Frankreich in Waffen.
Tie Beratung dès französischen Verteidigungsgesetzes.
Bei der Cmzclbrratung des Gesetzentwurfes betr. Die Organisierung der Nation für die Kriegszeit in der Dammer hielt Kriegsminister Pasnlevè eine-Rede, in der er u. n. ayr- sührtes er sei durcir den neuen Organismus der nationalen Verteidigung, der bereits für die Friedenszeiten vorgesehen fei, um in Kriegszeiten zu funktionieren, vollkommen beruhigt. Am Anfang des Weltkrieges habe man, nachdem sich die Auffassung, öaß es sich um einen Krieg von kurzer Dauer handele, als falsch heratlsgesteUI habe, mit Schrecken bemerkt, daß die M u n i t i o n s v o r r â t e a u s g i n g e n und es an Explosivstoffen fehlte. Frankreich habe damals seine Heeresindustrie erst ausbauen müssen und dies habe nur unter starken Verlusten und unter großer Vergeudung von Geld geschehen können, wobei sich gewisse Leute bereichert hätten. Der neue Gesetzentwurf beuge für die Zukunft solchen Fällen vor.
Wenn die Regierung erfahren würde, daß eine Nation eine mächtige Luftflotte in mobilisiertem Zustand gegen Frankreich ausgestellt habe, wäre sie wohl verpflichtet, die Mannschaften der Luftverteidigung, also die Flugzeugführer der ersten Reserve und die Jagdflieger, cinzubcrusen, um alle, die einen Einfall versuchten, diesen Versuch teuer bc- xéien zu lauen. Diese Tcilmaßnabmcn bedrohten niemanden, sie seien durchaus inosseusiv, und die Regierung sei der Ansicht, daß sie getroffen werden könnten, ohne mit irgendeiner internationalen Abmachung in Widerspruch zu nennen. Der Gesetzentwurf, so schloß Painlevo, organisiere die Verteidigung mit Hilfe der ganzen Bevölkerung. Er sei die Folge der Herabsetzung der Militärdienstzeit. Der Gesetzentwurf, weit davon entfernt, eine Kundgebung des Militarismus zu sein, bezeuge lediglich den Friedenswillen Frankreichs und seine Entschließung, seine Unabhängigkeit bis zum Tode zu verteidigen, wenn gegen alle Erwarumg Frankreich angegriffen werden sollte.
Nach weiterer Aussprache wurde der Art. 7 des Gesetzentwurfes in folgender Fassung angenommen. „In Kriegs-? Zeiten find sämtliche Franzosen und französischen Staatsangehörigen ohne Unterschied des Alters und Geschlechts sowie sämtliche legal gebildeten Vereinigungen gehalten, unter näher festgesetzten Bedingungen des vorliegenden Gesetzes, entweder als Kombattanten an der Verteidigung ihres Landes oder als ÄiKtkomhaitanken an der Unterhaltung des materiellen und moralischen Lebens des Landes mitzu- arbeitcn."
^&^^ MU GLSLrO Men.
8 e r 1 r a i: c n svot u m f ü r Chamberlai n.
Im MitlelnurUt der Unrerhau^dch^iro, die sich mit den cugiisch-russillhLu Bcziehnugeu beschäftigre, stand eine Rede des englischen ^inKemmnisLerE Elmn-berlain bo- tonre in ihr, das; die ^owscrregiertlug das Britische Reich mit befeußerem üLeWolten behandele. Dies allein hätte ihn jedoch nicht zu dem von ihn: uuternomnlLnen Schritt veranlassen können, wenn nicht noch andere Momente Hiu- zttgekonrmcn wären. Wenn der Welt nicht gezeigt würde, wie stark England provoziert worden sei,'wurde ein Abbruch der englischfrusnschen Beziehungen eine sehr beunruhigende Wirkung aus die europäische Lage gehabt haben. Die SstHetregiernug habe sich bemüht iu beweisen, daß die britische Regierung versuche, Unruhe zu stiften und diese Unrrchè gegen die Sowjets zu nutzen. Das sei jedoch unrichtig. Man müsse bedenken, daß Rußland alles getan habe, um die Unterzeichnung des Locarnovertrages zu verhindern. Ebenso habe Rußland Deutschland zu überreden versucht, nicht in den Völkerbund einznireten, sondern außerhalb desselben auf sowjetrussischer Seite zu bleiben. Deslsalb habe er der Regierung Geduld empfohlen und zur Mäßigung geraten, trotzdem England beständig in außergewöhnlicher Weife provoziert worden sei.
