Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Arlöaer Mnzeiger

Erscheint fe-en Werktag. Bezugspreis: monat­lich 2 Mark. Bei Lieferungsbehmüerungen durch höhere Gewalten', Streiks, Ausftrerrungen, Bahnsperre usw. erwachsen dem Bezieher keine Ansprüche. Verlag KrteSrich Ehren klau, §ulda, Mitglied -es Vereins Deutscher Zeitungsver» legee. Postscheckkonto: Krankfurt a. M. Nr.^-00-

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zul-a- und Haunetal »Zul-aer Kreisblatt

Redaktion und Geschäftsstelle: Mühlenstraße 1 Zernfprech-Anfthluß Nr. 989

Nachdruck der mit * versehenen Artikel nur mit Cigelienangabe »Fuldaer Anzeiger"gegattet.

Aazekgenpreks: §Lr BehSeden, Genossenschaf­ten,Banken usw. beträgt die Kleinzeile 0.ZO Mk., für auswärtige Auftraggeber 0.25 Mk.,für die Reklamezeile 0.90 Mk. u. alle anderen 0.15 Mk., Reklamezeile 0.60 Mark Bei Rechnungsstel« lung hat Zahlung innerhalb 8 Eagen zu erfol­gen Eag- und Platzvorschriften unverbindllch.

Nr. 152 1927

Fulda, Samstag, 2. Juli

4. Jahrgang

Meine Zeitung für eilige Leser

* Sei her Wiederkehr des 50. Jahrestages der Begründung deS Reichspalcntamlcs hielt dieses iu Berlin eine Festsitzung ab, zu der Reichspräsident von Hindenburg Glückwünsche sandte.

* Die Vorlage über die Verbesserung des Handwerksrechtes (Handwcrtsnovsllc) hat die Zustimmung des Reichskabinetts gefunden.

* Der Preußische Landtag bat sich, nachdem cs vorher zu starken, sogar handgreiflichen Zusammenstößen gekommen war, auf den 11. Oktober vertagt.

* Der Ozeanflieger Byrd machte eine Notlandung im Kanal bei Bayeux (Nordfrankreich).

r^^re^wi^MMiwa^iiii^aiiai^iMH^^

Gute Kinderstube., Irdische Genüsse. Ein willenloser Spielball. Seelische Untiefen. Wege zur Umkehr.

Daß Jugend keine Tugend kennt, war schon unseren Eltern und Voreltern eine ausgemachte Sache. Trotzdem hatten sie sich ihrer Nachkommenschaft im allge­meinen ganz gewiß nicht zu schämen und die Geschichte wird dieser wohl auch das Zeugnis nicht verweigern, daß sie schließlich, in Krieg und Frieden, ihren Mann gestanden hat.

Die Jugend, die heute unter unseren Augen auf­wächst, darf ganz bestimmt nicht über einen Kamm ge­schoren werden. Sie zeigt vor allem einen ungestümen Drang nach Ausbildung ihrer körperlichen Fähigkeiten, glüht vor Eifer in der Beteiligung an sportlichen und tur­nerischen Wettkämpfen aller Art, gesellt sich nur zu gern zu vielverzweigten Tagungen und Veranstaltungen, singt und tanzt aus reiner Lust am Frohsein und überläßt den Alten die Sorgen des Lebens und der Politik. Das gilt für alle Klassen und Stünde, wenn es auch leider nicht ge­lungen ist, diesen Teil der Jugend durch das ganze Volk hindurch zu einheitlichen Verbänden zusammenzufassen. Diese Erziehung zum gesammelten Einsatz seiner Kräfte ^ bringt doch eine starke G e w ö h n u n g a n Disz i p l i n, an Gemeinschaftsinteressen und bis zu einem gewissen Grade auch an höhere Lebenszwecke mit sich, womit ein gewisser Schutz gegen Verführung und Entartung gewähr­leistet erscheint.

Größeren Gefahren sind diejenigen Teile der Heran­wachsenden Jugend ausgesetzt, die gar nicht früh genug das Recht in Anspruch nehmen können, sich ausleben zu wollen, ihre persönlichen Begierden allem Edleren vor- anzustellen, um wenigstens, ehe das Philistcrium kommt mit seinen Alltagspflichten und seinem Zwang zur Unter­ordnung unter fremden Willen, sich ordentlich vollzu- faugen mit irdischen Genüssen. Ihnen kommt der Geist der Zeit gewiß nur allzusehr entgegen; diese Auflehnung gegen jede überlieferte Autorität, dieses Pochen auf das angeblich angeborene Selbstbestimmungs­recht jedes Wesens, das Menschenantlitz trägt, diese Über­bewertung rein materieller Güter des Lebens zum Nach­teil der geistigen und seelischen Bedürfnisse, in denen schließlich doch, nehmt alles nur in allem, der bessere Ge­halt unseres Daseins unzweifelhaft umschlossen ist. Nur zu natürlich, daß diese beiden Strömungen innerhalb der Entwicklungsjahre jedes Heranwachsenden Geschlechts schon von jeher miteinander in Streit gelegen haben. Aber zu so grausigen Katastrophen, wie wir sie in diesen Tagen wieder einmal in einem der westlichen Vororte der Reichs­hauptstadt erlebt haben, ist es doch wohl vor unserer Zeit noch niemals genommen.

