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Kilöa / Statt 2
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Nt 10 bulda, 13. Januar.1927
Vegènn des Varmat-Krozeffes.
§ B e r l i n, 11. Januar.
Vor dem Erweiterten Schöffengericht des Amtsgerichts Berlin-Mitte begann unter dem Vorsitz des Landgcrichtsdirek- tors Dr. Neumann der umfangreiche Prozeß gegen Barmat und Genossen. Die Anklage wird vertreten durch Oberstaatsanwalt Trautmann, dem die Staatsanwälte Raasch, Sturm und Erich zur Seite stehen. Die elf Angeklagten sitzen mit ihren 15 Verteidigern an zwei Tischrcihen vor der eigentlichen Anklagebank. Der Zuschauerrcmm ist stark besetzt, und die Preffe ist außerordentlich stark vertreten. Der frühere Zentrumsabgeordnete Lange-Hegermann ist ebenso wie alle übrigen Angeklagten anwesend.
Die elf Angeklagten.
Zunächst schritt der Vorsitzende zur Feststellung der Personalien der Angeklagten. Julius Barmat ist 1889 in Uman in der Ukraine geboren und bezeichnete sich als staatenlos. Henry B a r m a 1 ist 1892 in Lodz geboren auch er ist staatenlos. Der Geschäftsführer K l e n s k e, der 1894 geboren ist, stammt aus Pommern. Oberfmanzrat a. D. H e l l w i g stammt aus Leipzig. Bei dem Angeklagten Reichstagsabge- ordnetetl L a n g e ° H c g e r m a n n, der aus Bottrop stammt, stellte der Vorsitzende fest, entgegen einigen Presscäußerungen stehe das Gericht auf dem Standpunkt, daß die Voraussetzungen für eine Strafverfolgung gegen ihn als Abgeordneten gegeben seien. Lange-Hegermann nahm diese Mitteilung ohne Widerspruch zur Kenntnis. Von den übrigen Angeklagten ist erwähnenswert, daß Nabbinowitz und Hugo Staub noch als Anwälte, Walther und Hahle noch als Versicherungsdirektoren tätig sind. Dagegen ist der Oberzollinspektor Stachel zurzeit vom Dienst suspendiert.
Hierauf erfolgte die Verlesung des Eröffnungsbeschlusscs, der sachlich nichts Neues mehr brachte. Im Anschluß daran ergriff Rechtsanwalt Juliusburger II das Wort, um im Namen von Julius Barmat und Klenske den Sachverständigen Regierungsrat Selckmanu wegen Besorgnis der Befangenheit cibzutchnen. Es entspann sich darüber eine lebhafte Diskussion. Der Vorsitzende unterbrach die Ausführungen des Anwalts schließlich mit der Erklärung, daß er weiter keinen Zeugen benötige, das Gericht werde am Mittwoch beraten und am Donnerstag verkünden, ob Regierungsrat Selckmann als Sachverständiger fungieren solle oder nicht.
Vernehmung Julius Barmats.
Nachdem der Streit um den Sachverständigen vorläufig abgeschlossen war, wurde endlich in die eigentlich Verhandlung, und zwar in die Vernehmung des Angeklagten Iulius Barmat, eingetreten, der auf Wunsch des Vorsitzenden ausführlich seinen Lebenslauf schilderte. Als zweiter Sohn einer in Petrikau in der Ukraine lebenden Rabbinerfamilie geboren — der älteste Sohn war Salomon Barmat —, hatte er zunächst die Handelshochschule in Lodz besucht, wo er ein so guter Schüler war, daß ihm im zweiten Schuljahr das Schulgeld erlassen wurde. Die Absolvierung eines Polytechnikums in Kiew mußte er nach kurzer Zeit wieder aufgeben, weil ihm die Mittel dazu fehlten, vor allen Dingen deshalb, weil seine Eltern ihm gern eine andere Erziehung angedeihen lassen wollten. Er war nämlich ursprünglich zum Rabbiner bestimmt. Im Alter von 16 Jahren gab er dann Stunden, und zwar bereitete er Lehrlinge für die Handelshochschule vor. 1907 ging Julius Barmat nach Holland, wo er zunächst ms »torre,pondent in dem Bankgeschäft Wulter- linck in Rotterdam, gleichzeitig aber auch als Lehrer und als gerichtlich beeidigter Dolmetscher für die russische und polnische Sprache tätig war. 1909 wurde er neben dieser Lehr- und Dolmetschertätigkeit Direktor der Ausländsabteilung