G l e i ch w s h l gebe e s *G r e n 3 e n f ü r diese Geduld. England gäbe nicht die Absicht, sich in sowjetrussische Angelegerchèiten einzuluischsn, und auch keinen diplomatischen Feldzug in der übrigen Welt gegen Rußland geführt. Rußland solle seine Politik der in der Gr- sellfchrrft der Völker üblichen anpassen und davon Abstand nehmen, die Weltrevolution zu fördern. Nicht die Erklärungen der Russen seien für die Engländer ausschlaggebend, sondern ihre künftigen Hand- l u n g e N. England müsse sich alle Schritte Vorbehalten uub rufe die Welt als Zeugen für die Berechtigung seiner
.Mägen an. Jedoch wolle England der SowjeitKgiLrüttg nv ch einmal Gelegenheit geben, ihr Benehmen den üblichen Regeln des internationalen Lebens anzu passen.
Am Schluß der Unierhaiissipung wurde ein liberaler Abäuderungsantrag, das Gehalt Chamberlains zum Ausdruck des Mißtrauens um 100 Pfund zu kürzen, mit 271 gegen 146 Stimmen abgelehnt.
potiijsche Rundschau.
Deutsches iReicb.
Die Beamtenvcrtreter beim Reichsfinanzminister.
Der Reichsminister der Finanzen empfing die Vertreter der Beamten und Behördönangesteüten, die ihm ihre Wünsche vortrugen. Der Minister nahm zu den einzelnen Fragen kurz Stellung, insbesondere erklärte er sich unter Hinweis auf seine Ausführungen im Reichstag bereit, Die Vorarbeiten für eine G e s a in t r c f 0 r m der B e amten des old un g sofort in Angriff zu nehmen, damit diese in Kraft gesetzt werden könnte, sobald es die Wirtschaftslage gestatte. Der W 0 h 11 n u g ö g e l d z n - schuß wird mit Rücksicht auf die am 1. April d. I. bevorstehende Erhöhung der Miete entsprechend e r h ö h t werden.
Die neuen „militärischen Sachverständigen".
Auf Grund des Dezemberabkommens von Genf war vereinbart worden, daß bei den Botschaften der Hauptmächte in Berlin nach Auflösung der Interalliierten Militärkontrollkommission militärische Sachverständige ernannt werden sollten. Diese Ernennungen sind erfolgt, und zwar sind bestimmt worden für Frankreich Oberst Durand, für Italien Oberst Rossi, für England Oberst Gossel und für Belgien Maior Pulix. Die j a p a u i s ch c Regier u n g hat auf die Benennung eines militärischen Sachverständigen bei ihrer Botschaft in Berlin verzichtet. Die bei den anderen Botschaften ernannten Militärs gehörten als Mitglieder bereits der Interalliierten Militürkontrollkommission an.
Die Bekämpfung der Schuldlüge.
Der Arbeitsausschuß Deutscher Verbände veranstaltete gemeinsam mit dem Deutschen Frauenausschuß zur Bekämpfung der Schuldlüge im Plenarsitzungsfaal des Reichstages eine Feier aus Anlaß des Abschlusses der Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes über die Vorgeschichte des Krieges. Reichskanzler Dr. Marr führte in einer Ansprache an die Festvcrsamnrlung den Ge- bmitcu aus, daß die Enthüllung der Wahrheit über die Vorgeschichte des Weltkrieges eine Tat im Sinne der Pölürversöhnung sei. Wir dürfen wohl heute schon fest- stelleu, daß auf Grund der von un» veröffentlichten Akten der politisckren Epoche von 1871 bis 1914 niemand mehr an den Beschuldigungen festhalten kann, die eine h a ß - erfüllte Kriegspropaganda gegen uns über die ganze Welt verbreitere.
Aus In- und Ausland.
Berlin. Das Befinden des Reichstagspräsidcuten Löbe ist weiterhin als sehr gut zu bezeichnen. Der Patient wird, entgegen anderslautenden Meldungen, noch etwa acht Tage in der Klinik verbleiben müssen.
