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3wn her Schreckliche.
Nach dem Leben gezeichnet von Friede rikevon Krosigk.
Er war nicht Selbstherrscher aller Reußen. Und der Hof, an dem er lebte unb tobte, lag nicht am Newski-Prospekt in Petersburgs sondern hinter einem bescheidenen, alten Landhause unweit Calbe an der Saale. Aber Iwan hieß er, und schrecklich war er.
Die Hühner flohen ihn wie die Pest, und es kam ihin gar nicht darauf an, ein vorwitziges Küken totzutrampeln. Er H duldete kein beschauliches Dasein in seiner Nähe. Er war die Klägliche Anfechtung der Gänse und die Verzweiflung der kleinen Guten. Denn unter keinen Umständen ließ er irgend ein Geschöpf an den Futternapf, bevor er nicht den Inhalt geprüft und das Beste herausgefressen hatte. Und man konnte noch von Glück sagen, wenn er in den traurigen Rest nicht herrisch seine beiden Vorderbeine stemmte. Es ist begreiflich, daß ein solches Verhalten den Hahn auf das tiefste empören mußte und daß den Puter eines Tages der Schlag rührte vor Äerger. Auch der Kaninchen hatte sich eine tiefe Verbitterung bemächtigt, aber sie fraßen ihr Leid stumm in sich. Umso nachdrücklicher schimpften die Spatzen, die ihn ebenfalls haßten als ihren Erzfeind.
Iwan war, um es rund heraus zu sagen, ein Schwein. Und zwar ein Charakterschwein, wenn auch leider von recht schlechtem Charakter.
; Der bekannte Zotteltrab, in dem sich andere Schweine zu bewegen pflegen, war ihm gänzlich fremd. Iwan rannte nur, ja man kann sagen, er raste über den Hof. Mit Vorliebe hielt er sich am hinteren Ende auf, weil es dort etwas morastig war. Erschien aber vorn am Hause jemand mit einer Schüssel, oder ereignete sich sonst etwas Gewinnverheißendes, so jagte Iwan wie ein Sturmwind herbei, und wehe allem, was ihm im Wege stand.
• Er hatte kleine böse Augen und sein freches Ningelschwänz- chen stand steil aufgerichtet hinter ihm als „laufendes Auge", womit man in der Seemannssprache einen halbgeschlungenen Knoten bezeichnet.
Iwans Herr war nämlich ein alter Schiffskapitän, der nach dem Schiffbruch des Reiches im Jahre 1918 den Gram feines Herzens in die Einsamkeit eines abgelegenen Dorfes getragen hatte, wo er mit den Seinen in tiefster Zurückgezogenheit lebte und sich der Pflege feines Gartens und feiner Tiere widmete. Seins Gattin, die das Geflügel versorgte, hatte vollauf zu tun, um Iwans Uebergriffe abzuwehren. Aber sie war ihm nicht so böse, wie er es eigentlich verdiente, und mit der Zeit spann sich sogar, zum großen Mißfallen des geflügelten Hofgesindes, eine seriöse Freundschaft zwischen beiden an. Das'war gekommen, als eines Morgens die Hausfrau, wie gewöhnlich, vor die Tür trat, um die beiden Hunde zu bürsten, den großen Schäferhund Rüpel, und Treff, den kleinen Dackel, Nachdem Iwan einige Male beobachtet hatte, daß die Hunde diese Prozedur gern leiden mochten, kam er eines Tages herbeigerast, stellte sich neben den Hunden auf und grunzte: „Mich auch!" Von da ab wurde denn fein borstiger Rücken regelmäßig mitgestrählt, und wenn die gütige Hand der Hausmutter bei dieser Gelegenheit einmal seinen dicken Kopf streichelte, ober ihn hinter den Ohren kraulte, so konnte er ganz zärtlich aus seinen listigen Aeuglein zu ihr emporblinzeln.
Aber daran hatte sein Tatendrang nicht genug. Unter dem niedrigen Fenster stand eine Bank. Iwan erklomm eines Tages erst diese, dann das Fensterbrett und befand sich plötzlich mitten in der Anziehstube des Hausherrn. Er betrachtete die Schlipse . feines Gebieters ohne sonderliches Wohlgefallen und begab sich weiter bis ins Eßzimmer. Hier beschloß er zu bleiben, denn ein I nn“ ttMüu die -MieMftegeir. Die Hcrustochter, die gerade Tisch deckte, warf einen Serviettenring nach ihm, aber Iwan strafte diese unfreundliche Handlung nur mit einem gehässigen Blick, denn er war entschlossen, dem Mittagessen bei- zuwohnen, und wollte den Konflikt nicht vorher auf die Spitze treiben. Er bewegte sich auf dem Parkett wie ein alter Rous und wischte sich vor lauter Manierlichkeit schon vor dem Essen die Schnauze, leider am Tischtuch.
