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Zer Mlllich zur zugèuö.

Skizze von Harry Wien.

Sie hat schneeweißes Haar, das bauschig um ihre Schläfen sieht. Aber ihre Wangen sind frisch. Alan weiß nicht, ob von Natur oder ob sie stark Rot auslcgt. Der Bogen der Augen­brauen ist dunkel und fein gezeichnet. Das Auge grau, aber in mancher Beleuchtung und vor allem bei jeder Erregung von einem dunklen, fast schwarzen Glanze. Die Gestalt ist zart und schlank, noch sehr jugendlich in Haltung und Bewegung.

Ihr Gatte liebt sie sehr. Sie sind Kollegen. Sie malen im gemeinsamen Atelier. Eine Ecke davon ist abgegrenzt als Be- sucheraum. Hat Teppich, Diwan, Spiegel, Teetisch. Freunde kommen und gehen. Nehmen dort Platz, rauchen eine Zigarette, plaudern über Leben, über Kunst. Es sind geistige, künstlerische Menschen mit noblem Geschmack, Feinfühligkeit und einer Sicherheit des Urteils über Malerei, das ihnen beiden wichtig ist.

Frauen kommen nicht ins Atelier. Kommen kaum in ihren Lebenskreis, der eng begrenzt ist, weil Arbeit ihn umfriedet. Clarisse hat nie Freundinnen gehabt. Ihr Studium, ihr Beruf brachte sie vorwiegend mit Männern zusammen. Sie hat die Frauen in ihrem Leben nicht vermißt. Die Kameradschaftlichkeit ihrer Kollegen und ihrer Freunde, im Untergründe, wie es dieser schönen Frau gegenüber nicht anders sein kann, mit ritterlicher Huldigung gemischt, hat ihr Frauengeplapper und Frauenfreund­schaft vollkommen ersetzt.

Aber eines Tages ist plötzlich doch ein weibliches Wesen da. Es wird, zum Erstaunen des Ehepaares, über die Schwelle förm­lich gestoßen. Es stolpert herein, und er und sie sehen auf den ersten Blick, daß es schreckliche, plumpe Stiefel anhat und über­haupt maßlos geschmacklos gekleidet ist.

Hinter der Stolpernden erscheint die korpulente, asthmatisch atmende Gestalt ihres Freundes Robert Collin mit einem äußerst verdrießlichen Gesicht.

Diese verrückte Person", knurrt er.Erst setzt sie mir monatelang Tag und Nacht zu, wie ein Floh eine arme Menschen­haut nicht grausiger plagen kann, heult, weil sie nicht die Er­laubnis bekommt, Malerin zu werden, und da ich sie endlich zu euch, herschleppe, diese Nabennichte, steht sie vor der Ateliertür wie ein Stock, der gerade im Begriff ist, wieder zum Baum zu werden und im Boden Wurzeln zu fassen."

Er wirft eine Mappe auf den Tisch und poltert:Seht sie euch an, die Zeichnungen der Hedda Collin. Und wenn sie nicht ein Talent hat wie Rosa Bonheur oder Käte Kollwitz, setzt ihr den Kopf zurecht und schickt sie zum Teufel."--

Zwischen ihrer Staffelei und seiner steht die Staffelei der Schülerin. Hedda malt. Und Clarisse ist es, die ihr Anleitungen geben muß und Belehrungen, denn ihr Mann hat nicht Lust, sich mit einer Anfängerin abzugeben. Clarisse tut es, müht sich ab. seufzt aber heimlich. Es ist doch Störung, Ablenkung. Immer muß man das Auge von der eigenen Staffelei zu jener anderen hinüber schweifen lassen, an der eine junge Frau, tollpatschig, aber kühn und unendlich freudig und begeistert, Strich neben Strich baut. Sie hat Talent, diese Hedda Collin. Ihr Können wächst. Aber Geduld gehört dazu. Geduld der Meisterin und Geduld der Schülerin. Und viel Zeit wird noch vergehn, bis ein Bild der Collin reif ist für die Oeffentlichkeit.

Zeit rinnt, tropft unablässig. Ist das Jahr ein Becher, so ist er schon übervoll. Zeit rinnt und quillt über seinen Rand. Da läuten die Neujahrsglocken und auf dem Gabentische dxr Welt steifem neues Gefäß. die fallenden Tropfen der fallenden Tage aufzufangen.