München. Eine Versammlung der Nationalsozialisten, die für Sonnabend im Zirkus Krone in München geplant war, ist verboten worden, weil Adolf Hitler darin als Redner auftreten sollte.
Saarbrücken. Der Stadtrat von Saarbrücken beschloß einen. Protest an das Bvlkcrbnndsekrelarkcrr^M' richten wegen- der Weigerung der französischen Militärverwaltung, Kasernen und Wohnungen, die für die Besatzungstruppen und ihre Angehörigen in außerordentlich großem Umfang in Anspruch gc- Hommen werden, zu Wohnuugszwccken für die Saarbrücker Bevölkerung srciZugcbcn.
Landau. Infolge der seinerzeit erfolgten Beschlagnahme der voni Verlag des Landauer Anzeigers herausgegebencn R 0 u ; i c r - B r 0 s ch ü r e sind nunmehr der Verlag und die Schilftleitung des Landauer Anzeigers für den 9. März vor das französische Militärpolizeigericht in Landau geladen wegen einer, wie cs in der Vorladung heißt, „den Besatzungs- truppen gegenüber ehrenschändenden Veröffentlichung".
Paris. Außenminister Briand empfing eine Abordnung deutscher Journalisten, denen er erklärte, daß er in Dr. Stresc- mann einen treuen Mitarbeiter für die deutschFrauzösische Verständigung gefunden habe. Diese Verständigung stelle den Schlüssel für die gesamte europäische Friedenspolitik dar.
Erobebèn in ^mMi'i.
B11 dope st. Tie Budapester Erdbebenwarte meldet: Freitag früh um 7 Uhr 22 Minuten 37 Sekunden ereignete sich 89 Kilometer von Budapest entfernt ein Erdbeben. Budapest dauerte die Erdbewegung drei Minuten, in Vorhin wla wurde ein starker Erdstoß verspürt. Mehrere Häuser, dar? unter das Kircheng^häudc, wurden stark beschädigt; eine Mauer und etwa M Kamine sind eingeftürgt. DgS Bcbc» dauerte fünf bis sechs Sekunden und war von in»erirbifd,cui Getöse begleitet Dem Erdbeben folgten 8 Uhr 7 Minuten iinb um 9 Uhr Nachbeben. Gegen 12 Uhr mürbe in Varhaluch ein neuer Erdstoß verspürt, wobei ein Haus einstürzte.
Äèe Wi$e TheMüuSsieWW m MOâst.
Berlin. Im Pleuarsihuugssaal des Herrenhauses fam eine Kundgebung für die Deutsche Thealerausstellung ig Magdeburg 1927 statt. Der preußische Kultusminister Tr, Becker sprach in seiner Eigenschaft als Ehreitpräsideitt bei Deutschen Theaterausstellung über die Ausgaben der Ausstellung, der er stärkste Unterstützung des Prcußischeir Staates zu- sicherte. Die Ausstellung in Magdeburg soll eine v eutsch; Tat werden, eine Tat des ganzen Reiches, in der sich bei Süden und der Norden jufammenfiuben soll zur Kolibri n, g u u g eine r K u 11 u r a u f g a b e, die dem Auslande einen Beweis der deutschen Leistung geben wird. Der Preußische Staat unterstütze dieses Unternehmen mit allen Kräften, Weil er in dem Theater eine epische Macht sieht, die die Möglichkeit hat, die M c n f ch e n z u c i n e u u u d z u b e frei e 11 inch ihnen Stunden reinster Freude zu schenken.
Aus Heffen-Raffau und Aachbargebieten.
Merkblatt für den 6. und 7. März.
Sonnenaufgang ß™ Moudaufgang 8^' V. , Sonnenuntergang 5-” ;; Mandmttcrgang KP9L
6. M ä r z. 1787 Der Physiker Joseph von Fraunhofer geb. — 1867 Der Maler Peter v. Cornelius gest.
7. M ä r z. 1926 Beginn der Völkcrbundtagung in Genf.
Ein jeglicher versucht sein Glück; — Doch schmal ist nur die Bahn zum Rennen; — Der Wagen rollt, die Achsen brennen; — Der Held dringt kühn voran, der Schwächling bleibt zurück, — Der Stolze fällt mit lächerlichem Falle; — Der Kluge überholt sie alle. Schiller.