Aber das Schlimmste geschah im Spätherbst, als das Stroh für die dicke Liese ankam. Liese war ein uralter, fetter Pony, auf dem früher, in schönen Wilhelmshavener Zeiten, die Kinder reiten gelernt hatten, und der jetzt das einzige Bindeglied mit der Außenwelt, will sagen der Bahnstation, darstellte. Die Liefe also fing an, rheumatisch zu werden und brauchte ein sehr warmes Winterlager.. Der Kapitän war im Dor" von Pontius zu Pilatus gelaufen, bis er endlich einen Bauern fand, der sich bereit erklärte, eine Fuhre Stroh nicht nur abzugeben, sondern sogar auzufahren. Als nun an einem rauhen Novembermorgen der Retter in der Not mit einem ansehnlichen Leiterwagen voll Stroh auf dem Hofe erschien, wurde er mit Freuden begrüßt.
desgleichen die wacnere Kuh, die er in Ermangelung eines Ochsen davor gespannt hatte. Und der Kapitän, in der weisen Erkenntnis, daß bei einer steifen Brise ein kräftiger Trunk dem Landmann ebenso gut tut wie dem Seemann, lud den ahnungslosen Bauern ins Haus ein und holte die beste Flasche aus den: Schranke. Er hatte nicht bemerkt, daß Iwan wieder mit Volldampf herbeigestürmt kam, das laufende Auge als stolze Flagge am Heck führend. Als die beiden Männer wieder ins Freie traten, da wartete ihrer ein Anblick, daß ihnen die Arme am Leibe heruntcrsanken. Da hing Iwan, schmatzend vor Gier, am Euter der Kuh und zerrte, sog und soff mit der Leidenschaft eines Quartalstrinkers. Und die arme Kuh an der Deichsel hatte den Kopf gewendet und sah aus großen, braunen Augen vorwurfsvoll zu, ohne sich des Schmarotzers erwehren zu können.--
Etwa ein halbes Jahr nach diesen Begebnissen besuchte ich den Kapitän. Die dicke Liese hatte mich pflichtschuldigst von der Bahn geholt, und als wir beim milden Schein der Hängelampe um den Abendbrottisch saßen, galt meine erste Frage dem Iwan.
„Wir haben ihn geschlachtet", sagte die Hausfrau traurig. „Wir hatten ja nichts mehr zu essen. Als Selbstversorger kriegen wir keinerlei Marken, und ich wußte wirklich nicht" mehr, wie ich die Kinder satt machen sollte. Und schließlich war es ja auch sein Beruf. — Aber eigentlich reut es uns täglich; denn wir lachen nicht mehr halb so viel wie zu seinen Lebzeiten. Und fett ist er bei seiner ungestümen Wesensart ohnehin nicht geworden."
„Und was das Schlimmste ist", ergänzte der Kapitän, „das bißchen, was wir von ihm haben, mögen wir eigentlich nicht essen. — Aber," fügte er hinzu, „bei dir ist das natürlich etwas anderes. Du hast ja in keinem persönlichen Verhältnis zu ihm gestanden."
Und damit legte er mir ein großes Stück Leberwurst auf den Teller.
Wlütèlionue.
Ueber die Fichten beimpfen die Nebel, geistern die Raben, fliegt ein Wind, über die Fichten hebt sich die Sonne, glutrot und flackernd, wie Flammen sind. Sonne im Winter küßt keine Blüten, streichelt nicht Falter, nicht Rosen rot, aber sie schenkt dem halb schon erstarrten Käferlein Träume und süßen Tod! Und sie verklärt zu leuchtendem Silber Dächer und Türme in weißem Reif, sinkt dann am frühen Abend voll Milde nieder in Wolken, ein fahlgelber Streif.
Margret h Mengel.
Talsahrt.
Skizze von Rolf Römer.