Im Frühling erkrankt Clarisse an einer Erkältung. Nicht gefährlich. Schleichendes Fieber. Entzündete Mandeln. Kopf­schmerzen. Schwäche und Ziehen mrd Zerren in allen Gliedern. Trotzdem dauert es drei oder vier Wochen, bis sie wieder an die Arbeit kommt. Und als sie ins Atelier zurückkehrt, ist es Osterzeit.

Es ist alles wie sonst. Sie malen zu dreien. Plaudern. Frühstücken. In der Besuchsecke auf dem Diwan sitzt bald dieser, bald jener der Freunde, erstattet Bericht über irgend ein Er­eignis der Saison, gibt sein Urteil ab über Clarissens Bilder, über ihres Gatten Bilder und auch über die Heddas. Wirklich, ein Kenner kann sie schon ermuntern. Sie hat ganz prächtige, ganz unglaubliche Fortschritte gemacht.

Alles ist wie sonst. Und doch glaubt Clarisse eine Veranda rung zu spüren. Es ist, als spräche zwischen zwei Stimmen, die miteinander telephonieren, eine dritte Stimme mit. Die dritte Stimme zwischen der ihren und der ihres Mannes ist die Heddas.

Und auf einmal bemerkt Clarisse, daß ihr Mann fast allein den Unterricht von Collins Nichte in die Hand genommen hat.

Er tritt zu ihr, weist ihr die Fehler auf den Bildern nach. Ein­mal nimmt er ihr den Pinsel aus der Hand, greift über ihre Schulter und korrigiert in das Bild hinein einen kräftigen, gras­grünen Ton. Hedda ist kleiner als er. Sie trügt ein weißes, ausgeschnittenes Kleid, das ihren jungdustenden braunen Nacken frei läßt. Ihr Haar steht kurz, kraus, störrisch und braun von ihrem Kopfe ab. Und plötzlich sieht Clarisse, daß sie diesen Kopf zurücksinken läßt und daß er an der Brust ihres Mannes ruht, als wäre es so in Ordnung und könne gar nicht anders sein.

Clarisse kann es sich nicht mehr verhehlen: ihr Mann liebt Hedda, diese kleine, braunhaarige Teufelin, die es nie lernen wird, sich geschmackvoll anzuziehen, sich damenhaft zu bewegen, und keine Aussicht hat, einmal wie sie, Clarisse, eine Frau von Welt zu sein.

Aber es ist der Duft ihrer Jugend, ihrer Urwüchsigkeit, der dem Manne zu Kopse steigt. Und Hedda nimmt seine Liebe ohne Skrupel, mit einer sicheren, raubtierartigen Wildheit, die etwas Sieabaktes bat.

Drei Spruchs.

Von Frida Schanz.

Verschließt nur euer Glück im Haus

Vor Neid und Weltlärmtosen. Es blüht doch überall heraus. Wie überhängende Rosen.

Es gibt einich", tief, tief voll Leid, Wenn noch so stolz bezwungen. Dasich" der herben Einsamkeit, Wo einst einmir" erklungen.

Wenn wir erst über uns selber gestiegen, Ueber der Seele Klippen und Schroffen, Und sehen uns selber unter uns liegen, Dann steht uns der ganze Himmel offen.

isnaMir

(Tläriffe tritt vor den Spiegel und mustert sich streng. Ganz unparteiisch muß sic sich sagen: ja, sie ist immer noch eine schöne Frau. Der Spiegel sagt es. Die Augen der Freunde sagen es. Und auch die Augen ihres Mannes.

Wie kann dieser Gatte, dieser Liebende, dieser Kamerad, dieser Freund, sein Herz wenden zu Hedda Collin?

Kann sie, Clarisse, es sich vorstellen, einen Linderen als diesen, ihren Mann, mit ihrer Liebe zu umfangen? Wie kann es bei ihm anders sein?

Sie sind in gleichem Alter. Nie hat das geschadet. Alter ist eine Katastrophe für die Häßlichen. Die schönen Frauen ver­lieren auch alternd nicht ihre Macht und ihren Reiz. Niemand hätte ihr die fünfzig Jahre geglaubt, wenn sie sie lachend ver­kündet. So jung und anmutig hat sie sich gehalten, und das weiße Haar über ihren roten Wangen ist nur ein neuer, fremd­artiger Reiz..