Ein neunzehnjähriger Oberprimaner, der im Schlaf­zimmer seiner abwesenden Eltern den Liebhaber seiner sechzehnjährigen Schwester erschießt und sich dann selbst eine Kugel in den Kopf jagt, angestiftet zu dieser entsetz­lichen Tat durch einen gleichaltrigen Freund, der einen geradezu unheimlichen Einfluß aus den aus gutem Bür­gerhause stammenden Schulfreund gehabt haben muß eine Zeit, in der derartige Kindertragödien möglich sind, muß krank sein bis ins Mark. Hatten wir es schon bei der Herbeiführung des Eisenbahnunglücks von Leiferde mit jugendlichen Tätern zu schaffen, deren Herkunft und Erziehung alles andere als einen solchen furchtbaren Absturz in tiefste Tiefen menschlicher Ver­worfenheit erwarten lassen konnten, so stehen wir hier, an dem Abgrund dieser Kindertragödie von Steg­litz, erst recht vor einem schier unlösbar erscheinenden Rätsel. Ein wohlgeordnetes Familienleben hat es nicht verhindern können, daß ein Zögling der höchsten Gymna­sialklasse schlimmen Verirrungen anheimfiel, die ihn zum willenlosen Spielball eines sogenannten Freundes herab- sinken ließen, bis er schließlich Recht nicht mehr von Un= recht, Gutes nicht mehr von Bösem, Liebe nicht mehr von Haß unterscheiden konnte. Es nützt nichts, bei dem sensa­tionellen Einzelfall sich lange aufzuhalten, in die seelischen Untiefen, die sich hier wieder einmal offenbart haben, hin- abzusteigen, und ungleich verkehrter wäre es natürlich, sich bei der Vorstellung zu beruhigen, daß der überlebende An­stifter dieser unseligen Tat seiner verdienten Strafe ja nicht entgehen werde. Nein, wir müssen schon gestehen, daß wir in diesen Früchten notwendige Wirkungen unserer ganzen gesellschaftlichen Zustände von heute zu erkennen haben. Die elterliche Gewalt ist in der Auflösung be- grisfcn, und je mehr an unserem Schulwesen herum­kuriert wird, desto unbekümmerter geht die Jugend, u n d namentlich die G r 0 s; sta d tj u gen d , ihren eigenen, oft genug ins Verderben führenden Weg. Mög­lich, sehr wahrscheinlich sogar, daß sich in gesunden Zeit­läuften auch mit milder Hand eine gute Jugend heran­ziehen läßt. Wir aber haben es glücklich soweit gebracht, daß alle sittlichen Begriffe und Maßstäbe ins Schwanken gekommen sind, und dürfen uns nun nicht wundern, wenn

Byrds Irrfahrten und Landung.

RotèMdMg Byrds im Aermelkanal.

Der dritte Ozeanflug geglückt.

Lindbergh war ein Glückskind. Er war für den Atlantikflug am schlechtesten ausgerüstet und hat ihn am besten bewältigt. Chamberlin hatte schon Pech mit dem Wetter und legte die nicht gerade für den Verkehr wichtige Reiseroute NewportEisleben statt NewvorkBerlin

Byrds Fluglinie über den Ozean.

Die Landung erfolgte in der Nähe von Bayeux.

zurück. Aber Byrds Pech war so groß, daß es vielleicht sprichwörtlich werden wird. Er flog im schnellsten Tempo und ohne größere Schwierigkeiten über den Atlantik bis nach Nordfrankreich, als er das Opfer einerW a s ch - k ü ch e" wurde. Darunter versteht man eine unglückliche Mischung von Dauerregen, Nebel und Wind. So funkte er Dauernd nack Le Bouraet. bat um Mitteiluna eines

E3B8CT®3K$fflT

UmmiW~M!lB.lUU^ 1 .«^ .lJM»^.LiaiUM3MJag£mTOJ^^

heute auch Kinder mit einer guten Kinderstube keinen Halt mehr finden in dein Wirrsal dieser abgrundtiefen Ver­irrungen.