Eigentlich hatte sie Medizinerin werden wollen; als ihr das Schicksal aber den Vater so früh schon raubte, war sie gezwungen gewesen, sich als Pflegerin an einer Kinderklinik auszu- bilden, wo sie von ihren kleinen Patienten vergöttert wurde. Aus Schwester Margits Hand schluckten sie die bittersten Tropfen, und ohne ihre Hilfe schien Professor Holzschnitzer überhaupt keine Operation mehr denkbar.
„Wehe Ihnen, wenn Sie einmal heiraten!" drohte er, so daß sie verwirrt unter ihrem strengen Schivesternhäubchen errötete; aber sie versicherte ernsthaft, nie solche Torheit zu begehen. —
Der Professor hatte sie wohl besonders väterlich ins Herz geschlossen, und so zählte sie auch zu den Feiernden an feinem sechzigsten Geburtstag. Doktor Nachbaur, der Neuling an der Kinderklinik, nahm sich dabei mit auffallendem Eifer der anmutigen Pflegeschwester an.
„Auf ein freundschaftliches Zusammenarbeiten!" sagte er und hob ihr den geschliffenen Weinkelch entgegen. „Oder erstreckt sich Ihre Männerfèindschast sogar aufs Glüserläuten?"
„Ich bin gar nicht so männerfeindlich."
„Sondern?"
„Vielleicht mir selbst genug!"
„Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt, einen Freund am Busen kält und mit dem aenießf --" mahnte er.
„Tas hat Goethe bestimmt nicht 'für mich gedichtet!
„Und ich wette, daß Sie es dennoch bald einmal probieren • werden!"
„Wie müßte denn das arme Opfer aussehen?" lachte sie, sich hinter lustigem Spott verschanzend.
„Na, so ungefähr wie ich", schlug der Doktor unverfroren
vor.
„Bescheidenheit scheint kein sein!"
„Längst geheilt!" gab er zu. gesgewiß schlug sie ein.
Geburtsfehler bei Ihnen zu „Also gilt die Wette?" Sie-
„Und einen Kuß kriege ich obendrein, wenn ich die Beweise erbringe.“
„Da können Sie alt und grau drüber werden."
„Abwarten!" —
Natürlich wurde ein Katerbummel verabredet. — „Aber irgendwo hinauf, Kinder, in Schnee und Sonne!" schlug einer vor, und jubelnd einigte man sich auf die Weißkopsdohle.
„Mit Bretteln und Rodeln!" bestimmte Doktor Nachbaur. „Sie tun doch auch mit, Schwester Margit?" — „Ich bin nicht s Ports tüchtig als Großstadtkind!" — „So wird Sie meine Schwester mit auf die Rodel nehmen!" — „Wenn ich nur sicher genug bin!“ zögerte Anita Nachbaur. — „Also, ich werde die Bretteln zu Hause lassen und Euer Führer fein!"
Es war ein prächtiger Sonntagmorgen, der das vergnügte Trüpplein in die Bergwelt lockte. Köstlich knirschte der Schnee unter ihren schweren Schuhen, und die höher aufsteigende Sonne puderte ihnen manche weiße Wolke von den schweren Tannenzweigen auf die frischroten Gesichter. Doktor Nachbaur redete angèleqentlich auf feine Sckwester ein.
- „Und wie belohnst Du'mich für den Schwindel?"
„Fürstlich! Wenn Tu Deine Sache gut machst!"
Als sie oben aus dem Walde traten, mußte sich Margit die Hände über die Augen decken, so strahlend blendete sie all der Glanz der sonnenüberglitzerten Berghalden. Von den Wegweisern lugten kaum mehr die Tafeln aus der tiefen Decke. Sonnenfreude und Höhenübermut erfüllte die ganze Gesellschaft, dem sich auch Margit nicht verschließen konnte.
„Wir fahren wie die Schneckenpost", beruhigte sie ihr Führer, und Anita versicherte: „Wenn Sie mich fest umfassen, kann Ihnen gar nichts geschehen." — Aber als sie über die vereiste Schwelle in die Dohlenhütte schritt, knickte sie mit dem Fuß um und sank zusammen. Da trugen vier kräftige Arme sie in die mal- lige, getäfelte Wirtsstube hinein. Doktor Nachbaur löste Gamaschen und Schuhe, um den verletzten Knöchel zu untersuchen.
„Gottlob nur eine Verstauchung!" beruhigte er die Kameraden und verband den Fuß.
