch eine Erhöhung erfahren wird, da der Zustand einiger Schwerverletzter überaus ernst ist. Die Gesamtzahl der Verwundeten wird aus etwa 1000 angegeben.
Der Nervosität der letzten Tage in Wien ist jetzt eine gewisse Beruhigung gefolgt. Das kommt auch in dem Straßenbild der Stadt zum Ausdruck. Man sicht bereits weniger Wachleute mit Karabinern. Die Reiter- patrouillen machen noch ihre Runden, doch haben die meisten die Gewehre fchon abgelegt. Auch das Überfallkommando der Polizei mürbe wesentlich vermindert. Zu einer größeren M e us chenau s a m m I u n g ist cs noch vor der Leichenhalle des Wiener Allgemeinen Krankenhauses gekommen. Dort innren viele Leute erschienen, die ihre vermißten Angehörigen unter den Toten suchen wollten und dann, wenn sie sie fanden, in lautes Wehklagen ausbrachen. Als die draußenstehcnde Menge diese Schmcrzensausbrüchc hörte, bemächtigte sich ihrer Erregung und Unruhe, so daß die Wache cingreifen und die Straße gewaltsam räumen mußte.
.Ob der uicdergebranntc Justizpalast mieber aufgebaut werden wird, siebt noch nickt fest. Es sind all
Reichskanzlers sprach Staatssekretär Pünder mto namew des Auswärtigen Amtes Staatssekretär v. Schrü>ert be* der Gesandtschaft vor. Der deutsche Gesandte in Bukarest ist angewiesen worden, an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. * ,
Das Charakterbild des verstorbenen Königs.
König Ferdinand von Rumänien war ein HohenzolleL aus der sigmaringischen Linie. Sein Vater war jener Fürst Leopold, dessen spanische Thronkandidattrr 187V Frankreich den Anlaß zum Kriege mit Deutschland gegeben hat; der Bruder seines Vaters war es, den sich das rumänische Volk zum Herrscher wählte, und der in seiner lange« Regierungszeit Rumänien erst zu einem europäische« Staat gemacht und zu hoher Blüte geführt hat. Er, der erste Hohenzoller auf dem rumänischen Thron, hatte sich eng an Deutschland und Österreich-Ungarn angeschloffen, aber der Ausbruch des Weltkrieges führte Rumänien nicht an unsere Seite; gegen den Widerstand der rußland- und frankreichfreundlichen regierenden Gesellschaft konnte sich der 75jährige König nicht durchsetzen. Das brach ihm das Herz. Als er am 10. Oktober 1914 starb, bestieg sein Neffe Ferdinand den Thron. Es war sofort offenes Geheimnis, daß seine Frau, die ehrgeizige Königin Marie, eine englische Prinzessin, die ihr deutsches Koburger Blut verleugnete, ihren Mann an Entschlossenheit weit überragte und immer zielbewußter ein Hinüberschwenken auf die Seite der Entente vorbereitete. Im August 1916, als die Mittelmächte zusammenzubrechen schienen, trat dann Rumänien gegen uns in den Krieg. Freilich bekam ihm das sehr übel, und bald war Ferdinands ganzes Land erobert. Der Krieg brauste hinweg über die fruchtbare» Gefilde nördlich der Donau, bis unser Vormarsch um bte Wende des Jahres 1916/17 zum Stehen kam.
1918 konnten wir mit Rumänien noch den Bârester Frieden schließen, aber die Ereignisse des Oktobers 1918 warfen alles über den Haufen. Ungarn verlor eine« großen Teil seines Gebietes an „Groß-Rumänien", wie eS sich Jetzt nennen konnte; hem besiegten „Sieger" wurde reiche Beute zuteil.
Aber der König blieb machtlos; Parteiführer hert^ch-^ hm und saugten das Land aus, das ab und zu von kommunistischen Unruhen durchschüttelt wurde. Mit Rußland lebte man in arger Spannung, weil sich Rumänre« in dem großen Wirrwarr des Jahres 1919 Bessarabien sicherte und dort eine rücksichtslose Entrusstfizierung durchführte. Ebenso verfuhr man gegen die Deutschen in dem neuerworbenen S i e b'e n b ü r g e« und gegen die Ungarn in dem „eroberten" Gebiet.
Energielos, wie er war, tat der König auch nichts gegen die fortdauernden Skandale im eigenen Haus. Die Königin führte ein eigenes Leben, das zahllose Gerüchte zeitigte, und was alles sein ältester Sohn Carol auf- stellte, ist noch in guter Erinnerung, und in Erinnerung sind auch noch die Polemiken, die sich an die vielbesprochene Amerikafahrt der trotz ihrer 52 Jahre noch immer lebenslustigen Königin knüpften. Wie sich die Lage in Rumänien jetzt gestalten, und ob sich der Übergang von der alten zur neuen Regierung reibungslos und ohne innere Wirren ooll^rebcn wird, wer vermöchte es zu sagen?
Die Wn Worte des Königs öon Mmgnien.
Bukarest. Über den Tod des Königs von Rumänies wird ein Kommunigus auSgcgevcn, in dem es heißt, daß ft es der allgemeine Zustand deS Königs infolge seines alten Leidens und der im März ausgetretenen Luftröhren- und Lungenentzündung ständig verschlimmert hat. Appetitlosigkeit, Blutarmut und Aiemschwicrigkeilcn erschwerten die Herztätigkeit, was in der Nacht zum 20. Juli zu einem Kollaps führte, an dessen Folgen der König um 2.50 Uhr in den Armen der Königin verstarb. Der König war biS zum letzten Augenblitt bei vollem Bewußtsein und verschied ohne Schmerzen. Seine letzten Worte, die an die Königin gerichtet waren, lauteten: „Ich fühle mich sehr müde."
gemein Bestrebungen im Gauge, bett Justizpalast abzu- iragen und an seiner Stelle einen öffentlichen Park an- zulegen. Wie jetzt bekannt wird, befinden sich unter den im Justizpalast vernichteten Akten Tausende von Ehc- scheidungsakten. Außerdem sind eine große Anzahl Per- sonaldokumcnte verloren gegangen, so daß Tausende von Paaren warten müssen, bis sic gesetzlich verheiratet oder geschieden werden können. Die Wiederherstellung des Grundbuches wird Jahre dauern und eine große Menge Schreibkräfte erfordern. Weiter ist der Verlust der sehr kostbaren juristischen Bibliothek und des Archivs zu beklagen, in dem sich sogar das Testament Beethovens befunden haben fall, das somit auch ein Opfer Der Revolte geworden ist.
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Die Ermittlungsaröeit der österreichischen Staatspolizei.
Wien. Die Untersuchungen bet österreichischen Staats Polizei bewegen sich in der Richrung, ob bei den Unruhen ausländischer kommunistischer Enisluß im Spiele war. Wie bic „Stunde" meldet, ist der Beweis ausländischer Beteiligung an den Unruhen bisher noch nicht erbracht worden, doch steht einwandfrei fest, daß mindestens an den Demonstrationen ausländische kommunistische Elemente aktiv teil- genommcn haben. Es wurden insgesamt 23 Personen aus dem Parteisekretarial der Koinmuiiistischen Partei Österreichs verhaftet und außerdem 50 Mitglieder der sogenannten Bulgarischen Mensa. Bei dem verhasteten tommünistischcn preußischen Landtagsabgcordnctcn Pieck fand man verschiedene Aufzeichnungen, in denen die Polizei Anhaltspunkte für einen Qrganisatihnsvlan für die nächste Zukunft erblicken zu können