Plötzlich bemerkt sie, daß sie mechanisch immer eine Zahl auf einen Papierblock schreibt. Es ist immer wieder die Zahl: 50. Fünfzig Jahre ist sie. Fünfzig Jahre ist er. Und auf ein­mal hält sie die Lösung des Rätsels in der Hand. Gleich alt ist für Mann und Frau nicht gleich alt. Gleich alt heißt für den Mann zehn Jahre jünger sein als dis Gefährtin. Sie weiß, er will sie nicht betrüben. Vielleicht ist es ihm nicht einmal bewußt, daß er sich von ihr getrennt und auf dem Marsche ist zur Ju­gend zurück.

Clarisse sinnt: wie wird die Zukunft sein? Ein paar Jahre der Liebe werden noch blühen für ihren Mann. Dann, eines Tages, wird die wilde Hedda hinausstürmen ins Leben draußen, einem jungen Geführten zu.

So lange muß sie, Clarisse, schweigen und warten.

Dann werden sie sich vielleicht wiederfinden und noch ein wenig gut und herzlich miteinander fein in der Abendsonne.

Letzte Komödie.

Skizze von Wladimir P o l j a n o s f.

(Einzig autorisierte Uebersetzung aus dem Bulgarischen von Theodor Blank - Sofia.)

Unter den Plakaten der Theater, der Oper und des Kinos zeigte sich eines Tages die Reklame eines Zirkus und verdrängte alle ihre Nebenbuhler. Mit großen, verzerrten, grellen Buch­staben kündigte sie an:Heute Abend: Der Mann am Galgen." Tann folgten die Einzelheiten:Dos Weltwunder. Ein Mann erhängt sich vor dem Publikum und wird wieder lebendig. Je­dem ist gestattet, die todbringende Schlinge und den Hals des Artisten zu untersuchen."

Abends harrte der Vorstadtzirkus festlich beleuchtet der Gäste. Große elektrische Kugellampen riefen mit dem Schrei von tausend Kerzen das Publikum herbei. Es kam in Massen.

Die Nummer Vobis und der übrigen Clowns, ja selbst die Ballcttpantomime ging langweilig vorüber. Auch der sonst so beliebte Jockey weckte nicht das geringste Interesse. Und der Athlet Jimmy, der dreihundert Kilogramm hob und auf seiner Brust zehn Menschen trug, wurde einfach ausgepfiffen.

Diesen Abend war das Publikum ungehalten. Man hatte ihm ein Wunder versprochen. Das wollte es gleich sehen.

Weißt du," sagt einer in den ersten Reihen,in Wirklichkeit hängt er sich gar nicht auf."

Er tut eine gläserne Röhre um seinen Hals."

Ich glaube, es ist alles nur Reklame."

Alle sprachen von demManne am Galgen".

Der Zirkusdirektor stand unruhig am Eingang. Er war sogar aufgeregt. Alles mochte passieren, nur das wünschte er nicht: mit schamrotem Gesicht in die Arena treten zu müssen. Er hielt gern seine Versprechen. Aber gerade diesen Abend wußte der Direktor nicht, ob er dies konnte. Die Nummer mit dem Manne", die so laut verkündet war und ein zahlreiches Pu­blikum herbeigezogen hatte, war nicht sicher. So dachte wenig­stens der Direktor.

DerMann" diente schon vor langer Zeit in dem Zirkus. Er war etwas sonderlich, eigentümlich und für nichts zu gebrau­chen. Er hatte einen niedrigen Posten als Pferdeknecht inne. Kaum daß der Direktor ihn duldete. Und eines Tages entließ er ihn. Der Entlassene packte sein Bündel und verschwand, wie er gekommen war, ohne Daß jemand etwas Näheres von ihm erfahren hatte. Lange Zeit war der Zirkus ohne ihn. Das wurde natürlich garnicht bemerkt. Doch es schien, als könne derMann" nicht ohne den Zirkus leben Er kehrte wieder zurück, bat um seinen alten Platz. Er war bleich, zerlumpt traurig. Noch unmöglicher als zuvor. Seine Genossen empfin­gen ihn mit Spott.

Ho, ho, Du hast ja schon gehungert, mein Lieber!"

Er schwieg und sah mit traurigen Augen vor sich hin. Einer sagte:Der mutz seine Kinder aber gut ernährt haben!"

Da sagte er leise:Sie hungern. Und auch mein Weib."

