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Nr. 20 1927

Tageblatt für Rhön und Vogelsberg Zulba- unö Haunetal >§ulöaer Kreisblatt

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Fulda, Dienstag, 25. Januar

4. Jahrgang

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Kleine Zeitung für eilige Leser.

* Reichskanzler Dr. Marx hat die Besprechungen mit den Deutschnationalen über deren Eintritt in die Reichsregierung begonnen. Die Verhandlungen nehmen einen günstigen Verlauf.

Die russische Regierung hat die Einladung des Völkerbunds- rats zur Beschickung der Weltwirtschaftskonferenz abgelehnt.

Der französische Chemiker Turpin, der Erfinder des Explo­sivstoffes Melinit, ist gestorben.

Die australische Arbeiterunion beschloß gegen die Entsendung australischer Truppen und Kriegsschiffe nach China anzu­kämpfen.

* Der im Pariser Prozeß gegen die katalanischen Separa­tisten verurteilte Ricciotti Garibaldi ist aus Frankreich aus­gewiesen worden.

* Die Lage in China ist so bedrohlich, daß der englische Kriegsminister Reservisten einberuft, um sie nach China zu entsenden.

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England mobilisiert gegen China.

Das englische Kriegsministerium zieht Reserven für Msanteriesormationen ein, um sie nach China zu entsenden.

Das deutsche Leserpublikum hat für die Dinge in China im allgemeinen herzlich wenig übrig, aber selbst der uninteressierteste Mensch muß sein Augenmerk in letzter Zeit doch etwas stärker den Dingen zuwenden, die sich im Fernen Asien abspielen. Es ist dort eine Lawine int Rollen, die immer stärkeren Umfang angenommen hat und die Grundfesten der englische N V-orrnacht- steüung in China erschüttert. Jetzt scheint es sogar, als ob die stärkste englische Stellung, die eigentliche Haupt­festung der englischen Vormacht, nämlich Schanghai, unmittelbar bedroht ist. Man wird sich daran erinnern, dâß es vor etwa einem halben Jahr in dieser Slndt zu blutigen Kämpfen der Chinesen gegen die Engländer ge­kommen ist; doch war dies nur eine Volksbewegung, nicht der Angriff chinesischer Truppen selbst. Nun aber kgmmt die Kunde, daß aus England selbst nicht bloß Truppen­transporte nach China bereitgestellt werden, sondern daß sogar Reservisten für'die Verstärkung der ak­tiven Truppen eingezogen werden und abtransportiert lverden sollen. Und noch weiter wird gemeldet, daß die englische Regierung außerdem noch aus Indien eine ganze Brigade nach China hinüberschaffen will. In dem wichtigen Hafen H a n k a u , von dem die neueste anti­englische Bewegung ausging, ist ja nur noch wenhg zu machen; hier ist der englische Einfluß hoffnungslos' zu- fammerrgebrochen. Aber selbst englische Zeitungen fürch­ten, daß Tschangtsolins Truppen, von denen gegnerische Generale schwer geschlagen worden sind, Schanghai un­mittelbar bedrohen werden, cvo es schon wieder zu hef­tigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und soge­nannten Revolutionären gekommen ist und die Freiwil­ligenkorps aufgeboten werden mußten. Von überall her treffen neue Schreckensnachrichten ein, in Peking herrscht eine Panik, kurz, die Lawine schwillt immer stärker an.

