Unkrtialtungâtt
Die Gaal
Skizze von Hermann Ler.
Acht warm und fröhlich blinzelten die Sonnenstrahlen die Butzenscheiben der halb geöffneten Fenster in die nie- Bauernstube. Vom Dache herab drang das Lärmen zetern- L gongen, auf dem Hofe zankten laut die Hühner, und die schlugen luftig im nahen dickknospigen Kastanienbaum.
F auft so ein rechter Säetag war's. Darum waren alle auch nach dem Mittagsmahl aufgestanden und an ihre Arbeit denn Arbeit gibt's in Gottes weiter Welt genug, be= für einen Bauern am hellen Frühlingstage.
M M der alte Bauer Iakob saß noch allein am Tisch, Bro- M mit den schwieligen Händen krümelnd, und sah in Ee- versunken nach den beiden an der blau getupften Wand gegenüber hängenden Bildern. Ein von Arbeitsschwere MMchtes Frauengesicht blickte ernst, aber gütig zu ihm Das war sein, des Vorderbauern, Weib gewesen, eine in seinem Anwesen zu Lebzeiten. Ja, er verstand, dm Furchen zu lesen und kannte die Geschichte einer Byte. Die tiefe Gramfurche, die sich quer über die Stirn zu gebleichten Haar der Schläfen hinzog, hatte sich gegraben, Ugls die Kunde kam vor neun Jahren, daß ihr einziger Sohn auf I Mineichs Feldern den Heldentod erlitten habe, der auch die .fetter dem Sohne bald nachfolgen ließ.
’ Sein Blick streifte das zweite Bild: das seines Sohnes, stämmigen Burschen mit breiten Schultern und starken teuften, die sicher die Pflugsterz führen konnten. Er hätte auf- [djreien mögen, als er das Bild des Toten betrachtete.
F Heute morgen, als er auf dem Wingertsacker, hock überm Dergwald, den Acker aufgerissen hatte, war es auch so über ihn gekommen wie ein Sturm, der in ein schnittreifes Kornfeld r1 Ms droben auf den Bergäckern ihm die Hand, die den Mfliig führte, müde geworden war und sein Blick nach Westen ' über die Berge und Wälder flog, war ihm alles wieder in den ! Sinn gekommen:
[ Ein heller Frühlingstag im Jahre 1918. Wie er so bedäch- tegfjier oben hinterm Pflug in der Ackerfurche schritt, war plötzlich das Pferd unruhig geworden, es spitzte die Ohren, blähte Die Nüstern: als er aufmerkte, klang dumpfes Rollen an fein Mr. Ein-, zweimal. Die große Schlacht im Westen! Und zwei Wochen später kam die traurige Nachricht...
I Langsam erhob sich der Vorderbauer, griff rücklings über M nach dem Wandsims und holte die Bibel herunter. Schwer lebe den zittrigen Fingern das Blättern in den gegriffenen feien, sie machten bei der Geschichte Jakobs Halt, und leise Mos der Bauer: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, Mo du hinziehst, und will dich wieder in dies Land bringen..." t Weiter kam der Alte nicht: denn da sprang und polterte Moas Frisches, Junges, Frohes in die Stube, der Enkelsohn des ■Bauern, des gefallenen Sohnes einziges Kind.
■ „Großvater, 's ist angespannt! Willst nicht kommen?" I Verwundert schlug der Alte die Bibel zu: „Wer hat ange-
■ „Fch, ich allein. Und die Mutter sagt, ich müßt' Dir helfen, du so allein wärst."
I Schweren Schrittes ging der Alte hinaus, leichtfüßig klet- der Junge auf den Wagen, streckte dem Großvater die hin und half ihm hinaus.
I . »So geht's besser", meinte der Alte, und als sie eine Weile MmhM: „Hast auch alles mitgenommen?"
Du Junge zählte auf. Nichts hatte er zur Saat vergessen. M Sie fuhren zum Wingertsacker. Der Junge spannte das vom .Wägern ab,. schirrte es un die. Egge und eggte das l M Aatt.
M Als es ans Säen ging, wollte der Alte dem Jungen wehren: M Kannst' noch nicht!" Der Enkel ließ nicht locker. Zehn MUitte fate her Großvater vor, dann mußte er dem Enkel das : voeiuch umbinden. Mutig griffen die Hände die Körner und Muten sie im breitenden Bogen. Und der Junge säte und säte, *tt um Schritt, Hand um Hand ...