der Grundstückankau ssgesellschaft „Beider Belang". Sein damaliges monatliches Gesamteinkommen bezifferte er auf 1500 bis 1600 Gulden. Daneben hatte er noch eine eigene Erport- gesellschaft, die offene Handelsgesellschaft Julius Barmat, für den Handel mit Rußland gegründet, die eigene Vertretungen in Warschau und Odessa besaß. Sein Vermögen betrug damals 15 000 bis 20 000 Gulden, sein Geschäft ging angeblich sehr gut, da er Vertretungen für zahlreiche Firmen hatte, die, wie der Angeklagte erklärte, noch jetzt sehr erstaunt über das ganze Vorgehen gegen ihn, Julius Barmat, seien. Sein Um- satz habe schließlich 1 Million Gulden betragen, so daß sich seine Ersparnisse allmählich auf 100 000 Gulden beliefen. 1911 dehnte er das Geschäft weiter aus und gründete mit zwei Teilhabern die „Niederländisch-Russische Handelsgesellschaft",
1913 effvarb er ein Grundstück für .n,2 000 Gulden und über« nahm bald daraus die Aktiengesellschaft „La Rovita" mit Weiteren Grundstücken. Bei Kriegsausbruch, der dos Ruß- landgeschäst sofort unterband, soll sich das Vermögen Julius Barmats auf rund eine Million Gulden beziffert haben, und zwar zum größten Teil Bargeld, zum kleineren Teil in Effekt len, da sein Geschäft mehr Bargeld als Betriebskapital benötigte.
Seine Beziehungen zu Deutschland.
Julius Barmat erzählt dann weiter, wie er mit dcut- chen firmen Lebensmittelgeschäfte machte und 1915 von der Entente auf die Schwarze Liste gesetzt wurde. 1916 gründete ir die bekannte „Amexima" mit einer Million Gulden, von reuen 200 000 Gulden eingezahlt wurden. Mit einer deutschen Vebörde kam er, nach seiner Angabe, zum ersten Male 1917 n Berührung. Als er 1917 zum erstenmal nach Deutschland äm, betrug, wie Barmat angibt, sein Vermögen bereits zwei Millionen Gulden.
Barmal äußert sich dann weiter über die Ausdehnung seiner Geschäfte, über große Lebensmittelgeschäfte mit dem staatc Sachsen und über das Zustandekommen seiner Verbindung mit dem Neichswirlschaftsmiitisterium. Diesem gehörten bekanntlich damals die Deutschen Margarinewerke, die
Der Riesen-Barmat-Prozeß hat bekanntlich in Ver- I i n-Moabit begonnen. Bei wöchentlich mindestens drei bis vier Verhandlungen wird der Prozeß ungefähr neun Monate dauern. Unser Bild zeigt von links nach
ALIS dem Genchisf^Äl.
§ Der Prozeß des NeichSwchrimnisterèums gegen den Vorwärts. Nachdem in dem vom Reichswehrministerium angestrengten Prozeß gegen die Redaktion des Vorwärts wegen Beleidigung der Offiziere des Kreuzers „Hamburg" das Ge- richi die Beweisaufnahme abgelehnt hat, beabsichtigt das Reichswehrministerium, in der Nevifiousverhandlung den Beweisantrag des Verteidigers der Redaktion, des Abgeordneten Landsberg, nachdrücklichst zu unterstützen, da es dem Ministerium gerade auf die Beweiserhebung autam. Der Vorwärts hatte bekanntlich das Verhalten der Offiziere des Kreuzers „Hamburg" während ihrer Auslandsreise scharf kri- tifiert und behauptet, daß die Offiziere ein das Ansehen der Republik schwer schädigendes Verhalten an den Tag gelegt hätten.
8 Der Totschlag im Seebad AhlScâ. Das Schwurgericht m Stettin verhandelte gegen die Brüder Walter und Wilhelm Scholz aus Ahlbeck wegen Totschlags an dem Arzt Dr. Gerlach aus Berlin-Zehlendorf. Die Tat war in Der Nacht vom 7. zum 8. August in der Nähe des Strandes zu Heringsdorf und Ahlbeck verübt worden. Der Staatsanwalt beantragte ein Jahr Gefängnis für den 20jährigen Walter Scholz wegen Körperverletzung mit Todesfall; das Schwurgericht setzte jedoch eine Strafe von fünf Jahren Zuchthaus fest, Da cs annahm, daß der Angeklagte bewußt dem Verfolger eine schwere Verletzung beibringen wollte. Tas Urteil gegen Wilhelm Scholz lautete auf drei Monate Gefängnis.