Die Zeiten sind vorbei, da England im Opiumkrieg China durch einen mühelosen Feldzug seinen Willen anf- zwingen konnte. Die Zeiten sind auch vorbei, da eine Reihe europäischer Staaten vereint mit Japan in voller Geschlossenheit die Boxer u n ruhe n zu unterdrücken vermochte. Denn alles andere als Einigkeit herrscht zwischen den Mächten, die an China und in China inter­essiert sind. Es scheint jetzt auch wirklich so, als ob namentlich Tschangtsolin, der ja aus der Man­dschurei kam, nicht ohne die materielle Unter­stützung S 0 w j e t r u ß l a n d s vorgegangen ist, doch hat das mit Bolschewismus nicht das geringste zu tun, sondern es handelt sich hier lediglich um einen Kampf um die Macht. England weiß ganz genau, daß es mit mili­tärischer Macht sich gegenüber einem einheitlichen Willen des Vierhundertmillionenvolkes nicht mehr wird durch­setzen können. Gelingt es erst Tschangtsolin wirklich, sich im ganzen China durchzusetzen, dann ist auch ein Führer da, der diesem einheitlichen Willen Richtung gibt. Daß das nichts anderes als das Ende der englischen Vor­machtstellung in China bedeuten würde, darüber ist man sich in London klar. Ein kleines Zeichen dafür, wie be­drohlich die englische Regierung die Lage ansieht, ist auch, daß kürzlich der Ministerpräsident bei der Beratung der chinesischen Entwicklungen die Führer der beiden Opposi­tionsparteien, also Lloyd George und MacDonald her­angezogen hat. Der Ministerpräsident Baldwin wird von dieser Seite auch gewiß nicht den geringsten Wider­stand gegen den nunmehr eingeleiteten Versuch finden, mit militärischen Mitteln von dem englischen Einfluß in China zu retten, was noch irgendwie zu retten ist. Daß man in Hankau hat nachgeben müssen, daß and) jetzt der Generalstreik der dortigen eng­lischen Geschäftshäuser» der durch die Entlassung sämt­licher bei ihnen beschäftigten chinesischen Arbeiter unb Angestellten geführt wurde, nunmehr, und zwar sehr schnell zusämmengebrochen ist, hat der englischen Stellung einen zweiten nicht minder harten Schlag versetzt.

Wir Deutschen können dieser Entwicklung gegen* über trotz allem Bedrohlichen ganz kühl gegenüberstehen. Wir haben noch nicht vergessen, mit welchen Mitteln Eng­land während des Weltkrieges gegen die deutsche, rein handelspolitische Stellung in China vorging und dieses Land sogar zum Kriege gegen uns zwang. Jetzt erntet England die Früchte seines damaligen Tuns und da sich die chinesischen Angriffe nicht gegen die Deutschen richten, so haben wir keine Veranlassung, uns sonderlich auf­zuregen.

Verhandlungen über

Marx' AegiemngHrogramm.

Aussichtsreiche Besprechungen mit den Deutschnationalen.

Reichskanzler Dr. Marx hat am Montag die Ver­handlungen mit den Deutschnationalen über ihren Ein­tritt in die Reichsregierung ausgenommen. Den Be­sprechungen wohnten außer dem Reichskanzler, Reichs- außenminister Dr. Stresemann, Reichsarbeitsminister Dr. Brauns Graf Westarp sowie die deutschnationalen Abge­ordneten Rippel, Wallraf, von Goldacker und Trevi- ranus bei.

Reichskanzler Marx hatte für die Beratungen ein ressortmäßig ausgearbeitetes R e g i e r u n g s p r 0 - gram m zugrunde gelegt. An der Ausarbeitung dieses Programms sind neben Dr. Marx auch die bisherigen Minister Dr. Stresemann, Dr. Curtius, Dr. Brauns und Dr. Bell beteiligt gewesen. In parlamentarischen Kreisen wird angenommen, daß diese Minister auch der nächsten Reichsregierung angehören werden. Der Programment- wurs sieht in der Außenpolitik die Fortsetzung der Locarnopolitik, loyale Mitwirkung Deutschlands im Völkerbund und die Fortführung der Außenpolitik Deutschlands in der bisherigen Art vor. Ein weiterer wichtiger Punkt des Programmentwurfs sei der Schutz der Republik gegen Organisationen, die aus einen Sturz des gegenwärtigen Versassungsstaates hinarbeiten, sowie den Schutz der republikanischen Hoheitszeichen gegen Verleumdung und Singriffe. In der Frage der Reichswehr wird in dem Programmentwurf Bezug genommen aus eine Erklärung des Reichskanzlers vom 17. Dezember vorigen Jahres, in der es hieß, daß Ange­hörigen der Reichswehr jedes Zusammenarbeiten mit politischen Verbänden verboten sei, daß die Annahme von private» Geldspenden der Zustimmung des Reichswehr- miuDers bedürfe, saß ferner eine Liste der aus Privat- Vertrag bei der Reichswehr angestellteu Personen bis zum Ende des Etatsjahres vorgelegt werden müsse und daß schließlich die Bestimmungen für das Ersatzwesen einer Prüfung, eventuell einer Änderung unterzogen werden sollen. Die Deutschnationalen brachten zu einzelnen Punkten des Progrmnmentwurfs Ergänzungswünsche vor.