Es kam über den Alten, es war ihm, als schreite sein Sohn Mm, der Sohn, den Frankreichs Erde deckte. Auf den Wagen sich der Vorderbauer unb sah bin. wie der Junge, sein Bru) und Blut, sich abmühte in dem ersten Gang Der ewigen i arbeit.
t Eine Lerche jubelte auf aus dem sprossenden Kleefeld am Mger die Finken schlugen im nahen Haselgebüsch, und ein Fruhlrngswind strich über die Primeln im Wiesengrund die Anemonen im knospenden Wald. ' Ewig-Alte wurde jung, gebar sich von neuem wie es Jahrtausenden getan — und das junge Menschenkind wurde i«) feines Wertes und seiner Pflicht bewußt in diesem Sein I 2er Alte träumte. Eine Brücke spannte sich von dem Namen Bergacker zu Frankreichs Gräberfeldern, und darauf 1™ Sohn geschritten, legte sein Haupt an des Vaters und deutete stumm auf das junge Reis am sprossenden ^aume und sprach: „Vater, das bist Du, das bin ich, das sind die nach uns kommen, und das muß unser Trost sein." Mst erschrocken fuhr der Alte auf. Da klang der Jubelruf ■ s Knaben; „Ich bin fertig!" Und schon war" er dabei, die unterzueggen ...
Die lterbeildev tzende.
Historische Skizze von G. H. Ott.
L Einige Geschichtsschreiber des Dreißigjährigen Krieges tun h/L Hauptmanns und späteren Obristen Wiliecki oder Wiljetzki Erwähnung, eines Polen aus der Wilnaer Gegend, der im Solde E^usteins stand und sich durch manche Sonderlichkeit wie auch einen seltsamen Tod auszeichnete.
i "gütlich war es seine Haltung Frauen gegenüber, die RNnn k „Sonderling, wenn nicht gar als Narren erscheinen ließ. TUk.W versteht sich, daß er als Offizier des Kaisers mit Höf- \. „,’ ^b Takt die Damen seiner Bekanntschaft behandelte, Klann„ * Grund, sich über Mangel an Ritterlichkeit zu be-
• Gegenteil, seine Verschrobenheit äußerte sich gerade- kiunnnn Äi^üßiger Demut: er hatte die Gewohnheit, sich vor - in so Machen, überhaupt vor jedem unbemannten Weibe bis Iqröhft ^uub zu neigen und war durch keinen Spott, durch den jz^M Hohn nicht zu bewegen, von dieser für einen Krieger so Gitte zu lassen. Allerdings blieb er standhaft darin, Kuf m’inu? Jungfrauen von reinem Lebenswandel und gutem Liter 1 d^str Ehrung bedachte: Mädchen von lockeren Sitten, lewo „?bn und Witwen grüßte er — wie jeder andere — auf L^ohnliche, wohlerzogene Weise in der Abstufung, die ihnen i 11 "rund von Stellung und Geburt zukam.
hte maI hätte sein Gebaren fast zu schlimmen Folgen geführt.
Gregor Wiljetzki seine Hochzeit feierte. Er hatte tünow bes langen Winterlagers in Böhmen des öfteren bei fethL rateten Edelmann Gastfreundschaft genossen, dessen
■ en gelernt und schließlich heimgeführt. Sie war eine feEltl"? ,W mehr ganz junge Dame und sah diese kindische |uiig ,„ bei ihrem sonst so mannhasten, ja rauhen Verlobten lit£ Als man nun an der Hochzeitstafel saß, geschah es, daß Ibie den Speisenträgern eine zierliche junge Magd bemerkte, |fr0I11'e Platte mit gesottenen Fischen anbot. Da sie rein und I Lebo» b^s?h und nichts in ihren Zügen auf einen verwerflichen fließen ließ, erhob sich, sobald sie neben ihm IWtnnh1 Bräutigam und beugte sich vor ihr in den Staub, I ^tlidip rv3, als er es kurz zuvor bei seiner Braut getan hatte, jber suer Kameraden wurden darüber fast zornig, die Samen iNmpi, W die Nasen über solch hündisches Be- Ilassen hie Braut hätte im ersten Aerger den Saal per. r^ljeMii flucht ihr Vater hinzugetreten und hätte sie beruhigt. I Hexer un^'a "an den Fischen, zeigte sich als anregender Plaii- Zerhaulat, als hätte er von dein Unwillen der Deselljchast [ "tote bemerkt,
Am 'Abend führte er seine Braut heim und ruhte, zum ersten Mal als Gatte, an ihrer Seite. Von da ab unterließ er die demütige Begrüßung und zollte seiner Ehefrau nur die übliche Höflichkeit, nicht gerechnet die zahlreichen Liebesbeweise, die unter Neuvermählten üblich sind. Uebrigens mußte er bald wieder ins Feld rücken.