§ Gefängnis wegen Verrats militärischer Geheimnisse. Das Erweiterte Schöffengericht in Breslau verurteilte den polnischen Staatsangehörigen Alexander Gerski, der seinerzeit in Breslau festgenommen worden war, wegen Verrats militärischer Geheimnisse zugunsten Polens zu drei Jahren G c s ä n g n i s. Die Verhandlung fand unter Ausschluß Der Öffentlichkeit statt.
„T'cma”. Diese bekamen auf ihre Briten bön Darmai einen gewissen Vorschuß, der dann von den Dema-Wcrkcn in Mart tbgedeckt wurde. Julius Barmat kam hierdurch in Verbindung mit der Reichsbank, denn die „Dema" gab ihm nicht bare Markbeträge, sondern Akzepte, die er bei der Reichsbank Dann diskontierte. 1922 erfolgte die Gründung der Amerima •it Berlin, deren Geschäftsführer 1923 der Angeklagte Klenske wurde.
Am Ausgang der Inflation von 1923 schätzt Barmat sein Vermögen aus etwa drei Millionen Gulden. 700 000 Gulden waren in Häusern investiert, ein anderer Teil war bares Geld.
Vorsitzender:
Wie kamen Sie nun mit der Preußischen Staatsbank in Verbindung?
Angeklagter Barmat: Ich trat an die Staatsbank heran, weil der von der Tema gegebenen Akzepte immer mehr wurden und ich deshalb außer der Reichsbank noch eine andere Bank haben wollte.
Des weiteren sich über das Kapitel Preußische Staatsbank und die anschließenden Anklagesälle zu äußern, lebnte Julius Barmat vorläufig ab. Er will sich hierzu erst erklären, wenn die einzelnen Komplexe zur Erörterung gelangen. Hierauf wurde die Verhandlung auf Donnerstag vertagt.
rechts: Kaufmann Julius Barmat, sein Verteidiger Dr. Juliusburger, Frau Julius Barmat und Henry Varmat beim Verlassen des Schwurgerichtssaales am ersten Verhandlungstage.
§ Prozeß Frieders vor der Revisionsinstanz. Der 1. Strafsenat des Reichsgerichts verhandelte als Revisionsinstanz über das Urteil des Schwurgerichts Weimar vom 13. Oktober 1926, durch das der Oberstaatsanwalt Dr. Frieders wegen fahrlässigen Falscheides zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Frieders hatte in einem Belcidigungsprozeß gegen den verantwortlichen Redakteur der Jenaer Zeitung Tas Volk, Finkelmeyer, sich als Zeuge gemeldet und auâge- sagt, daß ihm in dem Verfahren gegen den thüringischer,. Staatsbankpräsidenten Löb, nachdem die Staatsanwaltschaft zunächst die Eröffnung des Hauptverfahrens beantragt hatte, vom Staatsanwaltschaftsrat Floel ein zweiter Antrag, das Verfahren einzustellen, absichtlich vorenthaltcn worden sei. Tatsächlich hat Frieders aber den Antrag selbst gezeichnet. Tie Revision hält das Urteil für rechtsirrig. Sie begründet dies damit, daß cs sich bei der Aussage Frieders überhaupt nickt um eine Zeugenaussage w rcttzüicher» Sinne gehandelt hab^
§ Bestätigtes Todesurteil. Der Landwirt Heinrich Arno Holz aus Ellwangen hatte i.n August v. J. beim Wildern den Förster Braun erschossen und war deshalb wegen vorsätzlichen Mordes vom Schwurgericht Ellwangen am 29. Oktober 1926 zum Tode verurteilt worden. Die gegen dieses Urteil eingelegte Revision wurde vom 1. Strafsenat des Reichsgerichts verworfen, womit das Urteil rechtskräftig ist.
§ Gefängnis für ^wei Soldaten der französischen BesaNungs- trupprn. Wie Havas aus Mainz berichte:, wurden zwei Soldaten, die in trunkenem Zustand in Streit geraten waren, sofort aus die Gendarmeriewache geführt und mit Gefängnis bestraft.