Der Direktor weigerte ihm, die Arbeit. Als Pferdeknecht konnte man ihn nicht gebrauchen. Er wurde totenbleich, aber erklärte sofort, als Bajazzo sei er besser. Alle lachten. Doch er schlug eine Probe vor. Und ohne die Entscheidung darüber ab- zuwarten. machte er Grimassen, krümmte seinen Körper Ter Dir-^wr schmang die Peitsche und jagte ihn dov^

Am anderen Morgen erschien derMann" wiederum bei dem Direktor. Einige Stunden später waren in den Straßen die Zirkusplakate angeklebt. Die Reklame über das Weltwunder ...

Der Direktor war der Nummer desMannes" nicht sicher. Aber es war zu spät zur Umkehr. Er hatte sich von dem Vor­schlag verlocken lassen und willigte ein, die Nummer ohne vor­herige Probe, ohne besondere Vorbereitungen aufzuführen. Die einzige Hoffnung des Direktors war: Er wußte von den Wun­dern der Fakire: sie hängen sich auf. lassen sich lebendig begraben, gehen durchs Feuer. An anderes erinnerte er sich nicht mehr, aber das genügte schon. Und derMann" hatte geschworen, daß er in Indien gewesen sei und unter den dortigen Zauberkünst­lern gelebt habe. Und noch einen anderen Trost hatte der Direk­tor: Er trat gur Kasse und sah das eingegangene Geld. Es war ungewöhnlich viel.

An der Türe begegnete ihm der Zirkusdiener. Er gab ihm einen Zettel und fügte hinzu:Der .Mann' sagte, daß er mich, wenn er den Vorschuß erhalten hat, irgend wohin schicken will. Er bittet Sie, das zu erlauben."

Der Direktor fragte unruhig:Was macht er?"

Der Diener zuckte die Achseln.

Er wartet in seinem Zimmer. Er hat das Geld, das man ihm ickickte, an sich aenommen und wartet."

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Mniltt »M LM morgen.

Von Anton Lübke.

Was sein wird, wenn wir nicht mehr sind, wenn ein an» bercs Geschlecht mit anderen Handlungsmöglichkeiten, Senk» Achtung und Gewohnheiten unser Erbe angetreten hat, können wir nicht ermessen, wohl ahnen. Alle großen Errungenschysten der letzten Jahre hatten diese Vorahnungen. Archimcdes kannte schon 200 Jahre v. Chr. eine Sonnenmaschine, das größte Genie aller Zeiten, Leonardo da Vinci, konstruierte schon in Zeichnun­gen Dampfmaschine, Flugzeug und eine mit Dampf betriebene Kanone, die Mythologie der Alten besaß vieles, was heute erst in die Praxis umgesetzt wurde. Auch das Mittelalter kannte eine ganze Reihe primitiver Einrichtungen, welche erst heute in die große Praxis umgesetzt wurden. Beispielsweise plante schon im Jahre 1640 der Erfinder de Wett eine Windkraft­maschine, mit der Segelschiffe angetrieben werden sollten.

Was in Zukunft werden wird, trügt den Keim des. Wer­dens schon heute in sich. Die Wissenschaft, die sich jetzt in all ihrem Suchen mit Planmäßigkeit des Experimentes bedient, um dadurch stets Verbesserungen zu Wege zu bringen, hat es in der Naturbeherrschung so weit gebracht, daß sie heute schon sagen kann, unter den und den Bedingungen wird sich in der Technik und im menschlichen Gemeinschaftsleben dieser oder jener Er­folg erringen lassen. . ,

Das kommende Zeitalter wird das Zeitalter der Elektrizi­tät sein, in noch viel größerem Matze als bisher. Wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung. Silles deutet daraus hin, daß im kommenden Zeitalter die Kohle als Energiequelle voll­kommen ausgeschaltet wird oder in anderer Form gebraucht wird als durch rohe Verbrennung auf dem Roste. Die gewal­tigen Wasserwerke, die schon heute die moberne Industrie zu zwölf Prozent mit Energie versorgen, die verschiedenen Ersin- bangen, Energien aus der Luft, dem Erdinnern, dem Meere, der Sonne, Verbindungen uon Wasserstoff und Kohlenstoff, Ver­flüssigung der Kohle zu gewinnen, das alles eröffnet Perspek­tiven von einer Fernsicht, deren Ende wir gar nicht absehen können. Die verschiedensten Ansätze, die wir auf dem Gebiete des Städtebaues, der Straßenanlagen, der Bauweise der Häu­ser und der Regelung des Verkehrs haben, deuten darauf hin, daß sie das Bild des Lebens und der Landschaft in hundert Jahren von Grund auf vollkommen verändert haben werden.