„Wie komme ich nur heim?" jammerte Anita.
r „Sie können mit dem Botenschlitten fahren", wußte der Dohlenwirt Rat, und dann war nicht mehr viel die Rede von dem Mißgeschick. Sie selbst vergaß den Schmerz überraschend schnell und tat tapfer mit in der bergglücklichen Runde. Erst beim Aufbruch fühlte Margit sich wieder beklommen. Zögernd hockte sie sich an das Ende des langen Dreisitzers und umklammerte krampfhaft die Holzkanten.
„Nur näher, sonst verliere ich Sie", riet der Doktor.
„Ich sitze ganz fest", behauptete sie aber, und dann ging’s los. Anfänglich bremste er tüchtig mit den Nagelschuhen, daß der Schnee ihnen um die Köpfe sprühte; nach der ersten Kurve aber »ahm er pflichtvergessen ein schneidigeres Tempo.
„Nicht so schnell!" bat sie. unb da er es nicht zu hören schien, rückte, sie doch näher und schrie es ihm in die Obren.
„Es ist vereist", log er. „Besser festhalten!" Und da sie bei einem Hopser beinah seitwärts in den -Schnee geflogen wäre, drückte sie sich verzagt an ihn und schloß die Arme herzhaft um seine Mitte.
Er aber ließ die Rödel noch flotter saufen, denn je toller er fuhr, umso hilfloser klammerte sie sich an ihn. Die Berge hatte ihm der liebe Gott heute einfach nicht hoch genug geschaffen. Margit aber stand wie erlöst auf, als sie das Ziel endlich erreicht hatten, schüttelte den Flugschnee aus den zerzausten Stirnlocken unb brauchte ein paar Atempausen, um wieder zu Sinnen zu kommen.
„Und wann zahlen Sie mir meinen Kuß aus?" drängte er, als sie, die Rodel nach sich ziehend, im Dämmern heimwärts stapften.
„Wir hatten doch keinen Führerlohn ausgemacht."
„Aber unsre Wette habe ich gewonnen!"
„Wann hätte ich Sie beim in die Arme genommen?"
„Auf der Talfahrt!" jubelte er übermütig. „Ich kann es mindestens mit einem blauen Fleck beweisen." Und ehe sie sich noch sträuben konnte, hatte er sich seinen Gewinn auch schon erobert. Natürlich zürnte Schwester Margit über diese Unver-
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Von Alexander v. Gleichen-Rußwurm.
Mit andächtiger Liebe sind gewiegte Sinologen eifrig daran, etwas von Altchinas unnachahmlicher, nie wieder zu ersetzender Vornehmheit und langsam umständlicher Würde dem Andenken der Menschheit zu retten in Bild und Wort. Der Zeitraum von mehr als fünftausend Jahren, der Altchina errichtet hat, ist dahin wie ein Traum, die letzten fünfzig pietätlosen Jahre schoben auch bort das Alte verächtliche zur Seite, und man pocht auf Fortschritt, auf Jung-China, ja viele schämen sich des ehrwürdigen Ahnenkults und sehen ihre Heimat vom Standpunkt der Fremden an, dis so manches barock unb possierlich finben.
Gewiß hatte Altchina nicht in jeder Institution Vollkommenheit erreicht, so langsam umsichtig sich seine Einrichtungen dem geistigen Habitus von Land und Leuten anschmiegten. Aber es war bescheidene Einsicht da für diese Unvollkommenheiten und entsprechende Verbesserung patriarchalisch naiver Art lag im Bereich des Möglichen. Zum Beispiel: Es gab bestechliche Beamte in China. Allein der merkwürdigerweise unbestechliche Beamte wurde entsprechend feierlich geehrt. Versetzte ihn der Kaiser von einer Stadt in die andere, schenkte ihm die Stadt, die er verließ, ehr paar neue Schuhe für den nassen Weg. Seine alten Schuhe wurden ihm zeremoniös unter dem Stadttor aus- Zezogen und zum Andenken an dessen Wölbung gehängt. Ferner. das Gerichtswesen in Altchina mochte nicht immer tadellos 'ein, es gab unter den Richtern eigensinnige Köpfe, Pedanten, die den Wald vor Bäumen nicht sahen, und manche Bastonade regnete dank törichter Voreingenommenheit ungerecht hernieder. Aber in Erkenntnis dieses Umstands warnte 'ber Kaiser selbst seine Untertanen in einem Reskript vor den Kaiserlichen Gerichten, machte auf allgemein Menschliches aufmerksam und riet, von Prozessen möglichst abzusehen.