Wetterbericht.
_ Bei Irland ist ein neuer sehr kräftiger Tiefdruckwirbel erschienen, dessen Ausläufer in den nächsten Tagen unsere Witterung beeinflussen wird. Vorhersage bis Samstag abend: wolkig bis bedeckt, Regenfälle, milde, auffrischende Südwestwinde. Vorhersage bis Sonntag abend: Veränderlich, doch meist bewölkt, einzelne leichte Niederschläge, leichte Abkühlung, südwestliche bis westliche Winde.
Fttlda^ den 5. März 1927.
Am Wochenende.
Der Himmel hat es in diesem Jahre gut gemeint mit den übermütigen Fastnachtsnarren. Das schöne Fastnachtswetter ließ sogar eine rheinische Zeitung auf die Vermutung kommen, der himmlische Wettermacher sei ein — Mainzer. Hunderttausend Besucher im goldenen Mainz — für einen Fensterplatz mürben 20 Mark bezahlt! Fuldaer Augenzeugen berichteten Wunderdinge vom Mainzer Rosenmontagszug. Nun, bei uns in Fulda wars auch ganz schön. Die traditionellen „Knochen- essen", in den verschiedenen Wirtschaften verlreiLn iovroaLLiN- mngtg wicolc 11p
Fulda. Wie in unserem gesamten Leben der Einfluß des Kinos sich in Aeußerlichkeiten bemerkbar macht, so war dieser Einfluß auch in erhöhtem Maße in der Wahl des Kostüms festzustellen. Viele Masken sahen aus, als seien sie irgend einem Harry Piel-Film entstiegen. Seit der „Lieblingsfrau des Maharadscha" haben es auch die Herren leichter mit ihrer Maskierung: „Cut" angezogen, Handtuch um den Kopf gewickelt und der Maharadscha ist fertig. Die Illusion wird etwas gestört, wenn so ein brauner Indier im wohlgepfropften Ballsaal stöhnt: „llit'sch mie Hühnerauge!" — Dr. Unblutig war übrigens auch in mehreren Exemplaren vertreten, da konnte es ja keine Fehler geben. Das liegt nun auch wieder hinter uns, der eine seufzt „Gott sei Dank", der andere läßt den Kopf tiefer hängen als vorher und trauert dem Fasching nach mit einem „Leider".
Der Hutzelsonntag, seine Gebräuche und ihr Sinn.
Von E. E.
Am Hutzelsonnlag gehört eigentlich in den Dörfern der Rhön und ihres Vorgeländes das alte landschaftliche Spezialgericht: Hutzeln mit Schweineknochen auf den Mittagstisch. Beide, der erste Sonntag nach den Fastnachtstagen und die Hutzelspeise, sind nämlich seit ältesten Zeiten innig miteinander verknüpft, viel inniger als das Martinsfest und die Martinsgans. Das Hutzelmahl hat dem Sonntag den Namen gegeben, anscheinend als der wichtigere Teil, bei der Martinsgans dagegen verhält es sich umgekehrt. Und trotzdem, so glaube ich, ist die Hutzel in den allermeisten Fällen auf dem Hutzelsonntäglichen Speisezettel verschwunden, weil sich die Geschmacksrichtung des Rhönbewohners geändert hat. Er liebt in unserer Zeit andere, herzhaftere Speisezusammenstellungön. Die Martinsgans freilich ist vom Wandel der Zeiten nicht erfaßt worden. Kein Wunder, so eine gekochte Hutzel kann wirklich nicht mit einer knusperigen Gans konkurrieren.
Beibehalten hat der erste Sonntag in der Fastenzeit seinen hutzeligen Namen, wenigstens in der Rhön und den umgrenzenden Gebieten, beibehalten hat hier die Bevölkerung das Hutzel- feuer und manche damit in Verbindung stehende Gebräuche. Ueberall in der Rhön und auf ihren Vorbergen flammen am Abend die Feuer auf, bekannt und beliebt bei jung und alt. Es ist überflüssig, die Sitte näher beschreiben zu wollen. Nur auf geringe Besonderheiten von nicht allgemeiner Verbreitung soll eingegangen werden.