In unseren Häusern ist das heilige Feuer des Herdes längst erloschen. Holzzerkleinern, Kohlenschleppen wird nun nicht mehr notwendig sein. Längst befördert die Eisenbahn keine Kohlen mehr, da der schwarze Diamant an Ort und Stelle ent­weder verölt vergast oder zu Elektrizität umgewandelt wird. Das Wohnhaus ist in der kommenden Zeit immer mehr das Eroberungsfeld der Elektrizität oder von Fernheiz- und Fern- ' ßasleitüngcn. Der Kleinmotor und die elektrische Atasölnne haben jetzt die Stelle des Dienstmädchens eingenommen. Wir werden unsere Speisen auf elektrischen Maschinen ^cken. Klei­berreinigen, Bügeln, Kartoffelschälen, Staubsaugen, ^mscl^- waschen," Trocknen, alles wirb die vervollkommnete elâ Maschine besorgen. Selbsttätig wird sich auch die Fernheizung des Hauses durch Quecksilberapparate entstellen, wenn Z-^utz^n »in bestimmter Kältegrad erreicht ist. Biellelcht werden wir W

der kommenden Zeit das veraltete System der Glühlampen, die heute noch mehr Wärmeenergie ausstrahlen, wie sie Lichtenergie geben, verschwinden sehen und an ihrer Stelle das kalte Licht haben, das aus ganz neuen Strömen gespeist wird. Wir werden in Zukunft unzerbrechliches Glas besitzen und Fensterglas, das die Möglichkeit besitzt, die für die Gesundheit förderlichen ultra­violetten Strahlen durchzulassen, was bei den heutigen gewöhn­lichen Scheiben nicht der Fall ist.

Auch in den Städten wird sich das Bild vollkommen ver­ändert haben. In den schwarzen Industriegebieten wird kein Schornstein mehr rauchen. Alles ist jetzt schön und klar. Grüne Anlagen werden das Leben in den umdüsterten Industriegebieten von heute zu einer Lust machen. Gießereien, Schmieden, Hoch­öfen und sonstige Feuerstellen sind verschwunden. Elektrische Kraft zerkaut Eisen, formt Stahl, nietet Kessel auf die einfachste Weise. Schon heute ist die Frage akut, ob der Gebrauch von Stahl ein dauernder sein wird, oder ob ein anderer leichterer Stoff, der aber dieselben Eigenschaften hat, kommen wird. Luft­schiff und Flugzeug werden heute schon aus dem leichten Dura­lumin erbaut. Eisenbahn und Auto werden, sobald die Erfah­rungen mit oiesem neuen Stoff gesammelt sind, bald folgen.

Im Mittelpunkt unserer Städte werden jetzt die staubfreien Industrien liegen, die keine Rohkohle mehr kennen. Aus weiter Ferne werden Arbeiter mittels Blitzzügen oder Flugzeugen zu ihren Arbeitsstätten geleitet. In den Millionenstädten spielt sich der Verkehr nur unterirdisch ab. Große Tunnelsysteme wer­den die Städte durchschneiden. Auch hat man ganz neue Stadl­pläne entworfen, um dem gewaltig angewachsenen Verkehr und der Menschenansammlung gerecht zu werden. Vielleicht wird in Zukunft Hand in Hand mit. der vertikalen Bebauung bi* horizontale Weitläufigkeit gehen, um den Menschen freie Be­wegung und viel Licht und Luft in ihren Hochwohnhüusern zu geben. Wir werden in Zukunft in dieser horizontalen Weit­läufigkeit Zentralbahnhöfe, deren Betrieb sich automatisch ab­wickelt, Flughäfen und mehrstöckige Autoremisen haben. Schon heute beginnt sich im Eisenbahnverkehr immer mehr die auto­matische Weichenstellung, Signalgebung und Bremsung einzu­führen. Vielleicht werden die Untergrundbahnen in die unteren Stockwerke der Hochhäuser münden ober Automobile jedem Hausbewohner zur freien Benutzung stehen.

In umfangreichem Maße wird der Verkehr auch durch das Flugzeug vor sich gehen. Ford sagte vor einiger Zeit, daß die Zeit kommen werde, wo das Flugzeug den Himmel verdunkele wie einst die Pfeile der Perser. In den nächsten Jahren werden wir Flugzeuge besitzen, welche nicht nur sehr schwere Lasten tragen und sehr weite Strecken überwinden können, sondern auch Hunderte von Menschen auf einmal befördern werden. Auch wird die Absturzgefahr auf ein Minimum beschränkt sein. Schon heute hat man an Flugzeugen Fallschirmvorrichtungen, welche das plötzliche Abstürzen verhindern.