Bis wir wieder umkehren werden zu den gesicherten Grundanschauungen früherer Generationen, werden gewiß noch in Stadt und Land Opfer fallen unerhört, ähnlich diesen armen Kindern von Steglitz, deren Eltern jetzt erst aus so furchtbare Weise die Augen geöffnet worden sind. Aber Aufgabe aller Erziehungsfaktoren in Schule, Staat und Kirche wird es fein, mit allen Kräften danach zu streben, daß die Notwendigkeit dieser Umkehr erkannt wird, ehe es zu spät ist. Dr. Sv.

FeWHmig des AeiHspütMamies.

Glückwunsch des Reichspräsidenten.

Mit dem 1. Juli jährte sich der Tag zum fünszigsten- mal, an dem das Reichspatentamt errichtet worden ist. In Berlin fand deshalb eine Festsitzung des Patentamts statt, an der m a. Reichsminister der Justiz Dr. Hergt, Neichswirtschaftsmimster Dr. Curtius, die Minister Schiffer und Dr. Bell neben Vertretern der Reichs- nnb Staatsbehörden, Mitgliedern des Reichsrates, den : Präsidenten der Patentämter von Finnland, Holland, Österreich, Ungarn, Spanien und der Tschechoslowakei sowie zahlreichen Abgeordneten der interessierten Körper­schaften, Verbände und Vereine teilnahmen. Der Präsi­dent des Reichspatentamtes, v. S p e ch t, gab einen Über­blick über die Entwicklung und die Tätigkeit seines Amtes seit der Begründung im Jahre 1877, indem er hervorhob, daß seit dem Jahre 1891 das Amt einen ungeahnten Auf­schwung genommen habe und daß bis heute fast eine Mil­lion Gebrauchsmuster gesetzlichen Schutz erhalten haben.

Ansprache des Reichsjustizministers Dr. Hergt.

Dr. Hergt verbreitete sich über die Ziele und Aufgaben des Patentamtes und überbrachte die Glückwünsche der Reichsregierung sowie der preußischen Staatsregierung, wobei er mitteilte, daß anläßlich des abends im Kaisersaal des Weinhauses Rheingold stattfindenden Festmahles der Reichskanzler Dr. Marx das Wort zu einer das^Reichs- Patentamt feiernden Ansprache ergreifen werde. Sein be­sonderer Gruß galt den sechs Vertretern der ausländischen Patentämter, in deren Teilnahme am heutigen Jubiläum ein Beweis zu erblicken sei für die die Völker umspannende Gemeinschaftsarbeit auf dem Gebiete des Patentwesens. An die Ausführungen des Reichsjustizministers schlossen sich zahlreiche Ansprachen, darunter der Präsidenten der auswärtigen Patentgerichte bzw. Patentämter.

Hindenburgs Glückwunsch.

Der Reichspräsident hat dem Präsidenten des Reichs­patentamtes zu dem 50jährigen Bestehen des Amtes ein Glückwunschschreiben geschickt, in dem es heißt: Nach der Vereinheitlichung des deutschen Patentrechts im Jahre 1877 als Zentralbehörde gegründet, hat sich das Rerchs- Patentamt in den vergangenen Jahrzehnten als erne Pflegestätte des Erfindergeistes und der technischen Weüer- entwicklung erwiesen. In den schweren Nachkriegszeiten kommt es mehr noch denn früher auf den Schutz und die Ermutigung des deutschen Erfindergeistes, als eines der wichtigsten Werkzeuge für den Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft, an. Daß das Reichspatentamt dieser vor­nehmen und wichtigen Aufgabe auch in Zukunft gerecht werden wird, darauf vertraue ich im Hinblick auf seine erfolgreiche Betätigung in der Vergangenheit.

Landungsplatzes, stöhnte über das Versagen seines Kom­passes, konnte aber die drahtlosen Funksprüche, die man ihm von allen Seiten her telegraphierte, nicht hören. So flog er im Kreise über Nordfrankreich, war vermutlich sogar in der Nähe von Paris, aber in seiner großen Not er gab mehrmals das Zeichen S. O. S., den Notruf der Schiffahrt wandte er sich beim Er­schöpfen des Benzinvorrates zur Küste, um lieber ins Wasser zu gehen, als eine lebensgefährliche Landung auf unbekanntem Gelände vorzunehmen. In dem kleinen Badeort Ver-sur-Mer, zwischen Cherbourg und Le Havre, machte er morgens um drei Uhr, etwa 200 Meter von der Küste entfernt, eine Wassernotlandung nach etwa sechsstündigem Hin- und Herfahren über französischem Boden. Mit Hilfe eines kleinen Faltbootes, das die Flieger an Bord hatten, erreichten die vier Piloten die Küste.