§ Mesenspritschmuggelprozetz in Dänemark. In einem der zahlreichen Spritschmuggelprozcsse, die die Kopenhagener Gerichte beschäftigten, wurden 27 Schmuggler zu insgesamt 195 Jahren Gefängnis und 614 000 Kronen Geldstrafe verurteilt.
Der Kuppelhof.
Roman von Alfred Bock.
18] (Nachdruck verboten.)
Ihm träumte, er stünde auf dem Kirchplatz. Die Sonne schickte glühend heiße Strahlen herab. Am Himmel war kein Wölkchen zu sehen. Seit vielen Wochen hatte es nicht geregnet, und alle Brunnen waren im Dorf versiegt. Den Menschen klebte die Zunge am Gaumen, und sie schrieen, dem Wahnsinn nahe, nach Wasser. Kläglich brüllte das Vieh in den Ställen. Das Elend nicht mehr zu sehen, ging er in die Kirche. Dort kniete der Pfarrer und betete, lind er betete mit. Wie er wieder ins Freie trat, kam der Dotz- heimer auf ihn zu. Kaum daß er den Bauer wieder er-, kannte, so hatte der sich verändert. Sein Haar war weiß wie der Schnee, tief in den Höhlen lagen die Augen, und sein Gesicht war quittengelb.
„Fried," sprach er mit Grabesstimme, „etz zeigt, was du kannst. Schaff Wasser ins Dorf und ich geb dir die Mariann.^ Das schwör ich dir bei Gott im Himmel!"
„Ihr wollt euch über mich lustig machen," brauste er aus und kehrte dem Dotzheimer den Rücken.
Dann lief er, als hätte er Siebenmeilenstiefel an. Und fand sich auf einmal mitten in den Bergen, wo zwischen Felsen eingebettet der Wildsee liegt. Hastig beugte er sich nieder und löschte seinen brennenden Durst. Da rauschte es, wie wenn der Sturm in den Wolken wühlte, und die Wasserfrau stieg aus dem Grund. Sie hatte einen Spaten in der Hand. Den reichte sie ihm dar und sagte: „Fried, jetzt gilt's. Schaffst du Wasser ins Dorf, ist dein Glück gemacht. Hurtig ans Werk, ich helfe dir!"
Sprach's und verschwand.
Sogleich setzte er den Spaten ein und grub einen Tag und eine Nacht. Manchmal war's ihm, als höre er hinter sich noch einen Spaten klingen, doch kümmerte er sich nicht weiter darum und rastete nicht, bis sich die klare Flut in breiter Rinne ins Dorf ergoß.
Nun hatte die Not ein Ende. Alle priesen sie ihn als ihren Retter. Und die Männer hoben ihn auf die Schultern und trugen ihn in die Kirche. Am Eingang harrte seiner die Mariann, bräutlich geschmückt. So schön wie jetzt hatte der Lehrer die Orgel noch nie gespielt. Selig schritten sie zum Altar, und der Pfarrer gab sie zusammen. —
„Fried, Fried! Was is dir dann?" weckte ihn die Mutter. „Du schmeißt dich ja ganz schrecklich er um.“
Er schaute verwundert um sich. k ' £
„Mir is nix," sagte er, ein Lächeln auf den Lippen, „mir hat was geträumt —"
Rach Mitternacht brach das Gewitter los, das dert alte Bickelmeier prophezeit hatte. Blitz auf Blitz, Donner auf Donner, eine förmliche Kanonade. Der ganze Himmel stand in Flammen. Es regnete, als gösse man's mit Kübeln herab, und ein Orkan wütete, als ob die Welt aus den Fugen gehen wollte.
In allen Häusern brannte Licht. Wenn es nachts auf dem Lande gewittert, verlassen die Erwachsenen das Bett. Selbst die Kinder werden geweckt, man kann nicht wissen, was passiert.
Auch der Dotzheimer saß in der Stube, das Andachtsbuch vor sich auf dem Tisch, und las laut: „O du lebendiger, heiliger Gott! Ich höre deine Stimme in den Wolken und sehe die zuckenden Blitze, die Zornesadern an deiner Stirn. Wenn du wolltest, könntest du mich und alle Kreaturen in einem Augenblick zerschmettern. Ich aber bitte dich, laß dieses schwere Wetter ohne Schaden vorübergehen. Bewahre Haus und Hof vor Blitzschlag und Wasserfluten, beschütze die Frucht auf dem Felde vor Schloßen und Hagel. Ach, Herr, der du stark und allmächtig, aber auch barmherzig und gnädig —"
Er hielt inne. Ein gewaltiger Donnerschlag ließ das Haus in seinen Grundfesten erzittern, 's war ihm doch ein bischen gruselig.