Sechs oder acht Jahre zuvor, also kurz nach dem Ausbruch des großen Krieges, war es in der Pfalz schlimm hergegangen. Es gab unter den Wallensteinischen einige Regimenter, die nur aus Lumpen, Säufern und Raufbolden zu bestehen schienen, die lieber plünderten als kämpften und das ganze Land mit ihrem rohen und gemeinen Geschrei erschreckten. Von diesen übel beleumdeten Truppen tat sich besonders ein polnischer Wachtmeister hervor, der sich Stanislaus Veyda nannte und.sich im Saufen, Würfelspielen und Fluchen nicht genug tun konnte. Auch saß ihm das Messer sehr lose im Koller.
Eines Tages, als er, vom pfälzischen Weine trunken, sich in den Feldern erging, traf er ein Mädchen, ein frisches junges Ding von fünfzehn oder sechzehn Jahren, das mit einem Strauß Feldblumen zum Dorfe wanderte. Es kam ihm gerade recht. Ein so junges Blut und frisches Gesicht hatte er sich schon längst gewünscht. Ohne viele Worte packte er sie und wollte ihr Gewalt antun. Doch die Jungfer wehrte sich wie eine Verzweifelte, schrie und wand sich, bis den Wachtmeister die unsinnige Wut packte und er ihr das Messer in den Hals und in die Brust stieß. Er ließ die Tote liegen und wankte in sein Quartier, wo er wiederum dem Weine nulvrack und sich im Rausche verriet.
Vorsrühling.
Der Pflüger stapft durch braune Ackerschollen, Schneestreisen tauen auf dem nassen Grund, am schwarzen Schlehdornstrauch die Büken tollen, und irgendwo singt zag ein Lerchenmund.
Die Berge stehn im dämmerweichen Lichte, in dem das letzte Abendleuchten flammt. Wie birgt mein Herz die Fülle der Gesichte aus dieser Stunde violettem Samt?
Ludwig Bäte.
SJLR!
Nun war es richtig, daß in jener Zeit vielerlei Raub, Mord und Schändung geschah, ohne daß die Herren vom Feldgericht sich die Köpfe zerbrachen. Im Kriege ist eben der Mensch oftmals nichts wert. Wer sollte sich um ein Schicksal kümmern, wenn Pestilenz und Musketenkugeln das große Sterben diktieren? Aber diesmal war das Verbrechen zu offensichtlich, die Empörung zu allgemein, und zudem war die Tat fast unter den Augen des Feldherrn geschehen. Als nun gar die Geistlichkeit Bestrafung des Verbrechers forderte, gab es keine Ausflüchte mehr. Veyda wurde wegen grausamen Mordes an dem Mädchen — „mit Messerstichen, wie man ein Kalb metzget", hieß es in der kurzen Anklageschrift — zum Strange verurteilt. Er hatte das unwahr- scheinliche Glück, auf die Bitten der greisen Fürstin G., in deren Schloß Wallenstein Quartier genommen hatte, begnadigt zu werden. Bevor aber der Wachtmeister freigelassen wurde, mußte er vor der Fürstin ein Gelübde ablegen, „sich vor jeglicher reiner Jungfrau in den Staub zu neigen, sowie keine zu begehren außer, wenn Gott es fügen sollte, zu christlicher Ehe" und empfing den Fluch, daß seine Mörderhände bei lebendigem Leibe verfaulen sollten, bräche er je sein Gelübde.
Veyda leistete den Schwur und wanderte, aus seiner Truppe ausgestoßen, nach Polen zurück. Kameraden wollten ihn später noch bei einem Treffen gesehen haben, doch müssen sie wohl von einer Aehnlichkeit genarrt worden sein. Immer, wenn sie der Sache auf den Grund gingen, hieß es, der Vermutete sei nicht Veyda, sondern ein polnischer Offizier von Adel, der sich Wi- liccki oder Wiljetzki nenne.