Das Patriarchalische solcher Korrektur bedauerlicher Tatbestände ist heute, wie mancher gute Brauch, wie manche alte Sitte stolz aus Iungchina entfernt worden. Aber dennoch soll sich des öfteren das feierlich Possierliche Bahn brechen. So erzählt ein Beobachter das Geschichtchen vom verliebten General und dem schlauen Postmeister. Dem verliebten General war es darum zu tun, eine Schöne des ersten Teehauses in Tientsin käuflich zu erwerben. Zwar hätst? er sie requirieren können, aber eine solche Requisition konnte Gefahr bringen, da die Tee- Häuser eine mächtige Organisation bilden. So blieb ihm nichts übrig, als die nötige Summe zu beschaffen im Namen der Republik. des Fortschritts, des öffentlichen Worts, etwa als Steuer für Erziehung ober soziale Fürsorge nach fremdländischem Alu- jter trotz alten Hasses auf die Fremden. Der verliebte General zog an allen Strängen, aber ohne genügenden -Erfolg für seinen Herzenswunsch, denn seine Soldaten hatten bereits alles Land so gründlich ausgesogen, daß von den Hungerleidern nichts mehr zu holen war. Die einigermaßen Vermögenden hatten aber die Indiskretion begangen, mit ihren Habseligkeiten sich zu verzie- me”:. " Gedankenvoll sah der verliebte General auf das Post, âauüe. das leine Soldaten.lcharenwsUe auüudtien. ihre Meute
mit Postanweisung heimzuschicken. Er ließ dèn Postmeister kommen und begehrte „aus patriotischen Gründen" eine Anleihe von der Post. Tief verneigte sich der Beamte vor dem verliebten General, und beteuernd fuhren seine HttUde aus den weiten Aermeln, gewiß, er sei mit Begeisterung bereit und ein glühender Verehrer des Generals sowie seiner Armee, die China zur Vormacht der Welt machen werde, nachdeck sie die verhaßten Fremden hinaus getrieben. Aber leider, leider seien diese Fremden immer noch da und bereit, die Post gur Verantwortung zu ziehen. Deshalb solle zwar kein Blutvergießen entstehen, aber unter Zwang würde die Post geschlossen und die hochverehrten Soldaten des hochverehrten Generals hätten dann keine Mög- lichkeit mehr ihre wohlverdienten, bescheidenen Ersparnisse in Sicherheit zu bringen.--
Sämtliche Institutionen Iungchinas spielen einander in die Hände und können gar nicht anders bei der Entwicklung der Dinge., Die Art, wie man sich gewaltsam schnell von der Vormundschaft der Fremden emanzipieren will, zeitigt natürlich auch manches Komische. Unsagbarer Stolz erfüllte die chinesische Provinzbevölkerung auf ihre erste, scibstgebaute Eisenbahn. Man begann damit, ein protziges Terminushotel zu erbauen, das die vorhandenen Gelder so ziemlich verschlang. Einsam und leer steht es da. Das Eisenbähnchen selbst bleibt plötzlich in Reisfeldern stecken, nachdem es eine Zeit lang mühsam vorwärts keuchte. Zur Ermunterung seines Borwärtskribchens dient die Blechtrompete, die der Schaffner eifrig blast. Nachts ertönen Schüsse, um die Teufel zu verjagen, welche die Bahn bedrohen könnten, wie sie auch mit Böllern und Feuerwerk von den Schiffen verjagt werden, denn der Chinese hat einen unausrottbaren Glauben an den Teusel. Noch eifriger förderte man den Plan einer anderen Bahn, und um sie ohne fremden Einfluß zu bauen, errichtete man in Eite eine Universität, die nötigen Ingenieure auszubilden. Dabei blieb die Sache stecken.
In Peking sollte eine modern reformierte konfuzianische Kirche entstehen mit Vortragssälen, Betsülen, Klubräumen und Badezimmern. Dazu floß ziemlich viel Geld herbei, aber es wurde aufgebraucht, „um ein Eisenbetonfundament für einen Turm im Boden zu machen. So hat der Begründer die Freude, einen schönen, runden, sehr festen Betonplatz in seinem Garten zu haben, der allerdings während des Spätsommers überschwemmt ist und einen Teich bildet. Statt der Verkündigung der Lehre quaken Frösche im Teich, so daß auch hier der Humor nicht fehlt." (Nach Rich. Wilhelm, Chinesische Blätter.)