Die Verhandlungen sollen am Dienstag fortgesetzt werden. Inzwischen haben die Unterhändler der Deutschnationalen ihrer Gesamtfraktion Bericht über das bisherige Ergebnis der Besprechungen mit dem Reichs­kanzler erstattet. Reichskanzler Dr. Marx soll nach den Beratungen am Montag sich dahin ausgesprochen haben, daß ihr bisheriger Verlaus als nicht ungünstig bezeichnet werden kann.

Die Äf$aWe VereimgANg zur neuen Aeßèerunß

Berlin. Reichskanzler Dr. Marx empfing am Montag nachmittag den Abgeordneten Dr. Scholz von der Deutschen Volkspartci. Im Anschluß daran wurde der Abg. D r e w i t von der Wirtschaftlichen Vereinigung empfangen, dem gleich­falls das Regierungsprogramm vorgelegt wurde. Abgeordneter Drewitz erklärte, daß seine Partei sich an einer bürgerlichen Regierung beteiligen würde. Die Stellungnahme zum Pro­gramm unb zu der Frage, ob die Wirtschaftspartei selbst mit Ministern im neuen Kabinett vertreten sein werde, behielt Abg. Drewitz der Fraktionssitzung am Dienstag vor.

Müller-Franken bei Dr. Marx.

In der Fortsetzung der Verhandlungen zur Regie­rungsbildung empfing Reichskanzler Dr. Marx im Laufe des heutigen Nachmittags auch den Abg. Müller-Franken (Soz.). Die Unterhaltung trug nur informatorischen Cha­rakter, in dem der Reichskanzler Herrn Müller das Re­gierungsprogramm unterbreitete und ihn über den Stand der Verhandlungen unterrichtete. Eine bestimmte Frage über die Beteiligung der Sozialdemokraten an der Regie­rungsbildung wurde vom Reichskanzler bei dieser Bespre­chung nicht gestellt. Der Reichskanzler wies ausdrücklich darauf hin, daß sein Auftrag begrenzt sei.

Jur Lage.

Wie das Nachrichtenbüro des VDZ weiter hört, ist in der heutigen Besprechung in den Hauptpunkten das ge­stern vom Reichskabinett aufgestellten vorläufigen Regie­rungsprogramms schon eine weitgehende Annäherung zwi­schen den verhandelnden Reichsministern und den Deutsch­nationalen möglich gewesen. Eine Ausnahme bilden die sozialpolitischen Forderungen des Marxschen Programms und die Anerkennung der Symbole der Republik. Außerdem ist heute über den Fragenkomplex der Schulpolitik über­haupt noch nicht gesprochen worden. Wegen dieser drei Punkte ist die heutige Fraktionssitzung der Deutschnatio­nalen notwendig geworden, die die morgige Fortsetzung der Verhandlungen norbereiten soll.

DieDeutsche Zeitung" veröffentlicht heute abend in 5 Punkten den angeblichen deutschnationalen Standpunkt gegenüber den Hauptforderungen des Regierungsprogramms, die in den heutigen Verhandlun­gen des Reichskanzlers zur Sprache gekommen sind. Wie dasW. T. B." von gut unterrichteter deutschnationaler Seite erfährt, trifft diese Darstellung nicht zu. Die deutschnationale Reichstagsfraktion ist erst heute nachmit­tag 5 Uhr zusammengetreten, um den Bericht ihrer Unter­händler entgegenzunehmen. Erst aus diesen Beratungen werden sich die Richtlinien ergeben, die die Teutschnatio­nale Verhandlungskommission Dr. Marx in der für mor­gen vormittag angesetzten Besprechung zur Kenntnis brin­gen wird. Im übrigen hört das W. T. B. aus derselben Quelle, daß man in Kreisen der deutschnationalen Reichs­tagsfraktion mit den heutigen Besprechungen durchaus zu­frieden ist, und sich einen baldigen Abschluß der Verhand­lungen verspricht.

Die Fraktionssitzung der Deutschnationaleu.

Die Deutschnakionale Reichstagsfraktion, deren Sitzung sich über mehrere Stunden ausdehnte, gibt folgenden Be­richt heraus: Die Fraktion nahm den Bericht de: Unter­händler entgegen und prüfte ihr Verhalten.

Deutschnationale Erklärung zur Konkordatssrage.