Ein Jahr nach seiner Eheschließung wurde Gregor Wiljetzki vom Herzog von Friedland zum Obristen eines Jägerregiments gemacht. Er war jetzt ein Mann in der Blüte seiner Kraft, stark wie ein Bär, in Sammetwams und Spitzenkragen ein schmucker Geselle und ein Kerl von Mut, wie die Narben auf Stirn und Schädel bezeugten. Auch war er sonst kein Duckmäuser, trieb Allotria, spielte und rauchte seinen Toback wie jeder andere kaiserliche Offizier. Nur von einem hatte er nicht lassen können: in allen ehrbaren Jungfern schien er die Mutter Gottes zu sehen und neigte sich vor ihnen ungeachtet aller Spöttereien zur Erde.
So zu tun, hieße die Ehre eines Offiziers schänden, sagte einmal einer, und andere stimmten ihm laut bei. Es gab Streit und Schimpf: ganz offen nannte man den Obristen einen armen Narren, und bald kam alles dem Feldherrn zu Ohren. Der ließ sich, ganz unauffällig, den Wilietzki kommen, machte mit ihm und nuferen anderen einen Erkundungsritt, aber nicht sehr weit vom Lager, war in bester Laune und scherzte mit den Herren, wie es keiner gewohnt war.
Als sie so mit ihren Rössern auf einer Anhöhe hielten, näherte sich ein Mädchen, das von der Weide kam und einen Enner voll Milch trug. Sie war ein stilles Geschöpf, nicht ohne Reize und offensichtlich unverdorben. Der Herzog begehrte gu trinken, sie reichte ihm die Milch, und bald ging der hölzerne Tuner von Mund zu Mund. Als die Reihe an Wiljetzki kam. blickte der Feldherr scharf hin, doch die erwartete Verbeugung blieb aus. Wiljetzki stand neben seinem Schimmel und zögerte wohl eine Weile, doch als er die Augen der Generale auf sich qer ichtet sah, trank er eilig, ohne das Mädchen anzusehen, wischte sich den Bart und streichelte sein Pferd. Der Herzog warf der Jungfer einen böhmischen Gulden zu und ritt mit den Herren davon. So schlimm schien es also mit dem „Narren" Wiljetzki nicht zu sein. —
Von diesem Tage ab war der Obrist ein kranker Mann. Er wurde bleich und elend, klagte über Schmerzen in Händen und Armen und wurde unsagbar verschlossen. Der Chirurgus, der ihn auf Gliederreißen behandelte, vermochte ihm nicht zu helfen. Er wurde sogar hinausgejagt, und Wiljetzki ließ niemand mehr an seinen Körper kommen. Die Handschuhe, große Stulpen aus grauem Rehleder, trug er Tag und 31ad)t, machte auch jetzt an Stelle seines großen schnörkeligen Namenszuges nur mühsam drei Kreuze. Die Laune verließ ihn, doch nicht der Mut. Denn er wagte sich beim näcbften Treffen vor die vordersten Linien unb zwar in einer so tollkühnen Weise, daß es schien, als w olle er fallen. Er erhielt einen Schuß in den Hals und wurde bewußtlos ins Lager zurückgetragen.
Am Abend starb er in feinem Zeit. Man hatte Kerzen an seiner Bahre ausgestellt, und mancher Krieger kam, um Abschied zu nehmen und ein kurzes Gebet zu sprechen. Der Leichenwäscher, der den Taten später entkleidete, soll erzählt haben, der Obrist habe an beiden Händen nur nach halbe Finger gehabt. verweste Stümpfe sozusagen, und es habe geschienen, als seien die Hände schon vor Wochen gestorben. Wiljetzki wurde mit kriegerischen Ehren bestattet. Seine Witwe betrauerte ihn. ohne an seiner Beisetzung teilnehmen zu können.
Branche halten dies einfach für ein legendenhaft ausge- schmücktes, alltägliches Ereignis, manche glauben fest an die Zusammenhänge, die in dieser Erzählung geschildert wurden, und anbere wieder halten das Ganze für eine Lüge- des Autors, die gleichwohl nicht ohne tieferen Sinn ist. In jedem Falle schien Veyoa-Wiljetzkis Schicksal des Aufzeichnens wert.
Das Lebeu an und O m
Skizze aus dem Isländischen von K r i st m a n Gudmundsson.
(Deutsch von E. Z ü ch n e r.j
Ion Legdekall schlenderte über den Hof, einen Strick unter dem Arm. Er wollte hinüber in den Schafstall, um sich zu erhängen.