Schildbürgereien solcher Art sind unzählig, man darf sie also nicht ohne wehmütigen Humor betrachten, denn die Chronik unserer eigenen Schildbürgereien mag nicht weniger possierlich sein. Aber die Groteske neigt stets zur Tragik, denn jede Un- Zulänglichkeit des Verstandes wirkt sich schließlich in unerträglichen Zuständen aus, wenn Dummheit und Stolz auf einem Holz wachsen. Die besondere Tragikomik in Iungchina kommt wohl vom Zahlenverhältnis, nach dem die Bevölkerung zu 90 Prozent aus konservativen Bauern besteht, die keinerlei Aenderung in Arbeit und Leben wollen, indes die Steuerer, ähnlich dem Moskauer Vorbild, ausschlieklich der chinesischen
Intelligenz entstammen und ebenso fanatisch aber noch primitiver sind als die Russen. Eingestandenermaßen ließ es sich der russische Botschafter in Peking schweres Geld kosten. diese Kreise zu bolschewisieren. Es gelang seinem Geld und Einfluß merkwürdigerweise bis setzt scheinbar noch nicht, die ländliche Bs-- völkerung aufzuwiegeln. Dem in der Stadt von Städtern ge-' wollten Spintisieren leistet die Scholle zähen Widerstand, hier fristen sich die alten Götter, und der neue Zauber, der vom Glauben der Väter trennen soll, erregt nur Grauen und Angst.
Die drei Wusder.
Von K ory Towska - Wien.
In dem Bazar der arabischen Stadt Kairawan saßen drei Kaufleute aus verschiedenen Gegenden des Landes beisammen und unterhielten sich beim Nargileh über die Wunderkräfte ihrer ehrwiirdigen heimatlichen Imams.
„Hakem al Kabez, unser Imam." so begann der erste, „hat einmal ein großes Wunder getan. Er ging am Ufer des Tigris spazieren, da sah er einen Mann, der ins Wasser gefallen war und in Todesnot um Hilfe schrie. Viele Menschen roaren Zeuge, aber da keiner ein Boot hatte und keiner schwimmen konnte, so konnte auch keiner helfen. Auch Hakem al Kabez konnte nicht schwimmen. Da tat er ein inbrünstiges Gebet zu Allah — geprie- sen sei sein Name! — und der gab ihm die Kraft, den Unglück- lichen zu retten. Hakem al Kabez schrie den Wassern zu: „Wasser w" Wasser her!" und die Wasser teilten sich, und der Mann konnte sich retten."
„Das ist wohl ein großes Wunder!" sagte der zweite Kaufmann. „Aber unser Imam Siaffer Bamrillah hat ein mindestens ebenso großes vollbracht. Wie er einmal über Land mußte in der Nacht, sieht er ein helles Licht, und als er näher kommt, ist es ein brennendes Haus. Oben am Fenster steht ein Kind und IdjreU, und unten stehen die Eltern und schreien, und keiner kann rettens Da erhob Nasser Bamrillah seine Seele im Gebet an Allah — gelobt sei er! — und der gab ihin die Kraft zum Wunder. „Feuer hin — Feuer her!" schrie "Nasser Bamrillah den Wammen zu, und die Flammen teilten sich, und die Eltern konnten ihr Kind retten!"
Ter dritte Kaufmann nickte anerkennend. „Das sind zwei schone Wunder", sagte er, und die beiden anderen dachten: die wird sein Wnam schwerlich überbieten können.
„Doch Abu Tabak, unser Imam." fuhr der dritte fort, „hat em mindestens so schönes getan. Er ritt eines Tages durch die Wüste, und es ging ihm das Wasser aus. Seins Kehle brannte mic Feuer. Da begegnete ihm ein Ungläubiger und bot ihm Wein an. Natürlich zum Hohn, denn er wußte ja, daß Muham» Nied — gepriesen sei sein Name! — uns den Wein verboten hat. Da betete Abu Tabak aus ganzer Seele um die Kraft, in dieser "Not das Rechte 31t tun. Und Allah — gebenedeit alle feine Na- men! — erhörte ihn. Abu Tabak schrie: „Muhammed hin — Muhammed her!" Und trank den Wein!' _.-