Von feiten der Deutschnationalen Reichstagsfraktion wird folgende Erklärung abgegeben: Einige Zeitungen wiederholen trotz bei mittlerweile erfolgten energischen Zurückweisung seitens aller angeblich beteiligten Personen die Behauptung, daß zwischen katholischen Abgeordneten der Deutschnationalen Reichstagsfraktion und des Zen­trums Unterhandlungen unter Beteiligung hoher katholi­scher Würdenträger behufs Annäherung der beiden Par­teien u. a. über die Konkordatsfrage geführt worden seien. Wir können nach Rückfrage bei allen katholischen Abgeord­neten der Deutschnationalen Reichstagsfraktion nochmals erklären, daß vorgedachte Meldungen in jeder Hinsicht un­wahr sind und nur als Tendenzlügen gewertet werden können.

Die Liberale Vereinigung zur Negiernngsbildung.

Berlin, 24. Jan. (WolffZ Von der Liberalen Vereinigung wird dem Rachrichtenbügo des Vereins deutscher Zeitungsverleger mitgeteilt: Der geschüftsfüh- rende Ausschuß der Liberalen Vereinigung hat in seiner Sitzung am Montag die politische Lage eingehend bespro­chen, wie sie sich durch den jetzigen Stand der Verhandlun­gen eines neuen Kabinetts ergibt. So wünschenswert schon aus außenpolitischen Gründen das Zustandekommen einer gesicherten Mehrheitsregicrung ist, war man sich doch in der Erkenntnis der schweren Gefahren einig, die durch ein Zusammenwirken des Zentrums mit den Deutschna- tionalen in Fragen der Schul- und Kirchenpolitik herauf­beschworen. werden. Da die Vormachtstellung des Zen­trums auf der Spaltung des Liberalismus beruht, wurde beschlossen, in allen liberalen Kreisen die Aufmerksamkeit auf diese dem freien deutschen Geistesleben drohende G e- f a h r zu lenken und auf eine einheitlichc Abwehr­front hinzuarbeiten.

Die Wirren in Nikaragua.

Mexikanische Proteste gegen Nordamerika.

Der Fübrer der Liberalen, Sacasa, erklärte, er sei be­reit, zuriickzutreten, falls Dia; auf die Präsidentschaft zugunsten einer dritten neutralen Persönlichkeit verzichte. Sacasa hat auch im Gegeccsatz zu Diaz das Vermittlnngè- angebot Guatemalas angenommen.

In der Stadt Mexiko hat eine Massenversammlung stattgefnuden, in der gegen den Imperialismus der Ver­einigten Staaten gegenüber Lateinamerika Protest er­hoben wurde. Es kamen Flugschriften des Verbandes der Antiimperialisten Nord- und Südamerikas zur Ver­teilung, in denen es heißt, China, Java und Indien kämpften für die Freiheit. Auch Amerika, das von Wall­street als große Kolonie behandelt werde, rebelliere. Mexiko nationalisiere den Grundbesitz, Nikaragua opfere sich für den Gedanken der nationalen Selbständigkeit auf. 5000 Personen haben an der Versammlung teilgenommen.

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Das Ministerium des Äußern von Mexiko gibt be­kannt, daß gegen 10 000 fremde Landbesitzer das Land- gejcy befolgt haben.

Nn neuer italienischer Lockspitze! verhaftet

Ausweisung der katalanischen Verschwörer aus Frankreich.

TerMatin" berichtet aus Nizza: Der Redakteur der in Paris erscheinenden faschistischen ZeitungCorricrc degli Jtaliaui", Sacci, teilte der Polizei mit, daß ein ge= wisser Canvvi ihn in Paris habe überreden wollen, c i n Attentat gegen Mussolini z n verübe n. Er sei zum Schein auf dessen Vorschlag eingegangen nnd habe die Polizei in Nizza davon in Kenntnis gesetzt, da er Cauovi für einen Lockspitzel halte. Der Pvlizeikvm- miss ar hat, wie der Korrespondent desMatin" hinzu­fügt, nach kurzem Verhör auch diese Überzeugung gewon­nen. Canovi habe in Nizza den Direktor einer anderen faschistischen Zeitung ausgesucht und von diesem geldliche Unterstützung erhalten. Beim Verhör habe Canovi ein- gestanden, daß er in der Tat im Solde der ita^ie- nischen Polizei stehe und daß er das Attentat ^acet vorgeschlagen habe, um dessen Verhaftung herbeizuführeu. Canovi wird bis zum Eintreffen von Weisungen aus Paris in Haft behalten. ,

Der französische Minister des Innern, Sarrails, hat gegen alle in das katalanische Komplott verwickelten und vom Pariser Gericht verurteilten Personen, bic bereits in