Er knöpfte die Jacke dicht zu. Das Wetter war rauh und kalt. Lungenentzündung. Ion schnalzte bei diesem Worte mit der Zunge. Sein Lebtag hatte er davor Angst gehabt. Vater und Großvater waren daran gestorben.
Aber dann erinnerte er sich plötzlich des Strickes unterm Arm. Er lächelte und knöpfte die Jacke wieder auf. Der Teufel sollte sich in Zukunft davor fürchten, er jedenfalls ging sich jetzt aufhängen. Er fühlte sich plötzlich sicher und geborgen vor der üblen Lungenentzündung: der war er auf alle Fälle durch die Lappen gegangen. An Lungenentzündung gestorben?! — Nee, das konnte später niemand sagen.
Thora, seine Tochter, sollte ins Gefängnis! Wegen Diebstahl. D i e Schande wollte er nicht auch noch tragen zu den anderen Sorgen. Vielleicht, wenn man noch einen gesegneten Tropfen hätte haben können...
Jon Legdekall lief das Wasser im Munde zusammen. Vor dem Schafstall zog er sein Tabakshorn aus der Tasche, schneuzte sich mit den Fingern, wischte diese an den Hosen ab und nahm eine Prise. Dann seufzte er mit Wohlbehagen und blinzelte zur Sonne hinauf. Schnupftabak, das war eine Gabe des Himmels. Genau wie der gesegnete Tropfen. Und so etwas verboten die Menschen! Nicht lange, da war wohl auch der Schnupftabük verboten. Herrlich! Glücklich, wer da schon unterm Rasen schlief!
Er hörte Pferdehufe auf dem Wege. Wer sollte das wohl sein, jetzt während der Messe? Ion Legdekall starrte angestrengt mit seinen alten, stumpfen Augen. Ein Mann kam geritten. Er saß merkwürdig auf dem Pferde. Schwankte von einer Seite zur anderen. Betrunken? Ein Wohlbehagen stieg bei diesem Gedanken in Jon auf. Diese Pfeffersäcke hatten wohl noch so manchen Tropfen beiseite geschafft, bevor das Verbot kam. Und wie stattlich der Braune sich ausnahm! Wer so ein Pferd sein eigen nannte!
Der Altkaufmann war fett, dick und rot im Gesicht. Wie ein richtiger Pfeffersack. Ion ging zur Seite, bis zum Schafstall.
„G'segnet sei der Mann!" sagte er.
„He? — Bist Du's, Ion min? Hupp — Stopp — willst Tu wohl stoppen, Du braunes Höllenviech!" schnauzte er den Gaul an. „Komm her, Ion min, ich will mit Dir reden." Der Kaufmann streckte eine mächtige behaarte Hand vor.
Ion Legdekall rieb sich eilfertig die rechte Hand auf der Jacke ab. Es durchrieselte ihn warm von all den guten Worten, die der Kaufmann gesagt hatte. Soviel Ehre war ihm niemals von feiten eines vornehmen Mannes zuteil geworden.
„Ion min."
„Jawohl, Kaufmann!" Ion machte feine Stimme demütig.
„Bin geraffelt mit dem ganzen Kram. Hupp — Der ganze Krempel geraffelt. — Bankrott, Ion min!" Es war Weinen in der Stimme.
„Was in aller Welt erzählt der Kaufmann!" Ion kam näher heran. Der Vornehme-Leute-Geruch tat der Nase gut. Guter Ayuavit.
„5a, — Hupp — Bankrott, verstehst Du? Vor die Hunde gegangen der ganze Krempel. Muß meinen ganzen Handel schließen. Geld verloren — hupp — Schluß!"
Ion Legdekall ließ den Strick zur Erde fallen. Etwas so Unglaubliches hatte er sein Lebtag nicht gehört.
„He, was sehe ich? Einen Strick? — Jon min. Täte ich nun, was rechtens ist, ließe ich mir den leihen und machte mit allem ein Ende, verstehst Du? Das Leben an und für sich, — und das will ich Dir bloß sagen — Jon min, daß das Leben an und für sich nichts wert — hupp — nichts wert ist für den, der nicht reich ist. — Kein Geld hat, verstehst Du. Aber ich habe keine Traute. Ich traue mir nicht zu, mich aufzuhängen. Aber dran gedacht immerhin, im vollen Ernst. Entweder mit einem Barbiermesser oder — einem Strick, ja. Das Leben an und für sich ist nichts mehr wert für mich. Jetzt wo alles zusammenfällt! Du weißt nicht — hupp —, was das sagen will, sein ganzes Leben lang — hupp — Leben lang zu sparen — sparen. Volle Bankbücher zu haben, dicke Geldscheinkästen, Häuser und alles Mögliche. Geehrt zu werden. Alle nehmen den Hut — hupp — ab. Und herrschen, Jon min! herrschen. — Und da hört plötzlich der gesegnete Krieg auf. Verluste über Verluste — und dazu noch einen Bengel, der mit dem Geld immer so umherwirft, unten in Kopenhagen. Waren, die man nicht los wird. Lause- priester von Bauern, die nicht bezahlen. Und eines schönen Tages ist der — Bankrott da. Fertig, — hupp. Basta! Das Leben an und für sich, — aber man klammert sich doch dran. Ion min. Klammert sich doch daran."