Er wandte den Kopf nach der an die Stube stoßenden Kammer. Drin war die Mariann. Wie mochte der jetzt zumute sein, da der Herr im Gewitter vorüberzog? Wohl dem, der ein reines Gewissen hatte!
Wenn er zurückschaute auf sein vergangenes Leben: wissentlich hatte er niemand böses zugefügt. Mit seiner Frau selig war er immer gut ausgekommen. Ein Hitzc- blitz, wie er war, hatte er manchmal seinen Zorn an ihr ausgelassen, aber nie hätte er sich unterfangen, sie mit Schlägen zu trassieren. Fünfundzwanzig Jahre saß er tm Gemeinderat. Nie hatte er sein Amt mißbraucht.
Nun war er in Ehren grau geworden und erlebte die Schande an seinem Kind. Nach dem Auftritt auf dem Festplatz war sein Zweifel mehr: Die Mariann hatte sich mit dem Sohn des Lumpenstechers eingelassen. Darüber kam er nicht hinweg. Und doch gebot die klare Vernunft, das Mädchen nicht länger zu drangsalieren, denn morgen war sie dem Matz seine Braut.
Wer ihm das gestern gesagt hätte, dem wäre er an den Kopf gesprungen. Die Welt war jeden Tag eine andere. Not lehrt in'den sauren Apfel beißen. Nach allem, was
man über den Matz hörte, war er ein regsamer, verständiger Mensch und hatte kein Haar von seinem Vater. Das war ein großes Glück. So stand zu hoffen, daß die Heirat doch geriet. Mit dem Karges, das war eine harte Nuß. Er konnte das Großmaul nicht vergnuscn, und das Verstellen war nicht fein Fall. Da gab's noch viel herunter- zuschlucken. Die Hauptsache war jetzt der Vertrag. War dem Matz erst das Gut seines Vaters zugeschrieben, konnte der keine dummen Streiche mehr machen. Morgen hieß es: die Augen aufgeian und sich nicht beschuppen lassen.— Das Unwetter hatte seinen Höhepunkt erreicht. Es war ein Geröll und Getöse, als stünde der jüngste Tag bevor. Unter dem ungeheuren Luftdruck erdröhnten die Fensterscheiben und das Petroleumlämpchen auf dem Tisch flackerte ängstlich hin und her.
Der Bauer stand auf, ging an die Kammertür und rief: „Komm eraus!"
Gleich darauf trat die Mariann in die Stube. Sie trug noch ihren Sonntagsstaat. All die Stunden, seit sie vom Festplatz heimgekehrt war, hatte sie in ihrer Kammer gesessen und wie versteinert vor sich hingestarrt. Ihr bleiches Gesicht war lang und schmal, und eine Eram- falte stand auf ihrer Stirn. Den Blick auf den Boden geheftet, schritt sie zur Ofenbank.
Da erbarmte der Bauer sich seines Kindes.
„Was passiert is. is passiert. Ich trag dir's weiter net nach. Meiner würzig! Man is ja auch cmal jung gewest und weiß, wie's zugeht in der Welt. Ueber das Schwole- schiern hätt ich noch gar nix gesagt, wann's einer aus unserm Stand gewest war."
Sie blickte mit ihrem verhärmten Gesicht zu ihm auf.
„Ich und der Fried, wir haben nix getan, demwegen wir uns schämen müßten," versetzte sie ruhig.
Der Dotzheimer beugte sich vor, seine Augen funkelten.
„Mariann! Eben den Augenblick hast du dich vor unserm Herrgott gesäubert und willst schon wieder Lügen machen?"
Sie hielt seinen Blick aus.
„Ich mach keine Lügen, Vater."
Er schüttelte den Kopf. Es war klar, sie schwindelte. Freilich, niemand machte sich selbst gern schwarz. Zum Kuckuck! Warum zerrte er die Sache hervor? Man mußte einen Strich darunter machen.
„Laß gut sein", sagte er abweisend, wie jemand, der es unter seiner Würde hält, solch heiklen Dingen nachzu- : forschen, und setzte hinzu: „'s geht auf zwei. Du sollst dich I noch ein wink legen."
1 (Fortsetzung folgt.) . . .,......;