Ihre erste Sorge galt der Bergung des Apparates. Sie weckten den Wärter des Leuchtfeuers, der seinerseits mehrere Matrosen alarmierte, die zusammen mit den Flie­gern versuchten, das stark beschädigte Flugzeug zu bergen. Da aber gerade Flut herrschte, gelang dies nicht sofort, und erst beim Eintreten der Ebbe am Nachmittag konnte das Flugzeug an Land geschleppt werden.

Währenddessen warteten wieder Tausende von Men­schen eine ganze Nacht auf dem Pariser Flugplatz Le Bourget und wurden durch falsche Meldungen über eine Landung Byrds bei Jssy-les-Moulineux (sündlich von Pa­ris) irregeführt. Hamburg wollte sogar den Flieger ge­sehen haben, und in Wien glaubte man, daß er direkt nach Österreich kommen würde. Auch Chamberlin und Levine waren die ganze Nacht über auf dem Flugplatz Le Bourget, dachten an ihr eigenes Schicksal und harrten bangevoll auf die Freunde. Sic kamen nicht. Aber schließlich ist ein kühles Bad im Ärmelkanal noch besser als das Schicksal Nungessers und Colis.

Reform des Hanöwerksrechis.

Zustimmung des Reichskabinetts.

In seiner letzten Sitzung stimmte das Reichskabinett dem ihm vorliegenden Entwurf des Gesetzes zur Änderung der Gewerbeordnung und des Handelsgesetzbuches (Hand­werksnovelle) zu. Die Novelle sieht vor allem die Einfüh­rung des allgemeinen, gleichen und geheimen W a h l - rechts zu den Handwerkskammern und die Errichtung einer Handwerksrolle vor, in die alle selbständigen Handwerksbetriebe einzutragen sind; die Handwerksrolle wird die Grundlage für die Wahlen zur Handwerks­kammer bilden und die Möglichkeit statistischer Erhebungen über das Handwerk beschaffen. Die Novelle bringt ferner eine Änderung des Handelsgesetzbuches, dahin, daß künftig großen Handwerksbetrieben die Eintragung in das Han­delsregister ermöglicht und damit diesen das Firmen- und Prokurarecht gewährt wird.

politische Runöschâ

Deutsches Reick

Der Reichspräsident an den Kirchentag.

Auf das von dem Deutschen Evangelischen Kirchentag bei seiner kürzlichen Versammlung in Königsberg an den Reichspräsidenten v. Hindenburg gesandte Begrüßungs- telegramm antwortete dieser mit folgendem Schreiben: Dem Deutschen Evangelischen Kirchentage danke ich herz­lichst für die Grüße, die er mir unter der Versicherung seiner unwandelbaren Treue gegen Volk und Vaterland von der Königsberger Tagung entboten hat. Ich er­widere diese Grüße auf das herzlichste mit dem innigen Wunsche, daß die Arbeit des Deutschen Evangelischen Kirchentages zum Zusammenschluß und zur Stärkung der evangelischen Kirche und zur Förderung christlichen Lebens in unserem Vaterland beitragen möge."

Die zerstörten Unterstände im Osten.

Der Vertreter der deutschen Negierung, General von Pawelsz, hat nunmehr die Ententemächte amtlich dazu eingeladen, ihm bei der Inspizierung der auf Wunsch der Pariser Botschafterkonferenz zerstörten Unterstände in den sog. deutschen Ostfestungen ihre Militärsachverständi­gen beizugeben. Der englische Unterstaatssekretär des Äußeren erklärte im Unterhause, man habe von dieser Einladung Kenntnis genommen und es würden augen­blicklich die nötigen Anordnungen erörtert

Neue Bundessatzung des Rcichsstâdtebundes.

Der Hauptausschuß des in r I i tz tagenden Reichs- ftädtebundes nahm die neue Bundessatzung an. Danach wird der Kreis der Städte, die in den Reichsstädtebund ausgenommen werden können, auf Städte bis zu 80 000 Einwohnern erweitert. Ferner soll sich der Gesamtvor­stand ergänzen durch die Zuwahl von ehrenamtlichen Mit­gliedern der Körperschaften der Mitgliederstädte oder Mit­gliedern eines deutschen Parlaments, jedoch höchstens bis zu einem Viertel der Mitglieder. Sodann wurde die Wahl zum Geschäftsführenden Vorstand in einer Sitzung oed Gesamtvorstandes vorgenommen. Zum ersten Vor­sitzenden wurde Oberbürgermeister Dr. Belian-Ei» l e n b u r g wiedergewählt.