An manchen Orten wird ein Hutzelmann aufgerichtet. Das ist eine lange, mit Stroh umwickelte Stange, die in die Erde gerammt und dann angezündet wird. Hie und da verwendet man zwei Stangen in Form eines Kreuzes. Der Hutzelmann führt zurück in die heidnische Vorstellungswelt unserer Altvater. Der heidnische Dämon ist nach und nach zum christlichen Symbol geworden und hat Kreuzesform angenommen. In der Gegend von Neuhof ist der alte Hutzelmann zum regelrechten Mummenschanz herabgesunken. Ein junger Bursche wird gehörig mit Stroh umwickelt; darauf zieht die Jugend mit dem „Hytzelbär" ins Dorf und heischt Gaben, wobei die verschiedenartigsten Verse gesungen werden. Im Kreise Gersfeld rollt man mit Stroh umwickelte Räder, die in Brand gesetzt werden, den Bergabhang hinab. Den gleichen Brauch kennt man im Kreise Hersfeld. Dort läßt man unter langgezogenen Rufen „Holrad, Holrad" das in Stroh eingehüllte Nad brennend den Berg hinunterrollen. Dabei werden Wünsche ausgesprochen, wie z. V. „Der Flaß soll lang wär'n" und dse Bauersfrau freut sich, wenn das „Holrad" den Weg über ihren Acker nimmt. Das verspricht nämlich eine gute Flachsernte und überhaupt eine gute Ernte.
Der Name Hutzelsonntag ist nur in den Rhönlandschaften im alten Buchonien gebräuchlich. Die Vplkssitten an diesem Tage sind mit mehr oder welliger Abweichungen in ganz Südwestdeutschland, sebst in der deutschen Schweiz, anzutreffen.
Württemberg schwingt am Abend des „Facklatages" in gleicher Weise die brennende Fackel wie der Fuldaer den „Blas". In Baden spricht man vom Facklensonntag, in der Schweiz vom Funkensonniag. Ueberall lodern mit Beginn der Dunkelheit auf den Schwarzwaldbergen und Neckarbergen die „Funken- oder Fastnachtsfeuer", überall wird die hochlodernde Lohe von der Jugend jubelnd, jauchzend, musizierend umlanzt. Bald sind die fernen Gestalten vom glühenden Feuerschein glutrot übergossen, bald heben sie sich ab vom feurigen Horizont wie dunkle Eespenstererscheinungen. Brennende Fak- keln ziehen, schwingen Kreise, hüpfen, sausen bergab. Ein Bild von wunderbaren Reigen, aus der Ferne noch stimmungsvoller und poesiereicher als aus nächster Nähe.
In dem Schwarzwaldgebiet und östlichen Vorland der Südvogesen ist das Fastnachtsfeuer mit dem Scheibenschlagen verbunden. Das ist ein alter Brauch, von dem bereits die Chronik aus dem Jahre 1090 erzählt. Das Scheibenschlagen hat unverkennbar Aehnlichkeit mit dem Holradrollen der Rhöngegend, auch mit dem Blas. Es werden von den Burschen durchlöcherte glühende Scheiben mit einem durchgesteckten Stock über dem Haupte gezwungen und dann unter Aufschlagen des Stockes auf einen Stein, eine Bank fortgeschleudert. Gewöhnlich geschieht das unter Aufsagen eines Reimes zu Ehren einer Person, meistens eines jungen Mädchens, das nicht selten versteckt und lauichend in der Nähe weilt. So heißt es in den Vogesen:
Schiew ob, Schiew ob!
De Schiew is gemocht,
Se fohrt über de Rhi (Rhein)
Und kommt wider herin
Uyd fahrt dem Gretel (Bärbel, Rosel 2c.)
Zum Lode (Laden) annien (hinein).
Im Badener Land zieht die Jugend nach dem Scheibenschlagen singend durchs Dorf und bittet um Gaben, nicht wix bei uns um Kreppeln, sondern um Küchli, d. i. Kuchen.
Der Vater mit dem Krügchen,
Der holt den kühlen Wein,
Die Mutter mit dem Körbchen
Bringt viele Küchlein rein.
Mer Henn ech an ä Schiewe geschlage.
's Küchli rys, 's Küchli rus,
Schuch (Es ist) ä schönt Frau im Hus.