Man wird in Zukunft auch mittels Fernseher die Ereignisse der Welt betrachten können. Es werden elektrische Fernseh- ämter errichtet werden, durch die man nach kurzem Anruf irgend einen Teil der Welt sich betrachten kann. Vielleicht wird auch die Zeitung ganz verschwunden sein durch die Fernübertragung von Schrift und lebendem Bild. Das Fernkino gehört dann zur Selbstverständlichkeit. Das Radio wird eine vollkommene Resolution durchaemackt haben. Dir Technik weiß Leute schon,

daß man mittels Richtantennen den elektrischen Wellen eine ganz bestimmte Richtung geben kann. Blind sein und taubstumm wird in der Zukunft kein großes Unglück mehr sein. Fein konstruierte elektrische Apparate werden auch hier alles über­winden. Heute hat man schon sogenannte elektrische Optophone (Lichthörer), die es dem Blinden ermöglichen festzustellen, ob Licht im Raume ist.

Wir werden im Laufe der Zeit auch dazu kommen, daß wir die heute noch notwendige Einfuhr von Lebensmitteln aus dem Auslande, die unsere Finanzen bedrückt, vollkommen illu- sorisch machen. Die Düngung mit Stoffen, welche der Stetorte des Chemikers entstammen, wird in Zukunft nicht mehr not­wendig fein. Bis dahin ist die selbsttätige Gewinnnung von atmosphärischem Stickstoff mittels Antennen soweit gediehen, daß jeder Landwirt seine Felder ohne künstliche Düngung durch Elektrokultur düngen läßt. Auch das Wcttermachen wird in Zukunft möglich sein, in dem man vielleicht durch starke elek­trische Energien Wind- und Wolkenbildung beeinflußt, wie ein gelungener Versuch in Amerika ergeben hat. Der Berliner Geo- graph, Geheimrat Penck, wies vor einiger Zeit auf die Be­siedlungsmöglichkeit der Tropen und Wüsten hin, welche die Kornkammern Europas werden könnten.

Es muß uns bei Betrachtung all dieser Dinge eine innere Freude erfüllen, wenn wir sehen, wie sich alles "im Leben des Menschen wandelt, wie alles Streben darauf gerichtet ist, das menschliche Los zu verbessern und feine soziale Lage zu heben. Gewiß, die Freude ist groß, aber es wäre eine schale Freude, wenn wir durch die Herrschaft über die Naturkräfte und die Maschine unseren inneren Menschen vergessen würden, dessen Urgründe gewaltiger sind als diejenigen der Materie, um die sich die Menschheit so heiß bemüht.

Wie man in LMien Wege baut

Man erzählt sich auf Java von einem Sultan, der sich Hart- nackig weigerte, in seinem Gebiet gute Wege anlegen zu lassen. Das Argument, das er selbst und sein Volk davon die größten Vorteile haben würden, zog nicht. Da bestellte der holländische Resident im Mutterland eine schöne, vergoldete Kutsche mit glün- Senden, Zierat und prächtigem Glas, machte jedoch die Bedin­gung. daß der SBagcn nicht federn dürfe. Als die Kutsche in Ostindien abgeliefert wurde, konnte der Sultan der Versuchung nicht widerstehen, darin zu fahren, um seinen Untertanen zu geigen, welch ein prachtvolles Zeichen der Anerkennung und Ehrfurcht ihm die mächtigen Herrscher aus Europa geschickt hatten. Da die wenigen Wege in seiner Residenz und in der unmittelbaren Nähe noch in sehr schlechtem Zustande sich be­fanden, hatte der Sultan von seinen Fahrten nur wenig Ver- gniigen, worauf die Holländer ihm vorschlugen, wenigstens eine Hauptstraße quer durch sein Reich anlegen zu lassen. So ge­schah es: der Sultan war zufrieden, und es dauerte nicht lange, so besatz sein Reichein gutgepflegtes Straßennetz", wie es der Resident gewollt hatte. Es ist eine Legende die jedoch Wahr­heit enthält. Viele gute Straßen auf den Sundaiuselii danken ihre Entstehung dem Wunsche der Großen und Mächtigen, mit ihren Wagen, heute Autos, bequem und angenehm fahren gq können.