Ion Legdekall war noch näher an den Kaufmann hcran- gekommen. Er streckte den Hals vor und lauschte mit offenem Munde den Worten des großen Mannes.
Aber der Altkaufmann richtete sich im Sattel auf und wurde barsch im Gesicht.
„Wenn bloß dieser Satansbengel nicht so maßlos vcrschivcn. derisch gewesen wäre. Hätte ich nicht die großen Summen, die ich ihm schickte, herausrücken müssen, so wäre alles noch glatt gegangen. Da stände ich — hupp — heute nicht so hier, Jon min. Sowas schon dagewesen! Das Geld man immer so wegwersen, als ob es Tang wäre, so wie er hier am Strande wächst. Du hättest die Rechnungen sehen sollen, die er seinem alten Vater schickte! Spielschulden, Anzüge und Fahrräder mit Motorbetrieb. — und Beefsteaks und Spiegeleier und — hupp — und Weiber und allen möglichen Dreck. Nichts zu verdienen! Und was man verkauft, wird nicht bezahlt. Und der sumpft da herum wie ein Prinz, da unten in Kopenhagen. — Sumpft, sage ich, Jon min!"
Der Kaufmann schwieg einen Augenblick und sah Ion anklagend an.
„Sumpft — ja, Kopenhagen — so. Tja", stotterte Jon und entfernte sich ein wenig.
Das rote Gesicht des Altkaufmanns wurde wieder mild und freundlich. „Er hat mich viel gekostet, der Junge. — Aber ein höllisch schneidiger Kerl! Und Verbindungen hat er — aber ein verdammtes Sumpfhuhn! Doch jetzt ist Schluß. Er kriegt nichts mehr. Ich bin bankrott, Ion min. — Ruiniert!"
Der Altkaufmann richtete sich im Sattel aus und starrte Ion Legdekall feierlich an.
„Ruiniert!" wiederholte er mit' Pathos.
„Das Leben an und für sich," fuhr er philosophisch fort, „das Leben an und — hupp — für sich ist keinen Pfifferling wert. Dumm von mir, nicht Deinen Strick zu leihen, Ion min. Aber ich getrau mich nicht, der Folgen wegen. Mein Sohn, der Rechtsanwalt, dieser Teufelsbengel, wenn er sich nur ein Amt suchen und seinem alten Vater helfen würde! Willst Du, Ion min, einen — hupp — Schnaps haben?"
Der Altkaufmann angelte eine Flasche aus der Tasche hervor. Sie war halb voll Aquavit. Er setzte sie an den Mund und nahm einen Schluck. Dann reichte er sic Ion hinunter.
„Bitte schön, Ion min. — Habe Dich immer — hupp — leiden können. Ein ehrlicher und ergebener Mann des Volkes bist Du. Diese werden jetzt so selten. Keinen Respekt mehr vor uns — hupp — vor uns Leuten der Oberklasse. Du, Jon min, bist einer vom guten alten Schlag. — Bitte sehr, Ion min!"
In Ions Brust schmolz etwas. Etwas Kaltes, das warm wurde. Er nahm die Flasche mit zitternden Händen entgegen.
„Gott segne den Kaufmann", murmelte er. „Gott segne . c Kaufmann!" begann er wieder. „Ein Wohltäter bist Lu, ein guter Mann." Ihm kamen die Tränen in die alten Augen, als der gute Tropfen ihm durch die Kehle rann. Dann reichte er die Flasche zurück.
Der Altkausmann hatte die Hand nach der Flasche ausge- streckt: doch dann sagte er mild: „Du kannst den Schluck, der noch übrig ist, behalten, Ion min. Es tut so wohl, mit einem !-.. MliKen». ergâWh HM &Ë Wk^â Z^tL «k AU.