In all den Getzräuchen, die in den Gegenden zwischen unserem Hutzelsonntag und dem Schweizer Funkensonntag anzu- treffen sind, haben wir es anscheinend mit Resten uralter Sonnenverehrung zu tun. Von der winterlichen Sonnenwende an, hat der Tag täglich um einen Hahnenschrei, so sagt der Vplks- mund, zugenommen, Lichtmeß haben sich die Hahnenschreie zu einer Stunde summiert. Seit Lichtmeß aber sind schon mehrere Wochen wieder ins Land gegangen, und in größeren Bogen zieht die Sonne ihren Pfad. Ja, die Sonne! Wieviel bedeutet sie dem Landmann für sein Wirken und Schaffen. Aus
Schritt und Tritt verspürt er die Kraft und den Segen des leuchtenden, wärmenden, lebenweckenden Himmelsgestirns. Das Hutzelfeuer, vor allem aber die im Kreise geschwungenen Fak- keln, die brennenden, den Berg hinabrollenden Räder und die glühenden Scheiben, alles das versinnbildlicht die Sonne. Man deutete die Feuergebräuche als einen mit zauberischen Kräften ausgestatteten Vorgang. Er sollte das Himmelsgestirn, das monatelang von der Finsternis besiegt war und seit wenigen Wochen erfolgreich um seine Freiheit kämpfte, in dem Ringen mit den Mächten der Dunkelheit unterstützen. So dachten unsere heidnische Vorfahren. Darum die Feuer auf den Bergen zur Zeit der winterlichen und sommerlichen Sonnenwende als Kulthandlungen der heidnischen Priester.
Mit dem Christentum kam der tiefere Sinn der Feuergebräuche bald in Vergessenheit, nicht aber sobald die konkretere, näher liegende Deutung der Vorgänge auf den bäuerlichen Beruf. Dem Landmann lag vor allem die Beziehung der segenspendenden Kraft des Feuers zum Wachstum der Saaten im Sinne. Das Feuer, die geschwungenen Brände, die geschleuderten Scheiben, die rollenden, brennenden Räder wecken nach uralter Anschauung das Winterkorn und bringen der Flur oder bestimmten Personen, derer man bei der Handlung gedenkt. Glück und Segen. Darum heißt der Brauch in Schwaben geradezu das „Saetleuchten", in Tirol das „Kornaufwecken". Als „Kornaufwecken" und „Glückspenden" waren auch offenbar in der Rhön Hutzelfeuer und die damit in Zusammenhang stehenden Gebräuche gemeint. Nur wenigen, die sich am Hutzelfèuer beteiligten, bürsten die Erinnerung daran festgehalten haben.
Nicht im Zusammenhang mit der Wiederkehr der Sonne stehen der „Hutzelbär" und der „Hutzelmann". Hierfür muß die Erklärung anderweitig gesucht werden. Die beiden Gestalten finden im allgemeinen im südwestlichen Deutschland kein Gegenstück. Wohl aber kennen Thüringen, Provinz Sachsen, Brancenburg und Schlesien ähnliche Gebräuche, so daß die Vermutung nahe liegt: Hutzelbär und Hutzelmann sind nicht waschechte Rhöner^ sie sind aus dem Osten eingewandert und haben sich in die Hutzelfeuersitte hineingcschmuggelt. Ihnen liegt eine ganz andere, sozusagen landfremde Idee zugrunde. Mit ihnen meint man den zurückweichenden Winter, bet vor der auffteigenben Sonne das Feld räumen muß. Der Erbsbär., auch Eisbär genannt, treibt an den eigentlichen Fastnachtstagen in Thüringen, Meißen und in der Lausitz in ähnlichen Formen wie der Hutzelbär der Rhöngegend seinen Ulk. In Oesterreich, Bayern und Böhmen verbrennt man am ersten Fastensonntage, mitunter auch einige Sonntage später, eine Strohpuppe, die den besiegten, ohnmächtigen Winter darstellt. Darin dürfen wir ein Spiegelbild des Hutzelmannes erblicken. Vornehmer Herkunft kann sich scheinbar der Hutzelmann gerade nicht rühmen, wenigstens har der Volksmund für ihn nicht immer ehrenvolle Bezeichnungen. In manchen böhmischen Orten „jagt man den Türken hinter die Stadt" und im früheren österreichischen Schlesien wird „der alte Jude" verbrannt.